Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 430 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 43 woll•!], dass 1s unser Leben durchziehe, ״w enn du in deinem Hause sitzest und wenn du aut dein Wege schreitest, wenn du dich erhebst.“ Aber wie kommt es. dass man es sonst so viel hinter die Synagogenmauem versteckt? Dass man sich erst durch den Sang des Vorbeters oder gar nur durch das Schmettern des Schofars sein Judentum wachrufen lässt? Auch diejenigen unserer Stammesgenossen, die cs nie zugeben werden, empfinden, dass sie in der Weit, wenn auch Dicht als Individuum, so doch als Gemeinschaft nicht bodenständig sind. Und die Nichterfüllung der Sehnsucht, im ganzen zu leben, schafft die Scheu, als Jude erkannt zu werden. Nur die wenigen Stunden im Jahre, die man in der Synagoge zubringt, zeigen den Juden in der Mitte der Seinen, und st» fühlt er sich in dieser. Spanne Zeit als vollberechtigtes Mitglied einer Gemeinschaft, und so ist er Jude — bis die Tiiren des Gotteshauses hinter ihm Zufällen und er sich w ieder in der Welt verliert. Wer aber voller Jude sein will, wer sich als dienendes Glied an ein Ganzes ansehliessen will, der muss sein Judentum leben, sich von ihm durchdringen lassen. Für den beginnt ״nach den Festen“ die Zeit uci Arbeit, jeizt die Zeit, in de־* er auch andern die Aufgaben dir Gegenwart zeigen soll. Jetzt, da die ״tote Saison" der Agitation vorüber ist. heisst es wieder fiir jeden, die zionistischen Ideen zu \ erbreiten. Es ist nicht schwer, wenn wir jedem einzelnen zeigen, dass aucli er ein Feld der'Tätigkeit ihr sein Volk hat. Und heute ist es wichtiger dem! je, iii; unsere Arbeit neue Kräfte zu werben. Wie iurchtbar die Lage unseres Volkes ist, hat die letzte Vergangenheit uns wieder mit ihrer erschütternden Deutlichkeit gezeigt, l’nd Schritt für Schritt ist inan in der Öffentlichkeit den zionistischen Deduktionen gcfolgt Die Vereinigungen, die jetzt geschaffen werden, die Versammlungen, die Jetzt tagen, sie alle beweisen, dass mau uns nahe und näher kommt. Wir. arbeiten, niemand zum Leide. Wir wollen den Aufschwung unseres Volkes und wollen ihn voranziehen in die Freiheit. Wir wollen die Heimat iflr die Heimatlosen schaffen. Die politischen Ereignisse in der Türkei haben gelehrt, dass man irrt, wenn man allgemein annimmt,dass wir die Verpflanzung der Juden in kulturell rückständige Länder fordern. Noch selten hat ein Volk in solcher Ruhe unJ solchem Zielbewusstsein den Schritt in die Freiheit getan wie liier. Sie haben für sich und für ihr Land den Weg für die freie Entwicklung geebnet und doch frei von allem Chauvinismus •— also bereits innerlich frei ausgesprochen, dass sie jüdische Hilfe bei diesem Werke freudig begriissen. Vor Jahren beriefen wir uns nur auf unsere historischen Rechte, wenn wir für eine friedliche kulturelle Eroberung unserer Heimat eintraten Heute dürfen wir auf unsere Arbeit hinweisen. Wir haben in und für Palästina die Tätigkeit aufgenommen. Wir haben landwirtschaftliche Kulturen angelegt und Handwerker herangezogen, wir haben Schulen gegründet und unterstützt und durch die Schaffung der Bank vielen Flunderten zu wirtschaftlicher Selbständigkeit vcrholfcn. Wir haben Land angekauft und lassen durch ein ständiges Bureau jede Möglichkeit neuer nutzbringender Tätigkeit untersuchen. UnJ haben uns bei alledem vor Augen gehalten, dass cs sich nie und nimmer um Stückwerk handeln kann. Die Steine, die wir Zusammentragen, sollen nicht als blosse Denksteine unserer Tätigkeit daliegen, sie werden zu einem Hause, zu einer, zu d e r Heimstätte für unser Volk werden. Und dies Ziel vor uns *ziehen wir unter der alten jüdischen Fahne aus, um Bundesgenossen zu suchen unter unsern Brüdern. Nach dem Sukkotieste sind wir soeben aus der Hütte in unser Haus gezogen. Und wir wollen danach streben, dass auch unser Volk aus der Hütte in die feste \\ ohnung komme . Wir werben um Bundesgenossen. Der Weg ist gross, aber es geht sich leichter, wenn wir brüderlich zusammen marschieren. Wir wollen das Ziel im Auge behalten und nicht immer uns. sei es nach rechts, sei es nach links, an alle die wenden, die uns mit verrosteten Waffen angreifen. Wenn au:11 der Weg gross ist und das Ziel fern -- wer sieh unsere־׳ Arbeit weiht, der fühlt den Hauch des Erhabenen, der alles hohe umweht. Der fühlt sich durchdrunge-i von der Weihe der grossen Idee. Und damit wenden wir unsere Augen nach Osten. Zur neuen Arbeit im alten Geiste1 \ Der Zionismus und die Jungtürken Zehn Jahre der Arbeit liegen hinter uns. Manche Mögliehkeiten w urden in dieser Zeit erwogen, manche Wege eingeschlagen und mehr als einmal war ein \erheissender Augenblick da. der uns unserem Fndziel näher zu bringen schien. Nie aber war eine Situation bedeutsamer, nie waren die Mögliehkeiten ernster als in diesen! Augenblick. Der Orient erwacht! Jahrelang wurde diese Prnpliezcmiig als Phrase gebi;mclit, und plötzlich rückt sie in den Bereich der Wirklichkeit. Welchen Vorteil werden wir Juden von der neuen Lage des türkischen Reiches haben? Wenn wir wollen: den besten! Wenn das jüdische Volk erlöst sein will: der Augenblick ist da, diesen Willen zu bekundet!. — — Aus der Fülle der Interviews, die man in der jüngsten Zeit mit juugtiirkischen Führern haue, seien hier die beieuttmgsvollen Aettsserungen zweier jungtürkischer F'iilircr wiedergegeben, die einer unserer Gesinnungsgenossen kürzlich in Gcui eutgegennahm und im RASSWJET No. 31 wiedergab. Sie zeigen einfach und klai die Ansichten, die türkisclierseits über den Zionismus herrschen. — Das Interview begann mit der Frage an die beiden Jungtürken, was .siq unter Zionismus verstehen. A n t w o r t: Was verstehen S i c gegenwärtig unter Zionisrnus? Ich und meine Freunde haben, soweit wir die zionistisehe Literatur kennen, den Eindruck, dass der Begriff Zionismuss sich nach Raun! und Zeit verändert hat. Voila: wenn der Zionismus einen unabhängiger! Staat, de:! Judeustaat. bedeutet, so werden wir das nicht */tilassen. Der erste Punkt unseres Programms ist die Unteilbarkeit des türkischen Reiches. Bedeutet aber der Zionismus die Besiedelung Palästinas mit Juden bis zur Bildung einer geschlossenen jüdischen Siedelung mit erdrückender Majorität im Land — so haben wir dagegen gar nichts einzuwenden. Die Türken haben Jahrhunderte hindiirch mit den Juden in den freundschaftlichsten Beziehungen gelebt, und wir hoffen auf Euch als aufrichtige Verbündete. Von allen Einwanderern seid ihr das uns am meisten eiwünschte Element. Ihr braucht Land und Freiheit, wir brauchen .Menschen, die die Türkei stärken und nicht schwächen — ergo passen wir z.u einander, doch verlangt nicht die Abtrennung Palästinas von uns. Uebrigens - unterbrach der andere jmigtiirkische Führer, ein früherer Offizier ־ wäre dies auch gar nicht zu Ihrem Vorteil. Ein kleines, selbständiges Palästina wäre bald die Beute einer der (irossmächte. Doch die ganze Türkei, neu belebt und gehalten von allen sie bewohnenden Nationen, wäre nicht so leicht unterzukriegen. Sehr richtig! ־־ begann wieder der erste. — Auch haben Sie das nicht notig. Soweit ich den Zionismus verstehe, ist sein Ziel die Befreiung der jüdischen Masse von den bcständigen Verfolgungen, denen sie in den christlichen Ländern ausgesetzt ist, ihre ökonomische und geistige Wiedergeburt. Dies alles finden Sie in Palästina. Ein Grundsatz der Türkei ist überhaupt die kulturelle Selbstbestimmung aller Nationen. Und dieses Prinzip wird von uns weiter entwickelt werden. Wir begreifen, dass für das Wohlergehen der T ürk ei tmcrlässlieh• ist die Erfüllung der gerechten Forderungen der versehiedenen Nationalitäten unseres Reiches. Schon in der ersten Session werden wir ein Gesetz über die Selbstvcrwaltung der Provinzen ausarbeiten, wobei w ir uns bemühen, die ן Provinzen mit dem nationalen Charakter ihrer Bevölkerung in * Einklang zu!»ringen. Folglich werdet auch ihr Juden, indem