Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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#0. 43 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 420 cbeliso wie die meisten galikUseheii Kolonicen und im Gegensatz zu den judäisclien — Körnerbau betreibt. Ein' Gang durch die Felder überzeugt uns, dass hier mit grossem FIciss und Erfolg gearbeitet wird; es ist ja überhaupt eine bekannte Tatsache, dass im Norden von seiten der Bauern viel intensiver mitgearbeitet wird als im Süden Hier ist auch der Sitz des Ica-Administrators Kalvaryski, eines Apostels der Arbeit, der sich um die Kolonisation Palästinas grosse Verdienste erworben hat. Früher in Alcscha und der Lchifaim Scdrcliera tätig. Begriitiefer der Pächterfarm Betgen, eines Werkes, dessen Durchführung ein wichtiges und interessantes Kolonisations-Expcriment darstellt, ist er cs gewesen, der von jeher auf eine Acnderuug der Administrationsmethode hingearbeitet und grössere Freiheit für die Kolonisten, grössere wirtschaftliche Unabhüng:gkcit, Erziehung zur Selbständigkeit, Appell an die eigene Verantwortung und eigene Initiative des Bauern empfohlen und gefordert hat. Seinem Streben ist auch die grössere Selbständigmacliung der Kolonisten, wie sie heute von der Ica im ganzen Lande durcligcfiihrt ist, zu danken. Pas Wirken dieses Mannes, der von Roseli-Pinah bis hinauf zur Kolonie Metfde am Süliabliang des Libanon die Aufsicht iiilirt. und der. wie wir aut einem gemeinsamen Ritt durch die nördlicheren Kolonien sahen, mit seinen Leuten in einem kameradschaftlichen Verhältnis steht, macht sich liier allenthalben fühlbar. Leider waren die früheren Administratoren, was ihre persönliche Art und ihre Wirksamkeit aulangt, weder mit solchem Idealisnms noch mit solchen Fälligkeiten ausgestattet. So mancher aussichtsreiche Versuch misslang. Die Seideniabrik. die Baron Rotschild, begründete und mit moderneu Webemaschinen ausstattcle, ist längst geschlossen, weil sie sich nicht rentierte, obwohl überall im Libanon mit bescheideneren Mitteln gute Erfolge erzielt werden. Ja selbst der Bestand an Maulbeerbäumen muss nach und nach vermindert werden, da sich auch die Züch* hing der Cocons als nicht lohnend erwies. Gewiss?eben die meisten Bauern in sehr beschcidenen Verhältnisse», doch sind sie froh und zufrieden und führen in ihrem behaglichen Heim ein ruhiges Dasein. Viele aber, die als einfache Bauern begannen, haben es zu grösserem ,ja zu bedeutendem Besitz gebracht, haben ihr Landeigentum allmählich vergrössert und an ihre Söhne verteilt, besitzen reiche Herden und gemessen ihr Alter in Ruhe und Wohlstand. Lohnend ist ein Besuch des Weinkellers; prächtig mundete uns der kühle Most und Wein, zumal der süsse, schwere Malaga, ein köstlicher Paläsliiiawcin, der ׳in Deutschland nicht bekannt ist. Der Baron hat den Kolonisten auch eine Synagoge erbaut; keine schlecht gelüftete Safeder Synagogenstiib’e, sondern ein freier, heller, schlichter Raum. Ein russ:scl\er Arzt, der die schweren Tage der ersten Kolonisten von Chudeira miterfebt hat, Dr. Malkin, steht der Kolonie zur Verfügung. In seinem und des Inspektors Hause verlebten wir schöne Stunden. Dieser Inspektor, den wir gleich in de.11 ersten Stunden wie einen seiner norddeutschen Berufskollegen beaufsiditigend. prüfend und auordneiid in Kanoncnstiefelu über die Felder stelzen sahen, führte uns in sein schönes Maus, oben auf luftiger Höhe, bewirtete uns mit selbstgebauten Früchten — wie prächtig schmecken die fr.Lscli gepflückten Mandeln! — und führte uns seine bliiliendcn Kinder vor, die fast nur hebräisch sprechen, und deren gesundes und fröhliches Aussehen mit den fahlen, traurigen Zügen der Safeder Kinder lebhaft kontrastierteil. Die jungen Kolonistensöhne sind stramme Kerle, gute Retter. In der Schule mit ihren schlichten, tadellos sauberen Räumen, lernen die frischen Kleinen die Elc.- mente der Bildung in hebräischer Unterrichtssprache. Ein Knirps, den der Lehrer hebräisch fragt, wo Süden sea. weist nach der falschen Richtung. ״Wo ist denn der Hcrmon?“ — ״Da!“ Der Kleine zeigt mit dem Finger zum Fenster hinaus. — ״Wo muss also Süden sein?“ ״ ־־Da!“ Justiz und Verwaltung .wird hier wie auf den anderen Kotonicen von einem selbst gewählten Rat ausgeübt, dessen Tätigkeit und geringe Inanspruchnahme das Märchen von der angeborenen Sucht der Juden nach Streit und Uneinigkeit widerlegt hat. Sehr drückend wurde hier wie in allen Kolonicen bisher die Steuerlast empfunden; bekanntlich werden du der Türkei die Steuereinnahmen gegen eine Pauschalsumme an Privatleute verpachtet, die nun mit grosser Strenge, ohne sich uni die vom Gesetze vorgeschriebene Höhe des Oscher von etwas über 12 pCt, zu kümmern, die Steuerschraube anziehen und die Landwirte, besonders die armen Fel־ lachen, nach Möglichkeit aussaugen. Wenngleich die Juden natürlich den Anmassungen der Pächter grosseren und erfolgreicheren Widerstand entgegensetzten als die der Willkür des Pächters widerstandslos ausgesetzten Fellachen, so waren doch allerlei Unzuträglichkeiten unvermeidlich. •Nun aber ist auch am Horizont des Os-־ manischen Reiches die Morgenröte aufgestiegen. Moderne Boden-, Steuer- und Justizgesctze, die Neurege־ lung der Verwaltung, die Vermehrung der Wege und Transportmittel und andere neue Kulturfaktoren werden die Schwierigkeiten, mit denen die Kolonisten bisher zu kämpfen hatten, beseitigen. In der nun bald beginnenden Aera des wirtschaftlichen Aufschwunges Palästinas werden sich die Kolonien frei und ungehindert entwickeln und vergrössern und zugleich als Ausstrahlungspunkte für weitere jüdische Siedlungen dienen können; In der Freiheit werden sich erst die Kräfte voll entfaiten. Während so die Kolonie durch die neuen Verhältnisse in der Türkei eine wesentliche Förderung erfahren •wird. wird Safed d:e neuen Möglichkeiten - noch für lange Zeit hinaus nicht nutzen können. Denn was mit Rechten beginnen, zu deren Ausübung alle Mittel fehlen? Aber eine spätere Zeit wird auch hier eine allmäh־ liehe Sanierung der verwahrlosten Stätten und eine gleichmässige Kultivierung des ganzen Landes herbeiführen. Und wenn wir heute hier in Galiläa zwei Welten aneinanderstossen sehen — die eine auf einem verwilderten Boden und mit zermürbten, entarteten Golusmenschcri. die andere auf freier, grünender Erde mit einem hofinungsfrohen, gesunden, arbeitenden Volke —, so werden unsere späten Enkel hier nur eine Welt schauen. Nach den Festen Von Lazarus Barth. Die Feste sind vorüber. Der Schofarton ist verklungen, der ernste Qast, der Jom Kippur, ist geschieden, und der Festesstrauss des Sukkot beginnt zu welken. Und wie die letzten Klänge der Synagogenlicifcr in der Luft, so verklingen die Festesakkorde im Herzen. 111 einem stimmungs« vollen Qedichte bat Morris Rosenfeld das Bild gezeicliuet: Der Esrog verschrumpit, der Palmeiizweig zerbröckelt, Der Tcmpcldiener fegt den Vorhof, Und fegt hinaus Frucht und Laub und Staub.“ Die Feste sind vorüber. Alles ist vorüber für den, der das Judentum nur In die Synagogen verbannt. Für sie fege jetzt der Tempeldicner alles hinaus. Wir wollen nicht ein Judentum für die Feiertage. Wir i