Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 43 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 427 «ist kaum die Rede. Das Rätsel findet darin seine Lösung, dass fast all diese Menschen von dem kargen Gnadenbrot der Chalukkah ihr Leben fristen. Dieses arme Saied, das heute kaum an die ״heilige Stadt“ erinnert, aus der nach der jüdischen Sage einst der Messias hervorgehen soll, verdankt sein Elend nicht nur scher weltabgcsch’edencn Lage, sondern auch den harten Schicksalsschlügcn, die es in so kurzen Zwischen- Zeiten trafen, dass es nie genügend Zeit zur Erholung fand. 1750 vernichtete ein grosses Erdbeben viele Menschenleben. 1800 wütete dort die Pest, 1834 spielten sich die grausigsten Mord- und Plüuderungsscenen bc' der Empörung der Araber gegen Meltmed Alis Sohn Ibrahim in der Stadt ab, 1837 wurden bei einem neuen Erdbeben 1500 Juden unter den Trümmern ihrer Häuser begraben, 1838 wurde die Stadt von den von Ibrahim abgefallenen Drusen' zerstört. Zerstörung durch Natur und Menschenhand, aber weder Mitte! noch .,Kräfte zum Auf- und Ausbau der Stadt! Ludwig August Erankl besuchte um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Stadt. In seinem noch heute lesenswerten Huche ״Nach Jerusalem•• gibt er eine Lnterhaltitng mit den Rabbiner der sciardiscben und aschkenasischen Gemeinden des Ortes wieder. ״Wir haben durch Krieg, durch Plünderungen im Erieden. durch Erdbeben und Pest schwer gelitten, das Sterben ist uns gleichgJtig geworden, aber wir körnten nicht leben. Wir möchten arbeitet!, Fabriken errichten, das Feld bebauen. Schulen einführen. Aber wer •hilft uns dazu?“ Es kommen doch Gelder aus aller Welt, um •euch zu unterstützen? ״Es kommt Geld, viel Geld; Gott segne die menschenfrettndlichen Spender! Aber es wird verbraucht, damit die Leute nicht Hungers sterben. Alle Teilnahme wendet sich Jcruschalajim zu . . . Frankl beschränkt sich auf die Wiedergabe dieser Unterhaltung und verzichtet auf jede weitere Schilderung der Stadt und ihres Elends._ Unternehmen wir einen Gang durch d;e Stadt! Es ist kaum möglich, mit niedrigem Schuhwerk diese Gassen zu passieren. Sie führen bergauf bergab, und auf dem Gestein, in das Treppen geschlagen sind, ist Übelriechender Unrat in kleinen Bergen vor den Eingärigen der Häuschen aurgehäuft; zwischen ihnen bilden sich stagnierende Lachen. Zieht eni Lasttier durch diese Gassen, so bleibt kaum Raum für den menschlichen Passanten übrig. Hier und da etwas spärlicher Handel. Allenthalben arme ״tctnanische“ (jemenitische) Juden. Die kleinen, zumeist in arab‘scl1er Art gebauten, mit einer Kuppel gedeckten, grauen Lehmlniuschen stehen entsprechend dem hügligen Terrain, auf dem die Stadt ruht, in durchaus Verschiedenem Niveau, so dass man oft durch die Tür eines Hauses auf das Dach des anderen gelangt. So gewinnt die für den Europäer nicht ganz verständliche Geschichte von dem Manne, der von einem durch die Zimmerdecke hereinstiirzenden Kamee! verwundet wurde, an Glaubhaftigkeit. Der Weg führt uns auch in ein aschkc/iasischcs Glieder. Da sitzen eine Anzahl pelzmütziger Knaben heftig schaukelnd vor ihren Büchern, der intelligenteste von ihnen, der des Mag^sters Wort am raschesten auswendig gelernt hat, trägt Schlr ha-schirim. das Hohe Lied, monoton schreiend vor. und die gesamte Corona schreit mit mehr oder weniger Verständnis wörtlich mit. Doch wird nicht nur der Text, sondern nach einigen liebrä'schcn Worten die UÜbersetzung und gleich hintcrdicin die dazu gehörige Auflegung (Gott der Bräutigam Israel die Braut! ״Sehet sie!“, so sagen die Goj:m von Jisrael tisw.), und zwar auch dieser deutsche Kommcutar wörtlich memoriert und m so gleiehmüssiger Tonart heruntergeleiert, dass man kaum zwischen den hebräischen und jüdisch-deutschen Worten zu unterscheiden vermag, oenr gross ist die Anzahl kleiner Synagogen, in denen Dunkelheit und Stickluft herrscht. Am Schabbath-Abend, während es dunkelte, erscholl aus all den kleinen Synagogen, von allen eenen una tnüeii der Maut 11er, der uesang״ ־Ledaw id baruch in der näselnden eintöivgen bmgart der seiardim. Wendet sich das Auge in der DammeruugsstuiKle von der Stadt hinaus ui das üeoiige, so hat es den schaurigen randruck, als breite sich da ein ungeheures, mächtig wogendes, dunkles Meer aus, das plötzlich erstarrt und versteinert ist. Natürlich treibt in der Stadt ein korruptes Beamtentum sein Wesen, r.111 eigenes r.rkoms diene als Probe, uegeii Abend erschien der Pol1ze־!me!sttr aut der Verauua unseres V irtsliauses uuu nahm, ohne sich vorziistelleu und ohne zu gritsseii, an unserem '1 .seile Platz, wir üeaclitetcu ihn nicht. Nach einiger Zeit stellten sich zwei weatere* beamte ein, und man verlangte unsere i ezkereli (Inlandspässc). Merkwürdig lauge dauerte die Revision. Wir hatten Zeit. Nachdem so dieser beliördliehe Akt iür den Beamten bachschischlos verlauten war, versuchte er eine ärztliche Konsultation — ebenfalls erfolglos. Nicht lange darauf erschien ein wie ein gewohnlicher Araber gekleideter Manu, mit einer Art Militärrock angetan und einem Gew ehr in der Hand — wie wir von der Wirtin hörten, der Polizist des Ortes — und verlangte die Herausgabe unserer Pässe. Da er hierzu nicht das geringste Recht hat, verweigerten wir sie und beachteten den Mann nicht weiter. Da stellt» er — wie schrecklich! — sein Gewehr an die Wand und verlicss das Zimmer. Nach einigen Stunden kam er wieder, und da er keinerlei Wirkung von dem stundenlangen Anblick der Mordwaffe zu konstatieren ver.- mochte, so nahm er sie wieder zu sich und verliess ohne Bachschisch das Lokal. Doch lernten wir auch recht ״nette“ Leute kennen. Abends empfingen wir den Besuch eines eleganten Offiziers, der vor einiger Zeit zu irgend einem Zwecke hierher abkommandiert war, sich aber auschlicssiich mit Spazierengehen beschäftigte, eines Beamten und eines türkischen Effcndi in moderner Kleidung — aber natürlich im Fez, ־־ die sämtlich ausnehmend feine Manieren zeigten und uns als Fremde durch die ohne Unterbrechungen fortlaufende, ernuidende und für unser Ohr bald unerträgliche arabische Instrumentalmusik und später mit einem — Phonographen zu unterhalten suchten. Sie spendeten Zigaretten und wir Wein, den der eine als frommer Muslim nicht trank, während die beiden andernc Reformer, Libcrale, ״Gojim“ -- mutig tranken. — Nur liier und da ragen in der Stadt moderne Gebüude auf. Es sind das vor allem die Anstalten der eng- Fschen Judeumission und der schottischen Mission. Welch eine Verführung für den armen, kranken Safeder f Juden, dem die kostenlose Behandlung und Verpflegung in dem modern ausgestatteten Missionspital ireistcht! J Es ist ein wahres Glück, dass endlich ein jüdisches Krankenhaus, und zwar aus den Mitteln des Baron Rothschild, m Saied errichtet wird. Ein jüdischer Arzt praktisiert am Orte, und wie man hört, soli auch demnächst mit Unterstützung des Hilisvereins c'ne Augenklinik in Saied eröffnet werden. Freilich fehlt es auch liier nicht an Spuren jener neuen Zeit, die über das ganze Land heraufziizielien beginnt. Es gibt eine öffentliche, jüdische Speiseanstalt, ‘ e'ne moderne Bibliothek und — der erfreulichste An- I blick im Orte — einen jener Kindergärten, deren Be-