Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1908)
- Date
- 1908-10-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 426 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 43 da dfe bisher einzig verfügbaren Mittel, d. h. diejenigen des Nationalfonds, nur für Boden- und Hauskauf verwendet werdten dürfen, also nicht zum Unterhalt der verschiedenen Institutionen; und selbst hiergegen macht sich schon eine gewisse Opposition geltend. Wohl hat man häufig Beschlüsse auf den zionistischen Kongressen durehgesetzt, diese oder jene Institutionen in Palästina aus Mitteln der Partei zu unterstützen, aber, wie allgemein bekannt, genügen die Schckelgelder noch nicht einmal zur Bestreitung der laufenden Ausgaben der Partei und zur Inangriffnahme politischer Massregeln, geschweige denn zur Unterstützung kultureller Aufgaben in Palästina. Aber es gilt für uns nicht nur. uns an Kulturarbeiten anderer zu beteiligen, sondern eine ganze Reihe Arbeiten, und nicht die unwichtigsten, werden dauernd auf unsern Schultern ruhen müssen. Für wohltätige und gemeinniitzige Werke werden s:ch nicht-zionistische Leute mehr oder weniger interessieren, für solche Aufgaben, die einen geistig-nationalen Charakter tragen, die den Armen kein Brot, den Kranken keine Heilung, den Unwissenden keine Bildung, den Hilf.osen keinen Trost bieten, wird es schwer sein, in wcht-zionistischen, Kreisen Interessenten zu erwerben. Nur wir Zionisten wissen zu schätzen, dass es ausser den gewöhnlichen Erfordernissen des alltäglichen Daseins auch in Palästina Werte gibt, die erstrebenswert sind, geistige E'emcnte, die ein Volk nicht entbehren kann, ohne zu verkümmern. Wohl mag eine Universität im landläufig׳en Sinne noch verfrüht sein, da sie noch keinem reellen Bedürfnis entspricht, aber d'e Schaffung einer Akademie der Wissenschaften und Künste, von Museen. Vereinen zur Hebung der geistigen Kultur aller Art, Unterstützung wissenschaftlicher Arbeiten über Geschichte, Sprache. Literatur, Altertumswissenschaft und Naturkunde in Palästtea, sind Aufgaben, die uns Zionisten ganz speziell obliegen und wozu wir grösserer Mittel bedürfen. Im Interesse unserer wichtigsten Prinzipien liegt es also, ■eänen speziellen Fond zu besitzen, aus dem wir die Mittel für die palästinischen Kulturinstitutionen zu entnehmen in der Lage sein werden. Nur hierdurch w'rd es uns möglich sein, unsern Idealen die nötige materielle Stütze zu verleihen und auch gegebenenfalls den Nichtzionisten zu zeigen, dass wir, falls man unseren Zielen entgegenarbeitet, wohl imstande sind, auch aus eigenen Mitteln unsere Interessen zu vertreten, und eigene kulturdlc Einrichtungen zu treffen. Wenn der Name auch Palästina-Kulturfond heissen soll, so ist es doch im Grunde genommen gleichzeitig ein politfsch-zionistischer Fond, den wir erstreben, und es ist daher eine Ehrenpflicht eines jeden Zionisten, nicht nur nach Kräften selbst zur Stärkung d’eses Fonds beizusteuern, sondern auch andere für diese Zwecke zu bcgeistern. Zwei Welten Eine Reisestudie aus Gabläa. Von Dr. Aron Sandl er-Breslau. Es gibt kaum zwei Punkte im heutigen Palästina, die. so dicht nebeneinander gelegen, so schroffe Gegensfitze repräsentierten wie Safed und Rosch-Pinah. Zwar ist das ganze Land rnfölge seiner eigenartigen physikalischen Beschaffenheit reich an allerlei Gegensätzen: klimatischen, physikalischen, sanitären, agronomischen, landschaftlichen und kulturellen. Hier aber, mitten im gaFIäischen Gebirge, in der alten Judenstadt Safed und der Jungen jüdischen Kolonie Rosch-Pinah, stossen zwei Welten zusammen; und nur ein Land, das nach Jahrtausend*? langer Ruhe zu neuem blühendem Leben erwacht, kann während dieses Übergangsstadiums zwei so gegensätzliche Bilder, kaum eine Wegstunde voneinander entfernt, erzeugen. Schon der Weg nach Safed bereitet durch die Stirnniung, dte das!landschaftliche Bild •in dem Reisenden auslöst, auf den Anblick der Stadt vor. Von Tiberias aus, entlang an den farbenprächtigen Gestaden des Tiberias- Sees, vorbei an dem ״schimmernden Magdala“, auf der Wegs pur zwischen dem breiten, bunten Bhunensaum, d׳er den Sec umrahmt, und dem zerrissenen, Schluchtenreichen Gebirge, das sich mit dem t:cfblaucn palästinischen Himmel in den ruhigen, breiten Wassern spiegelt. -- von dieser herrlichen, an stolzen geschiehtliehen Erinnerungen rexhen Landschaft aus führt uns ein 7stiindigcr Ritt in das Innere des Gebirges, bergauf, bergab, durch eine unbewohnte Einöde, in der man bis zu 10 Stunden vorwärtsreiten kann, ohne auf eine menschliche Wohnstätte zu stossen, durch eine Steppe mit wilder Vegetation, in der Oleander und Kaktus wuchern, und in der vereinzelt hie und da einige Schafe weidende Beduinen vor ihren schwarzen Ziegenhaarzelten lagern. Je mehr wir uns dein Dschcbel Safed nähern, umso grandioser und düsterer wird das Bild. Ein dunkles, menschenleeres Gebirge dehnt sch vor unseren Blicken, von hohen Gcbirgskegcln, breiten Felsrücken und weit ausladenden hügligen Erhebungen durchsetzt. Keine Schluchten, kein Zickzack — die grosse wellig geschwungene Linie herrscht in dxscr düsteren Einsamkeit vor. Mitten in dem weltabgeschiedenen Dunkel,!in einer Meereshöhe von nahezu 850 m, klebt an einem Felsen des Dschcbel Safed, ringsherum um den Berg angebaut, die Stadt Safed. Die r'nteressante Lage der Stadt und einige von fern anhaltende schönere Gebäude — wie die Anstalten der Mission — lassen nicht vermuten, welches Elend im Innern dieser Gebirgsstadt herrscht. Eine Stätte der Armut und des Schmutzes! Armut und Schmutz gibt es zwar auch in den baden anderen grossen Judenstädten des Landes, in Jerusalem und Tiberias. Aber während in Jerusalem das Elend nur auf ein südliches Stadtviertel innerhalb der Mauer und gewisse vorstädtische Kolonien beschränkt ist. so dass der Anblick des herrlichen Gesamtbildes der Stadt, der grossen Bauten und der vtelen schöneren und wohlhabenderen jüdischen Niederiassungen den traurigen Eindruck verwischen, — wahrend ferner die Stadt Tiberias, zumal von der Höhe betrachtet, einen unvergesslich schönen Anblick gewährt, und das Auge sich von dem grauenhaften Schmutz in den Gassen der Stadt •immer w:eder gen Osten zu der erquiekenden Schönheit des Tiheriassees erheben kann, — wiirkt luer in Safed das düstere Elend, die Unkultur, die Verwahrlosung auf unser Gemüt erdrückend, lähmend, entmutigend. Die Einwohnerzahl der Stadt hat sich in den letzten 20 Jahren durch Zuzug von yemctviischcn Juden, denen Safed im Vergleich zu ihrem südarabischen Heimatland noch als ein Eldorado erscheinen mag. nahezu verdoopelt. Die Stadt fasst gegen 20 000 Personen in sich, grösstenteils Juden, während es nur 5—7000 übrigens sehr fanatische Muslüns und etwa 400 Christen, zumeist Griechen, gibt. Auf den ersten Blick erscheint cs rätselhaft. wovon sich diese 20000 Personen ernähren mögen. Vergebens forscht das Äugte nach angcbantcn Feldern, der Handel ist bei der herrschenden Armut und Bedürfnislosigkeit ganz unbedeutend, von Industrie feilten die Spuren der ersten Ansätze, und von einem Verkehr mit der Aussen Welt, dort jenseits dt־s Gebirges,