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Jüdische Rundschau · 1908-10-16 · Heft 42 (16.10.1908) · page 8

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 42 (16.10.1908)
Date
1908-10-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 420 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 42 Häuserkomplcxcn ohne Hof. ohne Garten und ohne Luft, da- Kegen aber umgeben von um so mehr Unreinigkeit und Staub. Die Folgen einer solchen ׳unnatürlichen und ungesunden Wolinungsgclcgenheit und Lebensweise sind ein ständiges Heer von Krankheiten, die man fast nur hier kennt, als: Fieber, Augcnentziindimgen, Malaria, Bleichsucht und andere derartige Uebel, welche oft unter Alt und Jung ihre verhecrendcn Wirkungen ausiiben. Stellt sich aber, was unter den geschilderten Verhältnissen leider mir zu oft der Fall ist, die Krankheit als ein unliebsamer Gast in unsern Häusern ein, so fehlen uns die nötigen Mittel und die wünschenswerten Einrichtungen, um unseren armen Kranken zu helfen, und ihnen die richtige Pflege und eine entsprechende kräftigende Krnährung zuteil werden zu lassen, da wir mit dem kärglichen Anteil, der uns von der Chaluka zut'ällt. nicht einmal imstande sind, in gesunden Tagen uns mit unseren Familien auch nur notdürftig zu erhalten. Bei dem ständigen Bevölkerungs-Zuwachs und dem ununterbrochenen Zuzug von auswärts sind nicht nur die Land- und Wohnungspreise, sondern auch die notwendigsten Lebensbedürfnisse und Nahrungsmittel, als Kohlen, Petroleum, Mehl, Fleisch, Kleidung etc. gegen einige Jahre früher hier schon um das Doppelte und Dreifache gestiegen und für uns schon fast unerschwinglich. Gerne wollten wir unsere Einnahmequellen durch Betreibung eines Geschäftes oder Gewerbes, in der Stadt vermehren, aber in der Handels- und Geschäftsbräuche ist jetzt schon alles so überfüllt und die Konkurrenz so gross, dass man bei dem allgemeinen flauen Geschäftsgang jetzt schon fast täglich von Fallimenten hört, und bei den zum grossen Teil hier noch herrschenden öusserst primitiven kulturellen Verhältnissen und dem iast gänzlichen Mangel an industriellen Unternehmungen kann auch das Handwerk seinen Mann nicht ernähren und keine Aussicht auf dauernden, lohnenden Gewinn bieten. Stehen wir so schon für uns und unsere Familien vor einem unlösbaren Problem, so fragen wir uns besonders im Hinblick aui unsere Kinder, welche fetzt schon leiblich und geistig verkümmern, voll banger Besorgnis, was soll aus denselben werden, wenn sie so weit hcrangew'aehscn sind, dass sie sich einen eigenen Hausstand gründen sollen? Soll sich dann unser jetzt schon allzu grosses Elend bei unseren Kindern nicht nur fortsetzen, sondern noch weiter vermehren und verschlimmern? Solche schwere, beunruhigende und beängstigende Fragen mussten wir uns, wie gesagt, nicht nur um unserer selbst, sondern auch namentlich um unserer Kinder willen täglich vorhalten und wir kamen dabei zu der Ucberzeugung und Gewissheit, uns kann in unserer traurigen und erniedrigenden ökonomischen, sozialen und kulturellen Lage nur eines noch helfen und retten, und das ist der Ruf. der jetzt auch in Europa und anderswo so laut erschallt: Heraus aus der dumpfen, ungesunden, entnervenden und physisch und psychisch degradierenden Atmosphäre der Stadt und hinaus aufs freie belebende, stärkende und ernährende Land! Wir sehnen uns, ja wir seufzen, lechzen und schmachten nach Licht, nach Luft, nach Arbeit, nach Gesundheit, nach einem menschenwürdigen, uns vor unseren eigenen Augen und vor unserer Umgebung erhebenden und ehrenden Dasein. Wir schämen uns, da wir noch Kraft genug in unseren Armen und Gliedern fühlen, zu einer zusagenden, ehrbaren und lohnenden Beschäftigung noch länger so wie jetzt unser armseliges, heschämendes, kümmerliches Dasein, welches nicht den Namen Leben verdient, mit den kärglich dargcrcichten Bissen vom Gnadenbrot der Chalukah zu fristen. Wir wollen nach dem Vorbildc der Väter in unserm alten geliebten Vaterlande, das auf unsere Betätigung waitet. mit frischem und frohem Mute zu der Hacke, der Pflugschar und dem Winzermesser greifen und auch an unserm Teil, st» •viel in unsern Kröitcn steht, dazu beitragen, das biblische und religiöse Gebot von zu erfüllen, von dem cs im Talmud heisst: ״Es wird die Zeit kommen, dass alle Arbeiter .ihre Beschäftigung verlassen und sich für die Landwirtschaft bereiten werden.“ Wir wollen dem Gebote und der Ordnung unserer Thora gehorchen: ״Im Schwcissc deines Angesichtes sollst du dein Brot essen" und dabei für uns und unsere Kinder und Kindes- Kinder die erhebende und trostreiche Erfahrung von der Wahrheit der Schriftwortc machen: ״Der Erde Gewinn ist allerwärts, wer sein Feld bebaut, ist ein König“ (Pred. 5.8) und: ״Wer seinen Acker baut, wird Brots genug haben“ (Spr. 12,11). Um nun diesem unserm sehnsüchtigen Verlangen und Begehr das angemessene Feld der Betätigung zu verschaffen, haben wir einen Verein gegründet unter dem Namen ״Kehillath Jaakob" und beabsichtigen unter diesem Namen in der nächsten Nähe von Jerusalem eine landwirtschaftliche Kolonie zu gründen. Da wir aber selbstverständlich nur mit opferwilliger allgemeiner Teilnahme und Beihilfe unser heiss ersehntes Ziel erreichen können, so richten wir hiermit an unsere teuern Brüder und Schwestern und an alle »Menschenfreunde welchen unser Hilferuf zu Herzen geht, den dringenden 1r.J flehenden Appell, uns doch kräftig und bereitw illig hei. ustehen, damit unser Plan zum Heil und Segen für uns und unsere Familien, zur Ehre Israels und zum besten des Wirtschaftiichcn, ökonomischen und kulturellen Fortschrittes des heiligen Landes so schnell als möglich zur Ausführung gelangen kann. Was wir wünschen, das ist für jede Familie eine Wohnung mit den nötigen Wirtschaftsgebäuden und einem dazu gehörigen Stück Garten und Land. auf welchem wir selbst und namentlich auch unsere Frauen und Kinder sich dem Frucht- und Weinbau, der Baum- und Gemiiscpflanztmg und der Vieh- und Geflügelzucht hingeben können. Das Studium der Thora, dem wir auch jetzt obliegen, wird durch unsere neue und veränderte Lebensweise keine Einbussc erleiden.^ sondern nur noch eine mächtigere und .fruchtbarere Anregung und Förderung erhalten, denn wer ist mehr und tiefer zu religiöser Betrachtung hiugezogen und besser dazu geeignet, als gerade der Landw irt, welcher hei seinem innigen Verkehr mit der Natur überall auf das geheime Walten der Gottheit liingewiesen wird, von deren allmächtiger und gütiger Hand er h'ir das Gedeihen und den Segen seiner Arbeit anmittelbar abhängt? Andrerseits ist aber besonders der Gcwimi, den wir in materieller, moralischer und gesundheitlicher Hinsicht aus der neuen landwirtschaftlichen Gründung ziehen werden, ein geradezu ganz unberechenbarer, •Linmal werden wir. wenn wir nicht mehr.länger auf die Cbalukka angewiesen sind, sondern selbständig durch unserer eigenen Hundearbeit unsern Lebensunterhalt verdienen und die Zukur.it unserer Familien und Kinder sichern können, uns erst im Besitz unserer persönlichen Würde und als vollwertige und aclituugsw erte Glieder der menschlichen Gesellschaft fühlen. Zum andern werden die tägliche Beschäftigung und der immerwährende Aufenthalt in der freien Natur, der ununterbrochene Genuss von reiner, staub- und infektiottsfreier Luft und frischem Qucllwasscr. verbunden mit einer frugalen, aber substantiellen kräftigenden Ernährung unsere gegenwärtig immer mehr erscltlaftettdcn Körper- und Geisteskräfte und unsere angegriffene Gesundheit neu beleben, stärken und erhöhen und die Fort- Pflanzung eines kräftigen und ausdauernden Geschlechtes sichern. Ja bei der Begeisterung und dem Eiicr, welche t!:1s für unser Ideal beseelen, dürfen wir behaupten, dass unsere neue Kolonie eine Alustergründuug werden müsste, an welcher man sich im ganzen Lande ein Beispiel nehmen könnte und deren Ruhm über die Grenzen desselben hinaus dringen sollte. Aher, teure Brüder, wie gesagt, wir sind aus eignen Kräften zu schwach, um in der angegebenen Richtung uns seihst zu helfen lind ist cs einzig und allein an euch und euerem guten Herzen und W illen gelegen, dass die von uns beabsichtigte neueste landwirtschaftliche Gründung in der nächsten Nähe .von Jerusalem uns zum Heil und Segen und dem ganzen Hause Israel zu Ruhm und Ehre so schnell und so umfassend als möglich in Angriii genommen und zur Ausführung gebracht werden kann. Indem w ir darum in unserer jetzigen verzweifelten und unerträglichen Lage unsern flehenden Appell um Hilfe an euch richten, überlassen wir es eurer Einsicht und eurem hochherzigen Wohlwollen, entweder durch Spendung von freiwilligen Beiträgen, oder etwa durch Gründung von Komitees. Aktiengesellschaften oder auch durch Gewährung einer nach 25—.3*» Jahren rückzahlbaren Anleihe unseren Plan zu möglichst baldiger Verwirklichung zu bringen. Sei es nun auf die eine oder die andere Weise, dass eure Giite gegen uns und eure Teilnahme au unserm gegenwärtigen traurigen Schicksal sich äussern wird, eines bitten wir wiederholt und nachdrücklich: überhört nicht unsern dringenden und flehenden Hilferuf, sondern erlöst uns auf dem von uns in Aussicht genommenen Wege aus leiblicher und geistiger Knechtschaft und Verkümmerung, bewahret uns und unsete Familien vor sicherem Untergang und Verderben, und unsere Gebete und des Allvaters Huld werden euch eure Liebe und : Wühltut mit irdischen und geistigen Segnungen fiir Zeit und Ewigkeit reichlich lohnen und vergelten. Mit Zionsgruss und \orziighcher Hochachtung zeichnen die Vorstands-Mitglieder des Vereins ״Kehillath Jaakob“ für Kolonisation bei Jerusalem: Zemali Kolm. A. A. Sotineuield, Simon W'eiss. * Die Direktion der Anglo-Palcstinc-Bank in Jerusalem bat durch ein kürzlich an unsern Verein gerichtetes Schreiben die Bestrebungen desselben begrüsst uml gutgelicissert und uns auf der Bank bereitwilligst ein Konto eröffnet. Beitrüge für

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