Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 418 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 42 Recht nicht zu verwirklichen vermaß, tritt mit erbitterter j Feindseligkeit ßcßcn die Staatsßcwalt ins praktische Leben ein und unterstützt dann die revolutionären Parteien. Andererseits hat die Erfahrung uelchrt, dass die Hochschulen trotz ihre.r Beschützuiiß vor dem Andranß der Juden gegenüber de,1־ revolutionären Propaganda ich keinesfalls als immun c/wicscn haben.“ Den Anschauungen des Premiers, dass die Vernunft die 1 Abcliafiunß dieser Judeuhcsclirünkungeii erheischte, stimmten mit Ausnahme von nurnowo und Birilew sämtliche Minister; bei. und Witte wurde beauftragt, dem Kaiser diesen Beschluss . zur Genehmigung vorzulcgcn. Als die Minister einige Wochen | darauf bei Witte nach dem Schicksal dieses Beschlusses sich , erkundigten, erklärte er. dass der Beschluss nicht bestätigt worden sei . Später stellte es sich heraus, dass Witte denselben Antrag, den er im Ministerrat so heiss befürwortet, an hühcrer Stelle gar nicht erst zur Sprache gebracht hatte. So war cs eben immer unter Witte. Manchmal hatte er freiheitliclic Anläufe, aber dann geriet ei in Angst und Bangen, dass er als Liberaler verschrien werden könnte, und verkroch sich in Untätigkeit. Und dieses ewige .Wackeln, dieses Politisieren und Lavieren hatte Witte selber wie die von ihm ..geschaffenen‘' und in Angriff genommenen Freiheiten zugrunde gelichtet. Eine echt russische Verfügung Aus Petersburg wird der NEUEN JÜDISCHEN KOR- RESPONDENZ von ihrem dortigen Korrespondenten ge״ schrieben: Der Petersburger Stadthuuptmann hat soeben eine neue Verordnung erlasset!, laut w elcher Juden, die. ohne das Wohnrecht ln Petersburg zu haben, nach der Stadt Petersburg kommen, sofort auf administrativem Wege mit einer Geldstafe von 500 Rubeln oder mit drei Monaten Gefängnis bestraft werden. Dieselbe S t r,a f c trifft auch die Inhaber von Wohnungen und Hotels oder die Veranieter von möblierten Zimmern usw.. die solchen Personen Unterkunft g c \v ähre n. Diese Verfügung richtet sich vor allem auch gegen diejenigen Juden, denen, wie .berichtet, in letzter Zeit das Wohnrecht entzogen wurde, und die nun natürlich nocli mancherlei Angelegenheiten ip Petersburg abzuwickcln haben und deshalb wohl öfters noch auf kurze Zeit nach Petersburg; zurückkehren mussten. Noch vor einigen Monaten als die bekannten sinnlos strengen Ausnahmebestimmungen über den Aufenthalt der Juden in Moskau erlassen wurden, die cs den Juden sogar verbieten, Moskau mit der Eisenbahn zu passieren, wenn sie dabei etwa von einem Balmliofc zum andern gelten müsse!!, konnten wir darauf Hinweisen, dass man in Petersburg wenigstens doch noch etwas liberaler ist, indem cs den Juden gestattet sei, auch wenn sie kein Wohnrecht in Petersburg haben, sich doch unter bestimmten Bedingungen 24 Stunden in der Stadt auf/.ulialten. Nun kommt diese neue Verfügung, die für Petersburg alles bisher Dagewesene fibertrifft. Gleichzeitig aber erhalten sieh die Gerüchte, die von einem neuen ziemlich liberalen Judengesetz, das die Regierung der Duma vorlegen wolle, erzählen. Wie man diese verschiedenen Sachen zusammenreimen soll, ist auch dann unerklärlich, wenn man das russische Anlcihe-Bc* dürfnis zu Hilfe nimmt, denn angesichts solcher Taten der russischen Regierung w ird sich wohl sogar ein westeuropäischer jüdischer Kapitalist nicht mit leeren V crsprcchungcn ködern lassen! Die Juden In der neuen Türkei Einem Artikel ur.ter dieser Überschrift, den die FRANK- F'URTER ZEITUNG aus der Feder von Davis Trictsch veröffentlicht. entnehmen wir folgende interessante Bemerkungen: Die Türkei ist ein vielfach sehr komplizierter National!• tütenstaat, und die Politik des neuen Regimes muss daran! aus״ gehen, allen ihren Völkerschaften und icligiösen Gruppierungen gerecht zu werden. Gerecht, d. Ii. Wahrung der berechtigten Interessen und Eigettwiinsche jeder noch so kleinen geschlossenen Minorität innerhalb der unantastbaren Rcicltseittheit. Diese Wahrung der Minuritüts־'echte wird voraussichtlich über kurz oder lang zu weitgehenden Selbstverwaltungs-Privilegicn von Provinzen. Distrikten und selbst kleinen Ort* schäften führen. Auf diese Weise werden auch die Juden zu einer Selbstverwaltung gelangen, die ihrer Gruppierung im Reiche entspricht und diejenigen jüdischen Bestrebungen, z. B, die auf eine Ncubcsicdelung Palästinas hinaustaufen, können unter diesen Umständen wohl darauf rechnen, dass ein der Mehrzahl nach von Juden bewohntes Palästina einmal als eine jüdische Provinz des türkischen Reiches figurieren wird. Schon heute ist, wie wir oben gesehen haben. Palästina ein jüdisches Konzcntrationslatid sowohl für die Juden heit Osteuropas wie auch für die der Türkei, und diese Tatsache wird das Erstarken des jüdischen Nationalgcdattkens sicherlich befördern, so dass die jüdischen Parlaments• mitglicder auch eitlen positiven Anlass haben werden, als Juden zusammcnzustellcn. Negative Anlässe halten sie ja ohnehin: Dps ganze os nta!1 i sc 11 c Parlament wird aus nationalen Gruppen bestehen, deren keine einen Juden in ihrer Mitte haben wird. — Fürs erste wird cs freilich kaum im tiirkischctt Parlamente zur Aufrolhmg der Judenfrage und damit zu einem Zusammenschluss der jüdischen Vertreter kommen. Sicher ist dagegen, dass die jüdischen Abgeordneten eine Hauptstütze des ostttaniscltcn Reichsgedankens und der musclmanischen Vorherrschaft im Lande sein werden. Türken und Juden sind eben in hohem Masse aufeinander angewiesen, und die Erkenntnis dieser Interessengemeinschaft bricht sich mehr und mehr Bahn. Auch mit Bezug auf den Militärdienst bereiten sich im Osmaniseiten Reiche grosse Änderungen vor. Bekanntlich w urden bisher nur die Muslims zum Heeresdienste hetattgezogen und auch diese mit gewissen Ausnahmen, so dass die Militärpflicht auf nur etwa II Millionen osmauisehcr Untertauen (aus einer Gesamtziffer von 25) ruhte. Jetzt aber wer* den alle Bewohner des Reiches in die Dienstpflicht cinbegriffen werden. Wir dürften also bald von jüdischen Soldaten hören und auch von jüdischen Oifizier.cn. denn die neue Türkei wird wohl den europäischen Drill, nicht aber die Avancementsgrenzen von ihren militärischen Vorbildern übernehmen. Die Eröffnung der Bank Atn I. Oktober wurde die Attglo Levantiuc Banking Co Ltd. eröffnet. In allen Zeitungen war die Eröffnung der Tochtergesellschaft des Jewislt Colonial Trust angckiüidigt. und Vertreter verschiedener Banken kamen, das Direktorium zu gratulieren. Herr Hirsch, der einige Zeit zur Einrichtung der Bank hier weilte, ist Sonnabend nach Jaffa abgereist, wo er in die Tätigkeit der Anglo-Palcstinc Co. Einblick nehmen wird. Auch der hiesige zionistische Cercle hat durch die Ankunft des Dr. Israel Auerbach als Lehrer an den Hiltsvercinsschulen einen Zuwachs erfahren. Der Turnverein wird sich nicht minder freuen, den Vorsitzenden des Bar-Kocltba in seiner Mitte begrüssen zu können. WELT. Die Parlamentswahlen Der JEWISH CHRONICLE berichtet: Die Gemcindcwahlcn sind jetzt meistens zu Ende — sechs Juden sind in Konstantinopel zu Mitgliedern des ücmcindcrats gewählt worden, und rnan ist damit beschäftigt, die Vorhereitungen für die Parlametitswahlen zu treffen, welche auf den 13. November augesetzt sind. Es ist begründete Aussicht vor- Itanden, dass die Juden im Parlamente durch Abgeordnete ihres eigenen Vertrauens vertreten sein werden, denn das Komitee für Einigkeit und Fortschritt wünscht sehr die Vertretung aller Religionen und es wird die Kandidaturen der Juden gern tatkräftig unterstützen, weil viele Juden in der Freiheitsbewegung mitgearbeitet haben. Mitglieder des ’ Komitees in Konstantinopel haben schon den Häuptern der jüdischen Gemeinden vertraulich erklärt, dass sic tiir die jiidisehen Kandidaten stimmen werden. Man erwartet, dass Juden gewählt werden in Konstantinopcl, Saloniki, Smyrna und Bagdad, wo grosse Judenzentren sind. Folgende Juden werden heute schon als Kandidaten genaunt: in Konstantinopci: Vitalis Effeudi Faraggi. Verwalter der Kaiserlichen Tabakregie und Robert Efiendi Misraclti, Direktor der politischen Angelegenheiten des Wilajets Arianopcl. In Saloniki: M. Etuauuel Carasso. ein Jurist und Vitalis Eiiemii Sttonmia; in Smyrna: Isaac Eiivmii Taranto, vortragender Rat im Ministerium des Aeusseren und David Rausso: in Magnesia: Nissittt Effeudi Masslialt, ein Mitglied des obersten Gerichts von Saloniki und eines der atn meisten geachteten Mitglieder des Zentralkomitees tiir Einigkeit und Fortschritt. I Wenn seine Wahl in Magnesia nicht sicher ist, will er in Smyrna kandidieren, wo seine Wahl zwciicllos erfolgt. Die Namen der jüdischen Kandidaten fiir Bagdad sind mir noch nicht bekannt, aber es ist anzunehtnen, dass die Juden in dieser Stadt ihren truhcrcn Abgeordneten Daniel Etfendi Salali wieder wählen werden. WELT.