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Jüdische Rundschau · 1908-10-16 · Heft 42 (16.10.1908) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 42 (16.10.1908)
Date
1908-10-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 42 JÜDISCHE RUNDSCHAU , Seite 417 erachtet, sieh willig beteiligen würden. Es Kann demnach, wenn auch nicht im Rat. so doch in der Tat. das Zusammen- Kchen sämtlicher Organisationen gleich vom Beginne an erwartet werden. Das vorbereitende Komitee. Justizrat Dr. Maximilian H o r w i t z. Vorsitzenden. Siegmund Bcrgcl-Berlin. K. K. Baurat Willi. S t i a s s n y - Wien. Justizrat Dr. Eugen Fuchs- Berlin. Dr. med. Edni. K 0 h n - Wien. Dr. Hirsch Hildesheimer- Berlin. Kaiserl. Rat Lcop. Sachs-Wien. Dr. Alfred N o ss i g-Berlin. Dr. med. Schnabl- Wien. Dr. Bela T a u s s i g - Wien. Kundscnau ,. Das asemitische Gesetz So reich die zwei Jahre, seitdem in England das Gesetz gegen die ausländischen Einwanderer in Krait ist. auch an peinlichen Vorfällen gewesen sind, grausamere Fälle als die- ]eiligen, welche jetzt gerade w ieder in!lull vorgckommcii sind, sind jedenfalls kaum zu verzeichnen gewesen. In einem Zeitraum von einem Augenblick wurden ein alter Mann, seine rrau und ein lfijährigcr Sohn zurückgewieseu. Der Schwiegersolm. der ein ziemliches Geschäft hatte, war bereit, Garantien zu bieten derart, dass die alten Leute keinesfalls irgend jemand zur Last fallen sollten, aber die unglücklichen Leute mussten über das Meer w ieder zurück, ln einem anderen Falle w urde einer jungen Jüdin, welche vor IS Monaten geheiratet hatte, die Erlaubnis verweigert, zu landen und mit ihrem Gatten zusaiiuuenzulehcn. angeblich weil sie an Schwindsucht leiden sollte. Es ist klar, dass sich zwischen dem Paar die rührendsteil Szenen über die gewaltsam herbeigetiihrte Trennung abspieltcn. Der Arzt selbst sagte den! Beamten, dass das arme Weib wahrscheinlich geheilt werden könne, wenn cs sich in Behandlung begäbe, und der Mann bot sich an, die Frau auf seine Kosten so lange unter amtlicher ärztlicher Be- Handlung in Hüll zu lassen, bis sie geheilt sei. Er benachrichtigte ferner die Untersuchungskomniissiori. dass cs für ihn unmöglich sei. nach Russland zurückzukehren, da er sich seiner Militärpflicht entzogen habe. Die arme Frau wurde nichtsdestoweniger ohne Gnade und Barmherzigkeit zurücktransportiert. Es scheint., dass die ״Hüll Oid Hebrcw Congregation“ mit löblichem Eifer wegen dieser Angelegenheit mit dem Ministerium korrespondierte. Aber Mr. Gladstone sandte den Brief lediglich an das Auswanderungsbureau weiter und antwortete in verbindlicher Form, dass er wünsche, dass das Auswanderungsamt sich dieses Falles erinnere und ihn prüfe, und dass er irn übrigen nicht das Recht habe, eine Gerichtsbarkeit in dieser Sache auszuüben. So sind also die Beamten des Auswaudermigsamts mit ihrer pedantischen und tig'orosen Handhabung ihrer .Machtbefugnisse noch geschützt durch die Autorität eines Gerichtshofes, gegen den es keine Berufung mehr gibt. Während der Debatten über die Frcmdcnbill im Parlament wurde die Versicherung gegeben, dass jede Art von Kontrolle über die Tätigkeit der Beamten des Auswanderungsamts von Seiten des Ministeriums des Innern oder von anderer Seite der Regierung ausgeübt werden sollte. Aber Mr. Giadstone hat nicht ein Wort des Tadels iür ein Vorgehen, welches die Beamten zu Herrschern über das Lehen unschuldiger Frauen und Männer machen. England hat i!1 modernen Zeiten selten ein so grausames Gesetz so grausam gehandhabt gesehen, und es ist erstaunlich, dass ein Volk, weiches so viele Gesellchatten zur Verhinderung der Greuel selbst au Tieren gegründet hat. so ruhig mit verschränkten Armen zuscheu kann, wie au Fremden so scheussliche und verachtungswürdige Martern ausgefiilirt werden, wie sie jetzt in Hüll vorgekommen sind. Aber es handelt sich ja nur um Juden, und deshalb stört das den Liberalismus nicht. Jüdische Sprachkonferenz Die jüdische Presse in Galizien und auch in Russland ist jetzt voll von dem Streit über die jiidiche Spraclikonierenz, die bekanntlich vor einigen Wochen in Czernow׳itz tagte. Diese Konferenz hatte zum Zweck eine Regelung des sögenannten ״Jiddisch״, das heisst des jüdisch-deutschen Dialekts, der bei einem grossen Teil den jüdischen Bevölkerung in Gali/ien und Russisch-Polen die tägliche Umgangssprache ist. Man dachte, die Konferenz würde diesem Dialekt eine Art massgeblicher Grammatik zu gehen suche(!, um cu Anspruch auf den Namen einer Sprache auch beschränkten Köpfen gerechtfertigt erscheinen lassen. Stritt dessen hot die Konferenz das Schauspiel, das die ״Jargonisten” aus verschiedenen Landesteilen einander selbst of nur schwer verstanden, weil die Mundart in der einen Gegend mehr mit russischen, in der anderen mehr mit deutschen oder mit hebräischen, in England und in Amerika auch mit englischen Worten durchsetzt ist. Der in StUlrusslaud übliche Dialekt weist z. B. im Wortschatz viel weniger Wörter initfcl-lioelidcutschcr.. Ursprungs auf, enthält *"* auch wenig hebräische Worte und eine grosse Zahl Wörter russischen Ursprungs. ־ Aber die Konferenz hat gar nicht versucht, irgendwie dieser Aufgabe näher zu treten, sondern hat sich in miissigen Deklamationen für das Judendcntsch und gegen das Hebräische, das von einem grossen Teile der Juden ständig gesprachen wurde, und jetzt immer mehr an Verbreitung gewinnt, völlig erschöpft. Das einzige positive Ergebnis ist eine Resolution, die den jüdisch-deutschen Dialekt als die Nationalsprache des jüdischen Volkes erklärt. Die Herren haben es sich also selbst zuzuschreiben, wenn sie jetzt infolge dieser •— milde ausgedriiekt — sinnlosen Resolution von dem grössten Teil der jüdischen Presse, darunter auch von grossen jüdischdeutsclicn Zeitungen, mehr humoristisch aufgefasst werden. Auch die Stimmen bekannter Dialekt- Schriftsteller, die über die Konferenz ein höchst abfälliges Urteil aussern, mehren sich unausgesetzt. So hr.t jetzt auch der Nestor dieser Volks-Literatur. A b r a 11 a m o w׳ i t s c h , (der unter dem Pseudonym M e 11 d e I c M o i c 11 e r S f o r i m schreibt), seine Meinung über, die Konferenz in der drastischen Antwort kuiulgcben. die er einem Interviewer erteilte: ״Ich bin froh, dass ich nicht dort gewesen bin!” A\au kann nur sagen, dass die Stimmung, die jetzt über die Konferenz allgemein herrscht, ׳,durchaus .,berechtigt ist. Die jüdisch-deutsche Mundart zieht ihre niemals bezweifelte Existenzberechtigung ebenso wie jeder andere Dialekt aus einer gewissen historischen Entwicklung, und er ist infolgedessen als V c r s t ä 11 d i g u 11 g s in i 11 e 1 mit einem Teil der jüdischen Massen nicht zu entbehren; auch ist anzuerkenncii, dass er eine ziemlich grosse Literatur geschaffen hat, die aber doch fast durchweg alle Kennzeichen einer Dialekt- Literatur auiweist Das macht sie zu einer Interessanten Ouclle des Studiums für jeden, der sich mit dem Leben der iüdischen Massen beschäftigen oder davon etwas erfahren will: Aber das alles macht die anspruchsvolle!Resolution der Czclnowitzer Konferenz nicht weniger grotesk, als sie der grossen Oeffentiichkeit von vornherein erschien. Immerhin sind die mm hervorgerufenen Angriffe auf diese ״Jargon“ geschimpfte Sprache ungerecht und schiessen, wie die Konferenz selber, über ihr Ziel hinaus. Unsere Nationalspraclte ist zweifelsohne nur das Hebräische oder soll es nur sein. Aber die Angriffe auf das Jüdischen deutsche verursachen sein Verschwinden nicht zu Gunsten des Hebräischen, sondern des Russischen und Polnischen, befördern also in ausserordentlich wirksamer Weise die Assimilation. Und sollten w׳ir Nationaljuden am allermeisten meiden! Die Judenfrage an den Hochschulen und Witte Zu diesem Thema schreibt man aus St. Petersburg vom 6. Oktober: Im Jahre 1SS7, zur Zeit der flussersten Reaktion, w urde, wie man die Aufnahme von Juden iu die russischen Mittel- und Hochschulen ausserordentlich beschränkt. Seit 1905 kamen diese Bestimmungen meist nicht mehr iu Anwendung da die gesetzlich statuierte Autonomie den Hoclischiilverwaltungcn auch darüber die Entscheidung überliess. Dass der Unterrichtsminister Schwarz mit seinem ..echtrussischen‘‘ Geist hierin wiederum zum verrosteten System griif imd über hunderte von Jünglingen Leid und Qual brachte, wie sollte es auch anders sein? Streng und unnachsichtig wurden überall die Hochschulrektoren daran gemahnt, die für die Aufnahme von jüdischen Studenten festgesetzte Norm auf keinen Fall zu überschreiten. Und cs musste so geschehen. Dabei hatte noch unlängst die Regierung selbst für die Abschaffung der Prozentsätze plädiert. Das Oktrobristenorgan GOLOS MOSKWY veröffentlicht darüber ein interessantes Dokument, einen Beschluss des MUüstcccats kurz vor dem Rücktritt des Kabinetts Witte. ..Die Anwendung der erwähnten Massnahmen (bezüglich der Aufnahme jüdischer Studierender) — heisst cs darin — hat die daran geknüpften Hoffnungen nicht erfüllt. Sind auch die Hochschulen von dem Andrang der jüdischen Jugend bis zu einem gewissen Grade verschont geblieben, so bildete andererseits die dadurch bewirkte Unzufriedenheit nicht selten die Veranlassung zu studentischen U11ruhen und hat keineswegs zur Befestigung des normalen Ltbeusgangs beigetragen. Die jüdische Jugend, die mit Absolvicrung einer Mittelschule das Recht auf Hochschulbildung erworben hat, aber infolge administrativer Verfügungen dieses

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