Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 416 JÜDISCHE RUNDSCHAU Ko. 42 Schon in den ersten offiziellen Kundgebungen der Alliance IsraGite Universelle ist mit Recht hervorgehoben wunden: «Alle Hauptbekcnntnissc in der Welt sind durch Nationen und Regierungen, die sic schützen, vertreten . . . Schon allein die Existenz dieser Regierungen ist fiir die Gemeinden desselben Bekenntnisses Bürgschaft und Schutz. Die verfolgten Juden allein wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen.“ Die Entwickelung, die die jüdische Wohlfahrtspflege seither genommen hat und angesichts der politischen Verhältnisse hat nehmen müssen, hat trotz des quantitativen Zuwachses diesen Missstand nicht verringert, sondern eher vergrdssert. Der auf die Vereinheitlichung der Wohlfahrtsbestrehungen gerichtete Qedankc den Alliance musste dem nicht minder berechtigten, für die einzelnen Länder Wohlfahrtsorgunisationcn von mehr nationalem Charakter zu schaffen. Platz machen.• Mit der Zahl der Organe aber wuchs die Schwierigkeit der Verstand!- gung und der Herbeiführung einer einheitlichen, ergiebigen Aktion. Man befand sich eben in jener Periode des Entvick* lungsprozesses, die durch die Ausbildung der Einzelörgane gekennzeichnet ist. Ihr muss jedoch, den allgemeinen Entwicklungsgesetz.cn entsprechend, eine •neuerliche Vereinigung der Organe auf höherer Stufe folgen. Diese neue Zusammenfassung der jüdischen Wohlfahrtspflege ist umso unentbehrlicher. aU durch ihr Pehlen — abgesehen von periodischen, t'fiein* greifenden Katastrophen •־־ auch unter!tormalen Verhältnissen die Ergiebigkeit der Leistungen erheblich beeinträchtigt v« ird. Vielfach werden dieselben Arbeiten vo bereitcitder Natur, besonders Enorsdmngs- und Informationsreise•!, von verschiedenen Seiten vorgenommen; iiir dieselben Iniormationszweckc verschiedene Organe eingesetzt: der Ankauf derselben Terrains — besonders im Orient ־ \<!u verschiedene,־ Seite in Angriff gen »mmen. so dass durch Uberbicten Preissteigerung erfolgt usw. usw. Mit den Behörden der Länder, in denen jüdische Wohliahrtsaktioncn vorgenommen werden, wie Rttssland, Rumänien. Türkei. Vereinigte Stauten unterhandeln in analogen Angelegenheiten, manchmal in einer und derselben Sache. Vertreter verschiedener Organisationen; ia. angesichts dieses Mangels einer autoritativen jüdischen Wohliahrtsrepräsentanz, fühlen sich allzu oft auch Privatpersonen berufen, mit Regierungen Rücksprache zu nehmen. Die hierdurch entstehende Verwirrung macht cs den Behörden schwer, sich über den Einfluss der einzelnen Organisationen richtig z.u informieren und verringert erheblich das Entgegenkommen, das sie einer einheitlichen und anerkannten Vertretung der jüdischen Kreise 2u bezeigen geneigt sein wurden. Das Nebeneinanderbcstehcn mehrerer, ähnlichen Zwecken dienenden Körperschaften ohne fortlaufende Verständigung zeitigt schliesslich überaus beklagenswerte, aber bei diesem Stande der Dinge unvermeidliche Pirscheinungen: Reibungen. Rivalitäten ,Rangstreitigkeiten und Konkurrenz, welche grosse Kreise edler und arbeitswilliger Männer gegeneinander aufbringen und die jüdische Wohlfahrtspflege vielfach z.u einem Wettrennen getrennter Elemente, statt zu einer planmässjgcM, alle Mittel klug und nutzbringend zusanmienfassenden Aktion machen. * * * Es liegt nun im Zuge der Zeit. Missständc. wie die oben angeführten, durch dauernde Zusammenfassung zu beseitigen. Auf allen Gebieten können wir heute das ZusnmmenwaeliScn von kleinen getrennten sozialen Organismen zu grossen, einhcitlich geleiteten, beobachten: Auf dem der Industrie, der Verkehrsmittel, des Finanzwesens, vor allem aber auf den! des Vercinswesens. Ähnlich wie Bcrufsgcnosscuschafteii sich zu Verbänden zusammenschlicsscn. sehen wir auch die Wohl* fuhrtsgcnosscnschaften in sozial fortgeschrittenen Ländern zentrale Orgnisationcn bilde!׳. Statt nebeneinander oder gegeneinander, mit erheblich grösseren Vcrwaltungskosteii arbeitend, geringere Resultate zu erzielen, zieht man überall vor, alle Reibungen zu entfernen, die Kosten zu reduzieren und auf Grund planmässiger Arbeitsteilung in intensivster und ergiebigster Weise zu wirken. Diese Bewegung ist infolge der Nützlichkeitswerte, die sic schafft und ihres dem sozialen Entwicklungsgesetz entsprechenden Charakters, so mächtig, dass auch der Zusammenschluss der jüdischen Wohlfahrtsorganisationcn unvermeidlich und seine Verwirklichung nur als eine!־rage kurzer Zeit erscheint. Ist dies aber der Pall, so liegt kein Grund vor. die Missstände der Zersplitterung überhaupt noch länger bestehen zu lassen und die Vorteile einer fortlaufenden Verständigung nicht ehestens herbeizuführen. Selbstredend wird eine solche Verständigung die Autonomie der einzelnen Organisationen auf Ihrem Tätigkeit«- gebiete, Ihre Inlthllve und Bewegungsfreiheit auch nicht hu geringsten beschränken, Ihren Sondcrbcstand ln Gcmässhclt Ihrer Satzungen In keiner Weise ־antasten. Vielmehr würden die Tagungen der Delegierten de: Organisationen mir den Zweck haben, die Lage der jüdischen Bcvölkertmg. die Bedürfnisse der jüdischen Gemeinden, den Stand des jüdischen Hilfswerkes in der ganzen Welt zu besprechen und die Richtlinien der indischen Wolilfalirtsaktion, irishcsondere auch die der Kolonisation, gemeinsam festzulegen. Pie von jeder der Einz.elorganisationeu bei den von ihr geleisteten We ken gemachten Erfahrungen würden in nutzbringender Weise ausgetauscht werden. Vorschläge, betreffend den Ausbau bestehender Institutionen oder neue Unter* iichmungen. die von einer an dem Ausschuss beteiligten Organisatidi!. oder van Aussenstehcnden eiugebraclit worden sind, würden von den erfahrenen Vertretern der grossen Wo!!liab׳tsgcscllschaftcn' •gemeinsam begutachtet und ׳eventuell .ihren Organisationen zu gemeinsamer Durchführung empfohlen wer* den. Bei Signalisienmg einer drobimden Gefahr würden samtliehe Organisationen mit vc einten Kräften und rechtzeitig die erforderlicbei! Anstrengungen machen, um Katastrophen vorzubcugeii. Sullten die Organisation•:!, sich, grundsätzlich für d!c Vcreiuheitlichung ihrer Bestrebungen durch fortlauiende Vcrstaiidigung entscheiden, so würde wohl die Aufstellung der rfatiptgesicht.sptmktc• eines einheitlichen Arbeitsplanes den nächsten ^ch'itt bilden. Eiir die gemeinsame planmfssigo Wirksamkeit der jüdischen Organisationen dürften wesentlich vier Gebiete in Betracht kommen: 1. Förderung und Schutz der Glaubensgenossen in wirtsclunliclier. m.-raliseher und politischer Beziehu:1g. 2. Pflege der jüdischen Kultur. 3. Auswanderung. 4. Ansied'ung. Sache der Delegierten der einzelnen O gaiiisationen würde es sein, sich darüber schlüssig z.u werden, inwieweit der fetzige VcrwaUungsapparat zu vereinfachen wäre und welche P'unktioiten im einzelne!! einem vielleicht mit der Zeit z.u schattet!- den Zentralbureau der jüdischen Organisationen zu übertragen sein würden. Niemand wird sich wohl der ausserordentlichen Nützlichkcit eines Delcgicrtcntages aller Organisationen als ständiger Einrichtung % erschlicssen. Die Bildung eines derartigen Aussclntsscs 'würde zweifellos eine neue, fruchtbare Per!«•de der jüdischen' Wohlfahrtspflege eröffnen. * ♦ Von grösster Bedeutung ist cs daher, die gangbarsten Wege zur Verwirklichung dieser Idee zu prüfen. Leider ist es bei der vollständigen Zc־,Splitterung der jüdischen Wohlialirtshestrebungcn, wie sie bis letzt geherrscht hat. bei der eingewurzelten Gewohnheit getrennten Vorgehens und jenen Imponderabilien.• die die •existierenden Institutionen auseinaiiderznlialten bestrebt sind, schwer anz.unchmen. dass auf Grund der gegenwärtig gegebenen Anregung, weint sie auch von Vertretern führender Gesellschaften ausgeht, sämtliche Organisationen hinsichtlich des Prinzips und der Modalitäten einer fortlaufenden Verständigung soiort sich einigen, dass die geplante Repräsentanz mit einen׳ Schlage in restloser Vollstümiigkeit erstelle. Früher« Versuche in gleicher Richtung sind daran zerschellt, dass mau sich eine derartige Vollständigkeit gleich au der Schwelle der Einigungsaktion zum Ziele setzte und. da einer solche naturgemäss nicht z.u erreichen war. alle weiteren Bemühungen aufgah. Will man alter die von der ganzen indischen Öffentlichkeit so heiss ersehnte dauernde Verständigung zwischen den grossen Organisationen tatsächlich lierbeiiiiliwn. s«. gibt es hieritir keinen anderen Weg als den. dass diejenigen Vcrtmigungen, die gegenwärtig schm! überzeugte Freunde eine׳• solchen Einrichtung sind, tmhekümmert um die Zahl der Mit- wirkenden, ziisammcntrctcn und zunächst in ihrem Kreise die Normen für einen ständigen Gedankenaustausch als Grundlage eventueller gemeinsamer Aktionen entwerfen. Das Bestehen und die Betätigung eines derartigen Kernes, das Beispiel wahrer Brüderlichkeit und der Erfolg einer rationelle!! Zusammenlegung der Kräfte, werden ganz zweifellos so anziehend und w erbend wiüen. dass hinnen Kurzem auch die noch alt* seits stellenden Organisationen sich anschliessen werden. Auf diesem Wege des langsamen Aufbaues sind mit geringen Ausnahmen sämtliche Verbände entstanden. 10 unserem l alle aber ist die Bildung eines noch nicht ganz vollständigen Aus* Schusses umso zweckdienlicher, als gar kein Zweifel darüber bestehen kann .dass auch jene Organisationen, die sieb etwa ztmiiehst abvartcnd verhalten sollten, an positiven Aktionen, die eine Vertretung zahlreicher Körperschaften als notwendig