Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 42 (16.10.1908)
- Date
- 1908-10-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 414 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 42 Freude über das, was der Anlass und Grund des Freudenfestes war? Eine Freude soll es sein über das, was unsere Weisheit ist in den Augen der Völker, eine Freude über die Lehre Israels, das eigentliche Erbteil Jakobs, das unser eigen ist. genau wie das Land, das uns zugeschworen wurde, unser zu sein, so lange der Himmel über der Erde steht. Darum sollte die Bewegung, die dieses Land zu ihrem Ziel erkoren hat, eine Rückkehr sein ins Judentum vor der Rückkehr ins Judenland. Das wunderschöne Wort ist leider bei den allermeisten, die es im Munde führen, eine Phrase geblieben, eine leere Redensart, die hinwegtäuscht über den Mangel an Kenntnis des Judentums, über das Fehlen Jeden positiven jüdischen Geistes. Das Wesen des Judentums aber ist die Lehre, die uns Moscheh gegeben hat, der der Lehrer unseres Volkes ist für alle Zeiten. Der Grundgedanke dieses Gesetzes aber, von dem kein Titclchcn hinweggenommen und zu dem ebeusoweirg hinzugeiügt werden soll, ist die Gerechtigkeit. ״Gerechtigkeit, der Gercclitigkeit jage auch, damit du lebst." ruft der grosse Gesetzgeber der Nation zu, die er mehr liebte, als die eigene Seele. Wie aber steht cs mit der Gerechtigkeit bei uns? Um kein Haar besser als bei den andern Völkern, und das will doch wahrhaftig viel heissen, ln der Wcltgeschichte sehen vir das Schwert und die Macht regieren und wer am besten zugreifen kann, der hat Recht. Das ist die Moral, die das Judentum verwirft, weil $;c das absolute und kontradiktorische Gegenteil des Prnzips des Judentums ist, des Prinzips der Gerechtigkeit. Es ist eine traurige Folge der Assimilat:on, dass wir hierin den andern gleichen. Wir solHen doch wahrhaftig nicht das Recht des Stärkeren in der Praxis anerkennen, wir, d:c wir seit zwei Jahrtausenden immer ״Der Schwächere" waren. Wer diesein Grundsatz der Gerechtigkeit ins Gesicht schlägt, der kann sich hundertmal sogar Zionist!nennen und er ist doch kein Jode! Wir leben in o:ner Zeit, in der wieder einmal viel annektiert wird, und was der Gewalttat die Krone aufsetzt mit ״Recht" annektiert wird. Das war die Hcuchclei, 11:e das römische Recht, das jtis humane des römischen Gewaltvolkes gezüchtet hat, und Wir verstehen cs sehr wohl, wenn die Kenntnis und wenigstens das Studium •des römischen Rechtes in seinen Jüngern das Empfinden für das Unrecht frühzeitig: hat erlöschen ‘lassen, das sic für ״Recht‘‘, für Jus aequum", für humanes Recht er- •achten. Das Annekt'eren ist das Gegenteil jüdischer Rcelitsanscliauiuig, und bezeichnenderweise hat das Hidischc Recht jenen Begriff der Chazakah geschaffen, der allen unbequem war, die je unter der Giltigkeit des talmudischen Rechts jemandem aus dem verdrängen wollten, was er in schaffender Arbeit hcrvorgcbraclit hatte. Die Chazakah aber, d:c den Besitzstand schützen sollte, schützte keineswegs den. der sich unrechtmässigerweise fremdes Gut oder Land ungeeignet hatte und ein Ersitzen gestohlenen und geraubten Gutes gibt es nach jüdischem Rechte nicht. Darum bäumt sich das jiid'sclie Gefühl auf, wenn cs Gewalttaten sieht, die ein stärkeres Volk gegen das schwächere iibt. Denn der polit'sch oder w irtschaftlich Schw ache sein sollte nach jüdischem Rechte vom Gesetze geschützt werden. (jcreeht'gkeit, nicht Vorteil oder Profitgier, wie man uns gern andichten möchte; ist das Wesen des Judentums. Und wenn wir unseren hohen Anspruch wahr machen wollen, den wir stellen, dass der Zionismus 'die Rückkehr ins .ludentum sein soll, vor der Rückkehr ins Judenland, so muss der Grundgedanke alles Judentums zuerst einmal bei uns selber Grund und Boden fassen, die Gerechtigkeit. Heuchelei und Gewalttat sind für das Römcrtutn kennzeichnend, das auf Grund seines Völkerrechtes alle Vöiker unterjochte und enteignete und das auf Grund dieses Rechtes wer weiss, wie sehr im Rechte zu sein vermeinte, als cs dem Jndcnvolk den Boden entriss, auf dem das Prinzip der Gerechtigkeit gelten sollte. Auch die Liebe darf nicht an die Stelle der Gercclitigkeit gesetzt werden. Gew iss legte d׳e mosaische Gesetzgebung ganz besonderen Grund auf das Gesetz. den andern zu lieben, wie sich selbst Aber es sollte anstelle des wohlgefiigtcn Gesetzes kein unbestimmtes Gefühl gesetzt werden, denn allzuleicht ist es die allgemeine Menschenliebe, die über die Pflichten der eigenen Familic und dem eigenen Stamme gegenüber hinw cghiltt, genau w ie die Paragraphen des römischen Rechts über die Bedenken liinwcghelfcn können, die nach jüdischen Begriffen durch die ״Gerechtigkeit" gefordert werden. Und es ist besonders bezeichnend, dass die soziale Hilfe, die wir dem Nebenmensclien leisten müssen, seit uralter Zeit den Namen צדק״ Gerechtigkeit führt, während die Philanthropie keinen hebräischen Namen in der biln.- scheu Literatur sich erworben hat. Wenn wir vom Standpunkt der Gerechtigkeit und des immanenten Rechtsgciiilils aus die Dinge betrachten, die in alkrjiingsier Ze t geschehen sind, so müssen wir gestehen, dass sie das Gegenteil dessen sind, war wir als Gerechtigkeit empfinden. Wir selbst aber müssen uns bewusst sein, dass wir als schwaches Volk in der Welt nur datm existieren können, wenn weniger Worte der Liebe und mehr Taten der Gereclitigcit sein würden. Wenn man unter dem Vorwände des Schutzes der Unterdrückten und der Herstellung von Ordnung Länder erobert, so ist das dieselbe Heuchelei, wie wenn man unter dem Vorwände des Tierschutzes einem uralten Kulturvolke seine rcligosc JFreiheit nehmen w ill. Gegen solche Heuchelei und solche Gewalttat müssen wir kämpfen, wenn w ir unser Ziel erreichen wollen, das durch die schönsten Diplomatcnkimststiickehen uns nicht näher gebracht wird, wohl aber durch die Impondernbdien des Gerechtigkeitsgefühls, aut die der Schöpfer unserer Organisation mit Recht so grossen Wert legte. Wir w erde׳! unser Ziel nur erreichen .können, wenn Gerechtigke't geübt wird, und wenn öffentliche, d. h. politische Moral geübt wird. Und wenn wir noch so kluge und bered!־ uende Politiker wären, die w ir Jeder nicht sind, so \v!;rden wir uns doch nur ins eigene Fleisch schneiden, wem! wir mit politischer Unmoral Kompromisse Schlüssen wollten. Wir müssen Gerechtigkeit üben, wenn wir darauf rechnen wollen, dass au uns dermaleinst Ger.־d1tigkeit geübt wird. Und es ist wrlicl! kein Wunder, wenn der nach Gerechtigeit. seliHuit, dem Gewalt geschiebt. So ist die Freude an unserer Lehre die Freude über die Lehre der (icrechtigke t. Wenn wir das Gefühl der Gerechtigkeit haben, w em! w ir diese Gerechtigeit zu üben uns miilieu und 'uns nicht Vortäuschen, dass wir Gercclitigkeit üben, wo •in der Tat Gewalt geselreht, so haben wir allen Grund 7.wr Freude am (iesetz. Dann können w ir uns aufrichtig an! Szimehath-Thoratest freuen. Dam! sind wir Juden in! Sinne der nationalen Uebtrl'eferung. Das jüdische Volk ist aber durch und durch optiinisJiisch und wenn es sieht, dass im Augenblick doch Gewalt vor Recht geht נפרה רשעיש;מד עשב ויציצו נל פ*די אד , so geschieht es sich mit dem Bew usstsein