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Jüdische Rundschau · 1908-10-16 · Heft 42 (16.10.1908) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 42 (16.10.1908)
Date
1908-10-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Abonnementspreis einschliesslich LITERATURÜLATT *)•rteljihrlich: f. durch die Expedition: a) In Berlin —,90 Mark, b) nach auswJrts!,— Mark, c) für das Ausland 1,50 Mark. 2. In PetUbonnement: 1,25 Mark. Allgemeine Jüdische Zeitung• Redaktion: Expedition und Adresse!Cr Geldsendungen und Bestellungen: Verlag Judiuhe Runtfichau, E. C. m. b. H. Berlin S.W. 68, 2immer»lrasse 77. Insertionspreis die vlergcspaltene Petit-Zelle oder deren Raum 25 Pfennig. BERLIN NW. 52, Melanchthonstrasse 4. Fernsnrecher: Moabit, 3387. I OeicbSftaatunden der Espedttloa täglich (ausser Sabbat und Sonntag) nachmittags 3—7 Uhr. Alle Rechte Vorbehalten. Abdruck aus der JÜDISCHEN RUNDSCHAU nur bei vo.'ler Quellenangabe gestattet. ...-■■■' Nummer 42 Berlin, 21. Tischri 5669 16. Oktober 1908 XIII. Jahrgang Der Feiertage Schluss Ein besonderes Fest seltliesst die lange Reihe der Feiertage, die den Monat Tischri auszeicltncu. Es ist das Sehhtsstesi am aehien Tage nach Ikgnii des Laubhütteniestes und stellt mit ihm .nicht bloss in zeitlichem Zusammenhang. Die lange Eestzeit gellt zu Ende und es beginnt die restlose Zeit, die nur durch die Tage unterbrochen wird, die, weil sie Feste des Galüth, Feiertage der Verbannung, Halbfeieruige sind. Aber ehe wir in die iestlose Zeit eintraten, schlicsst sich an Szukköt an זק שמוז־זינ ו das Fest unserer Freude, ein Fest an, das in noch höherem Sinne und in viel weiterem Masse ein Freudenfest ist, das zu Frohsinn und heiterer Laune auffordert. Und wie, wenn der Freude nicht genug wäre, hat die Weisheit unserer Alten zu dem Schlussfest noch einen werteren Tag über die biblische Bestimmung hinaus hinzugetiigt, der sogar den besonderen Namen Szimchath Thora führt. Wir sollen uns unserer Lehre freuen und die ungebundenste Fröhlichkeit gibt der Freude Ausdruck, dass man sich durch das Gesetz Moses gebunden weiss. Man soll das Freudenfest der Thora nicht gering achten. So ernst die hehren Feiertage sind, die den Monat Tischri und das jüdische Jahr einleiten, so hätten sic doch nicht die alleinige Bedeutung haben sollen, die ihnen bei der grossen Masse der grossstädtisdiett Juden beigemessen wird. Das Judentum ist kein Ausfluss düsterer und nur auf Busse und Sühne gerichteter Lebensanschauuiig. Im Gegenteil hat das Volk, das das יסיר השירים, das hohe Lied der Lieder, aus glühender Seele gedichtet, der Welt gegeben, was der Welt und Weltlichkeit zukonuut. Der Anspruch des Jüdischen Volkes, ein Reich von Priestern bilden zu wollen, war niemals dazu angetan, ein Reich von Duckmäusern zu schaffen. Die tiefe persönliche und nationale, religiöse und sittlich.־ Bedeutung der ימים נוראים sollte niemals die Leben v freude verdrängen, und .es war ein schwerer Schade für das Judentum und das Jüdische Volk, dass man Judentum nur in der Religion, nur •in sittlichen Begriffen und allenfalls In Gesetzen und Zeremonien sehen wollte, und vergass, dass das Judentum den ganzen Mann will, Man kann auch Jude sein, wenn man lustig und guter Dinge •ist und ist sogar darum nicht weniger .Jude, als wenn die Stunde gradd gdkfietet, zu fasten oder zu beten. Man hat damit das Judentum aus dem Leben und aus der Familie verdrängt und hat es auf die Syna- 1 goge!)«.schränkt, die grade durch diese Entwicklung immer verlassener wurde. Wie fröhlich das Judentum sein kann, zeigt uns Szimchath Thora nicht minder als das überlustige Purimfcst, und dass dieses Fest damit ganz im (]eiste des Judentums der Lebensfreude ihren Tribut zahlt, sollte jeder verstehen, der auch nur ein einziges Mal darauf geachtet hat, dass jede Sabbithweihe und jede Fciertagsstimitumg mit dem Dank und Preis Gottes beginnt, der die Frucht des Weinstocks geschaffen hat. Und wenn auch die Juden zu allen Zeiten der Massigkeit mit Recht und aus ihrer Natur heraus huldigten, so war doch hiermit nicht etwa ungegorener Sait der Traube gemeint. Die volle Lebensfreude ist ein integrierender Teil jüdischen Wesens, und wer im Judentum Weltentsagung und kasteiungssüchtige Zurückgezogenheit suchen wollte, würde es gründlich verkennen. Aber wir feiern nicht ein Freudenfest schlechthin. Fs gdt nicht der Freude und dem blossen Genuss uns ohne einen höheren Zw eck hinzugeben. So sehr auch unsere Lehre uns immer wieder auf die einfache Natiirlichkeit hinw eist, die fern von jedem Aberglauben und w׳eit von Jeder Leugnung und Verleugnung der Sinne dem folgt, was die ewigen Gesetze dem Menschen eben als seine Natur vorgcschrieben haben, so werden doch unser Freudenfest und unsere Fröhlichkeit geadelt durch die hohe Idee, die ihnen zu Grunde liegen sollen. Denn nicht das ist das Wesen der Szimehath-Thora-Feier, dass in möglichst vielen Lokalen Berlins Tanzvergnügen stattfinden, sondern das Fest legt den. Nachdruck am den Grund dieser Freude, auf die Freude am Gesetz, an der Lehre Moses. Fs hat einmal eine Zeit gegeben, wo der Prophet nufstand, tun zu tragen: ״Ist das ein Fasten wie ich es geboten habe?“ Mi t flammender Rede geisselte er die rechen Juden, die glauben, das Fasten und Beten hebe sie über die Pflichten gegen ihr Volk und ihre gedriiekteil Mitmenschen hinweg. Die gewaltige Rede des Propheten wirkt in!ihrer grandiosen Unmittelbarkeit heute nicht minder als damals, weil unsere Reichen keineswegs die sozialen und nationalen Pflichten ihrem Volke gegenüber auch mir um ein Härchen besser er* füllen als jene, die vom Propheten als Brut der Missetäter gegeisselt werden. Wohl aber fehlt uns heute der Prophet, der der Masse des Jüdischen Volkes zurufcu würde: ״Ist das eine Fröhlichkeit, wic ich sie geboten habe?“ Denn wo ist auch nur eine Spur bei den frühliehen Tänzern und jubelnden Festtednehmern von einer

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