Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2651552-2651593--05962-2663018- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 408 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 41 Ein ״umgekehrter Pogrom“ Eine Reihe deutscher Zeitungen hatten berichte(, dass in der Nikolskaja Slobodka bei Kiew eine Anzahl Juden unter dem Schutz der Polizei die ״cehtrussisehcn Leute“ iihcrtalien und so einen ״uitigckchttcn Pogrom" veranstaltet hätten. Die Unwahrheit und Gefährlichkeit dieser Meldung war für keinen Kenner der Verhältnisse zweifelhaft. Nun erfährt die N. J. K. aus Petersburg, dass die Sache sich wesentlich anders verhält. Der amtliche B c r i c h t des K i e w c r Polizei in eist ers an seine Vorgesetzte Behörde steiit nämlich fest, dass die starken Unruhen in Slobodka von der Kamoftruppc des cchtrussischon Volksverbandes veranstahef worden sind. Bei dem Versuche, einen Häftling, der zu den cchtrussischen Leuten gehörte, gewaltsam zu befreien, kam cs zu einem förmlichen Kampfe zwischen beritteneu V e r b ä 11 d I e r n und der O r t s p o 11 z. c i. wobei letztere unterlag. Erst aus Kiew hcrbeigccilte berittene Polizei schuf Ordnung und verhaftete eine Anzahl Yerbändlcr. Um die übrigen zu befreien und vor Strafe zu schützen, wurde darauf die Sachlage vollkommen auf den Kopf gestellt und der Tschernigowcr Yizegouvcrneur fand sich bereit, die Sache der Vcrhändlcr zu der semignt zu machen und die Slolmdkacr Polizeiheamtcn wurden daher gemässregelt. Der nunmehrige offizielle Bericht beton i ausdrücklich, dass der ״e e h t r uss i s c h e V e r - band“ die öffentliche R u h c g e i ä h r d e t. und dass die Straflösigkeit der Beteiligten die Tätigkeit der Behörden lähmt. Unser Verkehr? Die Häupter des ..Vereines des russischen Volks־‘ in Tiraspol sassen in vorletzter Woche über einige ihre׳ Mitglieder zu Gericht. Sic erfuhren nämlich, dass einige YorstauJsmitglieder häufig in Gesellschaft jüdischer Mädchen gesehen werden, mit denen sic sich freundschaftlich uuterhalten. Darob grosse Entrüstung. Der Präsident entsendete seine besten Spione, um Authentisches über den schrecklichen Fall zu erfahren. Und die Spitzel kamen und berichteten, dass das Oerächt auf Wahrheit beruhe und die Beschuldigten den Tatbcstand gar nicht leugnen. Nun wurde strenges Gericht gehalten. Nach einer langen hochnotpeinlichen Verhandlung wurde beschlossen, die Beschuldigten vor die Alternative zu stellen: Entweder den Verkehr mit den jüdischen Mädchen auigeben oder sofort aus dem Vereine ausscheiden. Und siehe da: Die schwarze Jugend entschloss sich fü׳ls letztere. Allesamt schieden sie ans dem Verbände der Pogromisten. Man sicht also, die russischen Pogromhcldcn sind auch nicht besser, als ihre westeuropäischen Gesinnungsgenossen. Aber was für jüdische Mädchen müssen das sein, die solchen Herrchen e־• lauben. mit ihnen zu verkehren. . ״*״• * ״ Die j'üdische Akademie und der russische Kultusminister Petersburg, im September. Wegen einer Kritik an der Tätigkeit des Kultusministers Schwarz haben einige russische Pressorgane mit harten Geldstrafen büsseu müssen. Die Moskauer Professoreuzeituug RUSSKUA NVJEDEMOSTI wurde mit 2יייייו Rubel. RJETSCH und die deutsche ST. PETERSBURGER ZEITUNG mit je 3000 Rubel belegt. Es ist deshalb erklärlich, dass die russische Presse sogar die Erwähnung des Nansens Schwarz unterlässt. Sie hätte sonst recht viel Interessantes zu berichten; z. B. über eine eigenartige Randbemerkung von Schwarz auf ein Gesuch der neugegriindeteu jüdischen Akademie. Seit Schliessung der sogenannten jüdischen Rabbinerschule In Wilna gab es in Russland keine von der Regierung anerkannte jüdische Hochschule, an der Rabbiner ihre Anshildung gemessen konnten. Es gab nur sogenannte Talmudschulen, in denen der Talmud, jedoch keine weltlichen Gegen- ׳•**mK nicht einmal die russische Sprache, gelehrt wurden. Und so kam es sehr oft vor, dass die hervorragendsten Rabbiner sieh russisch nicht verständigen konnten. Sie waren deshalb von der Regierung auch nicht als Rabbiner anerkannt. Das hinderte aber nicht, dass sie von der Judenschait seilest als die wahren und richtigen Seelsorger angesehen wurden. Diesen wahren Rabbinern standen auf Veranlassung der Administration Männer gegenüber, die mit dem Judentum weniger gemein hatten, dafür aber die Landessprache beherrschten. Offiziell galten sic als die eigentlichen Rabbiner. Alle offiziellen Akte wurden von ihnen unterzeichnet. Meistens waren cs Leute, die den Gemeinden verhasst waren und häufig nur selbstsüchtige Interessen verfolgten. Diese Lage änderte sich ein wenig, als eine grosse Anzahl von jüdischen Jüngern aus Russland Ausbildung in den jüdisch-deutschen Seminaren erhielt. Diese Jünger, die ausgerüstet mit reichen talmudischen und weltlichen Kenntnissen zuriickkaincii, wurden sowohl von der Regierung als auch von der jüdischen Ge- Seilschaft als Seelsorger anerkannt. Sic stellten sich in den Dienst der ()Öffentlichkeit und leisteten besonders der Juden* schalt grosse Dienste. Unter den russischen Juden begann man sich lebhaft mit der Gründung einer jüdischen Hochschule nach dem Tvpus deutscher Seminare zu beschäftigen. Viele derartige Vorschläge erlitten aber bei der Regierung vollkommenes Fiasko. Das Jahr ]91 >5, das eine Umwertung aller Werte hervorzurufen schien, bereitete auch einen günstigen Boden für die Gründüng eitler jüdischen Akademie. Dank dem unermüdlichen Eiicr des bekannten Gelehrten Baron David Ginzburg wurde von dem damaligen Kultusminister Kaufmann das Projekt der Gründung einer jüdischen Akademie genehmigt. Diese Akademic. an deren Spitze Baron Ginsburg. Kaliseher, Wladimir Askiuasi u. a. stellen, funktioniert gegenwärtig. Aber mm entstand eine heikle krage. Das Schüler* kontingent, welches die Zahl 3יי nicht überschreiten darf, rekrutiert sich meistenteils aus Jüngern aus der Provinz, die in Petersburg kein Wohnrecht haben. Was tun? Die Akademie hat sich deshalb an den Premierminister mit dem Gesuch gewandt, diesen Schülern während ihrer Studienzeit das Wohnrecht ein/uränmen. Premierminister Stolvpiu übergab das Gesuch zur Begutachtung dem Kultusminister Schwarz. Schwarz machte mm folgende Randbemerkung: ..Im Interesse der Regierung ist eine jüdische Akademie über* liaupt nicht erwünscht, da sie nur zur Stärkung des jüdischen nationalen Seihsthew usstseins dienen kann.“ *-- Diese Randhemerkiiiig ist eharaktcristisch. Stolynin bekundete mehr Ein* siclit. Er genehmigte das Gesuch der jüdischen Akademie und allen 30 Schillern ist das Wohnrecht in Petersburg ge* stattet worden. Zur Frage der Aufnahme von Juden in die Hochschulen über die Norm hinaus, erfährt die PETERSBURGER ZEITUNG, dass der Ministerrat dem Unterrichtsminister das von diesem gesammelte Material retourniert und noch keinen difinitiven Beschluss gefasst hat. Am Unterrichtsministerium wird nun zur Beratung der Frage eine Spezialkonimission niedergesetzt werden, die eine neue Norm ausarbeiten soll, wobei die Arbeiten dieser Kommission dem Gesetzentwurf zugrunde gelegt werden sollen, der der Reichsdtima vorgelegt werden wird. Hierzu wird der ,.N. J. K." aus Petersburg von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: In der letzten Session der Duma war. wie noch erinnerlich ist. ein Gesetzentwurf, betreffend die Behandlung der Juden hei der Aufnahme in die Hochschulen, cingebracht worden, den über f»U Abgeordnete unterschrieben hatten. Der Entwarf wollte alle bestehenden Beschränkt! n.g cd rad i* kal ah sc baffen und allen Stadenten ohne jede Unter* Scheidung nach Nationalität und Konfession den Zutritt zu den Hochschulen einzig und allein aui Grund der Beiähigmigs- Zeugnisse gewähren. Die Abgeordneten, die den Entwurf eingebracht hatten, rekrutieren sich aus den Sozialdemokraten, der Arbeitsgruppe (Trudowiki), den Kadetten, der Partei der bildlichen Erneuerung mul aus einzelnen links stellenden Oktobristen. Der Premierminister Stolypin hat nun die Kopie dieses Entwurfes an alle M i 11 i s t c r und D c p a r t e* m e n t s * D i r e k t o r e n gelangen lassen und sie zur Mtimmgsäussertmg .über das Gesetz-Projekt aufgefordert. Noch vor der Erönmmg der neuen Session der gesetzgebenden Keipcrschaiten. Duma und Reichsrat. soll der Entwurf dann \otn Minister at gepriiit werden. Dieses Vorgehen des Ministerpräsidenten steht in einem e t w a s!11 e r k w ii r d i g e 11 G c g e r! s a t z zu den jüngsten reaktionären Taten des Untenichts-Ministers Schwarz. Steuernachlass an jüdische Kolonisten Aus P e t e r sh 11 r g wird der ..N. .1. K.“ von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: Die* jüdischen Ackerbau-Kolonistui im Gouvernement I e k a t e r i n o s 1 a \v hatten hei der Gouvernements-Regieriing ein Gesuch eii.'gereiclit. dass man ihnen auf Grund des kaiserlichen Manifestes vom II. Anglist!904 die Testierenden Steuern erlassen möge. Die Regierung hat aber das Gesuch ab gelehnt mit der Begründung־, dass den Kolonisten, obwohl sie Ackerbauer sind, die Vergünstigung des kaiserlichen Manifestes, die sonst allen Ackerhauern zukommt, nicht gew ährt werden könne da sie F r c 111 d 11 a t i o!1 a l e sind.