Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2651552-2651593--05960-2663016- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 406 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 41 Kation spezialisiert. In Russland haben die kleineren Unternehmer und Arbeiter mit unerträglichen Bedingungen zu kämpfen. Ihre Verpflanzung nach den grossen Industriezentren von London und New York fuhrt zu der verwerflichen Aus- Deutung in Form des Schwitzsvsteins. zur unterbietenden Konkurrenz und zu bedrohlichen Konilikten mit der einheimischen Arbcitcrhcvölkcrimg. In den Ländern des Orients dagegen können diese russisch-jüdischen Volks-Industrien mit grösstem Nutzen iiir das Kolonisationsgcbiet ungehindert und in der blühendsten Weise sich entwickeln. Erst durch die Übertragung solcher Industrien aber würde tatsächlich ein erheblicherer Meuschenstrom nach dem neuen Einwanderungsgebiet gelenkt werden, würde die Kolonisation dem enormen Auswanderungsbedürfnisse gegenüber eine bcdcutendere Rolle zu spielen beginnen, würde sic zu einer gesunden. breiten Bewegung werden. Bei der Wechselwirkung zwischen Industrie und Landwirtschaft wird das Aufkommen der crstcren zweifellos auch auf die agrikultureilc Entwicklung befruchtend wirken, so dass auch der Zweck, einen jüdischen Bauernstand zu schaffen, durch Gründung industrieller Niederlassimgcnn wesentlich gefördert werden würde. Diese Umstände legen der neuen Kolonisations-Organisatioii nahe, ihr Augenmerk zunächst vornehmlich der industriellen Ansicdlung zuzuwenden. Die hier fiir sie erwachsenden Aufgaben unterscheiden sich wesentlich von denen der bestellenden jüdischen Kolonisationsinstitiitioncn. Während letztere vornehmlich dazu bestimmt sind, .völlig mittellose Elemente nach dem Ausiedlmigslande zu bringen und auf philanthropischem Wege mit Grundbesitz ausznstattcn. gilt cs hier, fiir die Organisation und den Schutz der spontanen Kolonisation nicht unbemittelter Glaubensgenossen, sowie für eine Förderung auf geschäftlicher Grundlage entsprechend zu sorgen. Der neuen Gesellschaft wird cs obliegen. Informationen zu erteilen, auf Art und Ort aussichtsreicher Niederlassungen lün/.uw eisen, Expertisen durchzuführen. Konzessionen zu erlangen, den Verkehr mit den Behörden zu erleichtern, mit einem Worte, die Bedingungen zu schaffen, unter denen die Ansicdlung wirtschaftlich selbständiger Elemente sich gedeihlieh entwickeln kann. Hierzu gehört vor allem auch die Beschaffung eines zugänglichen, den Erfordernissen angcpassten Kredits. Durch entsprechende Handhabung des Kredits und geeignete organisatorische Massrcgclu wird die neue Vereinigung auch dahin wirken können, dass soziale Auswüchse, wie sic die jüdische Einwanderung in anderen Ländern mit sich gebracht hat. hintan gehalten werden. Mit allem Nachdruck muss hervorgehoben werden, dass die neue Koloiiisationsgcscliscliaft. weit entfernt. Glaubensgcflössen, die in ihrem Geburtslande ein auskömmliches. Dasein finden, durch Erleichterung der Niederlassung• zur AuswancJerung zu ermuntern, sich darauf beschränken wird, die in jede: Hinsicht geeignetsten Elemente unten den zur Auswanderung tatsächlich Gezwungenen bei der Begründung einer neuen Existenz in wirtschaftlich rationeller Weise zu unterstützen. Neben der Förderung der Ansicdlung nach modernen I’rin* zipien und auf kommerzieller Basis wird cs zu den Aufgaben der neuen Organisation gehören, jene grossen jüdischen Kreise, die offiziellen Vertreter und sonstigen massgebenden Faktoren die der Kolonisation bis jetzt fern standen, insbesondere aber der Judeiilicit für die Idee dieses unerlässlichen Rettungs- Werkes zu interessieren: das jüdische Kapital, das an so vielen Kolonisationsiititerijcliniungen anderer Völker sich beteiligt, auch für die jüdische Kolonisation zu gewinnen. So soll die neue Organisation im wesentlichen eine vermittelnde Institution sein. die. falls ihre ersten Schritte mit dem erwarteten Erfolge gekrönt sein werden, die Bildung von Konsortien für grössere Koloonisationsuntcrueluiiuiigen landwirtschaftlich-industriellem Natur anregen wird. Auf Grund des Gesagten lassen sich die Mittel zur Verwirklicliniig der Bestrebungen der geplanten Organisation etwa folgciiderinasscn formulieren: 1. Die dauernde, geschlossene Ansicdlung der zur Ausw'anderung gedrängten Gruppen der jiidieheu Bc- ■völkcruug. 2. Alle anderen Massregeln. die zur Förderung des Zieles geeignet erscheinen und den Laudcsgcsctzcii entsprechen. Punkt 2 hat den Zweck, die neue Institution von jener statutarischen Kneblung zu befreien, die die bestehenden Organisationen bei der Entfaltung ihrer gemeinnützigen Tätigkeit zuweilen in empfindlicher Weise beschränkt. Fiir die Verwaltung der neuen Organisation dürfte folgender Modus vorzu.schlagen sein: Die Organisation etzt sich aus koordinierten, ln Jeder Hinsicht gleich berechtigten Landessektioneu zusammen. Jede Laudessektion wählt ein beratendes Komitee (Konscil) und einen Arbeitsausschuss (Exckutiv-Koniitee). Gleichzeitig wählen die Mitglcdcr der Organisation in allen Ländern durch ihre Delegierten einen Zentralrat. Diesem wird einerseits ein aus jüdischen Notabclu, sowie aus Vertretern jüdischer Grossgemeinden und Organisationen zusammengesetztes Kuratorjuni, andererseits ein mit einem Bureau verbundenes Zentral- Exckutiv-Komitcc beigegeben. Als Bezeichnung fiir die neue Vereinigung schlägt das vorbereitende Komitee vor: Allgemeine Jüdische Kolonisations-Organisation. X Kunasenau Krebsgang in Preussen Unter dieser Spitznmrkc hatte die ..N. J. K•*־ vor kurzem über den Fall des Dr. Julius Moses. Mannheim, berichtet, dem ein Referat fiir die Darmstädtcr Versammlung des Deutschen Vereines fiir Scliulgcsundhcitspffcgc wieder abgcnominell wurde mit der Begründung, wenn der Name Moses als Referent auf der Tagesordnung stünde, würde sich das P r c 11 s s i s e h e Ministerium auf keinen Fall in Darmstadt vertreten lassen. Herr Dr. Moses hatte in der ..Zeitschritt fiir Sehulgcsmidheitspilegc“ von vornherein sich nur über das ״Vorgehen des Vereiusvorstaudes“ beklagt, der sich ״eine schroffe Durchbrechung der Gepflogenheiten der wissenschädlichen Körperschaften‘* habe zu Schulden kommen lassen, und hatte damit gleich zu erkennen gegeben, dass er der von dem Vcrciusvorstande gegebenen Begründung keinen G 1 a u I) c n schenke. Es stellt sich nun heraus, dass diese Vermutung durchaus berechtigt war. Das prcusslsclie Ministerium erklärt nämlich jetzt, dass es von der ganzen Sache gar keine Ahnung hatte und niemals eine solche Bediugung iiir seine Teilnahme an der Tagung des Vereins für Scliulgcsundheitspflcge gestellt habe. Der Vorstand dieses Vereines hat sich also jene famose Begründung selbst erfunden und hat nun das Wort zur Rechtfertigung seines für du׳. Vorstand eines wissenschaftlichen Vereines in zwiefacher Hinsicht unwürdigen Vorgehens. Eine entsprechende Erklärung unter Anführung des ministeriellcn Schreibens wird in der nächsten Nummer der ״Zeitschritt für Schulgcsuudlieitspncge‘‘ von deren Redaktion veröffcntlicht werden. Bund jüdischer Studenien Der die ״Vereine Jüdischer Studenten“ an den deutschen Hochschulen umfassende ..Bund Jüdischer Korporationen“ (B. J. K.) blickt auf ein erfolgreiches Semester zurück. Mit seinen neun Kartcllvercinen *zwei Vereine an der Universität Berlin und je ein Verein an den Universitäten München. Bresalu. Strassburg. Freiburg. Königsberg. Marburg und au der Charlottenburger Technischen Hochschule), die insgesamt etwa Alitgliedcr zählen, ist er die ״ r ö s s t c j ii d i s c 11 e. S 111 - d e n t e n o r g a n i s a t i o 11 Deutschlands, und entsprechend der von ihm vertretenen Idee des selbstbewussten Judentums, die allmählich in alle jüdischen Kreise zu dringen beginnt, ist er in stetigem Wachsen begriffen. Die Grösse der Organisation legte dem Bunde die Verpiiielituug auf. auch fiir das spätere Fortkommen seiner Mitglieder zu sorgen, und da es überhaupt im fnte ■esse des B.J.K. liegt. Leute jüdischer Gesinnung auf verantwortungsvolle!,osten zu stellen, hat er im letzten Semester mit der Schaffung eines jüdischen Arbeitsamtes, d. 11. eines sich über ganz. Deutschland erstreckenden jüdischen Arbeitsnachweises fiir alle akadetnischeii Berufe, begonnen, cm Unternehmen, eins natürlich noch in den ersten Anfängen steckt, von dem aber schon jetzt gesagt werden kann, dass cs für die indische Kräfteverteilung und daher für das gesamte jüdische Lehen Deutschlands von weittragender Bedeutung werden kann. Wir werden über diese Institution, die natürlich nicht nur Mitgliedern des B.J.K. zugute kommen soll, seinerzeit ausfiilu lieber berichten. In den einzelnen Vereinen verging das verflossene in der gewohnten Weise. Fuxeitstundcn und Fuxcnpriiiuugen machten die jüngeren Mitglieder mit den wichtigsten Fragen der jiidisehen Gegenwart und den wichtigsten Dingen der jüdischen Geschichte vertraut. Kurse über jüdische Geschichte, hebräisehe Sprachkurse oder Pakistinakurse fanden in allen Vereinen statt, Diskussionsabeiule gaben den Mitgliedern der ein- /einen Vereine Gelegenheit, ihre Gedanken ausz.utauseheu und die von dem in Berlin tagenden Präsidium des Bundes heraus-