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Jüdische Rundschau · 1908-10-09 · Heft 41 (9.10.1908) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 41 (9.10.1908)
Date
1908-10-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 405 No. 41 Aber ich_ halte den Orient für ein vorzügliches Ansledtungsgebiet für die Juden, besonders letzt, wo die Türkei eine Verfassung und eine moderne Regierung erhält. Wir müssen eine Kolonisations-Organisation gründen, aber eine wirklich leistungsfähige, eine Weltorganisation. Die Vermögenden werden grössere Bet־äge spenden; aber auch die minder Bemittelten müssen dabei sein und ich bin überzeugt, dass selbst die Ärmsten gerne 5 Shill. pro Kopf cn♦- richten werden, und sei es gegen wöchentliche Abzahlungen. Die hervorragendsten Glaubensgenosse!! werden sich an die Spitze der neuen Kolonisations-Aktion stellen, aber wir diiricti nicht mit leeren Händen von sic liintreten. sondern mit einer gut vorbereiteten Organisation.11 Nach Annahme der bereits veröffentlichten Resolution, die die KolonisatinnsAngcIcgcnhcit dem permanenten vorbereitenden Komitee zur weiteren Veranlassung überweist, wurde die Drage der Beschauung eines 15 e t r i eb s f 011 d s für die unternonimeric Aktion besprochen. Auf Antrag von Dr. Alfred N o s s i g wurde eine I* inan z k 0 m nr i s s I o n mit dem Rechte der Kooptation zunächst aus folgenden Herren gewählt: Jules D re i f 11 s - B r od s k y - Basel. Hermann Landau- London. Kommerzienrat A. Lo c w e u b e r g - Berlin, Kommerzienrat A. Stern bc r.g > Breslau. Bankier M. A. S t r a u s-Karlsruhe. Namhaftere 15 ei träge fiir den Betriebsion d zeichneten bis jetzt: J. Dreyfus-Brodskv-Bascl. H. ‘Landau- London, A. Sternbcrg-Breslau. M. A. Straus-Karlsruhe. J. H. Ciiischm-Ahskau. Kommerzienrat M. Halpcrju-Kiew, J. Herz-Lodz. Kaiserlicher Rat L. Sachs-W ien. D. Wissotzky- Moskau. Komm.-Rat R. Gotz-Moskau. M. A. Spielmann- London. Dr. Schafi-Lcmbcrg. Gustav Tuch-Hamburg. Dr. Soimenschein-Troppnu. Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Aron-Berlin, S. Bergcl-Bcrliu. K. K. Baurat W. Stiassny-Wicn. Prof. Dr. (). Wa’rburg-Berlin. Dr. Paul Nathan-Berlin. K. K. Baurat O. Mariuorck-Wicn. Piof. Dr. Simonsen-Kopeuhageii Bericht über die Gründung einer neuen Jüdischen Kolonisations-Organisation. (Von dem Vorbereitenden Komitee an die Teilnehmer der Konferenz vom 20. Septbr. 1908 zu Berlin verschickt.) Die neue Jüdische Kolonisations-Organisation. Wir sind ierner heute in der Lage, das vertrauliche Exposee, welches das voibereitende Komitee an die Teilnch!11er der Berliner Konferenz vom 20. September vc־schickte, im Wortlaut zu veröffentlichen. Die jüdische Masseneinigration, welche unter dem Drucke der im europäischen Osten herrschenden Verhältnisse unablässig vor sich geht, bringt durch Bildung neuer Anhäufungen in be'cits dicht bevölkerten Gebieten die Gefahr einer liebertragung der jüdischen Frage nach den liberalen, überseeischen Ländern mit sich, ln der Tat sehen wir. dass diese Länder durch strenge liindcrungsmassregcln für die jüdischen Ein- Wanderer immer mehr sich versehlicsscn. Angesichts dessen sieht sielt die jüdische Wohlfahrtspflege zu einem System von Tätigkeiten ged äugt, die in ihrer Gesamtlieit — aber eben nur bei gfeiehmässiger Pflege aller Zweige zur Lösung der indischen Drage iiilircn dürften. Diese Tätigkeiten bestehen: I) in der Verbesserung der Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung in ihren Heimatsländern. 2) in der Regelung, d. 11. in der zielbewussten Verteilung des Lmigraiitenstromes. 31 in der planvollen Ansiedlung gcsclilossencr Gruppen der jüdischen Auswanderer und zwar auf noch dünn bevölkerten Gebieten, wo sic als bodenbesitzende und kulturfürdernde Bevölkerung eine uuangreifbare Stellung erringen können. Während nun die ersten zwei Tätigkeitszwcige. die Hauptaiifmerksamkcit der grossen Organisationen auf sich gezogen haben, ist das jüdische Ansiedlimgswerk bis jetzt bekanntlich um von zwei grossen Philamrupcn. Baron Edmund Rothschild und Baron Hirsch, ia grossem Stil in Angriff genommen worden. Wohl wurden in Russland. Deutschland und Oesterreich auch Kolonisationsvereine geschaffen, doch sind die durch sie vertretenen Leistungen der jüdischen Gesamtheit auf dem Gebiete der Ansicdlung trotz aller Verdienstlichkeit des Wirkens über enge Grenzen nicht liinaiisgeuangen. Ergibt sich schon daraus die Notwendigkeit der von der Konferenz Jüdischer Notabcln (Berlin 29. März 1908) ins Auge gefassten Vereinigung, so lassen andere Tatsachen ihre Schiitiung als überaus zeitgeniöss erscheine!!. Nach der bei jeder Kolonisation unvermeidlichen, hiiigjährigen Versuchspcrjode,! die nur dank hochherzigen Opfern iihcrstandcu werden konnte, | beginnen die jüdischen Kolonien in Amerika und Im Orient unter der gemeinsamen, rationellen Leitung der J. C. A. infolge der erfreulichen Ausdauer und der nicht mehr bezweifelbaren Eignung der Kolonisten zum Ackerbau bemerkenswerte wittschaftliclie und moralische Erfolge zu erringen. Nun ist der Augenblick gekommen, wo auch die jüdische Gesamtheit, an die Pionierarbeit Einzelner anknüpfend. das Kolonisationswerk mit Kollektivmittcln ausznbauen verpflichtet ist. Dieser Pflicht wenden heute auch die vorsichtigsten Elemente gern nachkommen, da es sieh nicht mehr tim Versuche mit ungewissem Ausgange handelt, sondern um ein geunau bekanntes, vielfach erprobtes wirtschaftliches Unternehmen, das auf geschäftlicher Basis mit Aussicht auf Verzinsung des investierten Kapitals betrieben werden kann. Bei ihrer Betätigung wird die neue Kolonisationsgesellschaft darauf bedacht sein müssen, im engsten Einvernehmen mit den bestehenden Organisationen und in Anlehnung an die Vorhaltdenen Entvvickliingszcutren in planvoll ergänzender Weise zu wirken; mit einem klar umschriebenen konkreten Arbcitspromanuu auf bescheidener Grundlage zu beginnen und nur nach Massgabc crciclitcr Resultate zu höheren Aufgaben aufzusteigen. Von diesen Prinzipien ausgehend, lässt sich zunächst über das Gebiet der kolonisatorischen Tätigkeit der neuen Organisation folgendes sagen: Das an1e־ikaniscl1e Kolonisationswerk ruht in den Händen der J. C. A.. die auf Grund ihrer Satzungen ihren Wirkungskreis speziell auf diesen! Kontinent plann.ässig erweitert. Hier ist das Eingreifen einer neuen Organisation nicht von Nöten. Um so dringender ist es auf dem zweiten jüdischen Kolonisationsgebiet, nämlich im Orient, erwünscht. Wohl betätigen sielt liier die meisten jüdischen Organisationen, jedoch nur aui humanitärem und kulturellem beide. Diir die wirtschaftliche Existenz der einheimischen jüdischen Bevölkerung und der jüdischen Einwanderer ist bis letzt nicht genügend gesorgt. Dieses Gebiet tritt gerade in der letzten Zeit mehr in den Vordergrund, da der Westen für die hidischcn Imüerautcn unzugänglicher wind während hier ein Kreis fruchtbarer, äusserst schwach bevölkerter Länder der Einwanderung und kulturellen Entwicklung harrt. Neben Syrien und Palästina, wo es bereits emporbltihende jüdische Dorier gibt, gilt cs jetzt auch die nordöstlichen Grenzstriclie Ägyptens für unsere Glaubensgenossen zu erscliliessen. Als Hinterland von beinahe unbegrenzter Aufnahmefähigkeit kommt dann Mesopotamien in Betracht. Die dringende Notwendigkeit, neben den bereits überbillten überseeischen Judenzentren ein zweites Abflussgebict für die Massencmigration zu schaffen, die geringe Entfernung des orientalischen Länderk״e!ses von den Ausgangspunkten der Auswanderung, die daraus resultierende Billigkeit der Übersiedelung — kostet doch die Reise von Odessa nach Jaffa mir 24 Mark, nach New.York 150 Mark — vor allem aber die günstigen Bedingungen, die unsere Glaubensgenossen notorisch unter der judenfreundlichen türkischen und englischägyptischen Regierung iindtn hat denn in den letzten Jahren eine spontane jüdische Einwanderung und Kolonisation tn diesen Ländern veranlasst. Damit ist die jüdische Kolonisationsbcvvegung in ein neues Stadium getreten. Hier eröffnen sich neue und wichtige Aufgaben mit denen sie'!! keine der bestehenden Organisationen befasst. Betrachten wir den Charakter dieser spontanen Orientkolonisation, so fallen uns nachstehende bedeutsame Merkmale ins •Auge: cs handelt sich um die Einwanderung ziemlich bemittelter Elemente, die gewisse Dachkenntnisse initbringeu und vorwiegend nicht landwirtschaftliche, sondern industrielle Betriebe griinuen. Wir stehen heute au der Schwelle der Industriellen Kolonisation, de־ sich erfreuliche Aussichten zü eröffnen scheinen. Dies ergibt sich nicht nur aus dem Erfolge der neugesehaffenen Etablissements, sondern auch aus der Erwägung der vorhandenen Bedingungen. Während die landwirtschaftliche Produktion im türkischen Reiche mit den höchsten Abgaben belastet wird, ist die Industrie, völlig steuerfrei. Der früher allzu niedrige Einfuhrzoll von 8 pCt. wurde durch Erhöhung auf J1 pCt. zum wirksamen Schutzzoll, ׳ während gleichzeitig der Binnenzoll auf 8 pCt. erniedrigt wurde. Wi'.hreud ferner die landwirtschaftliche Koloniyition bei erheblichem Kupitalaufwamlc mir einer relativ gerangen Menschenzabl in langsamen! Tempo zur Existenz verhilit. vermag die industrielle unter Investierung geringerer Mittel einer grösseren Anzahl von Familien rascher ein auskömmliches Dasein zu sichern. Schliesslich eignet siel! das auswandernde Mei'schcnmaterjal zunächst wesentlich besser für die Industrie als für die Landwirtschaft. Die russisch-jüdische Bevölkerung hat sich bekanntlich in gew issen Industrien, wie die Kleidermanufaktur, die Zucker-, Bürsten, Schuh- und Zigarettenfabri-

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