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Jüdische Rundschau · 1908-10-09 · Heft 41 (9.10.1908) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 41 (9.10.1908)
Date
1908-10-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 404 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 4 t dg$־ wiwi'ge, vielleicht nicht einmal das eigentümlichste Merkmal ist die Religion. Zwischen dem westeuropäischen Kultur- Juden und dem polnischen Talmudjuden beispielsweise gibt cs keine spezifisch icliciöscn Berührungspunkte; manchmal haben die beiden selbst den väterlichen Gottesglaubcn nicht mehr gemeinsam. Öemeinsam aber haben sie eine ganze Reihe (wohlbekannier) nationaler Eigentümlichkeiten körperlicher und geistiger Natur, gemeinsam auch die Erinnerung an ilrc Vergangenheit, ihre Geschichte. Und da diese Geschichte eine Leidensgeschichte ist, eine Geschichte der Verfolgung und Unterdrückung, so ist den Juden daraus ein schönes Solidaritätsgefühl erwachsen, das ihnen keineswegs zur Unehrc gereicht und das ihnen kein rechtlich denkender Christ vernrgen wird. Dieses Solidaritätsverhältnis, in dem aui Grund konkreter Stammesgemeinschaft die Juden zueinander stehen, schlingt um sic ein festeres Band als etwa der ideale Kitt eines angeblich gemeinsamen Gottesbewusstseins es vermöchte״ Die zionistische Idee verdankt also ihr Entstehen der Einsfcht in das Wesen des Judentums, der Einsicht, dass das Judentum eine Nationalität ist, deren Kern durch den ״Zaun'* des Jüdischen Gesetzes geschützt, trotz den Stürmen der Diaspora unversehrt geblieben־ der zionistische Gedanke ist das legitime Kind der Wissenschaft des Judentums. ~ Jedes historische Ereignis hat seine Ursachen und seine speziellen Anlässe. So verhält es sich nnturgcmäss auch mit der zionistischen Bewegung. Ihre Denker und Bahnbrecher nun sind zwar unbestreitbar über die antisemitischen Anlässe hinausgewachsen; .’aber ebenso unbestreitbar ist. dass die zionistische Agitation aus eigener Kraft niemals eine so beträclitlichc Volksbewegung hätte entiachen können, wenn nicht , der Antisemitismus den Zündstoff bereits zum Glühen gebracht * hätte. Das Hep-Hcp hat den zionistischen Gedanken weder geboren noch bedingt, aber cs bereitet mit der Kraft einer Dampfwalze den zionistischen Ofiizlieren das Gelände zur Truppenwerbung. Die rasche Propaganda, die Gesehwindigkeit der Ausbreitung, nicht aber die Existenz des zionistischen Gedankens hängt vom Antisemitismus ah. Der zionistische Gedanke würde nicht sterben, wenn der Antisemitismus stürbe. Der Antisemitismus stirbt nicht; er ist unsterblich. Wer die historischen und psychologischer! Ursachen des Judenhasses kennt, wird dieser Behauptung beistimmen. Hern Wiener wird Ihr mcht beistimmen. Vorerst muss er noch gründlich siel! über die geschichtliche Punktion des Juden in der politischen und sozialen Ockonomic informieren; und vor einer grösseren Ocffentlichkcit nicht wieder einen solchen Vorschlag zur Beseitizung־ des Judenhasses Vorbringen; ״Die leitenden Gesetzgeber sollten ein für allemal dieses Unkraut (!) endlich auszureuten suchen.“ Herr Wiener, eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr . . . Ganz treffend aber urteilt Herr Wiener, wenn er im Zioiiismus ein Dissidentcntun! erblickt. Die Zionisten sind sogar die ״Dissidenten des Judentums“ pur. exeellence. Ein juristisch interessanter Artikel des ״Dissidenten" (Jahrgang I. No. -1) stellte ausdrücklich fest, dass Dissident im Rcciitsiune derjenige ist, der aus einer Kirchengemeinschaft ausgeschieden und sich keiner andern angeschlossen hat. Wie seine oben dargclcgtc Entwickelung lehrt, wurde der zionistische Gedanke erst reif, als philosophische und naturwissenschaftliche Kritik das religiöse Dogmengebäude niedergerissen hatte. Der modern gebildete Jude kommt zum Zionismus, indem er das jiidisdhc Kirchcntuni überwindet. Zwischen orthodoxen und liberalen Rabbinern sicht er nur ein Unterschied in der Tularfürhimg. Sic sind alle beide Pfaffen, wofern sie eine mosaische Konfession predigen; und der zionistische Freidenker hat fiir sie eine ähnliche Sympathie wie Goethe für Wanzen, Knoblauch und +. Mit dieser Versicherung' möchte Schreiber dieser Zeilen sich von Herrn Wiener verabschieden. Konferenz jüdischer Notabein Die ״N. J.K.“ erhält über die Verhandlungen der Allgemeinen Jüdischen Kolonisationskonfcrcnz. die vom 19.—21 September in Berlin tagte, einen ausführlicheren Bericht. (Die Konferenz hat sich, da sie ihre Aufgaben nicht nur auf das Gebiet der Kolonisation beschränkt, einen allgemeineren, allerdings wenig glücklichen Namen gegeben.) Der Konferenz w׳ar Sonnabend, dem 19. September ein Begrüssungsabend in; Restaurant S. Bresla״ vorangegangen, der bereits die Mehrzahl der Konferenzteilnehmer vereinigte. Die Vonnittagssitzuag der Konferenz am 20. September war der Frage des Z u s a m in c n s c h 111 s s c s der jüdischen Organisationen gewidmet. Nachdem Justizrat Dr. Maximilian Horwjtz die Anwesenden begriisst, hob er mit Wärme hervor, dass, wenn die gegenwärtige Konferenz zustunde gekommen sei und die geplante Aktion auf Erfolg hoffen könne, dies in erster Linie der!׳nmnüdlicheii organisatirischen Arbeit Üres Initiators Dr. Alfred N ossig zu verdanken sei. Es wurde hierauf ein Bureau gewühlt, bestehend aus den Herren Justizrat Dr. M. Horwitz als Vorsitzenden. K. K. Baurat Stiassny-Wien als zweiten! Vorsitzenden. Hermann I. a 11 d a 11 - London, Prof. Dr. M a ״ d c 1 s t a tu n! - Kiew, Prof. Dr. Ludwig Stein-Bern. M. A. Spiclmann- London. Nach den! Referat von Dr. Alfred Nossi״ über den ״Zusammenschluss der Organisationen", dessen Hauptteile in einem folgenden Bericht veröffentlicht werden sollen, wurde auf Antrag von Dr. Paul N a 11! a n zunächst darüber beraten, oh eine Gcsamtorgauisation zweckmässig sei. hierüber über die Frage, .w eiche Aufgaben der (;esamtorganisntion zuzuw eisen seien. Professor Dr. Stein-Bern: ״Auf dem Boden ifcs Vor- Schlages der JCA lass; sich ein Ausgleich der Meinungen noch niclit erzielen. Fr forderlich ist ein permanenter Arcopag der Jndcnficit. der mindestens zweimal jährlich zur Besprechung aller notwendigen Fragen, vor allem zur Abwehr drohender Gefahren, Zusammentritt und In dem sämtliche Organisationen gemäss ihrer Stärke vertreten sind.“ Professor Dr. P 11 i I i p p s <1 ׳! u - Berlin. ״Die Tätigkeit tler ücsamtorgunisatien soll sich nicht lediglich aui Abwehr erst ״ecken, sondern vor allem in positiver, schöpferischer Wirksamkeit gipfeln, der Hebung der Wirtschaftliehen und kulturellen Lage unserer (ilaubensgeitnsseu im Osten gewidmet sein.‘־ Dr.!,aui N a 111a!!-Berlin: ״Der Zusammenschluss der Organisationen daii niclit so •gedacht sein, dass sic alle in der neue;! Ccsanitoiganisati■• n auigciicn. Die Arbeitsgebiete de: einzelnen Ojgan:>at!׳>ne1: müssen ahgegrcti/i und ihre Selbständigkeit gesichert sein. Es genügt eine weitgehende int e r e s s •e u g e in e i 1! s c 11 a i t. In dem Ausschuss muss auch eine Vertretung aller derer :!״gestrebt werden, denen geliehen werden soll, der Russen. Rumänen etc. Ai>er auch die Vertretung der ,Länder ״lme grosse Organisationen ist erforderlich. Au: eine proportionale Vertretung der Organisationen kommt es nicht an. da eine Majorisierung ausgeschlossen ist. H a u p t;«•a c I; c ist die Vertretung alle r“. An der weiteren Diskussion beteiligten sich die Herren Dr. B e 11 d i n g e r - Prag. Baurat O. M a r in o r e k -Wien, Dr. Pas!11 anik - Genf. Gell. Rat ׳ P i 111! e r - Berlin. Landtags- Alg. Dr. C o 11 n - Dessau. Dr. F. O p p e 11 h c i m c r ־ Berlin. Rechtsanwalt Dr. K l e c - Berlin, Kommerzienrat Benj. Hirsch-Haibcrstadt u. a. In der Nachmittagssitzuug wurden zunächst MassrCgchi zur Durchführung der einstimmig angenommenen, von Dr. P. Nathan cingebrachten und von Professor Philipps o I! n amendierten Resolution beraten und vertrauliche darauf bezügliche Beschlüsse gefasst. Hierauf trat man in den zweiten Teil der Tagesordnung ״Kolonisatorische W i r k s a in k c j t der A J l g' c - meinen Jüdischen K 0 b 0 n i s a t i 0 ח s - 0 r g a!1 i s a*- t i 011 * ein. Nach den Referaten von Dr. Alfred א o s s i g ״Leitende Ideen und Arbeitsplan der A.J.K.O.“ und Dr. Ci. H c y m a n n - Berlin (in Vertretung des Herrn Oskar Wassermann-Berlin) ״Jüdischer Industrie-Krcditfoiul'*, die in weiteren Berichten auszugsweise veröffentlich werden sollen, entspann sich eine längere Debatte, an der sich hauptsächlich nac!־.- stehende Herren beteiligten־ Dr. H. Hildes 11 e i 111 er- Herlin. Dr. Edmund K o 11!1 - Wien. Prof. Mandclstaiimi• Kiew. Och. Reg.-Rat Prof. Dr. A r o 11 * Berlin. Hermann Landau- London. Professor M a 11 ei e I s t a 111 m - Kiew begriisst mit Genug- (innig den Umschwung in der Türkei, dun cs zu danken sei. dass zunächst die Palästina-Kolonisation erhebliche Fortschritte machen könne. Diese genüge jedoch nicht zur Lösung des östlichen Gliettoprohlems. Dazu sei die Erschliessung eines viel grösseren Gebietes, etwa Mesopotamiens, fir die Jude.! ei lorderlich. Redner Imiit. dass sämtliche Organisationen im Verein dieses Werk unternehmen werden. Geil. Reg *Rat Prof. Dr. A r o n - Berlin; ..Wenn ein so gewaltiges!Werk wie die Besiedelung eines Gebietes durch Juden in Angriff genommen wird, so muss cs auch eine neue Epoche inaugurieren. Die jüdische Kolonisation muss auf geiiossenschaftliclier Grundlage sich aiiihaiieu." Hermann L a 11 d a u - London: ״Ich kenne genau den armen jüdischen Mann und weiss. was ihm Not tut. Ich keime auch die beiden jüdischen Kolonisatiousgcbictc Amerika und den Orient. In Amerika werden die Emigranten bei der Landung in empörender Weise behandelt. Argentinien I ist ein moralisch versumpftes Land. Ich habe die politi* 1 sehen PI ü n c der Zionisten stets b e k ä m pf t.

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