Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1908)
- Date
- 1908-10-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Seile AÖi 1 No. 41 -r־ volkstümliche Übungen ab. Abends wird unter dem Gesang hebräischer Lieder heimwärts marschiert. Häufig bildet auch der gemeinsame Dreschplatz der einzelnen Kolonie den Vcrsammlungsort. Am schönsten aber sind die Volksfeste, die bereits zu einer; ständigen Hinrichtung geworden sind und an unseren jüdischen l’reudcniesten die Jugend Jaffas und der Kolonien zu frohem Wettkampf vereinen. Pferderennen, Preisschicsscn, Wettlauf, Springen und Ringkampf sind die belichtesten Konkurrenzen. Zu Pessach kamen die Schüler des Gymnasiums von einem Fcrien-Ausflug'c heitukehrend gerade zur rechten Zeit auf dem Festplatz in Rechobotli an, um durch Vorführung von Frei- und Ordnungsübungen den Festteiliichmcrn ihr turnerisches Können zu beweisen. Der Eindruck dieses improvisierten Schauturnens war ein ausserordentlich starker und wird auch den Kindern ווו stolzer Erinnerung bleiben. Zu Lag-B’otner wurde seitens des Jafiaer Arbeiter- Vereins Ha-Poel Ha-zair in Mikw ch-Jisracl bei Jaffa ein gleiches Fest abgchalten.!״Jerusalem wird an der Lämelschulc und am Lehrer- Seminar geturnt. Die Schüler des Seminars bilden einen Vcrein ...Moriali“, bei dessen geselligen Veranstaltungen turnerische Vorführungen niemals iehlen. Mädchcniuriicti wird bisher nur am Jafiaer Gymnasium betrieben. Als man vor Jahren zum ersten .Male zusammentrat, um einen eigenen jüdischen Turnverein zu. gründen, da mag manch einer gleich unserem Herz! in seinem Werke ״Altneuland“ sich das Bild iroher palästinischer Juden bei gymnastischer Übung erträumt haben. Heute erinnern wir uns der Worte Hetzl's: ״Traum ist von der Tat nicht so verschieden, wie mancher glaubt. Alles Tun der Menschen war vorher Traum und wird später zum Traume.“ Aus: JÜDISCHE TURNZEITUNG. Die Dissidenten des Judentums Eine Replik von Max Wesiliauser.*) Am Schluss einer Artikelse־׳ie über die Dissidenten des Judentums brachte S. Wiener in dieser Zeitschrift jüngst gegen den Zionismus einige kritische Bemerkungen vor, die einer sachlichen Richtigstellung dringend bedürfen. Herr Wiener behauptet, der Zionismus sei eine Folgeerscheinung des neu uiiflciieiidcn Judenhasses, ein Scliachzug. und dazu noch ein törichter Scliachzug gegenüber dem Antisemitismus. Diese Behauptung stellt sich als unhaltbar heraus, wenn mau aut die Entstehungsgeschichte des zionistischen Gedankens genauer eingeht. Alle geistige Arbeit der Jahrhunderte, erscheint bei den Juden in Form einer Interpretation zur Bibel, als Illustration zu Bibelstellen, als Hilfswissenschaft im Lchriiause der Thora. Was anderwärts sieh als religiöses, iiationalgescliichtliches und allgemein menschliches Fachwissen scheidet, das war im Judentum ineinander verflochten und vollkommen identisch. Das Volk der Bibel hatte keine Religion im Leben, sondern ein Lehen in der Religion. Und diese Religion war der Kultus der Nationalität. Als der jüdische Staat von der Uebermaeht der römischen Legionen gesprengt wurde, hat man die natioaalen Begriffe zu religiösen Formeln sublimiert, um sie in der Idee bcihehalten zu können, was das historische Verdienst des Rabbi Joclianan bcu Sakkai ist. Durch diese Sublimierung nationaler Verhältnisse in religiöse Kulturfornien entstand der scheinbare Widerspruch, dass die frommen JuJen in ihren Gebeten dem Herrn und Schöpfer für Feldiriichte dankten, die sie weder gesät, noch geerntet hatten, und dass sie zur Bchauung der Aceker um Tat: und Regen flehten, wo in unser״ Breitegraden die Natur in Eis und Schnee starrt. Der ganze Kultus war eben au kanaanitischen Bodenverhältnissen orientiert. was ohne die Substitution der nationalen Idee ein vollkotnmener Widerspruch wäre. Es fiel demnach Rabbi Jochanan und seinen Mitarbeitern nicht im Traum ein, das Judentum zu vergeistigen: sondern sie habet! den als Provisorium *) Wir entnehmen dem DISSIDENT diesen Artikel, um unser!! Lesern ein Bild zu geben, wie an anderer Stelle über den Zionismus diskutiert wird. gedachten svnogogalcn Ritus einfach paUistinisicrt. Denn, so wähnte ihr hofinungseliger Chilialismus, morgen wird der Messias kommen, um uns in unser Land zurückzuführen .und unsern Tempel wieder aufzubauen. Auf diese Weise blieb trotz gelegentlichen Schwankungen in! öffentlichen Gottesdienst der Synagoge die intime Mischung religiöser und nationaler Bestandteile bewahrt und wahrend der Jahrhunderte des Exils sorgfältig aufrecht erhalten. Mit der beginnenden Neuzeit wurde aber diese Einheit aufgelöst, als fortschrittlicher Geist und Aufklärung auch unter den Juden sich zu regen begannen. Hier ist der Name Mendels- Mhns zu nennen. Von seinem Auftreten datiert ein Um- Schwung im Geistesleben der deutschen Juden, die Anteilnähme an profaner Wissenschaft und europäischer Zivilisation. Dennoch wäre cs verkehrt, den guten Moses aus Dessau als grundsttirzenden Neuerer aufzuiassen. Von den drei Männern, die das Judentum in rcligions- und gesellschaftspolitischer Hinsicht in neue Bahnen gelenkt haben, Joclianan ben Sakkai, Mendelssohn und Theodor Herzl. ist der Verfasser der Morgenstunden sicher nicht der am wenigsten unterrichtete, sondern vielleicht der. gelehrteste, nicht der impliilophischstc. sondern vielleicht der tiefste Kopf. Aber er bcsass nicht die Macht der Persönlichkeit, die den Budapcster Journalisten auszeiclilitte und zu weltgeschichtlichem Wirken berief. Die Ikdeutimg Mendelssohns 1'iir die Juden liegt auf religionsphilosophiehern Gebiete, und sic beruht darin, dass er die natürlichen Kräfte der menschlichen Vernunft für hinreichend erklärte, um uns von den ewigen Wahrheiten zu überzeugen. Mit dieser Erklärung wird selbstverständlich jeder Onenhariingsglaube überflüssig. Diese Schlussfolgerung zog er aber nicht, sondern er iibcrkleistcrte den Konflikt zwischen seiner rationalistische!! Philosophie und der orthodoxen Tradition mit der These, Gott habe am Sinai nicht eine neue Wahrheit offenbart, sondern bloss ein neues Gesetz verkündet. Hiermit verlegte er den Schwerpunkt des Judentums ins Zeremoniell. Ein Ritualg'csetz. mit seinen Verordnungen das Dasein umspannend, von weder geschorenen noch gescheitelten Rabbinern bis in die vcrschwicgensten Details ausgearbeitet unter liebevoller Berücksichtigurtg der Begriffe: Sabbath, Koscher und Venusberg auf den bürgerlichen Hausgebrauch zugcschnitteu, das sollte fortan das Judentum sein! Dementsprechend machte man nun die Synagoge zum Mittelpunkt des jüdischen Lebens, dem Rabbiner zog man Kutte und ßäifchen an und stempelte ihn zum Priester von sakramentaler Weihe: die Verkircltlicliung des Judentums war vollbracht. Die Inszenierung einer jüdischen Kirche war jedoch kein Werk von Dauer. Mendelssohn war zwar all sein Lebtag ein gesetzestreucr Jude geblieben, aber seine Anhangr und Nachiedger benahmen sich, nachdem einmal der Weg zu den Quellen moderner Bildung gewiesen war. weit weniger schüchtern als der Meister. Der Abfall vom Glauben der Väter wurde infolge der überraschenden Ergebnisse modernen Forsclicrficisses ohnehin stark beschleunigt. Die religiösen Dogmen verdampfteil im Schmelztiegcl philosophischer Dialektik, und die Natur- Wissenschaften itn Bunde mit der kritischen üeschichtsauifassung richteten ihre konzentrierten Angriffe auf die Theologie. Das Resultat ist bekannt. In hellen Haufen wandten die geschäftlich nicht interessierten Gebildeten der bestehenden Religion den Rücken; die ülaubcnskraft und Glaubens- Inst der guten alten Zeit ist jedenfalls dahin. Man muss es den gemiitsticien Weibern beiderlei Geschlechts überlassen, diese Tatsache zu ignorieren: und kann ihnen im übrigen mir mit Spinoza sagen: ignorantia non est argumentum. Mit der Zerstörung seines Lehrgebäudes war im Sinne der Memlelssolmschen Doktrin das Judentum überhaupt aiiigehoben, und es kennzeichnet nur die innerliche Halbheit der jüdischen Reform, wenn sie für ihren imjiidischen Sonntagsgottesdienst die Kulturfermcn dem verlästerten Rabbiiiisimis entlehnte. Der, Rückschlag konnte nicht ausbleibeu. Herbeigeführt wurde er durch die Männer der Wissenschaft des Judentums. Genannt seien die Namen: Zimz. Luzzato, Krochmann. Grütz. Den tiefer schauenden Juden war es nämlich längst klar geworden, dass die theologische Ausdeutung des Judentums als einer KircUcugcmcinschuU in! Prinzip ein Fehlgriff war, indem die Theologie im Judcntmue zwar eine grosse Rolle spiele, aber keineswegs sein Wesen ausmaclie. Sie erkannten, dass das Judeiitiim keine dogmatische Religion, soudem ein nationaler Kultus, dass man Jude nicht durch Glaubensbekenntnis. sondern durch Abstammung ist. Der Jude wird als Jude geboren. Nicht der zeremonielle Akt der Boschncidimg macht lim zum Juden, die Aufnahme in die Gemeinschait Israels ei folgt in der Stunde der Geburt. Die Judenheit ist mithin eine Staininesgenosseiisehaft. das Judentum die Summe aller dieser Stanimesgeiiosscnschutt zukonmiendeii volkspsychologiselien Merkmale. Ein überragendes, aber nicht