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Jüdische Rundschau · 1908-10-02 · Heft 40 (2.10.1908) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 40 (2.10.1908)
Date
1908-10-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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tJo. 40 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3t>1 Jude ,dem die KinJerstube die wichtige Mitgabe nicht bcschert und der spater in der unangenehmen saloppen Art weiter verkehrt hat, zeigt einen ganz anderen Typus; hochniiitiji dem sozial unter ihm Stehenden gegenüber, ungelenk — ich bin an der Klippe angclangt — im Verkehr mit Nichtluden. Sie sehen, nach welcher Richtung i c!1 die Bekämpfung des Antisemitismus anstrebe: Keine Angriffsfläche bieten! Da ich nun zu meiner Freude weiss. dass in! K.Z.V. diese Grundsätze gepflegt werden, getreu dem zionistischen Programm, so sind wir bis hierhin ia einig. Diese Einigkeit liürt auf, sobald wir zur Kritik der paritätischen Korporationen kommen und vor allem zur Beantwortung der Frage, ob diese innerhalb def jüdischen Studentenschaft berechtigt sind oder ob sic bis zu ihrer Vernichtung bekämpft werden müssen. Nun, das letztere ist nicht gut möglich: denn, wie ich schon betont habe, hält sich eine überwiegend grosse Anzahl einwandfrei guter Juden noch ausserhalb der jüdischen Prinzipientrias der K.C., B.J.C. und K.Z.V. Sie werden, soweit sie überhaupt Neigung zum Verbinduugslehcn haben, in den sogen, paritätischen jüdischen Verbindungen ihr Unterkommen finden! Diese auf qualitativer Höhe zu halten, ist die Hauptaufgabe der einzelnen Körperschaften. Dass hieraus das Ansehen der gesamten Judenschaft Nutzen zieht, kann nicht geleugnet weiden. Ausschreitungen irgend welcher Art können nur ausnahmsweise sich zeigen, ändern aber, woiern sic rechtzeitig und gründlichst abgesteüt werden, nichts an dem Grundsalze, jüdischen Studenten in iiidisehem Kreise von Kommilitonen die Möglichekit zu gewähren, ein sorgenfreies fröhliches Siiidentenlebcn zu iühren. Ihre Leistung ist eine anerkennenswerte,wenn es gelingt, die Mitglieder so zu erziehen, dass sie als Juden sich Anerkennung beruflicher und gesellscliaftlieber Art ertingen. Zur ״jüdischen Arbeit“ sind, aber nicht alle geeignet. Und die für sie keine Neigung haben, brauchen deswegen immer hoch nicht ungeeignete faule Glieder des jüdischen Körpers zu sein. Sonst kommen wir mit logischer Sicherheit zu der Konsequenz, dass wir Juden, nach Gruppen und Griippchcn ge* trennt, einander zerfleischen. Sollen wir. die wir Jahrzehnte lang das Thema Toleranz bis zum Ucbcrdruss abgedroschen haben, jetzt aniangen, die Intoleranz zum Grundgesetz des Verkehrs innerhalb der Judenschaft zu machen? Ich glaube, midi stets frei gehalten zu haben von Versuchen. Unschönes am und im Judentum zu beschönigen, daher verurteile ich singuläre Vorgänge, wie die bezüglich der Thuringia geschilderten aut das schärfste.. Sie stören mir aber das Gesamtbild nicht im entferntesten, welches sich mir durch ununterbrochene Beobachtung seit meiner Aktivitätszcit so darstelt, dass auch die paritätischen Korporationen eine grosse Anzahl von guten Juden der Gesamtheit erzogen haben,׳ auf welche diese stolz sein können. Mögen alle Richtungen im Judentum, deren es ja stets recht viele geben wird, sich auslcbcn: wir müssen sie tolcrierett, solange sie ethisch und ästhetisch den Ansprüchen geniigen, welche der ethisch und ästhetisch anspruchsvollere Teil der Juden und der gesamten bürgerlichen Gesellschaft an uns stellen. Aueli ich würde mich freuen, sähe ich alle jüdischen Akademiker bei ,.jüdischer Arbeit', Ein pium desiderium! Bekämpfen wir die Ausschreitungen unter uns und gegen uns, arbeiten wir an uns und für das Ganze, tolerieren wir alles, woran wir eine Mehrung iiidiseher Kraft erkennen, marschieren wir. alle die verschiedenen Richtungen, veschiedene Wege, aber einigen wir tuis am Treffpunkte, welcher repräsen-־ iiert wird durch den Begriü der kulturellen Hebung unseres Volkes. Auf dieser Basis werden wir uns lioffuntTich einigen! D r. ni e d. Carl Kassel. Posen. Kunasenau Der galizische Landtag Leinberg. Die unpolitische Gruppe des galizischen Landtages brachte einen Wahlreforinantrag ein. in welchem sie das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht und zum Schutz.c für die polnischen Minoritäten in Ostg'alizicn einen nationalen Wahlkataster verlangte. Dieser Antrag sieht ziemlich dannkratisch und gerecht aus. Er birgt dennoch Ungerechtigkeiten ärgster Sorte in sich. Dem Terror und der brutalen Vergewultigung sollen somit nach wie vor Tür und Tor geöffnet bleiben. Der nationale Kataster ist für zwei Nationalitäten '» gedacht. Die Juden sollen also gezwungen werden, «ich ln den polnischen Kataster einzutragen, um bei der Majorisicrung der Ruthcncn mitzuhelicn. Das Schicksal dieses Antrages ist unbestimmt: wahrscheinlich werden aber die Konservativen dafür sorgen, dass seine perfiden Bestimmungen bcibchalten, seine fortschrittlichen hingegen abgelclmt werden. Das allertraurigste für uns Juden aber ist, dass wir im Landtage keinen Vertreter haben, der unseren Forderungen Ausdruck verleihen würde. Die Hausjuden, die dort sitzen, werden schweigen und allem zustimmen, was die Herren in bezug auf die Juden zu' verfügen für gut befinden. Die sonst in der Bekämpfung der Zionisten so redseligen Volksbegliicker verstummen in Gegenwart des ..Puritz“. Wenn sie schon irgend welche Schritte im Dienste des Volkes unternehmen — wie zutn Beispiel Herr LüwcMKtein,‘ der au der jüdischen Nofdbelenkonferenz am 2". September in Berlin teilnanm — so geschieht es aus Furcht vor der zionistischen Kritik. Dies ist etwa keine Mtitmassung seitens der Zionisten, sondern ein Geständnis des Herrn l.öwcnstcin. Er hat nämlich im Gesprach mit einem Journalisten erzählt, dass er nach Berlin lahre, ״denn sonst werden die Zionisten sagen, dass sie allein fiir das Vnlkswohl arbeiten.“ Diese Furcht vor der zionisischen Kritik reicht aber gerade dazu hin, um sich vor Juden als ״Vertreter“ jüdischer Interessen zu gerieren; im polnischen Landtag wird. Gott behüte, von jüdischen Sondcrinteressen Lein Würtlein gesprochen werden, denn den polnischen Herren von Antlitz zu Antlitz gegenübertretend, verlieren unsere!’״len mosaischer Konfession den Mut und ihr Herz füllt ihnen viel tiefer als die Weste reicht. 1 GalizLche Praxis Lemberg.!חסל an den galizischen Schulen herrschenden Antisemitismus illustriert folgender Vorfall. Am 1U. v. kam ein gewisses Fräulein Babad in eine fast von jüdischen Kindern besuchte Volksschule, tun ihr kleines Brüderchen einzuschreibe׳!. Der Schulleiter. Herr Malski, ein Bruder des antisemitischen SMIGUS. weigerte sich aber, das Kind, weil es Ohrlöckchcn trägt, aufzunclunen und fuhr das Fräulein Babad barsch an: ״Die Schule ist nicht jüdisch: es wäre nur, als einem Katholiken, eine Schande. Leiter einer Judenschule zu sein. Kinder orthodoxer Eltern nehmen wir nicht an.‘־ Es blieb dabei und der kleine Babad wurde nicht aufgenonimen. So sieht die Gleichberechtigung der Juden in Galizien aus. So oft man die Juden notig hat. überiüesseu die polnischen Machthaber vor lauter י ersprechungen. Die Verwaltungsbehörden hingegen, von der Staubalterei bis zum Stcuerarnt. lassen keine Gelegenheit verübergehen, um die Juden zu schikanieren und sie wie das liebe Vieh zu behandeln. Die Majorität der polnischen Ge- Seilschaft ist eben durchwegs judenfeindlich. Die Liebe, welche die jüdischen Polen der polnischen Nation entgegenbringen ist daher nur einseitig, sie wird nie gegenseitig werden. Die Cholera als Hetzmittel gegen Juden und Intellektuelle In diesen Tagen, da die Volksphantasie durch die grausigen r.ilebnisso ohnehin besonders überhitzt ist. treibt die schwarze I resse mit Rücksicht auf die aktuellen Vorgänge eine sehr gefährliche Agitation. Die russischen ״Patrioten" habe» es iiämliclt licrausgcfmidcu. dass die Cholera von den Juden und 'Vie dürfe es geschehen, klagt die RUbSKOJh SNAMJ \, dass Juden, die ..schon dem Wesen ihrer religiösen Lehren nach unmöglich wissenschaftliche Sanitätsärz.tc sein können." als solche zur Verwendung kommen? Was aber die Intellektuellen im allgemeinen aubetreffe, so habe nmn ihrerseits im Laufe der Jahre so viele Gemeinheiten und Verbrechen gesehen, dass man aui den Gedanken komme, ob nicht auch in der Cholerafrage das Prinzip ״ie schlimmer, desto besser“ befolgt werde. ״Das Volk stirbt. Es solle etwas geschehen. Und was zu tun sei. das weiss jedes Kind. Weshalb wird es nicht vollbracht?" Und die Leser der RL'SSKOJE SNA Al JA verstehen sehr wohl diese Sprache. Durch eine ständige Schule eifriger Hetzpropaganda hindurch, die oft genug die Winke fallen lässt und zu richtigen!,0-*״01־aufforderungen übergeht, haben es die ״patriotischen" Massen gelernt, sofort za begreifen, wenn von Tun und Vollbringen die Rede ist. Die Jünger des eehtrussisehen Ver- Landes wissen es ohne weiteres, dass darunter die gewaltsanie Abschaffung der Verfassung und die Ausrottung der Juden gemeint sei. Denn d״.scr Leitsatz wird bei jeder noch so unpassenden Gelegenheit den Verbandsmassen eingetrichtert. Übrigens zeitigt die Hetze der schwarzen Hundertschaften auch bereits ihre giftigsten Früchte. Schon werden Krankenwärter, Arzte und Hilfspersonal hie und da vom Pöbel angc- \

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