Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 306 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 40 rcchtigung Ihrer Abneigung führen Sic zunächst die F.YV.V. I an. Diese ist doch eine wissenschaftliche Organisation auf breitester Basis, allerdings so cingczwängt in politisch-deutschfreisinnige Arbeit, dass für die Judensache in ihr gemäss den Tendenzen des Dcutschfreisinns wenig Platz nur sein kann. Sowie wir diese Art von Vereinen in die Diskussion führen, verlassen wir ja an sich schon den uns trotzdem doch gcmeinsamen Boden, nämlich den der-jüdischen Intercsscnvcr-; tretung. Ich kam als Fux auf die Kneipe des FAV.V., einmal •nur. Auf meine Fräse, wie sich die He»ren zur Judcnsache stellten, bekam ich die volltönende Antwort: Wir treten für die Juden ein mit dem Wort und. wenn es sein muss, mit der Tat. Das passte mir gar nicht in einer Zeit, da nur die Tat galt! Damals entwickelten sich die studentischen jüdischen Korporationen der Tat, weiche alles geleistet. während das Mundjudentum sich auf Wahlkämpfe für Lesehalle mid Aus- ,schuss beschränkte. Ls sind ja allerdings nicht alle Menschen Kampfnaturen: mögen jene weiter ihre Unterhaltung und Oe- Seilschaft da suchen und finden, wo sie hinter Paragraphen ihren sicheren Schutz finden. Die jüdische studentische Frage als Teil der grossen Jndenfrage hat aber mir eine einzige 'Lösung und diese ist ein Teil des zionistischen Programms, er lautet: Selbstwehr und kulturelle Hebung der akademischen Jugend! Hierin sind wir uns doch einig. Herr Kommilitone? Und Sie werden sehen, dass unsere Differenzen gar nicht so a׳g grosse sind! Vorerst aber die Erledigung der Thuringia-Aifäre. Fast bin ich geneigt, die Schuld an dem jämmerlichen Bilde der — übrigen jüdischen Studentenschaft aufs Konto zu setzen. Line derartige Erbärmlichkeit des betr. Herrn H. hätte zu meiner Zeit die Folge gehabt, dass dieser auf keiner Universität, in welcher Juden existierten, sich mehr biientiici! hätte zeigen können, ohne Gefahr zu laufen, so behandelt zu werden, wie er cs verdiente. Der Fall selbst ist mir seit langer Zeit bekannt. Lr wurde wohl von von dem Kaufmann brevi i manu gesühnt, ohne dass Herr H. darauf reagierte. — Dennoch, glaube ich, dass in meinem Wissen eine Liickc ist; denn es ist ausgeschlossen, dass eine Korparation einen derartigen Herrn, auch nur eine Stunde in ihrer Mitte behält. Dieses Vorkommnis wäre ja. wenn es sich so verhielte, wie es mir s. Zt. erzählt wurde, derart, dass eine staatliche Anstellung oder eine'Beförderung beim Militär ausgeschlossen wäre. — Die ganze Sache ändert aber an meiner Stellung zur paritätischen jüdischen Korporation miits; denn sollte diese eine in München sieh durch Duldung eines Unwürdigen in ihrer Mitte preisgegeben haben, so kann es nicht ausbleiben. dass diese Disziplinlosigkeit sich von selbst rächt. Eine beliebige Vermehrung dieser Beispiele kann ich mir nicht gut vorstellen; Im Oegenteil: ich habe strengste Beweise dafür, dass in den paritätisch-jüdischen Korporationen — allerdings spreche ich ausschliesslich für diejenigen mit unbedingter Satisfaktion — weitestgehende Sicherung der Reinheit ihrer Reihen vorgesehen und gewahrt ist. In jedem Falle liegen in dem Tliuringia-Falle grobe Ur.(erlassungssfinden seitens der übrigen jüdischen Studenten vor. ״ Nun zur Frage der Ueberfliissigkcit der ..Assimilations• korporationen.“ Ich muss hierbei zunächst dieses Wort ablehnen: man braucht weder Zionist (K.Z.V.) noch nationaler Jude (B.J.C.) noch Zeiitralveroinsiude (K-C.) zu sein und kann doch ein strammer, zuverlässiger, treuer Jude sein. Wie alt sind denn diese drei Begriffe überhaupt? Ihre prozentuale Anhängerschaft in der Studentenschaft ist doch ferner eine minimale. Warum sollen w ir denn die grosse Menge, welche sich noch nicht zu rubrizieren Vermag, abstossen? Suchen wir doch die einigenden Punkte, um ihnen die Brücken zu uns frei zu halten. Zwar stelle ich der zcntralvcrcinlicli-deutschfreisiniiigen Tendenz des K.C. durchaus ahlcheueiul gegenüber, im V.J.St. stört mich die bedingte Satisfaktion, welche ihrerseits wiederum missliche formale Konsequenzen hat. aber trotzdem haben beide für mich gar manches, was ich für segenbringend der jüdischen Studentenschaft halte. Die Lebensfähigkeit des K. Z. V. glaube ich deswegen anzwcifeln zu müssen, weil wegen der naturgemäss geringen zionistischen Vorarbeit auf den Oymnasien das Rekrutierungsfeld fiir sie ein nur beschränktes sein kann. An ihnen gefällt mir die stramme studentische Zucht und das Satisfaktionsprinzip. Ich habe schon in verschiedenen Universitätsstädten Gelegenheit gehabt, die zionistischen Korporationen. wenn auch nur kurze Zeit, zu beobachten: ich hatte ein unbeschreibliches üeiiihl der Freude über den gesellschaftlich guten Eindruck, welchen die ganze Führung der jungen Herren machte. Nichts von ״Corpsier-Sitten‘*, aber Sitten! Auf diese Frage cinzugchcn. ist zwar eine delikate Sache. Ich will cs aber versuchen, die Klippen zu umschiffen. Das S.C.-Corps war und ist die in jeder Hinsicht bestgclc-ilctc studentische Organisation, von welcher sehr rasch jeder einzelnen abgewimmelt wird, welcher nicht sichere Gewähr dafür gibt, durch sein Verhalten im Leben die Veratit- Wörtlichkeit des Corps fiir ihn zu rechtfertigen. Dass dratisscn im Leben der eine oder ander:־, vor allem durch wirtschaftliche Verhältnisse geleitet, den rechten Boden verlässt, kommt vor, ändert aber in dem ganzen Bilde nichts. Dementsprechend!tat das Corps den ehemaligen Alkoholmissbrauch cingcschränkt, hält auf pünktliche Examina und hat es tatsächlich schon vor Jahrzehnten erreicht gehabt, dass seine Angehörigen zu den fleissigsten — meinetwegen streberhaftesten — Studeuten gehören; zum mindesten gehörten hierzu die höheren Semester. Ihrc stets tadellose Kleidung — ia. ja. das ist eine gar wichtige Sache. — ihr stets tadelloses Auftreten, ihrc Vcrkehrstormen. welche wohl bei dem. einen oder anderen Neu-!i!:g in der S-C.-Sphärc etwas Ucberhebendes zeigen, machen sic eben zu einem von der übrigen Studentenschaft sich abhebenden Ganzen. Die Unterordnung nach Semesterzahl erzieht zur Bescheidenheit, einer Tugend, welche im Verkehr durch Form und Inhalt der Meinungsäusserungen jederzeit angenehm berührt, während das unbescheidene stets Besserwissen, die formlose Haltung, der oberflächliche Universalisinus t׳sw. keineswegs im Corps seine Lr/.ichuugsstätte findet. Mjcliten doch alle jüdischen Verbindungen diese Corpsicr- Sitten nachahmeu! Das wäre kulturelle Hebung des Judentums! Ich weiss cs. weil ich mit ofter.cn Augen sehe, dass die Nachahmung dieser Sitten nicht immer schön wirkt: was durch viele Generationen durch den Druck, welcher auf uns gelastet hat. vernachlässigt wurde, kann nicht mit einem Male racligeholt w erden So kommt es ia auch z. B.. dass der elegante Jude in Landstrichen, in* denen iLr Jude seit Generationen schon als freier Mensch lebt, etwas anderes ist. ästhetisch und ethisch, iormcll äusserlich und inhak'.icli, als in solchen Landstrichen, in welchen die Menschwerdung erst später erfoigt ist und als cistes und vermeintlich wichtigstes Utensil Glacehaudsehulie taid Lackschuhe!)eigelegt wurden! Geduld, cs kommt alles mit der Zeit, aber es muss gelernt werden. Darum keine Ueberhebung über Äußerlichkeiten, sondern Schulung für sic. Ich glaubte, den ״Scherz (?)" Ihnen vorenthaltcn zu dürfen aber er muss heraus, weil er als historische Lrhtneruug Ihnen den Fortschritt illustriert, welchen die jüdische gute Korporationsstudcntensehait gemacht hat: vor jenen 25 und 30 Jahren gab cs keine einzige jüdische Korporation, von welcher nicht, immer für die betr. Universität als etwas ganz Neues, erzählt wurde: ״Wissen Sie schon, die so und so fjüdische Verbindung) hat gestern den Konventsbcsehluss gelasst, dass von nun an saubere Kragen, gerade Absätze, ganze Hosen usw. getragen werden müssen?*• Blutig, aber — — nicht immer der tatsächlichen äusseren Erscheinung nicht entsprechend! — Wäre das heut noch möglich, einen derartigen ״Witz“ zu versuchen an einer gut geführten jüdischen Korporation? Die Annahme ästhetischer Formen ist eine Assimilation an die gute Gesellschaft, welche unter der Bezeichnung kulturelle Hebung ein sicherer Teil unseres Programms ist. Und die straffe Unterordnung ist das beste Mittel. Auswüchse der unbescheidenen Art zu bekämpfen. Was unter ״jüdischer einfacher Sitte und Sittlich k e i t“ zu verstehen ist. weiss ich nicht. In der Korporation, welcher ich angehöre, standen wiederholt streng rituell lebende bundesbriklcr au der Spitze. Der Ausschluss ärmerer oder massig begüterter Studenten ergibt siv.lt wol bei einigen Korroratinnen aus der zu besserer 1Lcbenstühriiug berechtigendem grösseren Begiitermtg der Majorität. Fs liegen doch geschlosscnc Gesellschaften vor. welche ihre Lebensweise, mehr oder weniger kostspielig, führen und sich in ihr durch minder begüterte nicht stören lassen wollen. Das ist das Recht der freien Vorkehrswahl. Alter an ein Verlachen ״des ganzen grossen Komplexes, der allen Juden heilig oder ehrwürdig ist," vermag ich gar nicht zu glauben. Das wäre — gelinde ausgedriiekt — kuabeuhalt, kann wohl hier und da bei dem einen oder anderen Einzelnen Vorkommen, aber dass eine ganze Korporation den Stempel dieses intellektuellen und nuraÜ sehen Tiefstandes an sich trüge, halte ich, für ausgeschlossen. Nun zum Wesentlichsten. Ich verstehe unter ethischer Beeinflussung die Erziehung der Burschen zum Bewusstsein gegenseitiger Verantwortlichkeib Und die korporative Zucht, Unterordnung. Verkehrsform, kurz Aesthetik sind die Mittel, welche zu diesem Ziele zweckdienlich sind. Wir haben in keinem Verbände so wie im Corps diese Bahnen ausgebaut. Darum dürfen wir uns nicht genieren, sie uns als Muster zu nehmen. Der Wühlerzegene wird stets und jedermann gegenüber die stolze Würde im Verkehr wahren. An seiner Erziehung prallen die antisemitischen Missachtungsversuche ab. Der mangelhaft erzogene