Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1908)
- Date
- 1908-10-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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JÜÖlSCHfc rukdschau. No. 40 uriffeti. will die dunklen GenicliR. dass die Juden und Studenten absichtlich das Wasser verseuchen, verbreiten sich immer mehr und erschweren die Bekämpfung der Epidemie. Kurzum, cs herrschen Zustände und Ansichten wie in Westeuropa in den Zeiten des Schwarzen Todes. Die Taufseuche in Russland Es ist nicht weiter verwunderlich, dass in Russland angesichts der unglaublichen Anzahl von Beschränkungen der Juden und deren einschneidender Wirkung auf alle Lebens- Verhältnisse sich immer eine Krosse Anzahl weni« Charaktervoller Juden fanden, die den üiisscrlichcii Übertritt zur griechisch-orthodoxen Kirche den» dauernden Kampf vorzogen. Manchen ist das bisweilen sehr schwer geworden, aber cs Hieb Einzelnen oft keine andere Wahl. In neuerer Zeit he- Einnt aber die Taufscuchc vielfach auch solche zu erlassen, die nicht vor einer iast unerbittlichen N o t w c 11 d i g - keit stehen, sondern üie den Übertritt einfach aus Bea u c ni I ic 11 k c i t vollziehen. Nun kann man nicht einmal sagen, dass die russische Regierung die Taufe besonders erleichtert, wenn natürlich auch fiir ׳Jen Getauften alle Be- Schränkungen, die tiir die Juden gehen, mit einem Schlage fallen. Eine kleine ganz raffinierte Anordnung ist es. die auch den Getauften noch stigmatisiert und ihm das!.eben oft recht unbehaglich macht. Es wird den Getarnten nämlich in den Bass, den in Russland bekanntlich jeder haben muss, hinter der Angabe seines gegenwärtigen Glaubens eingetragen ,.f r ö h c r J u J c“. Trotz dieser und noch mancher anderer kleinen Schikanen beginnt die Tauferei in Russland allmählich grosse Dimensionen anzunehmvn. und cs lassen sich jetzt gar viele taufen, nur um in eine Schule oder um in eine Universität aufgenomnicn zu werden, was früher immerhin selten vorkam. Es wäre an der Zeit, dass die leitenden Kreise der jüdischen Organisationen in Russland dieser Erscheinung ihre ernste Aufmerksamkeit zuwendeten. Ist auch in vielen Lallen an dem Getauften für das Judentum wenig verloren, so bleibt doch jedenfalls die starke Zunahme der Taufen ein bedenkliches Zeichen der E r s c h I a f fu n g. ״Subotnik!" Bekanntlich existiert in Russland die Sekte der sögenannten ״Subotnik»*• (Sabbathleute) oder ״Gerim" (Fremde, Proselyten). religiöse russische Bauern, die zunächst den Sabbath als Ruhetag anstatt des Sonntags annahmen und dann ganz zum Judentum fibertraten. Vor Jahren wurden eine Anzahl dieser ״Gerlm“ von der Jewish Colonizalion Association bei Lemma in Palästina angesiedelt, da sie durchaus nach Pa- Ifistina auswandern wollten und damals von der russischen Regierung sehr verfolgt wurden. Viele mussten das Land wieder verlassen, weil sic das Klima nicht vertragen konnten. Ueber ein ganzes Dorf dieser ״Subotniki4’ berichtet der Missionar Fabcr: Auf der Reise zwischen Tiilis und Eriwan kam ich" nach zwanzigstündiger Fahrt aut einem kleinen russisehen Postwagen an den Gdfctsehasce. Der Weg führt aus der heissen Ebene immer höher hinauf in schneebedecktes Gebirgsland. Der wundervolle Sec liegt höher als irgend ein anderer Qebirgssee der Welt und ist grösser als der Bodensee. Unmittelbar an diesem See, gegenüber einer kleinen Insel, auf der in einem armenischen Kloster 22 Mönche von der Welt abgescliuitten. ein faules und einsames Leben führen, liegt Jelenowka, das merkwürdigste Judendorf der Welt. Alle Juden, die hier wohnen, waren früher Christen. Sic haben ganz das Aussehen von russischen Bauern. Ihre Vorfahren gehörten zue russischen Sekte der sogenannten Subotniki . . . In' alten Zelten duldete mau die Subotniki iir Russland, namentlieh deshalb, weil die Frau •des Zaren Iwan des Schrecklichen zu dieser Sekte gehört hatte. Vor etwa sechzig Jahren aber wurden alle Anhänger dieser Gemeinde aus dem Innern Russlands an die persische Grenze verbannt und ihnen bei Todesstrafe verboten, in das Innere des heiligen Russland zurückzukehren. Aeusserlich ging cs den Leuten bald sehr gut. Sic sind flcissigc, tüchtige Bauern, aus deren Arbeit blühende iKicCcr mitten unter den trägen Tartareu und Persern ihrer Umgebung erwuchsen. Sie brauchen bei ihrem Gottesdienste mir die jüdischen Gebetbücher, die unter den Juden Russlands allgemein üblich sind, mit dem hebräischen Text auf der •ttktcn und der russischen Uebersetzung auf der anderen Seite. Auf das strengste halten sie alle jüdischen Feiertage. Es ist ein ganz merkwürdiger Anblick, die russischen Bauern in den weissen Gcbetmantel gehüllt, in schaukelnder Bewegung. v.׳ie sie.bei den Juden üblich ist, am Sabbat in ihren kleinen Synagogen dicht gedrängt beim Gottesdienste mit genauester Einlialtiing der Liturgie zu beobachten. Ohne dass man in Europa Näheres darüber gehört hätte, sind in den letzten 23 Jahren I über 5000 Christen Juden geworden. ״Wir sind zwar Gerlm“ und stammen nicht dem Leibe nach von Abraham, aber wir halten ebenso fest au der jüdischen Religion, wie irgend ein Jude in der ganzen Welt“, so ist die typische Redensart dieser Neujiiden. Von allen Juden, erzählt Fabcr. die ich auf meinen Reisen durch fast alle Länder keimen lernte, sind die jlidisehen Proselyten des Dorfes Jelenowka die fanatischsten. Vielfach verheiraten sich diese Juden gewordenen Russen mit Juden. Während noch vor zehn Jahren die Juden diese Proselyten nicht als ihresgleichen anerkennen wollten, gelten sic jetzt schon in den Augen der meisten russischen Juden als richtige Glaubensgenossen, denn wenn Hebräer durch Jele* nowka oder das benachbarte, ebenfalls von Proselyten hewohnte Dorf Simonowka kommen, machen sie stets ihren Gottesdienst mit. \ Russische Gerechtigkeit ln Monat Oktober findet in Kiew der Prozess gegen den Sohn des bekannten jüdischen Millionärs Brodsky statu der sich wegen der Tötung eines Hooligans während desKiewcr Pogroms vor Gericht zu verantworten hat. Der junge Brodsky. du gerade beim Militär diente, wurde nach Erhebung der Auklage sofort auf der Hauptwache inhaftiert. Ein Gesuch, das er beim Kiewer Bezirksgericht um vorläufige Frei- 1 a s s 1111 g gegen hohe Kaution einreichte, wurde vom Gerieht a l> g c I c 11 n t. Es ist charakteristisch, wie fein die Gerichte zwischen den ..eclitrussiseheu“ IVgromheldcn und einem .luden, der i n N o t w e 11 r gegen ge 111 c i n e R a u b m ö rücr haudeltc. zu unterscheiden w issen. Interessant wird es sein, ob auch das Urteil diese feilte' Differenzierung erkennen lassen wird. Die Fogromleute. die bekanntlich das Blut nicht eines, sondern hunderter Unschuldiger vergossen, und in viehischer Weise gewütet haben, sind nun fast durchweg mit geringen Strafen Javoiigckommcn und zum grossen Teil von höchster Stelle begnadigt worden. Danach dürfte man dem jungen Btodskv also eine recht schwere Strafe prophezeien. Eröffnung der Anglo Levantine Banking Company Die Anglo Levantine Banking Company, die neugegründete Tochtergesellschaft des Jewish - Colonial - Trust, und ihre Tätigkeit in Konstantinopel spätestens Anfang Oktober aufnehmen. Dr. Viktor Jacobson, ehemaliger Manager der Filiale der Anglo Palestinc Company in Beirüt. der zum zweiten Manager uer neuen Gesellschaft gewählt worden ist. ist bereits nach Konstantinopel fibersiedelt. Der Direktor des Jewish- Colonial-Trust, Mr. Co wen. sowie der Manager des J.C. T., Mi. Hirsch, hatten sich im Laufe voriger Woche ebenfalls nach Konstantinopel begeben, um bei Eröffnung der nepen Bank zugegen zu sein. Herr Hirscii wird sodann nach Palästina reisen, um die Einrichtungen der Anglo Palestinc Company an Ort und Stelle zu besichtigen. Aus dem Lande Israel Jaffa. Einen tiefen Eindruck machte die Nachricht von dem in der Schweiz erfolgten Tode des Herrn Dr. Leo Kohan auf alle seine Fieunde um! Bekannten in Palästina, wo ihm leider nur ein Jahr zu verweilen vergönnt war. Auf Veranlassung des Palästinarats. zu dessen Mitgliedern der Verstorbene gehörte, fand im Bibliotlicksaalc ״Scliaarc- Zion" eine sehr stark besuchte Trauerandacht statt. Die Redner (Dr. Chissiu. Kahn und Dizingof) schilderten in rlllireiiden Worten den Lebenslauf des Verbliebenen, der seit frühester Jugend im Dienste der Idee unserer nationalen Wiedergebiirt stand. Schon als Hörer der Medizin an der Wiener Universität gehörte er der ..Kadimah“ an und war mit Dr. Birnbaum (Mathias Aelicr). Seluiicrcr und den anjjeru ersten Kadimalmern unter den eifrigsten Verfechtern der jungen nalional-j'idiscben Bewegung. Nachdem er sich sodann als Arzt in Ki.scliiucw niedergelassen hatte, entfaltete er eine erspriessliehe Tätigkeit m der chowewe-zionistisclien Organisation und schloss sich soiort nach tterzls Auftreten dem politischen nismus an. Bekanntlich war er seit mehreren Jahren Mitglied des Grossen Aktionskomitees. Mit grossem Mut organisierte und leitete er die Sclbstwehr während des Kiscliiucwcr Pcgroms. iH'ine Ansicht, dass es eines jeden Zionisten Pflicht sei. sich persönlich in Palästina niederzulassen, wandte er auf sich selbst an und iihcrsicdcltc vor zwei Jahren nach Palästina. In Jaffa wirkte er als Arzt und in den wichtigsten jüdischen Instituiioiicn. In welchem Masse er hier auch die Liebe und Achtung der niclitjüdisehen Bevölkerung gewann, bewies ein warmer Nachruf eines Arabers, der den Tod des Dr. Knhan