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Jüdische Rundschau · 1908-10-02 · Heft 40 (2.10.1908) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 40 (2.10.1908)
Date
1908-10-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 394 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 40 haben, und die so flange an diesen Versuchen licrumarbeiten, wie ihre Vorgänger, bis nämlich entweder alte Nichtjuden herausgegangen sind oder b;s alle Juden her* ausgedrängt wurden. Dass dieses eingewiekelte Juden* tum hi allen scsinen Gestalten zur Taufe und zur Auflösung führt, bedarf keines Beweises mehr, da es längst durch ein Jahrhundert der Taufen klar erwiesen ist. Man hat uns den Artikel ״Mugdanitis“ noch nicht vergessen und hat ihn uns wiederholt und im eigenen Lager zum bitteren Vorwurf gemacht. Und doch können wir an der Person des Herrn Mugdan nicht vorubergehen, we;l er überaus typisch für die Art ist, wie man das Judentum entwickelt. In der zweiten Abteilung des fünften Wahlbezirks in Berlin ist das Stadt* verordnetentnandat frei. D:e Wähler bestehen dort zu vierzig Prozent aus Juden. Das freisinnige Wahlkomitee, an dessen Spitze Herr Oskar Cassel stellt, schlägt die Kandidatur des Herrn Sanitätsrat Mugdan vor, der früher Jude war. Herr Mugdan, der öffentliche Klage darüber geführt hat, dass er durch den Weihnachtsartikel einer sozialdemokratischen Zeitung in seinen heiligsten ״christlichen Gefühlen“ verletzt worden sei, der eben erst Christ geworden, cs für notig hielt, sein neues Christenthum!111 Reichstag öffentlich kimdztigebcn, der die Parole ausgegeben hat, dass die Freisinnigen lieber mit Stöcker gehen sollten, als nach links neigen, dieser Mugdan ist gewiss nicht der Kandidat, den man Juden als Wählern vorschlagen kann, denn ein christlicher Antisemit wie Stöcker, ist in der Tat gegenüber dem stöekersiichtigcn gewesenen Juden beinahe noch das kleinere Uebcl. Aber Herr Oskar Cassel schlägt ihn uns vor und ist gewiss ein Mann, der das Judentum vertritt. Ist er dogh im Ausschüsse des ״Verbandes deutscher Juden“, der auch für jüdische Sclbstwürde arbeiten sollte. Aber man kann im Ausschuss des Verbandes der deutschen Juden sitzen und doch kein Gefühl dafür haben, wie verächtlich es aussieht, wenn man am Jom-Kippur mit dem elnge* wickelten Gebetbuch in die Synagoge schleicht. Es gibt aber nicht bloss ein eingewickeltes Judentum sondern sogar einen eingewickelten Zionismus. Man glaubt, man werde mehr erreichen, wenn man diplomatisch um das Wort Zionismus, um die zionistische Idee, um das jüdisclinationale Bekenntnis, ja sogar um Palästina herumgeht. Die an Berlin stattgehabte NotabelnVersammlung, die gewiss die allerbeste Absicht hatte tmd die von ihrem Spiritus rector sicher in zionischcm Sinne gemeint gewesen ist, war eine solche elnge wickelte Geschichte, nicht bloss deshalb, weil man die Oeffcntlichkeit ausscliloss und sie nur durch offizielle Berichte bekannt gibt, die nicht nachzuprüfen sind, sondern auch deshalb, weil Notabclnversammlungen an sich wertlos sein müssen. Was heisst denn überhaupt Notabel? Wer stellt fest, wer Notabel ist, und wer ernennt zum Notabeln? Kann man sieh selbst zum Notabein ernennen oder wer hat darüber die Verfügung? Die Versammlung jüdischer Notabein, die vor 102 Jahren in Paris tagte und deren Beschlüsse zum ersten Male so recht die Verachtlichkeit und Schwäche des eingewickelten Judentums zeigten, hatte darin den Vorzug, dass die französischen Präfekten in Frankreich und Italien einfach aus ׳ihrer Macht heraus die zu Notabein ernannten, die ihnen durch ihre Gedankenlosigkeit und ihren Reichtum die besten Vertreter der Einwlckehtng des Judentums zu sein schienen. Das eben ist der ungeheure Vorzug der nationaijüdrschcn Idee und der Zionisfenkongrcsse, dass sie die jungen Juden gelehrt haben, ihr freies demokratisches Haupt stolz und aufrecht empor zu halten. Noch weniger als das Judentum verträgt freilich der Zionismus, dass mau ihn cinwiekVb mul versteckt. D:e Notabelnversammlung kann sich hinter Zeitungspapicr verbergen. Der Zionismus kann das nicht. Fr ist lebendige Demokratie, lebendiger Nationalismus. Wenn uns von reicher und einflussreicher Seite der Rat gegeben vvrd, den Zionismus so friedlich zu gestalten, dass er sich in nichts mehr von dem friedfertigen öliettojudeutum unterscheidet, so müssen wir diesen Rat als untutilieh abweisen. Der Zionismus kann ke:ne Kompromisse machen, oder er muss sieb kompromittieren. Fs gibt zwischen ihm und der Assimilat:ön, zwischen ihm und der Korruption keine Brücken und die auf den Brücken zu stellen glauben, weil sie den Zionismus in Zetungspapicr cinschlagcn möchten, wie ein unbequemes Buch, an dem man den Träger erkennen kann, sind in Gefahr abzustürzen. Der Zioirämus kann die Hintertreppen- Politik nicht vertragen, und wer solche im Zionismus treiben wollte, wäre ein Schädling. Nicht das Po!it:- sieren auf den Gängen des Kongressgebüudcs hat den Zionismus gross gemacht, sondern die ehrliche Arbeit jener demokratischen Flemento, die den Kopf hoch lia'ten und in ihrer agitatorischen Arbeit nicht rechts oder links schaue. 1, sondern voranschreiten. Wovor wir uns hüten miissgn, ist, dass wir treht in den Fehler unserer Vorganger, der Assimilatorcn verfallen, das Judentum, das wir offen bekennen, einzuwickeln und :11 den Fehler der Berliner Chowcwe Zion von ehedem, den Zioirsmus einzuwickelu und die jüdisclinationale Grundidee im Versteck zu halten. Jom-Kippur ist da, der Tag, der uns zur Versöhnung stimmt und von uns Friedfertigkeit verlangt, aber nur gegen Menschen, nicht gegen Prinzipien. Der Unwahrhaftigkeit und der Sclbstaufgebung können wir nicht friedfertig gegenüber treten. Wohl aber den Menschen, die wir als irrende Freunde erkennen. Wir begreifen ja, warum das Gebetbuch eingewickelt wird, wir verstehen ja, warum man das Judentum versteckt und verleugnet, denn die historische Entwicklung, die diese Feigheit hat re:fen lassen, ist uns sehr wohl bekannt. Und deshalb können war. Weil wir begreifen, versöhnlich) ges/nnt sein, gegen die Personen, aber niemals gegen die Grund* sätze. Wir brauchen uns nicht zu scheuen, dass wir Juden sind und können erhobenen Hauptes mit dem Gebetbuch in der Hand zur Synagoge gehen, um dort mit gebeugtem Haupte und dchmiitig unsere und des ganzen Volkes Schuld zu bekennen, wir brauchen uns ebensowenig unseres Zionismus zu schämen und werden ihn uns von noch so reichen tmd einflussreichen Leuten weder in Zeitungspapicr noch in Seidentafiet einwiekeln lassen. M:t offenem Gesicht und ehrlichem Mut stehen wir als Volk am Jom-Kippur, an dem die Schuld hinweggenommen wird von unserm Volke, gemäss der tausendjährigen Verheissung und stimmen ein in den tausend* jährigen Ruf לשנה הבאה ניהשלם Heinrich Sa e 11 se. Aufruf! Berlin, den 19. September 19DS. Sehr geehrter Herr! Seit einigen Jahren ist d:e Aufmerksamkeit unserer Glaubensgenossen wiederum aut die Falusclias gelenkt, jenen versprengten jüdischen Stamm in Abbcssinicn, der seit Jahrhunderten einen schweren Kampf für seinen Glauben zu bestehen hat, und der, um in diesem Kampfe nicht zu unterliegen, uns in dringender Weise um inora* lisehe Unterstützung und Krüitigung antleht.

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