Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1908)
- Date
- 1908-09-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 388 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 39 des Judentums in Berlin und wohl in ganz Deutschland war, der sich die gleiche Elastizität des Körpers wie des Geistes in erquickender Frische erhalten hatte. Es ist ein grosser Verlust, den die Berliner Jüdische Gemeinde, den die deutsche Judenhcit und das gesamte Judentum erlitten hat. Was er uns war und bleiben wird, werden wir später ausführlich unsern Freunden darstcllcn. Für heute nur das eine: er war ein Mann, ein kernhafter Mann, eine sturmfeste Eiche und er war ein Jude, ein echter• Jude und der so ganz nur Jude sein wollte. Es lag ihm so fern, für sich Frömmigkeit oder gar Gerechtigkeit in Anspruch zu nehmen. Mit seinem schlichten ehrlichen Wesen stand das in vollem Widerspruch. Und doch gilt von ihm das alte jüdische Wort, dass das Andenken dieses Gerechten bei uns zum Segen bleiben wird. Heinrich Loew e. Civis academicus Das Bild, das Herr cand. mcd. Felix Theilhaber, München, i1׳ No. 37 der JÜDISCHEN RUNDSCHAU von den paritätischen Korporationen im Gegensatz zu Herrn Dr. Carl Kassel, Posen, entworfen hat, trifft nicht nur zu, es ist, was speziell die farhentragenden, schlagenden paritätischen Korporationen betrifft, noch viel zu gelinde ausgefallen. Schreiber dieser Zeilen, der einer derartigen Couleur 11 Jahre angchörtc — in Jen letzten Jahren allerdings nur noch aus Anhänglichkeit an einzelne befreundete Mitglieder — der dann aber schliesslich doch aus prinzipiellen Gründen austrat, hatte Gelegenheit, aus allernächster Nähe den Geist kennen zu lernen, der in diesen Cou-!euren herrscht. Nicht allein, dass sic sich an einer Abwehr des Antisemitismus oder an jüdischen Angelegenheiten überluupt nicht beteiligen, sie suchen auch mit den traurigsten Mitteln eine Assirnilation der Korporation herbeizuführen. Zunächst' suchen sie in ihre Reihen möglichst viel christliche Studenten zu ziehen. Da aber diese fast ausschliesslich nur in rein christliche Korporationen eintreten, fällt für die paritätischen Korporationen nicht der beste Teil der christlichen Studenten ab. Entweder sind cs solche, die aus mehr oder minder schweren studentisehen Verfehlungen aus christlichen Korporationen ausschieden, oder es sind solche, die sich den Couleurvcrpflichtungen entziehen, aber die Coulcurrechtc geniessen wollen, oder es sind solche, die nicht genügend Mittel haben, um in christliche Couleuren cinzutreten — oder andere, die in höheren Semestern eintreten und die unangenehme Fuxenzeit nicht durchwachen wollen. Alle diese, und auch dies sind immerhin nur wenige, werden in den paritätischen Korporationen mit offenen Armen aufgenonunen. Mit diesen wird dann renommiert. Sie chargieren nach aussen und müssen ihren Namen unter alle Schriftstücke setzen, damit die Korporation einen möglichst arischen Eindruck macht; trotz aller heissen Bemühungen nützt ihr dies nichts, denn von den rein Christliehen Korporationen werden sie doch als jüdische angesehen und missachtet und bekommen von ihnen auch leichte studentische Waffen, doch keine Satisfaktion. Daneben finden sich in den paritätischen Korporationen Renegaten, die sich bei jeder Gelegenheit mit ihrem Christentum spreizen, die aber in ihrem Aussehen und ihrem Gebühren ihre jüdische Abstammung so wenig ,verleugnen können, dass sie in Couleur auf der Strasse häufig von christlichen Studenten als Juden gcrempelt und gefordert werden. (Difticile est satiram non scribere.) — Aber auch die jüdischen Studenten werden noch nach arischen Prinzipien gesiebt Jüdische Studenten mit sehr prononciert jüdisch klingendem Namen oder sehr jüdischem Aussehen werden gar nicht oder nur ungern aufgenommen, zum mindesten aber w׳erden sie niemals zur Repräsentation zugelassen. Die grösste Schmach geschieht aber in den paritätlschen Korporationen, in denen die Mehrheit aus Christen besteht; z. B. im A. D. B. In diesen werden die jüdischen Studenten nur prozentualiter, d. h. natürlich nur in einem ganz geringen Prozentsatz zugelasscn. Diese wenigen zugelassenen sind dann auf ihre Zugehörigkeit nicht wenig stolz, und suchen ihr Judentum krampihaft zu verleugnen. Dieser Art von Korporationen scheinen als Ideal die russischen Universitäten vorzuschwehcn, auf denen die Juden nur in einem geringen Prozentsatz überhaupt zum Studium zugelassen werden. Das ist der Geist, den der Veriasser in den ״interkonfissioncllen׳‘ Verbindungen kennen gelernt hat ־- ein Geist, der bei den jüdischen Mitgliedern nicht allein jede Betätigung für jüdische Angelegenheiten ausschlicsst, der nicht nur zur Gleichgiltigkeit gegenüber dem Judentum führt, sondern zur bewussten Negierung derselben. Jüdisches Selbstbewusstsein ist in diesen Korporationen überhaupt nicht zu finden, dafür eine um so grossere jüdische Selbstverleugnung und Erniedri- Kling. Wahrlich, eine traurige Golusbliite sind diese paritütisehen Korporationen, die es verdienen, aus dem akadcniisehen Lehen so bald wie möglich zu verschwinden, so lange sie aber bestellen, wi zionistischer Seite auf das schärfste bekämpft werden sollten. Berlin. Dr. Leopold Da er. Zur gefälligen Beachtung In den Artikel des Herrn Dr. Carl Kassel aus Posen. ..D er jüdische Studen t*‘, der in voriger Nummer der RUNDSCHAU a!)gedruckt wurde, haben sich bedauerlicher* weise viele sinnentstellende Druckfehler leider gerade an den wichtigsten Stellen eingcschlichcu. Die Gerechtigkeit erfordert, dass wir diesen Artikel noch einmal korrekt zum Ahdruck bringen und wir werden in nächster Nummer dem an uns gestellten Wunsche gern willfahren. Nur bemerken wir, um einem Missverständnisse vorzubeugen, dass der in dieser Nummer abgedrucktc Artikel ״Civis acadcmicus“ von D r. Leopold B a e r früher bei der Redaktion eingegangen ist, als der bereits gedruckte Artikel des Herrn Dr. Kassel. Die Redaktion. Konferenzjüdischer Notabein Berlin, den 20. September 1908. Auf Veranlassung eines Komitees, das sich aus den Herren Siegnmnd Bergcl-Ikr'in, Justizrat Dr. Eugen Fuchs-Berlin. Justizrat Dr. Maximilian Horwitz-Berlin, Dr. Hirsch Hildes* beimer-Berlin. Dr. Alfred Nossig-Berlin, Dr. nied. Edmund Kolm-Wien. Kaiserlicher Rat Leopold Sachs-Wien, Dr. mcd. Schnabl-Wien, K. K. Baurat Wilhelm Stiassny-Wicn. Dr. Bel l Taussig-Wien zusammensetzte, fand bereits am 29. März unter dem Vorsitze von Justizrat Dr. Maximilian Horwitz eine vor* trauliche Konferenz;.:discher Notabein aus verschiede 1en Ländern statt, an der u. a. teilnalimen: Justizrat Dr. Blau-Frankfurt a. M., Josef Chischin-Moskau. M. Dorii-Berliu, J. Dreyfus-Brodsky-Kasscl, Kommerz.-Rat H. Eisner-Berlin, Dr. Harkavy-Moskau. CI1. Halgarten-Frankfurt a. M., Kommerz.-Rat M. Halperin-Kiew. Jacob Herz (i. F. Pozna11ski)-Lodz, Julius Jacoby-Berlin. Justizrat Dr. E. Lachinami-Berliti, Geh. MeJizinalrat Prof. Dr. Landau-Berlin, Gell. Rat Dr. Maretzki-Bcrün. Dr. Paul Nathan-Berlin, Prof. Dr. Pliilippson-Bcrliu. S. Rheingold-Hannovcr, Prof. Dr. Simonsen- Kopenhagen, Prof. Dr. Stein-Bern, Moritz Warbiirg-Hamburg. Prof. Dr. Warburg-Berlin, Dr. Weisl-Wien, David Wissotzki- Moskau. Diese Versammlung nahm zunächst folgende, von Justizrat Dr. Eugen Fuchs-Berlin beantragte Resolution an: ״Die Versammlung erachtet die Begründung einer Ge- Samtorganisation für erforderlich, welche vor allem die Jüdischen, au! dem Gebiete der Ansiedelung tätigen Verein!• gungen und Kräfte zu gemeinsamer Arbeit zusammenfasst und setzt zu ihrer Schaffung ein vorbereitendes Komitee ein.“ Ferner votierte die Versammlung einstimmig nachstehende, von den Herren Justizrat Dr. Edni. Lacbniann-Berlin, Proi. Dr. Ludwig Stein-Bern, Dr. Paul Nathan-Berlin, Moritz Warburg-Hamburg. Justizrat Dr. Blau-Frankfurt a. M., angebrachte und von Dr. Bela Taussig-Wien amendierte Resolution: