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Jüdische Rundschau · 1908-09-25 · Heft 39 (25.9.1908) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 39 (25.9.1908)
Date
1908-09-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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>*|1s1Si*£#r..C c No. 30 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 387 '1 '*• I* ■ > I; * 1 4 ■׳ :־# * 1 Masse, wenn wir alle diese einfachen Slcbstvcrstfuidlichkcitcn verkennen Wollten. Wir haben viel zu viel von Autonomie rc redet; vor unserem ersten Worte darüber hätten wir dafür sorgen müssen, die Majorität zu haben, damit, wenn das sich erfüllt, wovon wir reden, cs sich f ü r uns erfüllen soll und nicht RCRcn uns. Jetzt bleibt uns noch von der ״Garantie der M ii c h t c“ zu reden. Hier liegt der grösste Irrtum des bisherigen Systems. Bis in die neueste Zeit hinein hat mau geglaubt, der Beistand, die Fürsprache, die Intercsscnahmc der Mächte könne uns n Ii t z c 11. In Wirklichkeit konnten wir nur das Misstrauen der Türkei u n־d der a n d e ־ reu Mächte damit!1 e r v o r r u f c 11, dass wir uns um die (laust irgend einer oder irgend mehrerer Mächte bewarben. Es ist ja auch bekannt, dass unsere Bemühungen um die Mächte uns nichts genützt haben. Weder der deutsche Kaiser, noch der badische Grossherzog, noch die Engländer, noch Herr Pleliwe haben de iacio auch nur versucht. uns beim Grossherrn zu ,.empfehlen“.-Mau spricht vorl der Intervention der Mächte zu Gunsten von Samos und des Libanon-Gebiets, In zwei höchst seltenen Augenblicken vor* übergehender Einigkeit haben mehrere Grossmächte die d a tu als sch w a c h e 'I* ii r k e i zu Gunsten Christ* lieber Volksgruppen, die als starke Majoritäten i ti ihren L ä 1111 e r n lebte n (U. zu Zugeständnissen gezwungen, die durcli die kluge Politik der Türken obendrein später ziemlich illusorisch gemacht wurden! Wollen wir ähnh'elies? Ls wäre hirnverbrannt, und wenn wir es doch wollten, so verdienten wir nicht, unser Endziel zu erreichen. Wenn uns die Grossaiäclite helfen würden, in Palästina etwas zu erreichen, so hätten sic auch später das Recht zur Einmischung. und schon deshalb kann die Türkei keine solche ״Hilfe*‘ dulden. Nein! Wir haben nur mit der Türkei z 11 ver* handeln und nur auf sie zu rechnen. Und nicht mit einer neue n oder einer alten Türkei, sondern mit der Türkei, gleichviel welche Partei‘ am Ruder ist. Unsere Parole muss sein: Gut türkisch — mit oder ohne Konstitution! G u t t ii r k i sc 11 In jedem Falle! Alle Verhandlungen mit den Mächten haben aufzubören, tind wir werden höchstens — soweit wir es können — zu verhindern haben, dass die Mächte uns stören, oder dass die Loyalität unserer Bestrebungen bezweifelt wird. Das Ist die einzige Politik, die uns zum Ziele führen kann, aber auch diese nur auf der Basis der realen Arbeit in Palästina! Sie ist uns Mittel und Zweck zugleich, und nur von ihr allein hängen alle unsere weiteren Möglichkeiten ab! Berlin, im September 1908. Davis T r i c t s c 11. I Salomon Neumann | F.incn schweren grosser. Verlust hat die Berliner Jüdische Gemeinde und die gesamte Judenlieit erlitten. Der Sanitätsrat Di. Salomon Neuniann ist gestorben. Der Greis, der wie eine sturmfeste Säule aus der Kampfeszcit des neunzehnten Jaliihunderts in das zwanzigste liiuciuragtc, ist nun auch aus dem Kreise der Lebenden geschieden. In einem kurzen Nachruf auch nur im entferntesten an die grosse Bedeutung des Mannes heraiiziikonuncii, der drei Mcnselicualter sah und in allen dreien Bedeutendes und Grosses leistete, ist ganz ausgeschlossen. Allein seine uuer* miidliche Arbeit in der Berliner Stadtverwaltung, der er *K> Jahre ummtcrhroclieii als Stadtverordneter angehörtc, würde Wegen der umfassenden Tätigkeil, die er entwickelte, und der '*•ÄS!■ 1 ' '*־ . schöpferischen Gedanken, mit denen er zu vielen wichtigen ן Verwaltungszw eigen den Grund legte, würde eine eigene um- : fangrcichc Arbeit erfordern. Seine Bedeutung für die Wissen* 1 Schaft auf dem Gebiete der Statistik ist anerkannt. Seine bc* deutende Stellung in der Wissenschaft, die er gemeinsam mit i. seinem Freunde Rudolf Virchow pflegte, sind wir nicht in der Lage zu würdigen. Bis vor ganz wenigen Jahren, wo ihm eine schwere Krankheit uns beinahe schon entriss, hat er auf allen Gc* j bieten seiner Tätigkeit rüstig gearbeitet und, wer ihn nicht | sehr־ nahe kannte, musste ihn für einen Mann halten, der ein j rüstiger Fünfziger, aber keineswegs ein hochbetagter weit über I achtzig Jahre alter Greis sei. Mit jugendlichem Feuer und ן jugendlicher Schaffenskraft hat er für alles gewirkt, was das j Gemeinwohl erheischt und dem Namen des Liberalismus Ehre \ gemacht, dem er nicht bloss diente, weil cs so Mode war. Viel- \ mehr war er ein Manu der Freiheit, und die blutigen Tage des! Bürgerkrieges haben ihn in der vordersten Reihe der Frei* \ heitskämpfe gesellen, der sich nicht versteckte, wo cs galt, j für sein Ideal zu bluten. Aber weil er ein wahrhaft freigesiimter Mann war, gehörte er auch nicht zu den ״Liberalen“, die im Liberalismus ein w illkommenes Mittel sehen, um das ihnen unbequeme Judentum zu verleugnen und abzustreifen.! Vielmehr waren ihm Judentum und Freiheit so naheverwandte : Beg'iiie, dass er stets den Kampf für beide zu vereinigen w usste. Daher unterschied sieh sein wahrer und aufrichtiger jüdischer Liberalismus in nichts vom Nationaljudentum, das obwohl er keineswegs ein Zionist war, seines kernhaften Wesens wesenhaitcr Kern war. Seine rastlose Arbeit für die Alliance Israeiite Universelle, seine Tätigkeit bei der Mitgrün־; düng der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums und seine grosse Arbeit für diese Lehranstalt, deren Kurator er bis j zu seinem Tode!)lieb, seine Tätigkeit auf allen Gebieten jüdi* i scheu Wissens und jüdischen Lehens waren der Ausfluss eines I so hohen Stammesbewusstscins, wie es nur allzuseltcn existiert. I Seine groses Kenntnis vom Judentum und jüdischen Geistesj leben machten sein Haus, das wahrhaft liberal war, in stam* j mestünilichem Sinne zum alierjüdischsten Hause Berlins. Seine ) berühmte Bibliothek und seine wunderbaren Ausschnittsammj hingen, aber nicht minder seine unfasseude Tätigkeit, die auf! jüdische Gelehrte und Künstler im höchsten Masse anregend wirkten, sind der beste Beweis für die Gediegenheit des Kul* turjiidciitimis, das er in seincrPerson und in seinem Hause repräsentierte. Seine Tochter und seine Enkel sind die Erben « seines Geistes und seiner hohen Auscltauung vom Judentum geworden. j! Fs war seiner einfachen und derben Art angemessen, dass; keine Heuchelei und kein Salbadcrtum vor ihm bestehen konnte. י Er liebte cs, so offen und gerade zu sprechen, w ie er es fühlte, : und hatte keinen Gefallen an goschnürkcltcn Redensarten und « Inhaltslosen Phrasen. Derb, stark und grade, wie er selbst! war, wünschte er seine Umgebung, und das Judentum, das er י mit vollem Wissen von den Vätern ererbt hatte, gab er an seine Nachkommen weiter. Am Zionismus, dein er keineswegs fremd oder gar feindlich gcgcniiber.stand, störte ihn die gc- : machte Fleganz. vieler seiner Vertreter, und die diplomatenartig sein sollende Nachahmung eines grossen Mannes, der so ganz anders war, um auf Ncumaiin wirken zu können, während er für den frisclifrölilichen Kampf gegen die Protestrabbiner volles! Verständnis hatte. Gegen einen Emil Cohn hatte er nur das! eine, dass er ihm lange nicht schar (genug gegen den geruiani- 1 sehen Sclmlrcktor mit dem polnisch-jüdischen Namen aufgej treten war. Er war so ganz anders wie sein verstorbener 1 .15 Jahre jüngerer Freund Heinrich Meyer Cohn, und doch ihm in so Vielem so ähnlich. . \ י Wenn wir das vielseitige und lange Leben des Mannes kennzeichnen wollen, so müssen wir besonders hervorltebcn, j dass er, als er längst schon kurzweg ״der alte Neumann“ ge- { naimt wurde, immer weiter der jugendlichste aller Vertreter!'! *-*"*ייווויי*" ,"''ז• *1! /

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