Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 380 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 38 Euren Willen und Eure Kraft aber beschwinge unser Aller I gemeinsames Ziel. , Auskunft über Gründung und Organisation von Wandcrklubs erteilt die Redaktion der JÜDISCHEN TURNZEITUNG. Berlin NW., Ratlicnowerstr. 25. Die jüdisch-deutsche Sprache m Russland Aus Wilna wird der ״N. J. K." von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben Der Vorstand der Wilnaer musikalisch-dramatischen Gesellschaft hatte an die Behörde ein Gesuch gerichtet, in dem die Erlaubnis erbeten wird, die Verhandlungen in jüdisch-deutscher Sprache zu führen. Die Behörde lehnte das Gesucli. aber unter Hinweis auf den Absatz 3 einer Entscheidung des Staatsrates ab. wonach in den 'nordwestlichen Gouvcrnc-!11 c n t s Russlands bei Versammlungen etc. die ortsübliche Sprache nicht gebraucht werden darf. Es müssen also alle ■Versammlungen in diesen nordwestlichen Gouvernements in russischer Sprache abgehalten werden. * In einem merkwürdigen Gegensatz dazu steht folgende Mitteilung, die der ״N. .1. K•" von ihrem S.-Korrcspondeutcu aus Warschau zugeht: Der Kurator des Warschauer Unterrichts-Rayons hat die Warschauer Gemeindeverwaltung benachrichtigt, dass gemäss einer Verfügung des Ministeriums iiir Yolksauiklärutig als Unterrichtssprache in allen jüdischen Geineindcsclmlen entweder die russische oder die jüdisch-deutsche Sprache zu gebrauchen sei. Dazu ist zu bemerken, dass bis jetzt in den Warschauer Gcniciiidesehiilen der Unterricht zumeist in pol* niseher Sprache erteilt wurde. Diese Verfügung richtet sich also offenbar gegen die Polen und ist bestimmt. Uitfrieden zwischen den Polen und den Juden zu stiften. Es ist also die alte Politik des ״Divide et irnpera!". die von dem russischen Minister für Yo’ksaiifkläriing mit dem deutschen Namen Schwarz hier wieder cingeiiihrt wird. Ein Rabbinerseminar in Warschau Vor einem Jahre starb in Warscha u eine Frau Rachel Hufnagel, die der jüdischen Gemeinde 100000 Rubel mit der Verfügung vermachte, dass ständig zehn fähige junge Leute, die sich dem Rabbinerberufe widmen wollen, in einer zu schaffenden Anstalt zum Rabbinerberufc hcrangebildct werden sollen. Mehr als zehn Hörer durien aus der von E'rau Huinagcl errichteten Stiftung nicht unterstützt werden. Der Kurs Ist auf eine Dauer von fünf Jahren berechnet, und wenn die zehn Hörer das Rabbinerdiplom erlangt haben, können wieder andere zehn Hörer ausgenommen werden. Laut Vcrfügung der Stifte rin sind fünf anerkannte, jüdische Gelehrte zu wählen, welche abwechselnd einen Tag in der Woche die Vorlesungen *u halten und die Aufsicht über die Hörer zu iiben haben. Vor den Zinsen des Kapitals — ungefähr 6000 Rubel jährlich — sollen die Hörer und die Lehrer eine monatliche Zulage von ie 2-1 Rubel per Monat erhalten, während der Rest zur Deckung der übrigen Auslagen, wie Schullokal. Heizung. Diener usw. verwendet werde. Die Anstalt wurde bereits unter grossen Festlichkeiten eröffnet. Das Lokal befindet sich in der Twardagassc und besteht aus zwei grossen, hellen Lehrsulen. Der Unterricht, der bereits begonnen hat, dauert täglich acht Stunden, und zwar von 10—2 und von 4—S Uhr. Der Lehrplan sieht auch eine gewisse Ausbildung der Hörer in weltlichen Gegenständen vor. Die Juden als Urheber der Cholera Aus Rostow am Don wird der ״N.J.K." von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: In Rostow wäre in den letzten Tagen fast ein Pogrom ausgebrochen. Die Veranlassung dazu charakterisiert besser als alles andere das Bildungsniveau der Masse und die Skrupellosigkeit der gegenwärtig einflussreichsten politischen Gruppe in Russland. Man batte nämlich wegen der drohenden Cholera-Epidemie eine feierliche Prozession veranstaltet, die sich unter Vorantragung von E'ahncn und Heiligenbildern durch die ganze Stadt bewegte. Diese Gelegenheit hielten die ״echt-russischen‘‘ Hooligans für günstig, um unter der Menge das Gerücht zu verbreiten, dass eigentlich nur die Juden an dem Entstehen und an der Verbreitung der Cholera die Schuld trügen. Schon war die Menge fanatisch erhitzt, und cs ertönten bereits Ruie ,.S c h 1 a g t d i e J u d c n t o t“, da geschah das in Russland Unerwartete, dass die Polizei sich ins Mittel legte und alle Ausschreitungen verhinderte. Nur diesem ebenso überraschenden wie anerkennenswerten Vorgehen der Polizei ist es zu verdanken, dass Kischiuew. Hornel, Shitomir usw. nicht eine blutige Fortsetzung in Rostow fanden. Man sieht aber daran, dass wir gar keinen Grund haben, mit irgend welcher Überhebung auf das Mittelalter hinabzusehen. Vielmehr erinnert man uns täglich an die Zeit des schwärzen Todes, wo man unsern in Deutschland lebenden Vorfahren die Scheiterhaufen anziindetc. weil sic die Pest durch Vcrgiitung der Brunnen erzeugt haben sollten Mit Feuer und Schwert drängte man sie damals aus Deutschland nach Polen hinein mul heute haben wir die Mordtaten ntts der Zeit des lebwarzen Todes in den Ländern, wohin wir damals flohen. Und wann wird diese blutige Wanderung endlich einmal enden? Die Judenfrage in der Duma Ein Interview mit dem Kicwer Duma-Abgeordneten Profcssor Lut schi tzky bringt die Petersburger jüdische Tageszeitung DER E'RAIN'D. Professor Lutscliitzky, ein Mitglied der Kndcttenpartei, äusserte sieh über die Aufstellung der Judenfrage in der Duma noch pessimistischer als Roditsehcw 11. a. Die Schärfe seiner Ausführungen dürfte berechtigtes Aufsehen erregen. Ich halte, so sagt Lutscliitzky. den jetzigen Moment für ungünstiger als irgend einen früheren Zeitpunkt. Wir müssen nicht nur mit der Agitation der ..Schwarzen“ rechnen, sondern auch mit dem Judenhass derjenigen Abgeordneten, 'die in allen anderen Fragen ganz liberal auitrekn. Ich habe nie geglaubt, dass eine solche zwiespältige und zweischneidige Politik möglich ist. wie die jener Abgeordneten, die in sehr vielen Fragen gegen die Regierung kämpfen, in der Judenirage sich nbc-r noch reaktionärer verhalten als die Reg i e r u n g selbst! Davon habe ich mich in der geheimen D u n! a s i t z n n g überzeug!, 'gelegentlich der Besprechung der Rekrutenirage. Sogar die am weitesten links stehenden Oktobri sten sind den Juden gegenüber von einer utiglaublichen Gehässigkeit! Deshalb kann ich mir von der Einbringung einer Gesctzesvorhge zu Gunsten der Juden jetzt weniger denn je versprechen, und ich wundere mich über die Bemühungen derjenigen Juden, die jetzt eine Diskussion der Judenirage in der Duma herbeiifihrcn wollen. Die Behandlung einer solchen ernsten Frage in der jetzigen Duma, wo man wie in der gemeinsten Kneipe die vulgärsten und schändlichsten Redensarten zu hören bekäme, wäre nicht mir eine Naivität, sondern auch eine Sünde gegen das jüdische Volk. Das ist die Ansicht der Kadettenpartei, aber auch meine persönliche tiefste Überzeugung. — Einsichtige Politiker neigen also immer mehr dazu, in den Judenfrage die Hauptschuld nicht der Regierung, sondern der durch und durch antisemitisch v e r - scuchten Duma zuzuschicbcn. Angenehme Perspektiven eröffnet das frelich für die Juden Russlands nicht gerade. Das judenreine Moskau Aus Moskau wird der NEUEN JÜDISCHEN KORRE- SPONDF.NZ geschrieben: Die Moskauer Stadtverwaltung hat kürzlich wieder ein neues Zirkular über das Wohnrecht der Juden erlassen. Laut dieser Zirkular-Verfügung dürfen die Juden, die kein Wohnrecht für Moskau haben, nicht nur nicht in der Stadt wohnen, sondern sic dürfen die ..heilige Stadt“ nicht einmal betreten, ja sic dürfen sich nicht auf dem Bahnhofe aufhalten, geschweige gar von einem Balmhofe 7.11m anderen gehen. Und damit die Verfügung auch wirklich durchgenihrt werde, hat die Behörde strenge Vorschriften für die untergeordneten Organe erlassen und hohe Gefängnisstrafen auf jede Übertretung des Verbotes gesetzt. — Natürlich ist aber diese Verfügung so absurd, dass sic gar nicht konsequent durcligefiilirt werden kann, denn da Moskau ein Hauptciscnbalm-Zentrum fiir das östliche und asiatische Russland ist. so müsste man spezielle Eisenbahnen für die Jude n bauen, wenn diese tatsächlich Moskau nicht mehr sollten passieren dürfen. Die Stadt Moskau erhält aber ausserdem durch diese Verfügung noch ein besonderes ..Privilegium“ gegenüber Petersburg, das ja ebenfalls nicht zu dem Wohnbezirk der Juden gehört, in dem aber doch durchreisende Juden sich 24 Stunden auflialtcn dürfen. Wie man sicht, macht Russland riesenhafte Schritte — nur leider nicht vorwärts! Jüdische Arbeiterleiden In den grossen Webereien von Bialvstok, in denen bis jetzt fast ausschliesslich Handarbeit herrschte, und in denen neben den christlichen Arbeitern eine sehr grosse Zahl von jüdischen Arbeitern beschäftigt war. wurde bisher stets die ganze Woche hindurch gearbeitet. Die Juden feierten am