Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 38 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 379 einleitendem'Chorgesang hielt Herr Rabbiner Dr. Esche!- bacher von der Kanzel herab, auf der Sachs zwei Jahrzehnte hindurch gelehrt und gewirkt hatte, die Gedächtnisrede. Er wies darauf hin. wie das Wirken Michael Sachs' eine notwendige Reaktion des indischen Geistes in ihm gegen die Anpassungssucht der Reformer gewesen. Wie notwendigerweise eine Zeit, die in falsch verstandenen Ideen Mcndclsolms aufging, einen Mann hervorbringen musste, der den Juden zurief: ״Zurück zum Judcntunie. Trinket aus den Ouclien des iüdischen Geistes!“ Michael Sachs war eine notwendige Folgecrschcinung des Mendclsohnschen Aufklärungszcitaltcrs. Er hat den tiefen Sinn der Mendclsohnschen Emanzipation erst richtig dahin erkannt, dass der alte iiidische Geist in neue Formen gebracht werden müsse. Die Zcitkultur sollte nur die Ausdrucksforin des jüdischen Ingeniums sein. ..Die Schönheit Japhets solle wohnen in den Zelten Sems!“ Die Entwicklung des Judentums dürfe keine Abtrennung von dem bisherigen Wege, sondern ein Wciterwandcln auf dem Zusammenhängenden Pfade sein. Der Redner schloss mit dem Wunsche, dass diese Gedanken Sachs' auch in unseren lagen wieder zur Geltung kommen möchten. Dann erfülle sich wirklich das Wort: ״Das Andenken des Gerechten gereicht zum Segen!" זבר צדיר• לברכה Nach Rezitierung desאל ס־*א דדזס״ב und des קדיש דרבנן schloss wiederum Chorgesang die erhebende Feier. zu der die bedeutendsten Persönlichkeiten der Berliner Genieindc erschienen waren. (j. H. Jüdisch-soziale Arbeit Berlin. Am 12. September 1908 hat sich hiersclbst ein J ß d i s c h - s o z i a I c s Komitee gebildet unter Teilnahme von mehreren Damen und Herren. Es fand zunächst eine Orientierung über die sozialen Fragen der Gegenwart statt, welche für das Judentum von Interesse sind, und als notwendig wurde anerkannt über die Stellung zur Berufswahl, zur Gcwcrkschafts- und Genossenschaftsbewcgung. über hygienische Ehereform und soziale Erziehung des Kindes, über die Gefahren, denen die Juden in der Grossstadt ausgesetzf sind, und die genossenschaftliche Siedlung auf dem Lande eingehende Vorträge abzuhaltcn und in Vcrcinssitzungen sowfc in einer zu gründenden Jüdisch-sozialen Monatsschriit zu disktiticrcn. Weiterhin sind in Aussicht genommen: die Abfassung einer Denkschrift, ein Rundschreiben an die Jüdischen Gcmeinden. Propagierung in den jüdischen Wohlfahrtsvcreinen lind späterhin die Bildung einer Jüdisch-sozialen Gesellschaft. Die nächste Sitzung findet am Donnerstag*, dem 1. Oktober, in Dräsels Fcstsäien. Neue Friedrichstr. 35. Saal 3. abends S'g Uhr Pünktlich, statt. Herr Dr. Zlocistl wird in dieser Sitzung Leitsätze über die Sozialhygiene des jüdisehen Kindes vortragen, woran sich eine Diskussion mit einer Redezeit von!0 Minuten für den Redner schlicssen wird. Wer sich für dieses Gebiet interessiert und mitzuarbeiten wünscht, wird zu dieser Sitzung hierdurch freundlichst eingeladen. Krebsgang in Preussen Aus Mannheim wird der ..N. J. K.“ geschrieben: In der ZEITSCHRIFT FÜR SCHULGESUNDHEITS- PFLEGE veröffentlicht Dr. mcd. Julius Moses in Mannheim ״ein Nachwort zur Darmstädter Versammlung des DeutschcnVercins für Schulgcsundlieitspiicgc" und teilt darin mit. dass das ihm erst in Aussicht gestellte medizinische Rcferat über die Mädchcnscliulhygicnc Herrn Prof. Dr. Schmidt in B o n n mit der unzutreffenden Begründung erteilt worden sei. dass dieser die Frage zuerst angeregt habe. In Darmstadt habe ihm der Vorsitzende des Deutschen Vereins für Schiilgcsundhcitspflcgc aber offen erklärt, er habe sich unter Hinweis auf seinen in Baden unter allscitigcm Beifall gehaltenen Vortrag für ihn eingesetzt, der Vorstand habe ihn aber wegen seines Namens abgefeimt, nicht aber wegen seines Namens als Schulliygienikcr sondern wegen seines alttcstamcntarlsclien Charakters. Es sei In!euer Sitzung erklärt wor- Wen, das׳!! wenn Moses Name als Referent aut der Tages- Ordnung stünde, das preusslschc Ministerium sich auf keinen Fall!n Darmstadt vertreten lassen würde. Dr. Moses- Mannheim schreibt: ..Das Vorgehen des Vereinsvorstandes zielt darauf hinaus, die Mitglieder, die gleich mir mit der ohnehin nicht leicht zu tragenden Biirdc eines alttestamcntarisclicn Namens belastet sind, zu Mitgliedern z w e i t e r K1 a s s c zt: degradieren und ohne Rücksicht auf ihre sonstigen Qualitöten von der aktiven Beteiligung im Vereine auszuschlicsscn. Die Reehtloserklärung einer Gruppe von Mitgliedern, denen man nichts vorwerfen kann als ihren Namen, hat mit dem politischen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Antiscmitismus nichts zu tun■ Es handelt sich vielmehr um die schroife Durchbrechung der Gepflogenheiten der wissenschaftlichen Körperschaften, die auch In den vom Antisemitismus am leb-!!ältesten durchtobten Zeiten und Ländern einen neutralen Boden darstclltcn, auf dem alle wissenschaftlichen Arbeiter Platz fanden. In dem von Vorurteilen diktierten Verlassen eines in der Wissenschaft sonst hochgehaltenen Prinzips er-!)licke ich eine grosse Gefahr für das Gedeihen des Vereins selbst.“ Bemerkenswert ist, dass der Berichterstatter über die Darmstädter Versammlung in derselben Nummer der Zeit- Schrift schreibt: ״. . . Nur so darf es erklärt werden, wenn verdiente Mitarbeiter auf dem Gebiete der Sehulgesundheitspilcgc aus rasscnpsychologischen Gründen (!) an die Wand gedrückt und hinsichtlich praktischer Mitarbeit kalt gestellt werden." Wir sind gespannt, ob der deutsche Liberalismus, den der Skandal in hervorragendem Masse angeht, sich auch diesmal, wo cs siel! um eine jüdische Sache — oder vielmehr um eine antisemitische — handelt, die Welt mit der ähnlichen Energie überraschen wird, wie er es im .,Falle Schiicking" tat. Wenn das p r c u s s i s c 11 c Ministerium schon den Namen ,.Moses" pcrborrcszicrt. was haben dann erst die Cohns und Levys zu erwarten!? Urteil eines Japaners über den Antisemitismus in der MÜNCHENER POST äussert sich ein Japaner im Anschluss an die Enzyklika des Papstes gegen die Modernisten über die froigeistige Bewegung im allgemeinen und kommt in diesem Zusammenhänge aucii mit einigen wenigen Worten aui die antijiidischc Bewegung in Deutschland zu sprechen: ״ln Deutschland gibt cs eine Partei Judenfeinde. Diese Leute rufen laut, man muss alle Juden totschlagen. Nun. wie ist cs? Gerade diese Leute nennen sich ״aufrechte Christo n". Es ist dreist, so zu sagen. Die Regierung der Deutschen verbietet aber fast gar nicht das Reden von dem Judentotschlagen. Es soll doch nur ja kein Redakteur schreiben: ״Schlagt alle Grafen und Barone tot!" Oder eine Volksversammlung dazu auffordern. Sehr schlecht ginge es ihm. auch in Japan, denn wir haben einen alten, würdigen Adel mit vielen grossen Namen, die jeder achten muss. Nein, das also nicht — warum aber die Juden? In Amerika haben sie and: geschricn: ..Schlagt die Japaner tot!“ Wie können wir Ocstlichen denn Vertrauen haben, wenn Missionare kommen fcu predigen: ..Alle Menschen sind Brüder im Herrn Christus.“ . . . Nein, wir können alle diese Dinge nicht glauben, wir ver stehen cs nicht." Jüdische Wanderklubs Pie JÜDISCHE TURNZEITUNG veröffentlicht nachfolgcnden Aufruf: Gründet W a n d c r k I u b s! Die Kölner Vorturnerstundc hat das Gefühl der Sicherheit gestärkt: Wir sind auf dem rechten Wege; unser Werk, organisch aus einem in uns allen lebendig wirksamen Kern hcrangcwaciiscn, ist selber ein wurzclechtes, kerngesundes Gebilde. Aber mit seinem Wachstumc ist es wie bei einem Baume, alle feinsten Wurzeln und Fäserchen müssen aus der Weite und Tiefe des Bodens, von überall her, den Zustrom der nährenden Säfte vermitteln, damit der Stamm stark und stolz in Wind und Wetter stehen kann. Ihr alle, die Ihr da und dort uns Freund seid, ohne das Glück zu haben, in festgeiiigtem Verein Euren Willen und Eure Kraft für unsere Sache betätigen zu können. Ihr in Miinc hen und F r c i b 11 r g . in Königsberg und Frankfurt, Fiirth mul Magdeburg, und all den anderen Gemeinwesen, wo unsere Arbeit offene Herzen und bereite Arme gcfundcu hat. — Ihr alle bedeutet, vereinzelt und zersplittert, so gut wie nichts fiir die Sache, zusammen aber seid Ihr eine Macht, nach der unsere Bewegung dringend verlangt. Gründet \V a u d c r k l u b s. zieht hinaus *zu f rischer, froher Turnfuhrt, zu Turnspiel und jeglichem volkstümlichen Turnen, so erzieht Ihr Euch und Eure Freunde in turnerischem Geist und sammelt um Euch den Kern einer disziplinierten, zielbewussten Mannschaft. Geht es später einmal an TurnhallcnhcschaÜMitg und sclmlgercchten Betrieb, so wird sie alle Schwierigkeiten getreu mit Euch durclikämpfen. Lebt in Euch echter Turnersilm und ein fester Wille, so gibt es keinen Gciueindegewaltigcn. der Euch hindern kann, sogleich ans Werk zu gehen. Eure Halle ist das weite Himmelszelt, Eure Schulung bcsorgen Eure gesunden Sinne.