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Jüdische Rundschau · 1908-09-18 · Heft 38 (18.9.1908) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 38 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 378 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 38 eiinvandcrnden ohne Vorbehalt das türkische Staatsbürgcrrecht zu erwerben. Sie würden dann alles das erreichen, was mir als Ideal vorschwcbc. Denn das. was Ich als jfidisclmationalcs Ziel bezeichnet habe, sei eine innere Staatsangelegenheit *11er ottomanischcn Völker. Die türkische Judcnhcit brauche übrigens keine Direktiven von icnscits der Grenzen, sic wurde Sich auch solche nicht crcfallcn fassen. Solche Direktiven wären nicht nur unnutz. sondern auch gefährlich, denn sic setzten uns der Gefahr aus, dass der türkische Staat, von anderen Massnahmen ganz abgesehen, eine indische Einwanderung nicht mehr zulicsse. Auch ich stehe auf dem Standpunkte, dass die fetzt in der Türkei wohnenden Juden ilire Pflichten als türkische Bürger in loyaler Weise zu erfüllen haben, und dass die neucinwandernden ohne Vorbehalt das türkische Staatsbürgcrrecht erwerben sollen0 ״b sic aber, trotzdem sic diese Bedingungen erfüllen, alles das erreichen werden oder erreichen wollen, was mir und allen Zionisten als Ideal vorschwebt, ist mehr als zweifelhaft. Was ich unter iüdiscluiationalcni Ziel verstehe, ist keine innere Angelegenheit aller ottomanischcn Völker. Die Ziele, die das nationale Judentum in Bezug auf die Agrar- Politik verfolgt, sind mit denen der übrigen ottomanischcn Völker nicht identisch. Diese haben ihren Boden ־— wie müssen ihn erst erwerben. Diese haben ihren Bauernstand - - wir müssen ihn erst schaffen. Auch unsere Finwrmderuugs- Politik deckt sich mit der der anderen Völker nicht. Diese wohnen schon itti Lahde, unser Volk soll erst einziehen. Und wie unser Agrar- und unser Finwaudorungsprogramm. ist auch unser kaltmelles und unser religiöses Programm spezieller Natur. An die Sprachenfrage hat Herr Dr. Simonson seihst erinnert: ich erinnere an die Frage des gesetzlichen Ruhetags, die auch in der Türkei über kurz oder lang auf die Tagesordmmg kommen wird. Die Frave. die das nationale Judentum, am meisten intcressiert. ist die Agrarfrage. Diese Frage existiert z. Zt. für die grosse Masse der türkischen luden nicht. Jeder wird dies hestäfigen.der Ins heute die Wahlagitation in den Jüdischen Zentren verfolgt hat. Die jüdischen Wähler werden sich für diese Frage und manche andere unseres zionistischen Programms erst dann interessieren, wenn Wortführer des Zionismus ihnen die Bedeutung derselben und die Notwendigkeit ihrer Lösung klar gemacht haben. Direktiven sind also notwendig: und die türkischen Juden, soweit sic mit der nationalen Tradition nicht gebrochen haben, werden sic zweifellos dankbar annehmen - genau so wie wir im Westen cs getan haben. Und e b e n s o wenig wie die w c s t c u r o ־ n n i s c 11 c n Staaten wird der türkische S t a a t im Zionismus und der Arbeit für seine Realisicrung eine Gefahr erblicken. Unser Ziel ist seit Beginn unserer Bewegung der türkischen Regierung bekannt. Der Sultan hat ihm keine Hindernissc in den Weg gelegt: und ist cs nun denkbar, dass das türkische Parlament sich ihm widcrsctz.cn wird? Gegen eine solche Hypothese spricht schon die Tatsache, dass berufene Vcrtreter der Jungtiirkcn offen ihre Sympathien für den Zionismus manifestieren. Wenn cs tatsächlich in den massgebenden türkischen Kretsen Anstoss erregen sollte, wenn wir unser Programm zu realisieren beginnen, so reichte cs nicht aus. uns passiv zu verhalten: wir müssten auch Massnahmen treffen, dass keine Zionisten nnfgcstdlt und keine gewählt werden. Soweit will icdenfalls Herr Simonson nicht gehen. Fr verlangt nur. dass die zionistischen Führer keine Wnhldircktivcn gehen. Durch welche Mittel sollen sic aber das zionistische Programrn verwirklichen? U. A. W. G. Kunusenäu Juden, Deutsche^und Polend 1 * In der deutschen Ostmark Von wohlinformicrter Seite wird der N. J. K. geschrieben: Line Tatsaclicnvcrdrcliung. wie sie ärger niemals — auch nicht den Juden gegenüber — geübt wurde, beherrscht jetzt das Thema ״Juden und Polen“ oder richtiger ״Juden, Deutsche und Polen" in einem Teil der deutschen Presse. Man zerbricht sich wieder einmal den Kopf darüber, ob die Juden in den deutschen Ostmarken. Förderer des Polcntums oder des Deutschtums seien. Von polnischer Seite wird, nicht ganz mit Unrecht, vielfach darauf hingewiesen, dass die Juden, die vielfach ihren Wohlstand dem Handel mit den Polen verdankten, in den jetzt deutschen Bezirken des Königreichs Polen sich seit!eher fast ausnahmslos auf die Seite der deutschen Ocrmanisatorcn gestellt hätten. Fs wird an die Umnennung von fnowrazlaw in Hohcnsalza, die nur durch die Zu- Stimmung einiger jüdischer Stadträtc möglich war. und ahnliehe Dinge erinnert. Und cs wird darauf hingewiesen, dass dagegen die polnische Kundschaft die Ursache des Bliihens so mancher jüdischen Geschäfte gewesen sei. Zweifellos uurichtig ist dagegen, wenn von polnischer Seite behauptet wird, der sehr erklärliche Boykott der Polen gegen die jüdischen Geschäfte sei niemals praktisch diireligeführt worden. Denn cs ist eine Tatsache, dass seit etwa zehn bis fünfzehn Jahren immer mehr polnische Konkurrenzgeschäfte gegen die am gleichen Orte bestehenden jüdische n Häuser gegründet werden, und dass diese polnischen Gcschäfte bei der Unterstützung, die ihnen von polnischer Seite systematisch zuteil wurde, eine grosse Reihe jüdischer Firmen, wenn nicht ruiniert, so doch zur Aufgabe ihres Unternehmens gezwungen haben. Der Grund zu diesem Boykott, der jetzt von den Polen geleugnet wird, war eben die von altcrshcr bestehende halb unbewusste und halb gewollte Vertretung deutsch-politischer Interessen durch die Juden, die sich durch Sprache und alte Gewohnheit immer mehr zu den Deutsehen hingezogen fühlten als zu den Polen. Freilich wurde und wird ihnen das deutscherseits schlecht gelohnt. Die alte im Auslände vielfach erkannte Tatsache, dass die Deutsehen cs sind, di e ii b c r a 11 hin den A n t i s c m i - t i s m u s verpflanzen, fand auch in den polnischen Proviiizen ihre traurige Bestätigung. Die deutschen Beamten, die nach dem Osten kamen, glaubten durch den im übrigen Deutschland so modernen Antisemitismus und durch ihren hochnäsigen Dünkel ersetzen zu können, was ihnen an Verstäudnis für ihre wahren Aufgaben auf diesem exponierten Posten abging. Leider werden sic darin noch von einem grossen Teil der deutschen Presse bestärkt. Und jetzt findet sich sogar ein Blatt, wie die OFRMANIA in Berlin, die der ganzen Frage folgende von keiner Sachkenntnis irgendwie getrübte Bemerkung widmet: ..Frfalirungsgcmäss halten die Juden cs überall mit dem, der gerade die Macht in Händen hat, einerlei welcher K״nfcssion oder Nationalität er angchört. Aiigcublichlicli scheint ihr Vorteil ihnen zu raten, cs im Osten mit dem von der Regierung so kräftig geförderten Deutschtum zu halten. Damm und darum allein sind sic jetzt ״Stützen des Deutschtums in den Ostmarken“. An diesen Sätzen ist auch nicht ein richtiges Wort. Dass die Juden cs überall mit demjenigen halten, der die Macht in Händen hat. wird die GFRMANIA, die ja auch so oft über ..jüdische Schnorrer und Verschwörer“ geschrieben hat. kaum ernstlich behaupten wollen. Und dass den Juden ihr Vorteil rät. cs in den deutschen Ostmarken mit den Deutschen zu halten, kann nur ein wollend Blinder behaupten. Gingen die Juden in den deutschen Ostmarkcii nach ihrem materiellen Vorteil, so hätten sie es absolut und unbedingt mit den Polen halten müssen, die dann keine Veranlassung gehabt hätten, eine anti-jüdische Wirtschaftspolitik zu treiben, wenn man so sagen darf. Die Deutschen dagegen haben diese Politik nicht aus einer nationalen Notwendigkeit, sondern a u s reinem Antisemitismus heraus verfolgt. Sowie die neu-deutsche Germanisierungspolitik überhaupt den lang- Samen aber sicheren, sich von selbst vollziehenden Germanisicrungsprozess in den Ostmarken nur unterbrochen und eine vorher nie dag'cwcscnc nationale Verhetzung eingeführt hat. so hat sic auch den politischen und wirtschaftlichen Antisetnitismus durch ihre Beamten erst dahin vcrpflanzi. Mc1!n die Juden zum Dank dafür noch immer und noch viel bewusstcr als früher die deutsche Politik unterstützen, so ist das ein Akt von Sclbstentäusserung. dessen eben nur Juden fähig sind. Womit durchaus nicht gesagt sein soll, dass wir diese Unterstützung der deutschen Politik durch die von derselben deutschen Politik geradezu verfolgten Juden zu billigen vermögen. Menschen mit dem stark ausgeprägten Selbstgefühl und H g o i s m u s. wie man cs den Juden immer naehsagt. würden anders handeln’. Aber gerade deshalb haben die Juden tu der deutschen Ostmark doch die gehässige Bemerkung de GFRMANIA umso weniger verdient. Michael Sachs-Gedenkfeier Am Montag, dem 7. September 1908 waren 100 Jahre verflossen, seitdem in Olocati Michael Sachs geboren wurde.. Aus diesem Anlass fand in der Alten Svnagogc ü: der Heidereutergasse zu Berlin am letzten Montag eine Gedächtnisfeier fiir den grossen Verfechter des alten überlieferten Judentutnes. den begeisterten Nachdichtcr unserer heiligen und profanen mittelalterlichen Dichtungen statt. Nach

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