Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 376 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 38 des K.C. durchaus ablehnend gegenüber. im VJ.SL stört mich die bedingte Satisfaktion, welche ihrerseits wiederum miss• liehe formale Konsequenzen hat. aber trotzdem haben beide für mich gar manches, was ich für segenbringend der jüdischen Studentenschaft halte. Die Lebensfähigkeit der K.Z.V. glaube ich deswegen anzwcifcln zu müssen, weil wegen der naturgcmfiss geringen zionistischen Vorarbeit auf den Gymnasien das Rckriitierungsfckl fiir sie ein nur beschränktes sein kann. An ihnen gefällt mir die stramme studentische Zucht und das Satisfaktionsprinzip. Ich habe schon in verschiedenen Univcrsitätsstfidten Gelegenheit gehabt, die zionistischen Korporationen, wenn auch nur kurze Zeit, zu beobachten: ich hatte ein unbeschreibliches Gefühl der Freude über den gesellschaftlieh guten Kindruck, welchen die ganze Führung der jungen Herren machte. Nichts von ״Corpsier-Sittcn", aber Sitten! Auf diese Frage einzugehen, ist zwar eine delikate Sache. Ich will es aber versuchen, die Klippen zu umschiffen. Das S.C.-Corps war und ist die in jeder Hinsicht bestgeleitete studentische Organisation, von welcher sehr rasch jeder einzelne abgcwimmelt wird, welcher nicht sichere Gewähr dafür gibt, durch sein Verhalten im Leben die Verant- Wörtlichkeit des Corps fiir ihn zu rechtfertigen. Dass draussen im Leben der eine oder andere, vor allem durch wirtschaftliche Verhältnisse geleitet, den rechten Boden verlässt, kommt vor. ändert aber an dem ganzen Bilde nichts. Dementsprechend hat das Corps den ehemaligen Alkohohnisbraiich eingeschränkt, hält auf pünktliche Examina und hat cs tatsächlich schon vor Jahrzehnten erreicht gehabt, dass seine Angehörigen zu den flcissigsten — meinetwegen streberhaftesten -- Studenten gchören; zum mindesten gehörten hierzu die höheren Semester. Ihre stets tadellose Kleidung -- ja. ja. das ist eine gar wichtige Sache. — ihr stets tadelloses Auftreten, ihre Verkehrslärmen, welche wohl bei dem einen oder anderen Neuling in der S.-C.- Sphäre etwas Überhebendes zeigen, machen sie eben zu einem von der übrigen Studentenschaft sich abhebenden Ganzen. Die Unterordnung nach Semesterzahl erzieht zur Bescheidenheiteine Tugend, welche im Verkehr durch Form und Inhalt der Meinungsäusserungen jederzeit ,angenehm berührt, während das unbescheidene stets Besserwissen, die formlose Haltung, der oberflächliche Universalismus usw. keineswegs im Corps seine Erzichungsstätte findet. Möchten doch alle jüdischen Verbindungen diese Corpsier-Sittcn nachahmen! Das wäre kulturelle Hebung des Judentums! Ich weisse es. weil ich mit ofienen Augen sehe, dass die Nachahmung dieser Sitten, nicht immer schön wirkt: was durch viele Generationen durch den Druck, welcher auf uns gelastet hat. vernachlässigt wurde, kann nicht mit einem Male nacligeholt werden. So kommt es z. B.. dass der elegante Jude i!1 Landstrichen, in denen der Jude seit Generationen schon als feiner Mensch lebt, etwas anderes ist. ästhetisch und ethisch, formell äusserlich und inhaltlich, als in solchen Landstrichen, in welchen die Menschwerdung erst später erfolgt ist und als erstes und vermeintlich wichtigstes Utensil Glacehandschuhc und Lackschuhe beigclegt wurden! Geduld, es kommt alles mit der Zeit, aber cs muss gelernt werden. Darum keine Überhebung über Ausscrliehkeitcn. sondern Schulung für sie. — Ich glaubte, den ..Scherz (?)“ Urnen vorenthaiten zil dürfen, aber er muss heraus, weil er als historische Erinnerung Ihnen den Fortschritt illustriert, welchen die jüdische gute Korporationsstudcnteiischaft gemacht hat: vor jenen 25 und 30 Jahren gab es keine einzige jüdische Korporation, von welcher nicht ursprünglich, immer für die betr. Universität als etwas ganz Neues, erzählt wurde: ״Wissen Sie schon, die so und so jüdische Verbindung) hat gestern den Koiiventshe- Schluss gefasst, dass von nun au saubere Kragen, gerade Ab- Sätze, ganze Hosen usw. getragen werden müssen.*‘ Blutig. aber-nicht immer der tatsächlichen äusseren Erscheinung nicht entsprechend! — Wäre das heut noch möglich, einen derartigen ״Witz" zu versuchen an einer gut geführten jüdischen Korporation? Die Annahme ästhetischer Formen ist eine Assimilation an dit gute Gesellschaft, welche unter der Bezeichnung kulturelle Hebung ein sicherer Teil dieser ist. Und die straffe Unter- Ordnung ist das beste Mittel, Auswüchse der unbescheidenen Art zu bekämpfen. Was unter ,.jüdischer einfacher Sitten und Sittlichk e i t" zu verstellen ist. weiss ich nicht. In der Korporation, welcher ich angchöre, standen wiederholt streng rituell lebende Bundesbrüder an der Spitze. Der Ausschluss ärmerer oder inässig begüterter Studenten ergibt sich wohl bei einigen Korporationen aus der zu besserer Lebensführung berechtigenden grösseren Begiiterung der Majorität. Es liegen doch geschlosscnc Gesellschaften vor, welche ihre Lebensweise, mehr oder weniger kotspielig. führen und sich in ihr durch minder begüterte nicht stören lassen wollen. Das ist das Recht der freien Verkehrswahl. Aber an ein Verlachen ..des ganzen grossen Komplexes, der allen Juden heilig oder ehrwürdig ist,“ vermag ich gar nicht zu glauben. Das wäre gelinde ausgedrückt — knabenhaft, kann wohl hier und da bei dem einen oder anderen Einzelnen Vorkommen, aber dass eine ganze Korporation den Stempel dieses intellektuellen und moralischen Tiefstandes an sich trüge, halte ich für ausgeschlossen. Nun zum Wesentlichsten: Ich verstehe unter ethischer Beeinflussung die Erziehung der Burschen zum Bewusstsein gegenseitiger Verantwortlich- Reit. Und die korporative Zucht. Unterordnung. Vcrkelirsform, kurz Ästhetik sind die Mittel, welche zu diesem Ziele zweckdienlich sind. Wir haben in keinem Verbände so wie im UY.rps diese Bahnen ausgebaut. Darum dürfen wir uns nicht genieren, sfo uns als Muster zu nehmen. Der Wohlerzogene wird stets 1md jedermann gegenüber die stolze M iirde in Verkehr wahren. An seiner Erziehung prallen die antisemitischen Missachtuugsversuche ah. Der mangelhaft erzogene Jude, dem die Kinderstube die w ichtige Mitgabe nicht hescherte und der später in der unangenehmen saloppen Art weiter verkehrt hat. zeigt einen ganz anderen Typus; hochnn'itig dem sozial unter ihm Stellenden gegenüber, ungelenk — ich hin an der Klippe angelangt -- im Verkehr mit Nichtin den. Sie sehen, nach welcher Richtung ic!1 die Bekämpfung des Antisemitismus anstrebe: Keine Augiiiisfläclie bieten! Da ich nun zu meiner Freude weiss. dass im K.Z.V. diese Grundsätze gepilegt werden, getreu dem zionistischen Programm. so sind wir bis hierhin ja einig. Diese Einigkeit hört auf, sobald wir zur Kritik der paritätischen Korporationen kommen und vor allem zur Beantwortung der Frage, ob diese iuncrliuih der jüdischen Studentenschaft berechtigt sind oder ob sie bis zu ihrer Vernichtung bekämpft werden müssen. Nun. das letztere ist nicht gut möglich: denn, wie ich schon betont habe, hält sich eine überwiegend grosse Anzahl einwandfrei guter Juden noch ausserhalb der jüdischen Prinz!'־ pientrias der K.C., B.J. C. und K.Z.V. Sie werden, soweit sie überhaupt Neigung zum Verbinduugsleben haben, in dem sogen, paritätischen jüdischen Verbindungen ihr Unterkommen finden! Diese auf qualitativer Höhe zu halten, ist die Hauptauigabe der einzelnen Körperschaften. Dass hieraus das Ansehen der gesamten Judcnscliait Nutzen zieht, kann nicht geleugnet werden. Ausschreitungen irgend welcher Art können nur ausnahmsweise sich zeigen, ändern aber, wofern sic rechtzeitig und gründlichst abgestcllt werden, rielits an dein GrunJ- . satze. jüdischen Studenten in jüdischem Kreise יוסץ Kommilitonen die Möglichkeit zu gewähren, ein sorgenfreies fröhliches Stiidentenlehen zu iiiliren. Ihre Leistung ist eine anerkennenswerte, wenn cs gelingt, d«'e Mitglieder so zu erziehen, dass sie als Juden sich Anerkennung beruflicher und gesellschaftlieber Art erringen. Zur ״jüdischen Arbeit“ sind nicht alle geeignet. Und die für sie keine Neigung haben, brauchen deswegen immer noch nicht ungeeignete faule Glieder des jüdischen Körpers zu sein. Sonst kommen wir mit logischer Sicherheit zu dör Konsequenz, dass wir Juden, nach Gruppen und Grtippclicu getrennt, einander zerfleischen. Sollen wir. die wir Jahrzehnte lang das Thema Toleranz bis zum Überdruss abgedroschen haben, jetzt aniaugen. die Intoleranz /.tun Grundgesetz des Verkehrs innerhall) der Judcnscliait zu machen? Ich glaube, mich stets frei gehalten zu haben von Vcrsuchen. Unschönes am und im Judentum zu beschönigen, daher verurteile ich singuläre Vorgänge*, w'ie die bezüglich der Tliiiringia geschilderten auf das scliäriste. Sie stören mir aber'das Gesamtbild nicht im entferntesten, welches sich mir dutch ununterbrochene Beobachtung seit meiner Aktivitätszeit so darstellt, dass auch die paritätischen Koporationcn eine grosse Anzahl von guten Juden der Gesamtheit erzogen haben, auf w elche diese stolz sein können. Mögen alle Richtungen im Judentum, deren es ja stets recht viele geben wird, sieh ausleben: wir müssen sie tolerieren solange sie ethisch tmd ästhetisch den Ansprüchen genügen, welche der ethisch tmd ästhetisch anspruchsvollere Teil der Juden und der gesamten .bürgerlichen Gesellschaft an uns stellen. Auch würde ich mich freuen, sähe ich alle jüdischen Akademiker hei ״jüdischer Arbeit". Ein pitil desidcriuni! Bekümpieu wir die Ausschreitungen unter 1ms und gegen uns, arbeiten wir an uns und für das Ganze, toloricren w ir alles, woran w ir eine Mehrung jüdischer Kraft erkennen, marschieren wir. alle die verschiedenen Richtungen, verschiedene Wege, aber einigen wir uns am Treffpunkte, welcher repräsentiert wird durch׳den Begriff der kulturellen Hebung unseres Volkes. Auf dieser Basis werden wir uns lioficntlicn einigen! Dr. raed. Carl Kassel, Posen.