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Jüdische Rundschau · 1908-09-18 · Heft 38 (18.9.1908) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 38 (18.9.1908)
Date
1908-09-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 38 JÜDISCHE RUNDSCHAU Sehe 35ל Grenzet! erhalten bleibt und frei wird von dem Einfluss derer, die auf seine Zerstörung warten. Von unserer Leitung wird letzt daran gearbeitet, dio neue Lage zu verstehen und sie richtig zu erfassen. Das ist!eene schwere und verantwortungsvolle Aufgabe. Es ist die allerschwierigste, aber auch die allergünstigste Situation, in der sich der Zionismus und n*it ihm düe Hoffnung des Judentums seit der Begründung unserer Idee befunden hat Wir haben allen Grund zu vollem Vertrauen zu unserer Leitung, die nichts übersieht, was zu ihren Pflichten gehört, die alle Möglichkeiten erwägt und ebenso fern von Schwarzseherei wie von falschen Träumen entfernt ist. Sic wird uns die Wege weisen und uns mit der Sicherheit erfüllen, dass der Zionismus vorwärts schreitet, wie er cs bisher noch nicht getan hat. Wir werden über diesen Wink der Leitung mit erneuter Arbeit quittieren, und mit der freudigen Arbeit, die in einem gewaltigen Aufwärtsschnellen der zionistischen Partei ihren Lohn findet. Ist cs noch das alte Gleise, in dem wir uns bewegen, wird von manchem ängstlich gefragt. Nein, das alte Gleise ist ausgefahren und dadurch unpassierbar geworden. Es ist ein neues Gleise, in dem wir fahren, es ist die Neue Türkei, die junge Türkei. Die jungen Juden stellen neben den jungen Türken in gleicher Arbeit für das gemeinsame Reich. Aber im neuen Gleise streben wir dem alten Ziele zu, das uns vorleuchtet seit dem Tage, wo wir die erste Ahnung hatten, dass wir ein Volk zu werden bestimmt seien, als unser Ahnherr diesem Ziele entgegenzog auf den Ruf, der an ihn erging: אל הארץ אער אראך ... Es ist dasselbe Ziel, das wir vor Augen haben: Zion. Es ist der alte Kurs, aber ä m neuen Gleise. Heinrich Sachse Der jüdische Student Es gibt Örumlanscliauuugcn, welche niemals veralten. Zu ihnen gehören diejenigen von der Bedeutung des Universitätsiebens. Sie können vorübergehend einmal verschiedene Formen der Universitätsgcbildc zeitigen, aber der civis academicus bleibt das konservative Element in ihnen: die goldene Freiheit zu leben und zu sterben, der freie Geist, welcher noch in jedem Burschen steckt und sich in gesunden Zeiten gegen Grillen und Sergen wehrt. In gesunden Zeiten: In denen des Kampfes stellten die Studenten noch stets ihren Mann. Wenn aber die Kampfeslust abflaut, tritt mit einem Schlage ein Umschwung in der Interessensphäre der Studentenschaft ein. Jetzt leben wir in einer solchen Krise. Der Antisemitismus als Kampfesart hat dem Ascnütismus Platz gemacht. Dieser bleibt als Frucht des ersteren bestehen, bis vielleicht einmal ernste politische Zeiten auch ihn entthronen werden. Innerhalb der Studentenschaft bereitet sich dieser Umschwung schon seit langem vor. Asemitisch wurden die meisten alten Korporationen sofort mit Beginn der antisemitischen Bewegung, antisemitisch traten in Form von riidea Rempeleien diu Herren nur so lange auf, als nicht die jüdische Studcntenscluift. die freie sowohl, wie die organisierte, ihnen die Faust zeigte. Es gab nur diese eine Methode, sie war wirksam: denn schon uas Bestehen einer jüdischen Korporation, besonders aber einer solchen, welche den ,*Couleur-Klimbim“ mitmaelit. genügt heut, um dem Antisemitismus gar nicht in die Erscheinung treten zu lassen. Ans dieser Zeit, verehrter Herr Kommilitone Theilhaber, habe ich die Theorien, von denen Sie annehmen, dass ich den Stand der Dinge ״allzu tlicrorctiscli in allzu günstigem Lichte* sehe. Damals existierte ausser dem K.C. und — wenn ich nicht irre — nur die interkonfessionell-jüdischen“ (au einer solchen hängt mein Herz noch heut in begeisterter Jugendliebe) schlagenden Verbindungen keine jüdische Korporation. Wollte ich Reminiszenzen feiern, so würden Sie vielleicht bedauernd erkennen, dass Sie den letzteren Unrecht getan haben: sic haben, ohne in ihren Statuten die Bekämpfung des Antisciuitisiiius festgelegt zu haben, an persönlichen Opfern alle mehr geleistet in kurzer Zeit, als jetzt in einer Reihe von Jahren die gesamte jüdische Studentenschaft zu leisten nötig hat Ich will Urnen aber gestehen, dass mir die programmatische Bekämpfung des Antiscmitsmus niemals sympathisch war! Ganz abgesehen von dem unschönen Polizistentum. das sich durch sic zu einer Misere in der Judenschaft ausgewachsen hat, musste sic in ihr die Entwicklung der gesunden Sclbstwchr jiiedcrhaltcn und wohl auch zuweilen für Elemente, deren wir uns nicht zu freuen nötig haben, ein schützendes Bollwerk bieten: man lauft zum Kadi und ist geborgen. Keineswegs durch Bekämpfung des Antiscmitsmus hat dieser sich in die immerhin noch vorhandenen Grenzen zurückgezogen, vielmehr ist er durch seine eigenen Auswüchse auf den jetzigen Stand gekommen. Lin anständiger Geist geniert sich der Gesellschaft der bisherigen Volksfülirer. Um auf die engere studentische Frage zurückzukommen: die antisemitischen Ausschreitungen seitens der Studentenschalt sind durch das stramme Auftreten der oben erwähnten Generation von der Bildiläche verdrängt worden. ein Verdienst, das diesen keiner von denen, welche damals Studenten waren, wird schmälern wollen. — Als Beweise lür die Berechtigung Ihrer Abneigung!Uhren Sie zunächst die F.W.V. au. Uicse ist doch eine wissenschaftliche Organisation auf breitester Basis, allerdings so eingezwätigt in poiitiscli-deutsciiireisinnige Arbeit, dass tur die Judcnsachc in ihr gemäss den Tendenzen des üeutscnitcisinns wenig l'iutz nur sein kann. Sowie wir diese Art von Vereinen in die Diskussion führen, verlassen wir ja an ich schon den uns trotzdem doch gemeinsamen Boden, m'iniicli den der jüdischen Interessenvertretung. Ich kam als Mix auf die Kneipe des F.W.V., einmal nur. Auf meine Frage, wie sich die Herren zur Judensuehe stellten, bekam ich die woliltüiieiiue Antwort: Wir treten tur die Juden ein mit dem Wort und, wenn es sein muss, mit der Tat Das passte mir gar nicht m einer 4cit. da nur die lat galt! Damals ent Wickellen sich die studentischen jüdischen Korporationen der Tat. welche alles geleistet, wäurend das Munujudentum sich aut WahiKämpie ihr Lesehalle und Ausschuss beschrankte. Ls sind 1a allerdings nicht alle Menschen Kampmaturen: mögen diese weiter inre Unterhaltung und üesellsehait da suchen und nnuen, wo sie!unter Paragraphen ihren sicheren schütz linden. Die jüdische studentische Frage als Teil der grosseu Judemragc hat aber nur eine einzige Lösung und diese ist ein Teil des zionistischen Programms, er lautet: Selbstwehr lind kulturelle Hebung der akademischen Jugend! Hierin sind wir uns doch einig, Herr Kommilitone? Und Sie werden sehen, dass unsere Differenzen gar nicht so arg grosse siud! Vorerst aber die Erledigung der Thuringia-Anare. Fast bin ich geneigt, die Schuld an dem jämmerlichen Bilde der — übrigen jüdischen Studentenschaft auis Konto zu setzen. Eine derartige Erbärmlichkeit des betr. Herrn H. hätte zu meiner Zeit die Folge gehabt, dass dieser auf keiner Universität, in welcher Juden existierten, sich mehr öffentlich hätte zeigen können, ohne Ueialir zu laufen, so behandelt zu werden, wie er es verdiente. Der Fall selbst ist mir seit langer Zeit bekannt. Er wurde wohl von dem Kaufmann brevi manu gesühnt, ohne dass Herr H. darauf reagierte. — Dennoch glaube ich. dass in meinem Wissen eine Lücke ist: denn es ist ausgeschlossen, dass eine Korporation einen derartigen Herrn, ohne dass dieser Satisfaktion geholt, auch nur eine Stunde in ihrer Alitte behält. Dieses Vorkommnis wäre ja. wenn es sicli so verhielte, wie es mir s. Zt. erzählt wurde, derart, dass eine staatliche Anstellung oder eine Beförderung beim Militär ausgeschlossen wäre. — Die ganze Sache ändert aber an meiner Stellung zur paritätischen jüdischen Korporation nichts: denn sollte diese eine in München sich durch Duldung eines Unwürdigen in ihrer Mitte preisgegeben haben, so kann cs nicht ausbleibcii, dass dieseDisziplinlosigkeit sicli von selbst rächt. Eine beliebige Vermehrung dieser Beispiele kann Ich mir nicht gut vorstcllcn. Im Gegenteil: ich habe strengste Beweise dafür, dass in den paritätisch-jüdischen Korporationen — allerdings spreche ich ausschliesslich für diejenigen mit unbedingter Satisfaktion — weitestgehende Sicherung der Reinheit ihrer Reihen vorgesehen und gewahrt ist. In Jedem Falle liegen in dem Thurmgia-FaUe grobe Unterlasstmgssüriden seitens der übrigen jüdischen Studenten vor. Nun zur Frage der Oberflüssigkeit der ״Assimilatioijskt.rporationcu. Ich muss hierbei zunächst diese Wort ablehnen mau braucht weder Zionist (K.Z.V.) noch nationaler Jiid fß.J.C.) noch Zentralvereinsjude (K.C.) zu sein und sann doch ein strammer, zuverlässiger, treuer Jude sein. Wie alt sind dann diese drei Begriffe überhaupt? Ihre prozentuale Anhängerscliaft in der Studentenschaft ist doch ferner eine minimale. Warum sollen wir denn die grosse Menge, welche sich noch nicht zu rubrizieren vermag, ahstosssen? Suchen w ir doch die einigenden Punkte, um ihnen die Brücken zu uns frei zu halten.

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