Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 38 (18.9.1908)
- Date
- 1908-09-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 374 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 3& in der Leitung des Zionismus, man weiss zwar nicht was; aber wsa da geschieht, ist wichtig, dem Zionismus dienlich und für das Jüdische Volk notwendig. Heute, wo die geniale Person, des Gründers unserer Organisation nicht mehr an unserer Spitze steht, müssen es andere Momente sein, die uns davor bewahren, eine gut geleitete Verwaltungsmaschine zu werden, die in der Verwaltung und nicht in der Bewegung ihr Prinzip hat. Wiederholt sind solche Momente eingetreten, die unserer jetzigen Leitung die Möglichkeit gaben, neuen Geist unserer Bewegung einzuhauchen, zu frischem Fortschreiten. Das gewaltigste Ereignis waren in diesem Sinne die grossen Novemberpogrome, die in ihren Folgen unsere Parteileitung auf der Höhe ihrer Wirksamkeit zeigten und die Brüsseler Konferenz veranlasstcn, die zu schnell vergessen worden ist. Wir wollen nicht die einzelnen Ereignisse in ihrem Geschehen und ihren Folgen autzäblcn, die unserer Leitung die reichlich ausgenutzte Gelegenheit boten, den irischen Geist jugendliehen Feuers in der Partei auzufachen. Wenn cs heute vielleicht scheinen will, dass dieser iiische Geist eingeschiummen ist, so ist das eben nur ein Schein. Audi wenn jetzt kein folgenschweres Ere'gnis eingetreten wäre, das unserer Leitung die ganze Schwere ihrer Pflichten zum Bewusstsein bringt, würden wir doch gemerkt haben, dass die frohe Hoffmingsireudigkeit, die das Merkmal und unverkennbare Kenn- Zeichen der Herzlsehcn Epoche des Zionismus war, neue Nahrung erhält, und zwar von unserer Leitung her, die bei aller Vorsicht im Handeln keineswegs daran denkt, die Hände in den Schoss legen zu wollen. Das Ereignis, das von so grosser Bedeutung für unsere Nation und unsere Sache ist, ist die Umwälzung in dem befreundeten Türkischen Reiche. Das ist ein Geschehnis, wie es nie ein gleich wichtiges oder auch nur ähnliches für den Zionismus seit den ersten Tagen seines Bestandes gegeben hat. Es rollt mit einem Male den ganzen Komplex der Fragen auf, d!V des Jüdischen Volkes im Orient harren. Wenn wir auch mit vollem Vertrauen auf die Herrschaft des Sultans rechnen konnten, der gegen seine jüdischen Untertanen stets gerecht und freundlich gewesen ist, so müssen wir doch gestehen, dass die Aussichten, die sich jetzt durch d;e Neugestaltung der Dinge im Türkischen Reiche dem Zionismus eröffnen, solche sind, dass Männer aus unser» Reihen, denen der Chartergedanke Herzls zum Dogma geworden zu sein schien, an die Wichtigkeit der praktischen Arbeit im Lande Israel zu glauben beginnen, als wäre wenigstens ein Teil des Charters, vielleicht gerade der wertvollste bereits erreicht. Das ist freilich noch irclit der Fall. Es ist auch noch sehr fraglich, ob die Weiterentwicklung der Dinge in der Türkei gradlinig erfolgen wird. Niemand weiss, was im Schosse des noch nicht gewählten Pariainentes schlummert. Sollten, wie es scheint, die nationalen Fragen das erste Kolorit dem Medschlis gehen, so weiss heute noch iremand, ob wir auch nur einen einzigen Jüdischen Vertreter in dem Parlamente haben werden, der diese Fragen vom jüdischen Standpunkte aus beherrscht Wenn daher ein jüdisches Blatt bereits verlangt hat, die sofort'ge Verlegung des Sitzes der zionistische,1־ Hauptleitung nach Konstantinopel oder Jerusalem, so zeugt das von dem Verkennen der Schwierigkeiten, die eine ungeklärte Lage crg:bt, ganz abgesehen davon, dass wir doch insoweit noch etwas Demokratisches aus der feurigen Jugendzeit des Zionis- »uns znriickbclialten haben, dass wir diese folgenschwerste Entsehliessung doch einem ad hoc cinznberufenden Kongresse Vorbehalten wissen möchten. Wenn diese selbe Zeitung sogar aus d'er neuen Aera in der Türkei uns die Wiedergewinnung Znngwills und seiner Anhänger in Aussicht stellt, so vergisst sie, dass alle wertvollen Elemente unter d;escn Freunden niemals so weit den Zusammenhang mit dem Zionismus verloren haben, dass sic nicht bereits den Anschluss entweder wiedergewonnen haben oder im Begriffe sind, ihn zu erreichen, dass aber der Verlust Zangwills aus unsern Reihen nicht als Verlust, sondern als moralischer Gewinn angesehen werden muss. Wir sind die allerletzten, die wünschen möchten, dass unser Engeres Aktionskomitee ebenso wie unser deutsches Zentralkomitee pessimistisch oder kleinlich wäre. Im Gegenteil, wir warten immer auf die Momente, wo es uns in stolzer Hoiinungsfreudigkeit voranschreitet und sind dankbar für jeden noch so kleinen Schritt auf diesem Wege. Aber aller Pessimismus und alle übergrosse Vorsicht s:nd nicht so schlimm wie ein Drauflosgehen, das die tatsächlichen Verhältnisse ausser Acht lässt. Die Lage in der Türkei ist trotz der bewundernswerten Ruhe und Sicherheit, mit der das Jungtiirkentum vorgeht, immerhin noch eine so ungeklärte, dass wir kaum irre gelten, wenn wir amiehmeti, dass sogar unsere Leitung bei aller ihrer intensiven Arbeit am Hauptort ihrer Tätigkeit nicht immer über alles orientiert sein kann, was in der Hauptstadt und im Reiche geschieht. Aber unsere Diplomatie macht keineswegs den Eindruck der Trägheit, und wir dürfen sicher erwarten, dass wir bald den grossen Zug fühlen werden, der von der leitenden und arbeitenden Zentrale infolge dieses wichtigsten Ereignisses in alle noch so fernen Glieder der Bewegung fährt. Aber die Lotung muss auch wissen, dass sie auf eine folgsame Schar rechnen kann, die nur des Winkes harrt, der von ihr ausgclit, um sich mit der alten jungen Begeisterung in den Kampf zu stürzen, die die jüdische Jugend für Ihre Ideale entflammt und hinreisst. Unsere Augen schauen nach Köln, denn wir w issen, das uns von dorther jener Wink kommen w ird, dass etwas Wichtiges vorgeht, dass alles geschieht, was der Augenblick erheischt und w׳as möglich ist. Also wir brauchen keine Übereilung und keine Mast, aber aiicli keinen P c s s i - m 1• snuis und keine An gs t iiici c rc i, sondern die stete lind sichere Arbc;t der Männer unseres Vcrtrauens, die an unserer Spitze stellen. Wir wissen, dass dieselbe Freiheit der Aktion, die wir durch die neue Aera in der Türkei erhalten haben, in erhöhtem Masse unserer wirtschaftlichen und natonalen Konkurrenz zuteil wird! dass wir aber erwarten dürfen, dass w ir in steter Kultur-« arbeit für das Land, das Türkische Reich und die palästinische Judcnhoit nicht hinter den andern zurückbleiben werden. Die Werte, die wir für das Türkische Reich schaffen, werden zugleich die Plattform sein, auf der wer unsere kulturellen Wünsche im Rahmen des Türkischeu Reiches erreichen werden Das Jüdische Volk, nicht bloss im Türkischen Reiche und nicht nur die Zioivsten, hat allen Grund, sich über jede Stärkung und Sanierung des Türkischen Staates zu fi euen, der allein niemals jiidenfeindliclie Gesetze gegelien hat, der allein in den Juden glevhberechtigte Menschen gesellen hat, schon zu einer Zeit, wo man unsere Väter auf den Scl1e:terl!aufen verbrannte, die von Spanien flammten bis gen Berlin und weit im ״judenfrcimdrclieii“ Polen. Jede Niederlage der Türkei hat die Juden schwer betroffen, und wir haben allen Grund, in der Entwicklung der Türkei nach unserm besten Können dahin zu w irken, dass das Osmauische Reieli in seinen