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Jüdische Rundschau · 1908-09-11 · Heft 37 (11.9.1908) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 37 (11.9.1908)
Date
1908-09-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 370 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 37 die der Orient in reichem Masse bietet. Haben bisher manche Kreise dem türkischen Geschäft gegenüber wegen der vieltach unklaren resp. unbekannten Verhältnisse eine gewisse Reserve an den Tag gelegt, so scheint es jetzt an der Zeit, das Versäumte nachzuholcn. wenn man nicht will, dass andere Nationen einen Vorsprung erzielen, den wettzumachen später schwer sein mag. Was hier für die Deutschen als solche gilt, trifft — vielleicht in noch viel höherem Masse — auch auf uns Juden zu. Auch wir sollten den Zeitpunkt nicht versäumen, in dem wir auf vielen Gebieten in der Türkei Fuss fassen könnten. Jüdisches Kapital, jüdischer Unternehmungsgeist, jüdische Aus- Wanderung haben viele Länder bereits entwickeln helfen, darunter kaum eins, das unserer Betätigung so reichen Lohn verspricht, wie die Türkei. Auch bei uns haben viele sich von den unklaren Verhältnissen zurückhalten lassen, in der Türkei ihr Arbeitsfeld zu suchen, und auch bei uns werden letzt hoffentlich viele ihren früheren Standpunkt einer Revision unterziehen. * Schliesslich noch Einiges über Deutsche und Juden. Es wird vielen sehr erstaunlich Vorkommen, wenn wir hier an der Hand einiger Ziffern nachwcisen, dass das jüdische Element im Deutschtum der Levante-Länder eine gewaltige Rolle spielt. — Nicht nur zeigen die deutschen Kolonien Konstantinopds und der anderen grösseren Städte der Türkei einen starken Prozentsatz von Juden, sondern weit über die Zahl der deutschen, westösterreichiscbcn und schweizerischen Juden, die dort wohnen und an dem Leben der deutschen Kolonien einen lebhaften Anteil nehmen, gibt es ein jüdisches deutschsprachiges Element, das das im engeren Sinne deutsche Element um ein Vielfaches iibertrint. — Es ist zwar wenig bekannt, aber nicht minder wahr, dass Jerusalem die deutsebspriebigste Stadt ganz Asiens ist, und zwar nicht auf Grund seiner nicht ganz 500 Seelen deutscher Bevölkerung — auch nicht auf Grund der wenigen deutschen Schulen, in denen Araberkinder in deutscher Sprache unterrichtet werden, sondern auf Grund cii^r jüdischen Bcvölkcrung von über fünfzi gtausend, von denen der grössere Teil eino deutsche Mundart — das Jüdisch deutsche — spricht. Achnlich sieht es in Konstantinopel selbst aus, wo viele tausende russischer und rumänischer Juden der Hauptsache nach sich desselben Idioms bedienen und auch für Smyrna. Bcirüt und Salonik trifft es mehr oder minder zu, dass die Juden das Hauptkontingent der deutsch-sprechenden oder wenigstens deutsch-verstehenden Bevölkerung bilden. In Palästina gellt die Bedeutung dieser Tatsache weit über das schon gezeigte Beispiel Jerusalems hinaus. Die 8500 Juden Jaffas, die 80)0 von Jafed. die 7000 von Tiberias, die von Haifa und von Hebron, die 7000 der über das ganze Land verstreuten jüdischen Ackerbaukolonien in Palästina sind alle zum grösseren Teile mehr oder weniger deutschsprachig und haben in hohem Masse die Erfolge der Christlich-deutsclicn Kolonisation des heiligen Landes erleichtert und auch den deutschen Mandel und die deutsche Industrie in einer bisher noch viel zu wenig anerkannten Weise gefördert. Bekannt ist ja auch die seit kurzem kräftig einsetzende Tätigkeit des ״Hilisvercins der Deutschen Juden־‘, der in Konstantinopcl, in Palästina und an vielen anderen Orten der Türkei jüdische Schulen mit — neben dem hebräischen Unterrieht und dem in der Landessprache — vorwiegend auch deutschem Sprachunterricht errichtet hat.- Indem wir der NEUEN TÜRKEI mit ihren gut-türkischen Tendenzen Glück wünschen, hoffen wir, dass deutsche und jüdische Interessen in diesem Organ neben einander den ihrer Bedeutung entsprechenden Ausdruck finden werden. Türkische Juden als Staatsbeamte Die neue türkische Regierung, der die t.oyalitüt und Treue der türkischen Juden wohl bekannt ist, beschäftigt sich gegenwärtig־ mit der Zusammenstellung einer Liste derjenigen Juden, die als erste filr den Staatsdienst in Bctracm kämen. Da man jetzt gewissenhafte und intelligente Beamte in grosser Zahl braucht, hofft man. unter den Juden eine Reihe geeigneter Persönlichkeiten, die den Forderungen der neuen Zeit Verständnis entgegenhringen. zu linden. Wie aufmerksam die Regierung sich den nationalen und religiösen Interessen gegenüber verhält, erhellt daraus, dass aus Rücksicht auf die christlichen Minister das Kabinett ausser am Freitag, dem niuhammedanischcn Feiertag, auch am Sonntag keine Sitzungen abhült. Die jüdischen Parteien in der Türkei Die jüngsten politischen Ereignisse haben in der jüdischen Bevölkerung der Türkei eine Spaltung hervorgerufen. Der Antagonismus, der ohnedies zwischen den S c f a r d i iu und Aschkenasim besteht, wurde nur noch verschärft. Die Sefardim behaupten, s i e seien die wahren türkischen Bürger unter den Juden, weshalb auch die den Juden zugedachten Sitze im Parlamente ihnen gebühren. Die Aschkenasim wollen dies nicht anerkennen und drohen, sich mit den Muhammcdanern oder den Christen zu verbfinden. Aber selbst unter den Aschkenasim herrscht nicht die erwünschte Einigkeit. Hier führen die Orthodoxen einen heftigen Kampf gegen die Zionisten, in vielen Städten der europäischen Türkei wurden jüdische Wahlkomitccs eröffnet. Der Wahlkampf dürfte ein sehr scharfer werden .— Aus dem Lande Israel Man weiss, wie wenig die J.C.A.. die keine Neigung hat. in Palästina eine jüdische Arbeit zu begünstigen, den Wünschen und Bedürfnissen der jüdischen Kolonisten entgegenkommt. Um so erfreulicher ist cs, dass der alte Schützer der ersten jüdischen Sicdelung. Baron Edntond von Rothschild sich seiner •alten Schützlinge in erfreulicher Weise aunimmt. Er hat bei Rosch-Pinnah, dessen Mark zu eng ist. 4000 Dunani Landes angekauft, um sie gegen Abzahlung zu annehmbaren Bcdingiingen den Kolonistensdlmcn von Rosch-Pinnah zur Verfügung zu stellen. Die Kolonie Rcchobboth wird einen weiteren wichtigen Schritt zu gedeihlicher Entwicklung machen. Sic hat bei einem amerikanischen Juden eine Anleihe zu C> Prozent ausgenommen, uni eine Wasserleitung anznlegcn. die die natürlichen Wasser- Verhältnisse so ausnutzt, dass die Kohmic rationellen Gemüse- |(au und die so sehr erwünschte Milchwirtschaft cinfiihrcn kann. Auch in Tiberias (Palästina) ist nunmehr ein Kindergarten des Hilfsvereins der Deutschen Juden eröffnet worden. Die Erüfimmg desselben sollte schon im Herbst vorigen Jahres zur Zeit des vorletzten Aufenthaltes des Herrn Dr. Nathan in Palästina erfolgen. Sie musste aber infolge lokaler Schwierigkeiten, die jetzt behoben sind , binausgescliobcn werden. Nach einer dem Hüi'svcrcin zugegangenen Mitteilung aus Palästina wird die Anstalt bereits von vielen Kindern besucht, was nicht nur ein Beweis daiiir ist. dass durch die Begründung eines Kindergartens in Tiberias einem dringenden Bedürfnis entsprochen ist. sondern auch von neuem dafür zeugt, dass die Institution des Kindergartens, die durch den Hiüsverein in Palästina zur Einführung gekommen ist. ältere Vorurteile völlig' beseitigend, sich die grössten Sympathien der Bcvülkerung erworben hat. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hatte, wie bereits gemeldet, in dankbarer Erinnerung an die tatkräftige Unter- Stützung, die den Opfern der Brandkatastrophe in Htskiöj durch die türkischen Behörden zuteil geworden, für die kurzlieh abgebrannte muselmanische Bevölkerung in Stambul 2500 Franken überwiesen. Diese Summe ist jetzt durch den Vcrtraucnsmann des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Konstantinopcl, Herrn Rabbiner Dr. Markus, dem Minister des Innern Hakky Bcy zur Verteilung überreicht worden. Wie wi( aus Konstantinopel erfahren, hat der Minister dem Danke der türkischen Regierung in warmen Worten Ausdruck gegeben, und sämtliche türkische Zeitungen Konstantinopels üusserten sich über die Schenkung mit herzlicher Anerkennung. Warburg-Wald Wir weisen unsere Leser auf den Ausweis von 50 Oelbäumen bin. die die allezeit voranschreitendc Dessauer Ortsgruppe zu einem Warburg-Wald in Galiläa gespendet hat. Wir haben nicht nötig daraus!!inzuweisen, dass wir uns selbst ehren, wenn wir den Leiter unserer Palästinaarbeit ehren. Und wir kör.neu das nicht besser tun. als mit der Ausführung• des (kdnnkttts. der von ihm selbst ausging, durch den Ausbau der Oclbaumspcndc. Der schöne Anfang ist das Verdienst unseres unermüdlichen Kantors Blitz. Pansemitismus ln einer grossen Versammlung iu Kairo hielt ein Araber eine zündende Rede, in der er für den Zusammenschluss aller semitischen Völker Propaganda machte. Am Schlüsse seiner Rede bediente er sieh der hebräischen Sprache und erklärte, der Wiener JÜDISCHEN ZEITUNG zufolge, alle s c m i t i - sehen Völker müssten die zionistische. Bewegung fördern, weil die Juden derzeit als der kulturell höehststehende semitische Stamm berufen erscheinen, an der Spitze der semitischen Völkerfamilie zu marschieren. Die pansernitische Idee mag manchen sonderbar anmuten, gewiss aber ist es, dass der allgemeine Kulturzustand der semitischen Völker einen ungeahnten Aufschwung erfahren muss, sobald die zionistische Bewegung ihr Endziel erreicht hat. Die Araber haben tatsächlich ein eminentes Interesse daran, den Zionismus nach Kräften zu unterstützen. Das

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