Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 37 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 369 Feststellungen selbst nicht in allen Fällen ganz einwandfrei sein, da bekannt geworden ist, dass auch Handwerker, die tatsächlich zur Zeit der Ausweisung ihrem Berufe oblagen, gleichwohl nicht die Zurücknahme der Ausweisung erwirken konnten. — Diese Ausweisungen erinnern lebhaft an die Fälle lener Mädchen, die, um in Moskau studieren zu können, die ..gelbe Karte״ der Prostituierten bei der Polizei nahmen, wodurch sie das Wohnrecht inj ״heiligen" Moskau erhielten, die dann aber ausgewiesen wurden, weil sie »nachweislich ihren Beruf nicht ausübten."-(N. J. K.) Abermals Ausweisungen Aus Kirsanow (Gouvernement Tambow) sind neuerdings wieder 40 Juden ausgewiesen worden, die seit langem dort ansässig waren, und sogar zu den Zeiten S i p j a g i n s und P l e h w e s unangefochten dort gewohnt haben. Jetzt sind sie nun ausgewiesen worden, obwohl erst kürzlich in einem Zirkular des Ministeriums verfügt wurde, dass Juden, die bis zum 1. August 1905 in den ausserhalb des Ansiedlungsrayons gelegenen Orten gewohnt haben, nicht' ausgewiesen werden sollen. Die jüdischen Familien von Kirsanow mussten aber sogar binnen 24 Stunden den Ort verlassen. Und trotzdem ist diese Ausweisung auf legalem Wege erfolgt! Wieso? Nun, das genannte Zirkular öffnet der Willkür trotz seiner scheinbar so klaren Bestimmungen ein ziemlich grosses Hintertürchen. Es heisst nämlich, dass die Juden nur dann das Wohnrecht sollen behalten dürfen, wenn die örtliche Bevölkerung keinen Widerspruch erhebt. 111 Kirsanow haben nun die Juden wahrscheinlich einmal irgend einen Anführer des ״cchtrussischen Verbandes״ gekränkt, und infolgedessen erhebt nun ״die Bevölkerung", das heisst ein Dutzend aulgestachelter Individuen Widerspruch gegen den Aufenhait der Juden. Jüdische Studenten in Russland An der hiesigen Universität haben für das kommende Semester 150 jüdische Studenten aus dem Petersburger und Wilnaer Bezirk Immatrikulations-Gesuche eingereicht. Nach der bestehenden Prozentnorrn können jedoch von diesen 150 Abiturienten nur 88 aufgenommen werden. Da nun 70 jüdische Abiturienten goldene und silberne Medaillen besitzen (d. h. ihr Examen mit Auszeichnung absolviert haben), so können nur 18 junge Leute aufgenommen werden, die nicht über diese Auszeichnung verfügen. Die grosse Zahl der mit goldenen und silbernen Medaillen prämiierten jüdischen Gymnasiasten. fast 50 Prozent der Gesamtzahl, beweist, mit welcher ungeheuren Energie diese jungen Menschen bereits auf der Schule sich bestreben, die besten Leistungen zu erzielen, um dasselbe zu erreichen, was ihre nichtjüdischen Kollegen ohne besondere Anstrengung erlangen. Denn natürlich bekommen die jüdischen Gymnasiasten auch diese für sie so wertvolle Auszeichnung, goldene oder silberne Medaillen, weit schwerer als die christlichen Schüler. Und trotzdem — und obwohl die Zahl der jüdischen Schüler doch höchstens 10 Prozent der nichtjüdischen Schülerzah! ausmachen kann — übersteigt die Ziffer der jüdischen prämiierten Gymnasiasten verhältnismässig diejenige der christlichen Gymnasiasten uni ein vielfaches. Kruschewans Karriere Aus Petersburg wird der ״N. J. K.“ von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: Endlich ist wieder einmal in Russland der richtige Mann an der richtigen Stelle gelandet. Wie liier bekannt wird, hat der bekannte und berüchtigte antisemitische Agitator. K r u - schewan, einer der Hauptbegründer der Pogrom-Aera in Russland, der bereits vor fünf Jahren in Kischinew seine traurige Rolle gespielt hat, und jetzt einer der wildesten Apostel des ״Verbandes der echt-russischen Leute" ist. seine publizistische Tätigkeit aufgegeben, um dafür eine Stellung im russisehen Polizeidienst anzunchmen. Die RUSKOJE SNAMJA wird also einen ihrer besten Mitarbeiter verlieren, aber dafür wird der ״Verband der echt russischen Leute“ einen umso einflussreicheren Protektor haben. Bauernschlauheit Ein interessanter und charakteristischer Fall wird aus einem Dorfe im Gouvernement P o d 0 I i e n gemeldet. Da die Juden in diesem Dorie kein Wohnrecht haben, so be* nützten die Bauern des Dorfes die gute Gelegenheit, um von den dort ansässigen Juden eine jährliche Abgabe von 10 Rubeln pro Kopf zu erpressen. Kürzlich weigerten sich mm die Juden, diese Illegale ״Gebühr“ für die Erlaubnis zum Wohnen weiter zu zahlen. Daraufhin wandten sich die guten Bauern an den Gouverneur mit dem Ersuchen, die Juden aus dem Orte auszuweisen, da sie der Bevölkerung ״schädlich** wären. Die Verwaltungsbehörden gingen der Sache nach und erfuhren schliesslich von den Bauern als Grund der ״Schäd- Uchkeit“ der Juden: Die Juden kauften von den Bauersfrauen verschiedene Produkte, wie Eier usw., und zwar ohne Wissen der Männer! Ein so gemeingefährlicher Be• vöikerungs-Bestandtcil könne dort nicht geduldet werden. Die Entscheidung der Behörde über das Gesuch der dummschlauen Bauern steht noch aus. Jedenfalls zeigt dieses Vorkommnis, wohin solche zweischneidigen Bestimmungen führen. Die Juden versetzen sie in ewige Unruhe, und die übrige Bevölkerung wird wie die Dodoiischen Bauern heillos korrumpiert. Die jüdische Emigration nach New-York Die Statistik der jüdischen Einwanderung nach New-York für den Monat Juli 1908 weist abermals eine merkliche Steigerung gegenüber dem Vormonat auf. Insgesamt landeten im Monat Juli im Hafen von New-York 4349 Aus- Wanderer, d. h. 865 mehr als im Monat Juni. Von den Emigramen verblieben 3175 in der Stadt New-York. während 1174 sich nach dem Innern des Landes begaben. Unter den Eingew'andertcn sind 1471 Männer, 1545 Frauen und 1333 Kinder. Aus Russland stammten 3340 Auswanderer, aus Oesterreich 536, aus Ungarn 241, aus Rumänien 125. aus Deutschland 14. aus England 4$, aus der Türkei 42. aus Griechenland. Frankreich und Holland je ein Auswanderer. — Nach, einer kurzen Stockung, die wesentlich durch die amerikanische Krise vert.rsaeht war. ist also die jüdische Emigration nach Amerika anscheinend wieder in unaufhaltsamem Steigen bcgriffen. Ein Irrtum Die ABWEHR-MITTEILUNGEN haben einen kleinen Irrtum zu verzeichnen. Sie benutzen eine Originalniitteilung unserer RUNDSCHAU, die sie folgendcrmassen einleiten:!ם Bulgarien kann die Sumpfpflanze des Antisemitismus nicht so recht gedeihen, trotz aller verzweifelten Anstrenzun• gen der Antisemiten, da die Behörden -״ anders als in Russ fand — ein wachsames Auge auf die politischen Brunnenvergifter geworfen haben. Es sind daher bisher alle etwa beabsichtigten Pogrome nach russischem Muster im Keime erstickt worden: so jüngst auch in dem Jassy er Prozess. Es war dort von dem als Antisemiten bekannten Direktor des chemischen Instituts gegen 86 jüdische Schankwirte ein Verfahren w׳egen angeblicher Fälschung von Getränken anhängig gemacht worden, in dessen Verlauf die Getränkebestände dieser Wirte konfisziert und auf die Strasse gegossen wurden. . . . “ Der Bericht aus Jassy, den sie nach der RUNDSCHAU Im weiteren geben, leidet aber an dem kleinen Irrtum, dass Jassy nicht in Bulgarien liegt, sondern in dem durch und durch — viel mehr als Russland — antisemitischen Rumänien. Wie aber die Sumpfpflanze des Antisemitismus in Baiearien gedeiht, ersieht man daraus, dass infolge antisemitischer Hetze viele Juden nach der Türkei auswandern. y ־'MriMEMMdMr׳ -j fr** ™ר—*״! ft Russische Belohnung Aus Odessa wird der ״N.J.K." von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: Bei einem hier vor kurzem von Banditen, die sich ..Anarchisten" nennen, verübten Überfall zeichnete sich ein Jude in der Abwehr der Mordgesellen durch grosse Tapferkeit aus und tötete einen der Banditen. Der Generalgouverneur hat nun angeordnet, diesen Juden bei der Polizei anzustellen, ״Die neue Türkei“ Aus Konstantinopel wird der ״N.J.K." von ihrem dortigen T.-Korrespomlcnten geschrieben: Unter dem Titel DIE NEUE TÜRKEI erscheint seit 1. Sept. 1908 eine deutsche Tageszeitung in Konstantinopel unter der Redaktion Maximilian Kienasts (Verlag F. Loeffler. Pera). Das Blatt, dessen erste Nummern bereits vorliegen, stellt sich die Aufgabe, in erster Linie das Organ der deutschen Kolonie Konstantinopels zu sein, die neben Reichsdeutschen auch eine grosse Zahl von Oesterreichern und Schweizern zählt. Darüber hinaus aber will sie durch Nachrichten über Handel und Industrie des Türkischen Reiches und der sonstigen Levante-Länder den deutschen Kaufmann und Industriellen Uber die Möglichkeiten auf dem Laufenden halten,