Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Ifi •*-•*ft*# 4*«^. aifc *0** ■äC* Seite 368 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 37 F. Das Anwachsen des Fonds. I Nachstehend neben wir einine Daten über das Anwachsen des Fonds «m Laufe des verflossenen Geschäftsjahres. Das Vermögen betrug zu Beginn unserer Verwaltung- Periode am 1. Mai 1907 .£ 52.724. 8.3 31 ״. Dezember 1907 laut Bilanz . 58.489.17.4 ״ Nettozuwachs vom 1. ״Mai bis 31. Dezember 1907 . £ 5,765.9.1 Bruttozuwachs vom 1. Januar bis 30. Juni 1908 .. ..4,780.2.9 Wir fügen hinzu, dass bei all diesen Ziffern das V e r ־ mögen der ölbaumspendc. sowie die Eingäהge für Olbaumspende und) Herzlwald nicht inbegriffen sind. Kunascnau Die Juden der Schweiz Wie immer noch sehr wenig bekannt ist. hat die nicht atu wenigsten von Juden als ״frei“ gepriesene Schweiz erst Mitte der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts durch den von ihr gewünschten Abschluss eines Handels- und Niederla ss u n g s v e r t r a gc s mit Frankreich gezwungcnerwcisc den französischen Juden das Aufenthalts- und Niederlassuugsrecht gewährt, da Frankreich eine differentielle Behandlung seiner Staatsangehörigen nicht zugestehen wollte. Da aber dieses Recht nicht einmal den in der Schweiz ansässigen Juden bis dahin zustand. so musste man schliesslich, wollte man nicht eine Kategorie von Ausländern gegenüber den gleichartigen Landesangehörigen in Vorteil setzen, auch den schweizerischen Juden die vollen Bürgerrechte geben. Gleichwohl ist die Zahl der Juden in der Schweiz keine grosse. Sie belief sich: 1850 auf 3145 1860 auf 4216. .7373 ,. 1880 .6996 ״ 1870 .12264 ״ 1900 .8069 ״ 1890 Im Verhältnis zur Oesamteinwohnerzahl der Schweiz machte die jüdische Bevölkerung im Jahre 1850 0.2?0 und im Jahre 1900 0.4 aus. Die beiden alten israelitischen Bfirgergcmeinden der Schweiz, Neu-Endingen und Neu- Lengnau sind seit 1850 aut ein Drittel ihrer damaligen Einwohnerzahl (1515) zurückgegangen. Von den zwölftausend Juden, die in der Schweiz leben, sind übrigens nur etwa 5000 Schweizerbürger, die anderen sind Ausländer. Die grösste Zahl von Juden weist der Kanton Zürich auf mit 2933, die kleinste der Kanton U r i mit einem Juden, der noch dazu Ausländer ist. Gar keine Juden haben die Kantone Ob- und Nidwalden sowie Appcnzell-Innerrhoden. — Bekanntlich hat die Schweiz durch das infolge einer Volksabstimmung in die Verfassung aufgenommene Schacht verbot, durch Schikanen gegen Hausierer und Kleingewerbetreibende, gegen die in der Schweiz Studiennden ״Russen“ usw. den Juden das Leben so sauer wie möglich gemacht. Würde nicht der ängstlich gewahrte Ruf eines freien und demokratischen Landes die Schweiz in vieler Hinsicht verpflishten. so hätten die Juden wohl noch über anderes zu klagen. Denn der Antisemitismus steckt dafürum so tiefer. Eilt Pogrom en miniature Aus S t a n i s I a u (Galizien) wird der N. J. K. von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: Def ״Sokor-Verein in Glogow (Galizien) feierte am Vorabende des 9. Abh. des jüdischen Trauertages .des Papstes Jubiläum durch Illumination und festlichen Umzug. Diese feiernden Christen wollten aber, dass auch die Juden sich mitfreuen und ihre Häuser aus diesem Anlässe illuminieren sollen. Die Juden verweigerten dies natürlich mit• Rücksicht auf den nationalen und religiösen Trauertag. Die ״Sokolisten" rächten sich dafür und schlugen fast sämtliche Fensterscheiben der J u d e n h «1 u s e r in Trümmer. Die christlichen Häuser, die aus irgend einem Grunde nicht illuminiert waren, blieben natürlich verschont. Liebe Leute, diese edlen Polen! Wie heisst es doch im Niederdeutschen: ״Wie hebben doch keenen Paopst!“ Konferenz für die jüdische Sprache Aus Czernowitz (Bukowina) wird der ״N. J. K.“ von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: Am Sonntag, dem 30. August, wurde hier irn grossen Musikvereinssaal die sogenannte ״Konferenz für die Jüdische Sprache“ eröffnet, zu der etwa 70 Schriftsteller erschienen sind. Ausserdem hat sich ein sehr zahlreiches Publikum eingefunden, das an den Beratungen lebhaftes Interesse nahm. Die Eröffnungsrede hielt der um die Popularisierung der jfldisch-deutschen Sprache in Westeuropa und um die Uebcrtragung' einiger wertvoller Werke aus dem jüdischen Dialekt ins Deutsche sehr verdiente Wiener Schriftsteller Dr. Nathan Birnbaum. Er kämpft seit Jahren für die Gleichberechtigung der ״jüdischen Sprache“, die man ungerechterweise mit dem Schimpfnamen ״Jargon‘־ belegt habe. Und doch sei es diese Sprache, in der die jüdischen Massen durch lange Jahrhunderte ihr Herz und ihren Humor, ihre Freude und ihre Trauer ausgcdrückt hätten. Der Abscheu vor dem ״Jargon“ sei nur der Ausdruck des Abscheucs gewesen, den die Juden vor sich selbst hatten. Der Redner verwies mit Emphase auf den grossen Aufschwung, den die jüdische Sprache in den letzten Jahren genommen habe, und der der beste Beweis fiir ihre Lebenskraft sei. Nach Dr. Birnbaum sprach der bekannte Warschauer Schriftsteller. I. L. P e r c z, dessen prächtige Erzählungen auch in verschiedene moderne Weltsprachen übersetzt sind. Perez sagte, diese Konferenz sei nicht zu Dcmonstrationszwcckcn cinbcrufen worden, sondern um ein besseres gegenseitiges Kennen und Verstehen der iiidischen Schriftsteller zu fördern und um die Grenzen zu verwischen, die zwischen den in jüdischer Sprache schreibenden Autoren der verschiedenen Länder entstanden seien. Eine weitere wichtige Aufgabe der Konferenz sei cs. die in jüdischer Sprache geschaffenen Kultur werke den anderen Völkern zu vermitteln. Zu diesem Zwecke schlägt Perez vor. alle in jüdischer Sprache geschriebenen wertvollen Werke in lateinischer T r a n ss k r i p t i o n herauszugeben. (Bekanntlich wird der jiidisch-deutschc Dialekt, fiir den hier der Name einer Sprache verlangt wird, mit hebräiselten Lettern geschrieben.) Das Präsidium wurde zusammengesetzt aus Dr. Birnbaum (Wien). 1. I.. Perez (Warschau). Dr. Schitlowsky (Ncw-York). Taubes (Czernowitz). Nombcrg (Warschau), Dr. Sottck (Braila). Singer (Wien). Weissmann (Czernowitz). Kleinmann (Lemberg) u. a. In einer grossen Volh־s Versammlung, die am Nachmittag stattfand, sprachen über die Bedeutung der jüdisehen Sprachkonferenz Taubes. Dr. Schitlowsky. Perez u. a. Besonderen Beifall fand die Rede Dr. S c 11 i 11 o \v s k y s. der auch nachdrücklich betonte, dass die Konferenz durchaus keine Tendenz gegen die hebräische Sprache haben solle, abends fand im Czernowitzer Stadttheater eine Jüdischliterarische Soiröe statt, bei der die jüdischen Schriftsteiler Reisen, Asch. Nombcrg' und Pcrez Stücke ans ihren neuesten Dichtungen vorlascn. Analphabeten in Ungarn Der ungarische Minister des Innern hat soeben seinen Entwurf zu einem neuen Wahlgesetz fertiggestcllt. Dieses Gesetz enthält unter anderem die Verfügung, dass das W a h I - recht an die Kenntnis des Lesens und Schreibens geknüpft sei und Analphabeten demnach kein Wahlrecht besitzen. Aus diesem Anlässe Hess der Minister Graf Andrassy eine Statistik der in Ungarn lebenden Analphabeten nach Konfessionen ausarbeiten. Laut dieser Statistik gibt es in Ungarn: Analphabeten in Prozenten Römisch-katholische 8792 287 4 181 343 47.68 Griechisch-katholische! 670 662 t 450 853 83.84 Griechisch-orientalische 2 632 187 2 052 976 77,99 Auesb. Evangelische 1 203 815 343 166 28.55 Reformierte 2 225 028 816 321 36,69 Unitaricr 61 644 29617 48.04• Juden 724 733 249 1 23 . 3437 Prozentuell haben also in Ungarn von den Evangelischen abgesehen — unter allen übrigen Konfessionen die Juden die wenigsten Analphabeten. Zudem ist aber bei dieser Statistik das Schreiben und Lesen jüdischer Buchstaben gar nicht in Betracht gezogen worden, so dass also die Zahl derjenigen Juden, die in keine! Sprache schreiben und lesen können, sicherlich hei weitem nicht die Zahl von 249 123 erreicht. Ausweisungen aus Petersburg Der Petersburger Stadthauptrnann hat in der Zeit vom 1. Juni bis 1. Juli dieses Jahres insgesamt 107 füdischc Handwerker aus Petersburg ausgewiesen. Dabei ist zu bemerken, dass diese indischen Handwerker das offizielle Wohnrecht in Petersburg haben. Die Ausweisung erfolgte lediglich mit der Begründung, es sei festgestellt, dass die Betreffenden ihr Handwerk tatsächlich nicht ausüben. Natürlich wird man sich dabei auf allzu peinliche Untersuchungen, warum die ausgewiesenen Handwerker ihr Handwerk vielleicht zeitweise nicht ausübten, kaum eingelassen haben. Auch dürften die *T