Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 37 (11.9.1908)
- Date
- 1908-09-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 37 I JÜDISCHE 'RUN DSC HA U Seite 363 Herr Dr. Carl Kassel macht aus der Not eine Tug'cnd. Gewiss ist ein Gran Wahrheit in dem Gesagten. Manche intelligente und mit einem gewissen jüdischen Gefühl begabte Studenten ziehen aus der stets wiederkehrenden Tatsachc eine Lehre, dass ihre interkonfessionellen Vereinigungen trotz all der Versuche, ihr Judentum zu verleugnen, von allen anderen Studentenvereinigungen als jüdische angesehen werden, dass sie selbst trotz ihres meist indifferent-jüdischen Standpunktes in keinem der allgemeinen Studentenverbänden aufgenommen wurden. — Das kann uns nicht hindern, an folgendem festzuhalten: Die paritätischen Studentenverbindungen verschmähen es fast durchweg, mit den jüdischen Korporationen gemeinsame Sachc in der B c k ä ni p i u 11 g des A n t i s c m i t i s m u s und in allgemeinen jüdischen Angelegenheiten zu machen, als einzeln in dieser Richtung sich zu bewegen. Sic hindern eine grosszügige Arbeit der jüdischen Studentcnhcit in bundeit Angelegenheiten. Schon deshalb ist ihre Art zu bekämpfen lind daran zu arbeiten, derartige Gohisblüten zum Aussterben zu bringen. Denn obwohl wie gesagt, nur aus •Indien bestehend, ist ihre Tendenz entweder lediglich, huf studentische Aetisserlichkeiten (Couleur Klimbim) odei1 auf irgendwelche das Judentum nicht tangierende Angelegenheiten, die aber auch cum grano salis betrieben werden (Literatur etc.), gerichtet. Die Mitglieder selbst nehmen infolge der in diesen Brudercorps herrschenden Erziehungsideen selten Interesse an den: mächtigen jüdischen Arbeitsfclde. Weshalb aber die jüdische Welt besonders gegen diese Zwitterorgamsationen zu Felde ziehen muss, ergibt sich aus der Tatsache, dass aus den Assimilationskorporationen unheimlich viele AssImlIant e!1 hervorgehen, das sind Leute, die nichts dahinter finden, sich selbst entweder taufen zu lassen, ihre Kinder dem Christentum zuzuführcu oder vermittels einer Mischehe das Judentum in der eigenen Familie abzuschwächen. Leute, denen das Judentum völlig gleichgültig ist, — die Bestrebungen, welche den Untergang der deutschen Juden fördern, gutheissen — wenn sie auch selbst öfters durch Schicksalsfügung: nicht zu den gerade angegebenen Schritten kommen, sind nach meiner Ansicht Assimilanten zu nennen. Herr Dr. Kassel, der vor sehr vielen Semestern auf der alma mater weilte, hat die Zeiten miterlcbt, wo auch bewusst jüdischc Studenten in den sogenannten paritätischen Korporationen Mitglieder wurden, weil es keine echt jüdischen Verbindungen gab. Heute ist aber doch schon eine ziemliche Scheidung angebahnt. Ein Teil der Abiturienten glaubt zu w issen, w׳as er will. Und: diejenigen, die siel: als Juden nicht zu betätigen wünschen, treten in die Assimila t I 0 n s- Vereine ein und sorgen schon dafür, die Tendenz der Korporation und ein kräftiger Alt-Herrn Stamm hilft dabei mit, — dass auch die jungen Füxleln, die noch etwas Jüdisches mitbringen, bald diesen überflüssigen Ballast wegwerfen. Die Hochburg der Gegner jedes lebensfrohen Judentums ist daher die Assimilationskorporation — wenn auch einige Ausnahmen die Regel bestätigen. Wer heute, wie der Schreiber am Ende eines Studiums, das nicht zum geringsten auch dem Studium der akademisch-jüdischen Frage gewidmet wfar, fast alle paritätischen Verbindungen in ihren Mitgliedern kennen gelernt hat. wird sicher mit der Uebcrzeugung sein, dass man cs hier mit den indifferentesten, sogar antisemitischsten iungen Juden zu tun hat, die In Deutschland umherlaufen. Allerdings muss noch einmal betont werden, dass es sehr wohl hier Ausnahmen gibt: Korporationen, die sich allmählich etwas dem Judentum nahem, Korporationen, die noch einen stärkeren Prozentsatz von bewussten Juden besitzen. Aber gleichwohl darf ich doch als einige Symptome ein paar kurze Beispiele anführen, damit man sicht, wie w׳eit die Assimilation in dem von Herrn Dr. Carl Kassel gelobten Milieu vorgeschritten sein muss, um derartige Stückchen gebären zu können. In einer Verbindung, die fast nur aus Juden besteht, zu Leipzig, wurde eine Weihnachtsfeier mit Weihnachtsbäum. Schmücken des Bäumchens etc. abgehalten, in der freien wissenschaftlichen Vereinigung zu Berlin hielt der bekannte Dr. Fromcr seinen Vortrag über die Zukunft des Judentums, im Anschlüsse daran erklärte der Vorsitzende, dass cs attch die Ziele seines Vereins, seien den von Herrn Dr. F. herbcigeschnten Untergang und das Auf gehen der Juden in der Umgebung mitherbeizuführen. In der freien Verbindung Thuring'ia (München) bcschimpfte ein Mitglied einen Kaufmann mit S . . jude. Dieser Ihiiriitgcr war noch selbst zweieinhalb Jahre vorher Jude gewesen, seine sämtlichen Bundesbrüder waren Juden *oder getaufte luden, die es trotzdem nicht für nötig hielten, Herrn H. wegen dieser Acusscrung und Beleidigung auszuschlicssen. In ihrem Kreise konnte w׳eitcr ein Mensch verkehren, der das Judentum in der gröblichsten Weise bcschimpfte. Man kann sich daraus nicht nur einen leisen Begriff machen, wie es mit dem Judentum etwa dieses Posener Bourgoissöhnehcn aussicht, der sich bei seinem Eintritt in die ..j ii d i s c h e“ (wie Herr ür. Carl Kassel meint) Verbindung taufen lässt, sondern vielmehr wie es um das jüdische Selbstbcwüsstscin der übrigen Herren aussicht.- Diese Beispiele könnten noch beliebig vermehrt etwas besser den Stand der Dinge kennzeichnen, die Herr Dr. . K• allzu theoretisch in zu günstigem Lichte sieht. — Es ist auch gar nicht einzuschen, weshalb Assimilationskorporationen, die nach keiner Richtung hin ihren Zweck erreichen, existieren sollen. Sic sind völlig überflüssig. In Oesterreich schwinden sie ja glücküchcrwuise und die Wenigen. die zur Zeit existieren, haben nur noch ein Scheindascin. Auch in Deutschland gibt es schon eine grosse Zahl von Universitäten, die diese Verirrung jüdischen Geistes nicht auizuweisen hat. Denn das diese Gebilde, die ihre Existenz einer kläglichen Vogelstrausspolitik (paritätisch und nichtjüdisch bei Anwesenheit ver. lediglich Juden!) und einer uhangenehmen Nachahmungssucht Corpsler-Sitten, die sich sogar teilweise überlebt haben, verdanken, ausgerottet gehören, muss so: lange betont wurden, bis diese jüdischen-nichtiüdisehen Korporationen wirklich selig eingegangen sind. Da dieser Artikel kurz gefasst sein soll,, muss ich mir leider versagen auf einige wichtige Punkte dieser Frage ausfiihrlich einzugehen. — Es gibt nämlich, abgesehen von der Stellung zum Judentum, auch sonst noch eine Assimilation, die in vielen, besonders der kouleurtragenden Verbindungen ihre Triumphe feiert. Das ist z. B. die Gewöhnung an recht nette Quant!- tation von Alkohol, ist die Verspottung jüdischer einfacher Sitten und Sittlichkei , der falsche Feudalismus (gewisse Verbindungen schliessen ärmere und mässig begiiterte Studenten glatt aus ihrer Mit etaus) etc. Wie kann man denn von einer, ethischen Beeinflussung reden, wenn z. B. allein der ganze grosse Komplex, der allen Juden heilig oder ehrwürdig ist, von diesen Herren verlacht, wenn die Taufe doch eigentlich ein Meineid, gutgeheissen, nie verurteilt wird. — In den meisten paritätischen Verbindungen sitzen noch heute Täuflinge und wenn einige auch diese Eiemente nicht mehr unter sich dulden, so ist es doch schon bezeichnend, dass aus allen diesen Pflegestättcn jüdischen Zusammcngehörigkeitsgcfühls überall solche Leute hervorgehen mussten (selbst aus dem akad. Jüdischen Geschlchtsverein zu Berlin, der ja auch kein jüdischer Verein Ist). ־־־ Worin die ״ethische" Beeinflussung z. B. In Vereinen besteht, die überhaupt nur dem sich ״Auslcben“ gewidmet sind, die ja gar keine tiefergehende Beeinflussung auf ihre Mitgliedcr zu haben wünschen, ist mir rätselhaft. Gewiss Ist es furchtbar schwur, die Korporationen abzumessen nach der Erziehung, die sic ihren Mitgliedern in ethischer Hinsicht erweisen. Aber das eine ist wohl ziemlich einleuchtend, dass junge Menschen die Idealen Ihre Lebensarbeit opfern wollen t? f יי**"***