Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1908-09-11 · Heft 37 (11.9.1908) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 37 (11.9.1908)
Date
1908-09-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2651552-2651589--05892-2662944
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite!562 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 37 mich meinerseits erhob und seine Lordschaft bat, diese Narren davor zu beschützen, sich zu Krüppeln machen zu lassen. Und Seine Lordschaft, weit entfern, verrückt zu sein, entschied zu meinen Gunsten.“ Diese Sprache charakterisiert Herrn Zangwill und das Publikum, auf das er rechnet, so vollkommen, dass jedes Wort der Kritik unangebracht erscheint. Herr Zangwill schimpft aber nicht nur, sondern weicht auch gefegentlich von der Wahrheit ab. Kr schreibt nämlich: ..Während der Trust das Geld seiner Gründer und Anteilbesitzer nach rechts und links weg* warf, war;ich ängstlich bemüht, das Geld für das jüdische Volk zu ersparen. Während der Vorsitzende des Trusts dein letzte!. Kongress erklärte, dass man wahrscheinlich 2000 Pfund für Kosten an uns würde bezahlen müssen, haben unsere Anwälte alles in allem nur 200 Pfund gerechnet.“ Einmal ist cs natürlich unwahr, dass der Trust das Geld, wie Herr Zangwill zu sagen beliebt, ״nach links und rechts hinatisgcworfen“ habe, denn es ist selbstverständlich, dass bei diesem von Herrn Zangwill heran!־ beschworenen Prozess, der grosse Kosten verursachen musste, von vornherein mit der grössten Sparsamkeit, die eben niögPch war, vorgegangen wurde. Und zweitens •ist es un wahr, dass Herr Zangwill in edlem Opfermut bemüht gewesen sei, das Geld für das jüdische Volk zu ersparen. Hätte er das gewollt, so brauchte er diesen ganzen nicht nur zwecklosen, sondern auch schädlichen Prozess nicht anzustrengen. Sodann aber hat die Kostenrechnung Zangwfüs n:cht, wie er rühmt, nur 2^0 Pfund, sondern mehr als das doppelte, nämlich 418 Pfund betragen. Wahr ist, dass ihm vom Gericht schliesslich nur 236 Pfund bewilligt wurden, während der Rest, zum Teil persönliche Kosten, zum Teil Kosten für d?c Sammlung gegnerischer Unterschriften, von dem von Herrn Zangwill so verherrlichten Richter gestrichen wurde. Aus der gerechten Kostenentscheidung des Riehters a"b’er sich einen ״Mantel von Edelmut zurecht zu drapferen. — das charakterisiert so recht den Mister Zangwill. Und dieser seihe Zangwill hat die Stirn, in derselben Rede 11m •eines rhetorischen Effektes willen einem Manne wie Sokolow zu sagen, cs gäbe noch eine heiligere Sprache, als die hebräische, nämlich — visum teneatls amici! — die ״hefige Sprache der Wahrheit“. Wem es damit noch nicht genügt, der höre, was Herr Zangwill über d«c neue Resolution sagt, durch die das Direktorium und der Aufsichtsrnt der Jüdischen Kolonialbank an eine re:n-zionistischc Tätigkeit gebunden sein sollen: ״Soweit cs das Gesetz erlaubt, wird er (der Jcwish Colnnial-Trust) alles aufbieten, um sich wirklich die linke abzusclmeiden. F.r wird sich selbst die linke Hand ebenso fest binden, als ihm der Sultan die rechte Hand gebunden hat. so fest, dass das Blut zurücktreten und die Hand merklich gelähmt werden wird. Wahr- *hnftig, wenn ich gewusst lättc, dass der Trust in der Tat so nieschuggc sei, würde ich ihm gestattet haben, sich die linke Hand abzuhacken. Die Hand eines Narren kann weder ihm noch anderen viel nützen.‘ Und weiter über die Geschäfte des Jcwish Colonial Trust: ״Er wird Christen Geld borgen oder bei ihnen schnorren, christliche Rechtsanwälte engagieren und Kompagnicgesch/ifte mit türkischen Bankiers machen. Das einzige vom Jcwish Colonial Trust unbedingt boykottierte Geschäft ist das mit den jüdischen Kolonien verbundene, das Geschäft, das schon in seinen! Titel vorgesehen und in seinem Prospekte auseinandergesetzt ist Er ist in der Tat nicht längen The Jcwish Colonial Trust, sondern vielmehr The Jewish Colognc Trust.“ Was soll man zu diesem \Vcichseizopf von Unwahrheiten, Verdächtigungen und ungehörigen Witzen sagen? Alles aufdecken und erklären, die ganze alberne und plumpe Demagogenkunst Zangwills demonstrieren? Dann müsste man Bände schreiben, um mit einer einzigen Rede fertig zu werden. Das kann natürlich nicht unsere Absicht sein. Aber da manche gute Zionisten sich bemühen, Herrn Zangwill goldene Brücken zu bauen, so war cs Pflicht, den Zionist.cn zu zeigen, was dieser Mann an Beschimpfungen der zionistischen Bewegung leistet. Es war nur eine ganz winzige Auslese, die wir im Vorstehenden boten. Wctu’s nach mehr gelüstet —■ und es gibt noch viel, viel mehr davon in der letzen Rede Zangwills der nehme d:e Rede selbst zur Hand. Es gibt ja einige deutschjüdische Zeitungen, die cs für der Muhe wert gehalten habe.׳!, das ZangwillscliePamplilet in die deutsche Sprache zu übertragen, in der es natürlich viel von seiner erquiekenden Ursprünglichkeit einbüsst. Empfehlenswerter ist also schon das englische Original. Wer diese Rede kennt und dann noch für die Rückkehr Zangwills eintritt, oder für eine Verbrüderung nrt ihm. der macht sich einer unverzeihlichen Unterschätzung der zionistischen Bewcgmfschuldig, oder er überschätzt Herrn Zangwills Bedeutung für eine jüdische Sache ganz crhebl'ch. Auf eine kleine bezeichnende Eigentümlichkeit in dem letzten Speech dieses Meisters der wohl vorbereiteten Rede sei zum Schluss noch hingewiesen. Die Rede ist in den ersten Tagen des August in London gehalten, zur Zeit, als alle Welt bereits die Neuordnung der ITngc in der Türkei debattierte und der Sultan in seinem Lande als der Vater der Freiheit gefeiert wurde. Das hindert aber Herrn Zangwill nicht, in dieser ganzen Rede, in der er den Sultan so oft nennt, diesen noch immer als den allmächtigen, unbeschränkten und absoluten Herrscher au- 7״sprechen. Die Neuordnung passte eben Herrn Zangwill nicht in den Kram — so wie auch manchen anderen Leuten — und da ignorierte er sie einfach! Bedauerlicherweise ist das meiste, was Herr Zangwill über die Erfolge seiner sogenannten Bewegung sagt, eitel Flunkerei, und so müssen w'r ungeachtet der neuen Erlösung der Juden in Nordafrika, die uns wohl noch oft mit demselben Klimbim angekiindgit werden wird, den Herr Zangwill nicht oft und njeht patlictfscli genug den Zionisten zum Vorwurf machen kann, an unserer bescheidenen Arbeit weiter zu wirken. Herrn Zangwill aber sollten wir lieber nicht zu uns cinladen, sondern ihn lassen, wo er ist. Er fühlt sich dabei anscheinend viel wohlcr -- und wir auch! Civis academicus Herr Dr. Carl Cassel, Posen, hat in dem zionistischen Organ Deutschlands Anschauungen entwickelt, denen unbedingt uügegengetreten werden muss. Die Quintessenz seiner Ausführungen ist die, dass nicht etwa der K. C., nein, die sogenannten ״ i n t e r k 0 u f c s s i o - n eilen‘ Verbindungen, die mir ans Juden bestehen (oder sogar noch christliche alte Herren besitzen), sich utn das Judentum verdient machen und daher von zionistischer Seite nur im äussersteu Notfälle zu bekämpfen sein: Weil sich hei ihnen die ״Pflege des Zusammengehörigkeitsgefühls der Juden“ findet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.