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Jüdische Rundschau · 1908-09-04 · Heft 36 (4.9.1908) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 36 (4.9.1908)
Date
1908-09-04
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 358 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 36 Programm der neuen Organisation und Ihre Taten alnvarten müssen. Denn bisher führte alles ״liberale“ Reformieren nie zum Judentum zurück, sondern aus dem Judentum hinaus und erleichterte charakterlosen Leuten nur den Schritt zum Taufbecken. Und meist hatte das Christentum den — freilich recht zweifelhaften! — Gewinn davon. Jüdische Pässe nach Russland Der NEUEN JÜDISCHEN KORRESPONDENZ entnehmen wir:! יי :י In den fetzten Wochen gingen mehrfach Notizen durch die Presse, in denen von einer Acnderung des gegenwärtigen unwürdigen Zustandes die Rede war. der nicht-russische Juden zwingt, sich bei Reisen nach Russland allerlei Ausnahtr.c-Besu'mmungen zu unterwerfen, durch welche die russische Regierung' sogar diejenigen Juden zu schikanieren sucht, die nicht ihrer weisen Obhut unterstehen. Für einen Juden, der nicht Inhaber einer gerichtlich eingetragenen Firma oder Beauftragter einer solchen ist, gibt es überhaupt keine Möglichkcit, nach Russland zu reisen, da das russische Ministcrium, au das die entsprechenden Gesuche zu richten sind, deren Erledigung meist unglaublich lange verzögert— telcgra* phischc Requisitionen bedeuten nur unnütze Geldvcrschwcndüng. Infolgedessen, und da auch die Kosten im anderen Falle sehr hoch sind, wird Russland fast nur von jüdischen Handlungsrcisenden besucht, und mancher Jude, der es sicli nie hätte träumen lassen, wird, wenn er nach Russland reisen muss, plötzlich über Nacht zum ״Handlimgsreisendcn*‘. Denn die Erlangung der entsprechenden Vollmacht einer deutschen Firma vollzieht sich erheblich einfacher, schneller und billiger als die einer Erlaubnis des russischen Ministeriums des Innern. Vielfach war cs nun so dargestellt worden, als wäre die neue Verfügung der bayerischen Regierung, künftig in den Pässen die Angabe der Religion wegzulassen, ein grosser Fortschritt für die Russlandreisenden. Das ist aber durchaus nicht der Fall, denn obwohl in Preusscn bereits seit mehr als zehn Jahren die Angabe der Religion in den Reisepässen unterbleibt, so sind die jüdischen Reisenden aus Preusscn ebenso der russischen Willkür unterworfen wie alle anderen. Die russisehen Konsulate verlangen nämlich von j’edem Reisenden, der das Visum für seinen Pass beansprucht, die Vorlegung des Taufscheines. Wer einen solchen nicht vorlegen kann, wird als ״Jude X. Y.“ registriert und entsprechend behandelt. Ja, die preussischc Polizei legt den für Reisen nach Russland verlangten Pässen sogar einen gedruckten Führer durch das Wirrsal der russischen Passbestimnmngcn bei. der nebeneinander die entsprechenden Reglements ״A. für Reisende christlicher Religion“ und ״B. für Reisende mosaischen Glaubens“ enthält. Ob in dieser Beigabe ein Entgegenkommen an das Publikum oder an die russischen Behörden zu finden ist, soll hier nicht untersucht werden. Jedenfalls aber ist es für einen modernen Rechtsstaat schmachvoll, sich eine differentielle Behandlung der eigenen gleichberechtigten Staatsbürger seitens einer fremden Macht gefallen zu lassen. Und wenn es sich um irgend einen anderen noch so minimalen Eingriff eines Staates fünfter oder sechster Ordnung in die Rechtsphäre Prcussens oder des deutschen Reiches handelte, so würde man sicher nicht verabsäumen, recht hörbar mit dem Säbel zu rasseln. Aber so steht auf der einen Seite das ״befreundete“ Russland, und auf der anderen Seite handelt es sich fa nur um Juden ..... Eine weitere Ritualmordlüge Das Ritualmordinürckcn richtet wieder einmal im östcrrelc bischen ürenzbezirk Verwirrung an: ln den letzten Tagen wurde in Troppau das Gerücht verbreitet, es sei mit )der Bahn aus Ostrau oder Deutschland eine Kiste für die Firma S. D. Klauber aitgekunimcn. bei deren Übernähme die Spcditionsarbciter ein verdächtiges Geräusch vernahmen, weshalb sie die Kiste zu ihrem Chef Duschek brachteil, der die Polizei verständigen liess. In Anwesenheit melirercr Polizciorganc unter Führung des Oberkommissars Dr. Locker sei dann \dic Kiste geöffnet und darin ein geknebeltes .!«jähriges Mädchen bewustlos vorgefumleu wurden, dem mit Watte der Mund verstopft gewesen sei. Eine Version sagt nun, das Mädchen sei hierauf in das Spital gebracht worden, von wo es schon widJer gesund entlassen wurde, während andere erzählen, das Mädchen sei bereits in sterbendem Zustände gewesen und alsbald gestorben. Nach ihrem Tode sei dann konstatiert worden, dass klein Mädchen Blut abgezapft werden, weil die Leiche ganz blutleer gewesen sei. Seitens des städtischen Polizeiamtes w ird hierzu gemeldet, dass an diesem unsinnigen Gerüchte, welches!den Stempel der Erfindung an der Stirne trägt, nicht ein wahres Wort ist und dass die Tlrrna S. D. Klauber ln den letzten Tagen weder eine Kiste zugesnndt erhielt, mich eine solche Sendung ln Aussicht hat. Vom Panslavisten-Kongress An dem vor kurzem in Prag abgchaltcncn Pansvlavistcn- Kongress nahm aus Warschau auch Herr Rechtsanwalt Kon i z teil und zwar als Vertreter der Polen. Audi als früheres Dumamitglicd hatte Herr Rechtsanwalt Köniz, der polnischen progressiven Partei angehört. Seine Red•: auf dem Prager Kongress, in der er an das brüderliche Gefühl aller Slavcn appellierte, begann mit den Worten ״W i r S 1 a v e 11..“ Nun ist es ja nicht weiter merkwürdig, dass ein Jude — Köniz, ist nämlich Jude — als Vertreter der Polen oder eines anderen Volkes auf'einen internationalen Kongress geht. Aber gerade bei diesem Kongress, der sc* schar» das Rassen m o in c n t hervot zuheben bestimmt war, hätte es einem Juden von einigem Gefühl für Takt und eigene Würde nicht entgehen können, wie unendlich lächerlich ein Jude als Propauator des Panslavismus wirkt, noch dazu, wenn er seine Rede mit ״Wir Häven" beginnt. Oder solle Herr Koni/, bereits aus der jiidisehen Rasse ausgetreten und in den slavisclien Stamm eiligetreten sein? Ungarische fdylle Welche Bliitcn dei Antisemitismus in Ungarn treibt, zeigt u. a. folgendes Beispivl. das r.us Pressluirg berichtet wird: In einem Nentracr Blatte batte der katholische Pfarrer Johann Kassa la. unter dem Titel ״Wirtschaftliche• Trennung“ einen Aitikcl geschrieben, in welchem er nachxiiwciscn suchte, wie notwendig es wäre, eine Absonderung der .luden auf wirtscbaftlicbcm Gebiete iierbciz.uiübren. Der Piarrer bediente sieh in diesem Aufsatze der gehässigsten Ausdrücke über .Juden und Judentum, so dass die Staatsanwaltschaft sich veranlasst sah. gegen ihn die Anklage wegen Aufreizung gegen eine vom Staate anerkannte Religion zu erheben. In der vor einigen Tagen in Pressburg deswegen durcligefiilirteu ScMussverharidlung erklärten mm die Geschworenen den Piarrer Kassala für nichtschuldig, woran!' ihn der Gerichtshoi freisprach. In Na sy-M cg her (Koniitat Komorn) verbreitete man in der Kirche Flugblätter, in denen die Bevölkerung aufgefordert wurde, die Bilder und Statuen der Heiligen auf den Strassen vor dem Dorf gegen die Juden zu schützen und ״die Kreu7iger des Herrn zu erschlagen“. Die Behörde fand keinen Grund gegen die Kolporteure dieser Blätter ciuz.uschreiten. Warum auch? Die Schonzeit für die ״magyarischen“ Juden geht eben ihrem Ende entgegen. Der humane Bobrikoff Georg Brandes, der dänische Schriftsteller und Allcrweltsfrciind trägt schwer daran, dass er als Jude gcboren ist. Einerseits gibt cs Christen, die •ihn daran erinnern. andrerseits aber sind auch viele Juden so taktlos. So z. B. die i i n n I ä n d i s c h c n Jude n. Die sandten ihm eine Deputation, lim seine Fürsprache bei den Finnen, bei denen er sich grossen Ansehens erfreut, zu gewinnen. Natürlich wandten sie sicli nicht an den Schrittsteller, sondern au den Juden Brandes. Die Deputation kam nun nach Kopenhagen unglücklicherweise gerade an einem Tage, an dem Brandes Besuch hatte. Auch waren diese finnländisciicn Juden nicht salonfähig gekleidet und sprachen mit ihm nicht iinnisch, sondern Jiddisch“. Grund genug für Herrn Brandes, sie ziemlich ungnädig zu behandeln und ausserdem noch in einem Artikel im Kopenhagtner POLITIKEN wegen der ״undiploniatischen“ Sprache zu tadeln. Freilich das jüdische Gefühl ringt sich immer durch. Auch bei Herrn Biaudes und so kommt er in dem Artikel zu folgeuden Betrachtungen: ״Die Annahme lag nahe, dass das moderne Finnland die Juden aus konfessionellen Gründen ausserhalb des Gesetzes stellte. Die Finnen sind ja im grossen und ganzen ein rechtgläubiges Volk, in dem die Geistlichkeit sich einen grossen Einfluss bewahrt hat. Jedoch sagte man mir. dass konfcssinncllc Gründe in diesem!'alle nichts zu bedeuten gehabt luitten. Die Ursache sei eine andere. Mau befürchte die Konkurrenz der Juden wegen deren Anlagen für den Handel, falls man ihnen gestattete, unter gleichen Bcdii’gungcn mit den nnnlündischen Kaufleuten zu wetteifern. Er geht also darauf hinaus, dass man sie wegen ihrer vermuteten Tüchtigkeit bestraft. Oder es wurde gesagt, dass man, falls tnan den Juden das Ansiedeln gestattete, eine Masseneinwanderung' der in Russland wohnenden armen, unterdtückk-n und misshandelten Juden befürchten müsse. Diese Eurcht dürfte unbegründet sein. Die Eingcwandcrten würden

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