Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1908-08-28 · Heft 35 (28.8.1908) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 35 (28.8.1908)
Date
1908-08-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2651273-2651552-2651587--05862-2662912
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Sette 344 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 35 handelt werden. Sie werden nach meinen Erfahrungen so ״selbstbewusste“ Juden für alle Zeit ihres Lebens, wie der K. C., der V. J. St. usw. sie nur wünschen können. Sie mögen wohl ins Phi.’isterlum nicht die Menge von Wissen auf dem Gebiete jüdischer Wissenschaften ‘mitnelmien, ein Manko übrigens, das auf Rechnung unserer jüdischen Schul-Lehrkröfte zu setzen ist, aber bei einigem Interesse kann dieses noch jederzeit nachgeholt werden. Hierbei haben die Verbindungen, welche offiziell sich nur tr.it studentischen Dingen abgeben, einen grossen Vorsprung vor den Übrigen: stärkste Betonung des erziehlichen Momentes. Ich habe an dieser Stelle schon früher einmal hervorgehoben, dass die Uebertreihung der Formalitäten, die Nachäfferei der Patcnterci gerade für unsere jüdische Jugend kein | grosses Unglück ist, da die Aciisscrlichkeiten siclr ganz von 1 selbst Im späteren Leben auf das richtige Mass regulieren und J dass dabei die als selbstverständlich in die Erscheinung tretende Wahrung der natürlich-gefälligen Verkehrsform als der gute Kern früherer Ucbcrtrcibungai übrig bleibt. Und aus dem intimen Verkehr ergibt sich ganz on selbst die ethische Beeinflussung, welche um so intensiver ist, je frcundschaitlieber der Verkehr der Mitglieder unter einander ist. Selbst-! verständlich regelt sich dieser nicht schematisch, Reibungen j kommen auch hier vor: aber auch sie verblassen und das inj time feste Band bleibt •ihrig', welcher die sicherste Gewähr f für tadelloses Leben ist. Diese Erzielimigscrfolgcgering zu j schätzen, auch wenn ihre Träger nicht Zionisten sind, heisst j sich am Judentum versündigen• das Wort Assimiiant hat so verwirrte Bedeutung angenommen, dass es für Jahre hinaus die Druckerpresse nicht mehr passieren sollte. Fast drei Jahrzehnte jüdisch-studentischer Bewegung haben wir Unter uns: heut dürfen wir mit Sicherheit betonen, dass die Bedeutung dieser Arbeit sich in dem erhöhten jüdisehen Zusammengehörigkeitsgefühl gezeigt hat. Dieses besteht auch beim K. C. seine Feuerprobe; denn der. Versuch, ihn nach politisch und jüdisch bestimmter Parteirichtung hinzuzwängen, ist heut schon als gescheitert zu betrachten. Und wer seine offizielle Korrespondenz, eine inhaltlich und formell wenig erfreullche Schöpfung, zu Gesicht bekommt, erkennt auf den ersten Blick, dass das Hineinzerren politischer und jüdischparteilicher Streitfragen den K. C. spalten und vernichten muss, was im Interesse der jüdischen Sache auf das Tiefste zu bedauern wäre. Bleiben übrig die jüdischen Korporationen, welche programmatisch oejer doch sicher tatsächlich zionistisch sind: diese sind noch nicht in der Lage, auf eine nennenswerte Erfahrur.g hinzuweisen, ob denn wirklich alle ihre Mitglieder dauernd dem Zionismus so treu bleiben, dass ihre Erziehungs- Prinzipien nach der Richtung sicherer Fesselung ans Judentum die einzig richtigen sind. Nur andeutungsweise wollte ich auf Gesichtspunkte hinweisen, welche der Judensache wertvoller sind, als Partei- Polemik innerhalb der jüdischen Akadcmikcrscliaft. Das erziehliche Moment muss in den Vordergrund aller jüdischen Korporationen treten. Man werfe mir nicht hochmittig ein, die Frzichung sei Sache des Elternhauses. Gewiss, ich schätze das erziehliche Wollen gerade im jüdischen Hause ausserordentlich koch. Aber der wirtschaftliche Aufschwung dei Juden war in den letzten Jahrzehnten ein zu rapider, als dass in allen f allen das erziehliche Moment damit hätte absolut gleichen Schritt halten können. Daraus ergeben sieb Missstände, deren Milderung sehr wohl auch durch die jüdische Korporation möglich ist. Wenn alle jüdischen Verbindungen ihre Tätigkeit nach den Gesichtspunkten ethischer und ästhetischer Beeinflussung zielbewusst cinrichten, dann haben sie für die Stellung ihrer Mitglieder im Judentum und zur gesamten bürgerlichen Gesell- Schaft reichlich genug getan. Wenn aber in dieser Hinsicht die geringste Lücke gelassen wird, dann kann der Schaden an dem Einzelnen und an der Gesamtheit weder durch schneidige Mensuren noch durch wissenschaftliche Fuxenkränzchcn gut gemacht werden. Zu treuen Juden erziehen uns beut schon die ganzen Verhältnisse um uns herum. Die Hauptaufgabe der jüdisch-korporativen Studentenschatt bleibt cs daher, darauf hfnzuwirken, dass sic der Gc- Seilschaft unantastbare jüdische Bürger zu führt, eine Aufgabe, welche ein Spaltung oder Polemik in den eigenen Reihen nicht zulässt*). Dr. Carl Kassel -Posen. —L. —- Wir gaben den anregenden Ausführungen des gcschätzten Verfassers gern Raum, müssen aber betonen, dass wir uns nicht in allen Punkten mit!einer Ansicht identifizieren können. Red. d. J. R. Der Rabbi von Prag Erzählung von Therese v. M. (Fortsetzung). __ _ ״Erhebt euch, Meister,“ sprach Rudolph II. mit gütigem Ton, ״und denkt nicht daran, dass es der Kaiser ist, der euch in mitternächtlicher Stunde besucht, sondem ein lernbegieriger Schiller. Legt darum auch alle Scheu und Befangenheit ab.“ ״Die Nacht ist unserem Werke günstig,“ begann Tycho de Brahe, dem Rabbi die Hand reichend. ״Ja, ja, lasst uns die kurze Stunde rührig sein,“ meinte der Kaiser, ״du hast recht, aniice, so eine Nacht ist bald hinweg, und wer weiss, wie lange es braucht, ehe wir uns wieder sehen können.“ Rabbi Löw ze'gte von seinen Instrumenten die wichtigsten, und endlich öffnete er auch den Kasten, aus dem sein Gofem, diesmal beständig mit dem Kopfe nickend, heraus fuhr, und surrend und schnurrend seinen Weg durch die Stube nahm. Der Kaiser lachte über die possierlichen Bewegungen des hölzernen Famulus, dem der Rabbi zu grösserer Unterhaltung seiner Gäste einen Kehrbesen in die Hand gab, mit dem er munter und flink den Fussboden fegte. Nachdem er zu grosser Belustigung des Kaisers alle seine Kunststücke gemacht, wurde er wieder cn seinen Kasten gesperrt, und der Rabbi zog ein Tiichlein von zwei kleinen Silberbechern, innen reich vergoldet und mit arabischen Sprüchen bedeckt; dann entkorkte er eine wunderFch geformte, uralte Flasche, und mit bescheidenen Worten seine Gäste auffordernd, schenkte er beide Becher mit einer goldgelben Flüssigkeit voll. Der Kaiser hielt den Becher zuerst prüfend an die Nase, warf einen Blick hinein, und machte dann o’nen kleinen Zug, gleichsam den Geschmack versuchend. ״Euere tinctura aura ist allerdings bedeutend würziger und stärker, als die, welche wir selbst bereiten.“ Tycho de Brahe, der gleich Anfangs einen herzhaften Schluck gemacht, trank nun den Becher vollends aus, und meinte, die Tinctiir sei älter und abgelegter als dib von Sr. Majestät, von welcher fast nie genug bereitet werden könne; indem die Damen bei Hofe allzuviel Gcschmack an dem siissen Lcbenselixir fänden, und so oft d:e Grossmut Seiner Majestät ihnen solches anböte, demselben weidlich zusprächen. Der Kaiser lachte, ,Ja, Ja, absonderlich die alte polnische Fürstin, wie heisst sie doch, amice? die sich neulieh an unserer tinctura aura einen förmlichen habemus

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.