Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 328 JÜDISCHE RUNDSCHAU tfo. 34 Reich. Im Banne mittelalterlicher Politik um! Wirtschaft konnte es grossen Mengen jüdischer Einwanderer auch beim besten Willen keine Existenz bieten, als moderner Kulturstaat ist es für uns das ersehnte frdiand, ein uncrschöpfliches Gebiet zivilisatorischer Arbeit. Hier ist für alle die Millionen in Osteuropa verfolgter Juden Luft und Lcbensspiclraum, die geschichtliche Möglichkeit ein Kultunvcrk sondergleichen zu vollbringen und dabei Volljudcn zu bleiben und die jüdische Kultur zur höchsten Blüte zu tragen. Politiker und Soldaten haben die Jungtürken gestellt; Wirschaftler, Kaufleute, Industrielle, kapitalistische Or.- ganisafcionen haben sie nicht zu bieten. Wirtschaftlich erschlossen müssen sic die Türke', dies ist das Unter- Pfand ihres Sieges nach innen und nach aussen. Wem wird diese Aufgabe zufallen? Dem internationalen Grosskapital unter Führung der europäischen Mächte? Dies hiessc wirtschaftliche Einschleppung derselben orientalisc.hen Frage, die man eben auf politischem Gebiete glüclidi bcsc'tigt hat. — Den Armeniern und Griechen? Beide Völker haben der Türkei i!1 der Vergangenheit politisch zu viel zu schaffen gemacht, um heute schon als absolut zuverlässig gelten zu können. Fileiben nur die Juden. S:e haben keinerlei ausscrairkischc Zwecke, ihre Zukunft liegt in der Zukunft des türkischen Reiches. Sie sind von der Geschickte, wie Nordau auf dem 8. Kongross es ausdriiekte, bestimmt, die moralischen Grenzen Europas bis an den Euphrat hinaus;׳.;׳rücken. Aber diese Arbeit muss, soll sie den Juden auch voll zugute kommen, eine jüdisch-nationale sein, sie muss s'cli unter der blau-weisseiiEahne des Zionismus vollziehen. Als Deutsche und Russen, als Amerikaner und Rumänen nützen die Juden nur ihren Geburtsländern, sie ziehen die Türkei in die Händel der europäischen Legationen und kompromittieren die Judenhcit. Schon einmal ist eine grosse Kolonisationsbewegung genährt von jüdischcm Kapital und jüdscherlnteliigenz, für die Judenheit ganz resultaüos verlaufen. Was wäre heute Südafrika ohne die Juden, wo wären Rimberley und Johanncsbiirg. Schulze-Gacvernitz hat in seinem glänzenden j Werke über den britischen Imperialismus, das allen 1 Juden die über das Wesen des Staates und des Natioj nalismus nachdcnken, nicht warm genug zum Studium empfohlen werden kann, aufgewiesen, wer die Saat erntete. Die Barnato und Joe!, die Eckstein und Albu, die Beit und Markus verzehren als Rentner und Spekulanten die gewonnenen Millionen in der Park Lane, Cccil Rodes politisch-organisatorisches Genie lenkte sic mit Hülfe Rothschilds und schenkte dem britischen Weitreich einen neuen Kontinent Dieser Fehler, der in Südafrika verständlich und entschuldbar war, darf in der Türkei nicht wiederholt werden. Was wir leisten, müssen wir als Juden, für die Türkei und die Judenhcit leisten. Nur so können wir dieses Mal dem historischen Schicksal entrinnen, dass uns in Babylonien, in Spanien, in Polen getroffen hat, das Land wirtschaftlich zu heben und von den Wirtschaftlieh Gehobenen wiederum verjagt zu werden. Darum muss das Zentrum unserer Anstrengungen Palästina sein und bleiben; hier müssen wir nach Möglichkeit die Massen der Juden konzentrieren und zur bodenständigen, ackerbauenden Bevölkerung machen, damit das durch die Zeiten und Welten gehetzte jüdische Volk endlich die gesicherte Heimstätte findet. Dankbarkeit kennt die Geschichte n'clit: nur was wir selbst uns schaffen werden, kann Bestand imd Dauer haben. Unsere allgemeine Lage ist besser als sic je war, seit Begründung der Bewegung. Aber wir müssen sie voll auszuniitzen verstehen. Soll unsere Leitung grosse, positive Resultate erreichen können, so muss sie stark sein an Menschen und an Mitteln/ Darum ist es unserer aller PiTclit, mit verdoppeltem Eiier an dem Ausbau unserer Organisation zu arbeiten, in immer weitere Kreise die Erkenntnis zu tragen, dass nur in der Türkei und!in Palästina die Zukunft des jüdischen Volkes Hegt, und nirgend wo anders. Der Augenblick ist da, jetzt ist es an uns zu zeigen, ob wir seiner wert sind. Dr. H. G. Hey mann. Bericht des Palästinaressorts Der letzte Kongress hat bekanntlich bezüglich der Paj liistinaarbeit eine Reibe Resolutionen gefasst und bezweckte [ damit, derselben eine grossere Intensität zu verleihen. Damit diese Resolutionen nun aber nicht wieder, wie es so häufig bei Kongressbeschlüssen der Fall ist, wertvolle Anregungen Der Rabbi von Prag Erzählung von Therese v. M. (Fortsetzung). Er hicss sie aufstehen, legte die Hand auf ihr Haupt, und als sie das Gemach verlassen, stützte er wchemfitig j die edle Stirn in die Hand, und sprach in den weichen Flötentönen, ׳in denen die Dichter seines Volkes dessen unglückliches Los beklagen: ..Wir biissten schwer die Sünden uns’rer Väter, Einst hing das Schwert des Zornes über uns; Der Tempel war zerstört durch fremde Krieger, Entweiht das alte Heiligtum des Volks. An Babels Wässern sassen seine Kinder, Und weinten ob des bitteren Geschicks; Da hat der Herr sich ihrer Not erbarmt, Und führte sie zurück iu’s Land des Segens, Wo der Propheten heilige Asche ruht, Und die Gebeine ihrer Almen liegen.“ Jetzt aber unterbrach mit schmerzlich aufgeregter Stimme der Rabbi sein Klagelied: Ist es schlimmer als j in jener Zeit, wann 0 Herr! wird die Trübsal deines Volkes endigen, und der Fluch nicht mehr wie giftiger Tau auf die Herzen deiner Kinder fallen? ן Hi. Vor dem Hause Löb’s Ben Isaak am Ende der Beleles-Gasse ging in seinen Mantel gehüllt ein junger Mann auf und nieder, das Gesicht teils durch den Kragen seines Manttfs. teils durch die tief über die Stirn gezogene j schwarze Fliigelklappc den Vorübergehenden verbergend. Am Ende der Gasse führt ein Seitenweg auf den alten Judenfriedliof. der um diese Zeit bereits ziemlich verlassen und einsam war. so dass er sich zam Stelldichein zweier Liebenden wohl eignen mociite; denn ein solches schien der Mann im Mantel zu erwarten. Mit Ausnahme eines Fensters im Hinterhause Löb’s, das nach dem Kirchhofe zuging, brannte nirgends mehr ein Licht in dieser Gegend. Der Mann im Mantel war wohl zwanzigmal vom Friedhofe an der Alt-Neusclmle vorbei, die ganze Gasse entlang gegangen, und wieder umgekehrt, hatte auf jedes Ihm begegnende Weib einen aufmerksamen Blick geworfen, und war wieder bis zum Friedhole zurück gegangen, ohne zu finden, was er suchte. Unmutig setzte er sieb im tiefsten dunkelsten Schatten! der Kirchhofmauer auf einen Stein, wickelte sich in den grauen Mantel, und behielt die Ecke fest im Auge, an der vorbei man in das Haus Löb’s gelangte. Endlich erschien eine schlanke, welss verschleierte Gestalt, und schien