Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1908)
- Date
- 1908-08-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Es bedeutete, dass in Zukunft weder allein die sogenannte politische Richtung Geltung haben dürie, noch die sogenannte praktische, dass v:elmeI1r eine Synthese beider Anschauungen, ein harmonisches Zusammenarbeiten der Politiker und Praktiker die Leitlinie unseres Fortschrittes sein müsse. Unter diesem Symbol tagte vom 11.—13. Augustin Köln die Jahreskonferenz, und es ist kennzeichnend frii die heute nach langen Kämpfen tatsächlich erreichte Uebereinstiminung .der Meinungen, dass.die Tagung mit e:!1er vollständigen, vornehmlich von Vertretern der früheren praktischen Richtung geführten politischen Debatte einsetzte, in der die Grundlagen unserer Bewegung tiefeindringend analysiert wurden. Es liegt auf der Hand, dass die Ereignisse in der Türkei und ihre Rückwirkungen auf unsere Bestrebungen zur Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das Jüdische Volk in Palästina im Vordergrund des Interesses standen. Bedeuten sie doch das Hincintragen eines völlig neuen Momentes in alle unsere bisherigen Bestrebungen, Verhandlungen, Arbeiten. Die Türkei wird nicht mehr von dem Wollen eines Einzelnen abhängen, sondern geleitet werden durch die Erwählten aller ihrer Völker, sie wird nicht mehr der Spielball der internationalen Diplomatie sein, sondern ein sich selbst bestimmender Körper, nicht mehr ein Obfekt, sondern ein Subjekt der Weltgeschichte. Damit ist vor allem eins felsenfest gesichert: die territoriale Integrität der Türkei. Ein autokratisches Reich mit rechtloser Bevölkerung, deren eine Hälfte in stetem Aufruhr gegen die andere steht und die Intervcntion auswärtiger Mächte anruft, kann man vielleicht zerstückeln und auftcilcn wie einen Kuchen, nicht aber einen demokratischen modernen Staat, dessen Bewohner trotz aller Unterschiede der Nationalität und Konfess'on friedlich nebeneinander wohnen, die ihr Land hinnen kurzem auch in ein einheitliches Wirtschaftsgebiet, dessen einzelne Teile unauflöslich mit einander verflochten sind, verwandeln werden und die statt sich wie früher gegenscitig zu vernichten,.im Notfälle einmütig die Grenzen des Landes, in dem es ihnen wohlergeht, mit den Waffen schützen werden. Für Europa bedeutet dies die endliche Lösung der ״Orientalischen Frage“, aber auf friedlichem Kulturwege, ganz anders als es kriegslüsterne Beutepohtiker in allen Ländern erträumten; damit sind alle Ententen nnd Malententen, die seit Jahren in stets zunchmendem Masse unsere gesamte Zivilisation beunruhigten in ihrem Brennpunkte gegenstandslos geworden; der ״kranke Mann“ ist gesund von seinem Sterbelager auigesprungen und hat die falschen Aerzte höflich, aber deutlich hinaus komplimentiert Für uns Juden ist d 1 e se Entwicklung ein u ne rmessba re r Segen. Das Jahr 1878 bedeutete den Höhepunkt der politischen Macht des jfidisehen Grosskapitals, als die Alliance Israölite Universelle auf dem Berliner Kongress die formelle Emanzipation der orientalischen Judenheit durchsetzte. Diese Macht ist seither in Stücke zerfallen, die Judenemanzipation blieb ein Phantom und der AntisemEsmus machte den Juden in allen christlichen Ländern von Jahr zu Jahr das Leben unerträglicher. Pie Länder Osteuropas wurden d:e Hauptstätten der Judenverfolgung und immer dräuender wuchs die Frage empor: ״Wohin mit dem gejagten Jüdischen Volke, wohin mit der jüdischen Aus- Wanderung?“ Die Philantropie antwortete ״Amerika“; aber die Länder des Westens schlossen immer enger ihre Tore und d:e Auswanderung nach Amerika zeitigte zwei fast unabwendbare Uebel: In jüdischer Beziehung wurden die Juden entnationalisiert, in wirtschaftlicher Beziehung in mitten der wirtschaftlich überlegenen Amerikanerproletarisicrt. Sie stehen in Gefahr im New-Yorkcr Ghetto zu einem kultur* und traditionslosen Lnmpenproletariat herabzusinken. Als der Zionismus vor 27 und nochmals vor 12 Jahren die Parole ausgab: Zurück nach dem Osten, zurück nach Palästina tmd in die Türke5, wurde er von allen Neunmalweisen ausgehöhnt. ״Aus einem Barbarenstaat in den anderen. Corrnption. Paschawirtscliaft", mit diesen althergewohnten Schlagwortcu lehnte noch an diesem 29. März der alte Hallgarten. der Hauptvertreter des Amerikanisnuis. jeden Gedanken an eine Auswanderung nach tilrkischem Gebiet ab. Vielleicht hätte auch er, hätte er den Tag der türkischen Verfassung noch erlebt, sich eines besseren besonnen, so wie der Hilfsverein der deutschen Juden in den letzten Jahren die sich im Osten bietenden Möglichkeiten für das jüdische Volk nicht mehr verkannt hat. Vor den Hafentoren von Odessa und Constantza breitet sich das riesengrosse, dünnbevölkerte türkische