Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No.f 33 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 310 sobald Palästina in Erscheinung tritt, die Wiege unseres Volkes, der geweihte Boden, wo die Wucht aitheiliger Erinnerungcn ohne jede Partefparole auf die Gemüter unwlderstehlicli wirkt Wenn sich auch nicht all die verschiedenen Unternehmungen für eine strenge Einfügung in die waltende Ordnung der zionistischen Organisation eignen, unterliegt es doch kaum einem Zweifel, dass der Zionismus der Träger sämtlicher jüdischer national-kultureller Keime ist. Dieses Bewusstsein legt uns natürlich die grössten Pflichten auf, unsere eigenen Kräfte zu einer höhern Entfaltnng zu bringen und unserm eigenen Haushalte genügende Anlagen und Mittel zuzuführen. Wir wollen nun die Hauptpunkte unserer Organisationstätigkeit im verflossenen Jahre registrieren und zugleich auf die Bahnen hinweisen, auf denen sich diese Tätigkeit in der nächsten Zukunft bewegen wird. II. Die politische Lage Stets auf die Piicge und Entwicklung der Beziehungen bedacht, die uns unserm Ziele näher bringen können, und unserer Aufgabe bewusst, dem politischen Zionismus die vorderste Stelle in unserem Arbeitsprogramm cinzurüumen, war unsere Energie in erster Reihe darauf gerichtet, unablässig die Bemühungen um die Erlangung einer wohlwollenden Förderung unserer Pläne seitens der Hohen Pforte zu erneuern. Diesem Zwecke diente zunächst die Reise des Präsidenten des A.-K. nach Konstantliiopel im Oktober v. Js. Unterhandlungen ernster Natur wurden dann gepflogen, Anregungen und Vorstellungen erwogen; erfreulicherweise konnte diesmal eine Kontinuität zwischen den früheren und den neueren Beratungen wahrgenommen werden, der Gedankenaustausch gewann an Unmittelbarkeit, und der Kreis der Verbindungen erweiterte sich merklich. Die Tatsache, die unter allen Umständen als unumstösslich festgehalten werden muss, dass Sc. Majestät der Sultan von einer edlen Sympathie für unser Volk durchdrungen und dass seine Regierung sich nicht nur nicht ablehnend gegen unsere Arbeiten verhält, sondern dass sie auch geneigt ist, wenn der richtige Modus gefunden wird, unser Werk zu fördern — diese Tatsache trat uns abermals als Resultat der genannten Reise lebendig' vor die Augen. Es ist selbstverständlich, dass Unterhandlungen von so hochwichtiger Bedeutung mit hastigem politischem Hazard und abenteuerlichem Losgehertum unvereinbar sind. Sie müssen gründlich und systematisch geführt werden. ]Die Form muss gefunden werden, die die Hohe Pforte absolut darüber versichert, dass unsere Pläne keineswegs gegen die Souveränität des Sultans oder gegen die Integrität des tflrklsehen Reiches gerichtet sind, und die anderseits auch uns In genügender Welse die notwendigen rechtlichen Garantien gewähren kann. Auch müssen die Voraussetzungen für die Ermöglichung von Vereinbarungen vorbereitet werden, und den grössten Teil dieser Voraussetzungen müssen wir selbst schaffen. Was wir aber klar über allen Zweifel feststellen können, ist, dass unsere Beziehungen zu der Türkei sich in einer fortschreitenden Entwicklung befinden und zu .den schönsten Aussichten für die Zukunft die Grundlage bilden. Der Präsident des A.-K. wurde auf seiner Reise nach K'onstantinopel vom Präsidenten der Jüdischen Kolontalbaak begleitet Der Aufenthalt des Präsidenten des J. C.'T. in Konstantinopel galt der Verwirklichung des Be. Schlusses wegen der ßankgründnng daselbst. Unsere Finanzinstitute wäre!! lange mit der Ausführung dieses Projektes beschäftigt. Es handelte sich nun darum, die lokalen VerhäUnissc zu untersuchen und die Form zu wählen, die der Zweckbestimmung am besten entspräche. Die Gründung wurde infolgedessen in Gemeinschaft mit einem Bankhausc in Konstantinopcl unternommen. Der ursprüngliche Plan, eine Abteilung unserer bereits vorhandenen Einanzinstitute zu gründen, wurde auigegeben, und um dem neuen Institut eine grössere Bewegungsfreiheit zu gewähren, wurde eine selbständige Form gewählt. Das neue Unternehmen wurde unter dem Namen Anglo levaatine Banking Company nach englischen Gesetzen in London eingetragen und wird bald In Konstantinopcl seine Tätigkeit beginnen. Wir hoffen und glauben zuversichtlich, dass wir in Konstantinopel Schritt für Schritt unserm Ziele näher rucken werden. Die neuen Ereignisse und die Neugestaltung der Verhältnisse In der Türke! schwächen unsere Hoffnung nicht, sie bestärken sie vielmehr. Das jüdische Volk entbietet seinen tiefempfundenen Grass und seine herzlichen Glückwünsche der ihm geistesverwandten ottomanischen Völkeriamilie, die es vermocht hat, aus dem harten Ringen siegreich emporzugehen und das erhabene Panier individueller Freiheit, bürgeriicher und nationaler Gleichberechtigung in einer vom Blut der Kämpfe unbefleckten Reinheit in die Höhe zu schwingen. Die Erinnerung an die Zeiten, da wir mit dieser Völkerfamilic Weib zu sprechen verlange, und sich nicht abweisen Hesse. Obwohl ein solches Begehren, zu solcher Stunde besonders. 0;n seltsames, und in Betracht der damaligen Verhältnisse unziemliches erschien, gebot der Rabbi doch, sie in das anstossendc Gemach zu führen. Damals waren die Rabbiner überhaupt, namentlich aber ein Mann von solchem Ansehen, wie Meister Löw, r'hren eigenen Stammesgenossen bei weitem schwerer zugänglich als jetzt. F.r musste eine Sache von Wichtigkeit sein, die ein Weib bewegen konnte, einen solchen Schritt zu wagen. Als der Rabbi in die Stube trat, fand er •eöne verschlcierte Gestalt, mit gebeugtem Haupte und merklich zitternd. Auf sein Gelieiss schlug sie den Schleier zurück, und zeigte eines jener holden Gesichter, auf denen die ganze Pracht orientalischer Schönheit schimmert. Des Rabbi Auge hing eine. Weile prüfend und talnehtuend zugleich an den rot iibergossenen Zügen. ״Wer bist du, und was willst du, Jungfrau?“ Leise und verschiittert antwortete sie: ״Vergebt, hoher Herr und Meister, Euerer Magd, die sich zu Euch und vor Euer strahlendes Angesicht zu drängen wagt.“ ״Fasse Mut, und sprich.“ MIch bin Rachel, die Tochter Löb״s Ben Isaak.“ ״Dein Vater ist ein frommer, gottesfürchtiger Mann.“ Rachel presste beide Hände an ihre Brust, und stammelte: ״Ihr seid so gnädig, und doch vermag ich's nicht. —“ ״Fasse Mut,“ sagte der Rabbi mild, ״und sage mir, was dich drückt. Hast du gegen das Gesetz gesündigt?“ Rachel fasste sich gewaltsam, und erzählte, durch die milden Worte des Meisters ermutigt: ״Vor drei Monaten, hoher Rabbi, ging ich meine Base zu besuchen, eilig und wohl verschleiert, wie es einer Jungtrau geziemt. Die Base war aber plötzlich so schwer erkrankt, dass ich mich entschlossen musste, ihren Vater vom Trödelmarkt zu holen. Auf dem Wege dahin begegneten mir zwei Junker, die meiner kaum ansichtig, mich verfolgten, bis einer es wagte, meinen Schleier zu fassen. Als ich mich sträubte, wollte der andere meine Hände halten, ich riss mich aber los, und floh, von ihnen verfolgt, bis icli über einen Stein stürzte, und bewusstlos liegen blieb. Wie aus einem dumpfen Traum et> wachend, fand ich mich in einem Prunkgemach wieder, auf einem kostbaren Lager, an dessen Füssen ein Ritter stand, leuchtend im Schmuck der Waffen, wie Gideon, der Hefld unseres Volkes. Er neigte sich mild zu mir,