Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 318 JÜDISCHE RUNDSCHAU 1 No. 33 das können und müssen wir verlangen, dass der Zionis* mus das Judentum zum Zweck hat. Zur Vorbereitung des Landes kommt also in erster Linie die Vorbereitung des Volkes. Wenn wir nichts unternehmen wollen, was dem Geiste und dem Gesetze des Judentums widersprechen könnte, so genügt das noch keineswegs. Wir müssen an uns und aus uns iüdische Werte schaffen, ln Palästina ist in dieser Riehtung bereits ein gewaltiger Schritt getan worden. Dort hat nicht bloss die hebräische Sprache sondern jüdisches Kulturmilieu die Auferstehung gefeiert. Im Kampfe gegen jüdischen Klerikalismus und Dunkelmännertum, das oft aus tiefster Uebcrzeugung, oft auch aus materielPem Interesse das Licht scheute, das von den entstehenden Kolonien hereinfiel, ist ein jüdisches Leben entstanden, das seine Kräfte aus dem gährenden Ghetto RusslsÄids und Rumäniens aus dem Maskilimtume und der Nachwirkung Berliner Auiklärertums mitgebracht hatte, das aber zu neuem lebenskräftigen Judentum erwachsen, seine belebenden Wirkungen zwiefach und dreifältig in jüdischem Sinne gewandelt und umgeslaltct, dorthin zurückgibt,• von wo cs die ersten Anregungen empfangen hatte. Man hat bei uns so oft schon von Vertiefung des Zionismus gesprochen und dann wiedet naiv geiragt ״ja was ist denn überhaupt Vertiefung des Zionismus?" Diese Fragestellung, die eine solche Vcrt:efung des Zionismus überhaupt verneint, zeugt von der eigenen Oberflächlichkcit. Vertiefung im Zionismus ist Identisch mit der Kenntnisnahme vom Judentume und seinem geistigen Inhalt und Reichtum gleichzeitig mit auf Kenntnissen beruhender Einsicht in die Verhältnisse der Judenheit, deren Annut und deren unerschütterlicher Krait. Wir müssen uns in den Zionismus, cn unser eigenes Wesen vertiefen und im Judentums erkennen lernen, dass des Zionismus Wesen das Judentum ist. Dann können wir mit unserer eigenen Bereicherung und mit der Erhöhung des Judentumes zur Erhöhung der menschlichen Gesittung ein Etwas beitragen. Wenn andere Völker die Berechtigung ihres nationalen Selbstbewusstseins aus der Macht und der Machtbegierde ableiteten, wenn sich mächtige Völker au! Schwert und Panzerfaust stützen, so können wir nur in unserer eigenen Kultur, im Judentume, das die ethische Kultur der europäischen Welt gegeben hat, die Berechtigung unseres Nationalismus erblicken. Aus unserer viertausendjährigen Geschichte leiten wir unsere Zukunft ab, c;nc nationale Zukunft, die Zukunft des Judentums. E1 j ä q i m. Bericht des Engeren Aktions-Komitees I. Allgemeine Betrachtung Ein Jahr voll mühsamen Schaffens und neuer organisatorischer Anstrengungen ist über uns dahingegangen. Be* kaiintlicli ist iniolgc des Beschlusses des letzten Kongresses der Mittelpunkt der oberen zionistischen Leitung mehr kon* zentriert, die Zahl der Institutionen hingegen vergrössert worden. Eine leichte Aufgabe war es nicht, die übernommen worden ist. und um sie zu volliühren, braucht man vor allem Zeit und Ausdauer. Manche Projekte haben sielt im Laufe des Jahres in Taten unigesctzt, und manche Bestrebungen zu neuen Unternehmungen verdichtet. Die neugcseliaffeiien Einrichtungen begannen sielt an die längst bestellenden atizttgliedern, und die Propaganda hatte die Aufgabe, bald für die einen, bald für die andern Ansätze die Mitwirkung der zionistisclicn Gesamtheit in Anspruch zu nehmen. Die Arbeit in den verschiedenen Ländern wies wie gewöhnlich neben grossem Liier auch manclic Mattigkeit auf, die doch mehr mit zufälligen lokalen Hemmnissen als mit einem Rückgänge der Idee in einen inneren Bezug gebracht werden kann. Wir verzichten darauf, ein Gesamtbild der Lage unserer Organisation in den verschiedenen Ländern zu entwerfen, da dieses Bild mit all seinen Licht* und Schattenseiten, mit den scltini* nternden Linien aclitungswcrter Leistungen, wie auch inst den schwachen Zügen der Versäumnisse und Unterlassungen, sich aus den Verhandlungen selbst ergeben wird. Von einer höheren Warte betrachtet, macht unsere Idee immer grössere Fortschritte und zieht um sich immer weitere Kreise. Sie webt und wirkt im Stillen. Alles, was in un* serm Volke Kraft und Leben hat, wendet siel; uns immer mehr zu. Das jüdische Nationalbewusstsein erwacht auch dort, wo man es zu verhüllen und zu bemänteln gesucht hat. Der Rabbi von Prag Erzählung von Therese v. M. (Fortsetzung). ״Es ist noch nicht lange her,‘‘ sagte er, ״dass mir mein hölzerner Knecht sehr viel Rumor machte. Ich sperrte nämlich ,um in clic Schule zu gelten, das Räderwerk, stellte ihn in seinen Kasten, und entfernte mich, indem ich wie gewöhnlich die Türe dieser Stube ab* schloss. Nun mochte die Feder, durch den oftmaligen Gebrauch abgenützt, nicht mehr stark genug sein, den Trieb der Räder zu hemmen. Der Bursche wurde mit cinemmal lebendig, stiess endlich die Türe seines Kastens auf, und machte, alles umwerfend, einen Spaziergang durch die Stube, bis er an die Wand dort anprallte und umfiel. Mein Diener kam in halber Todesangst in die Schule gelaufen, wo ich eben das Abendgebet begonnen hatte, und flüsterte mir erschrocken zu, dass der Golem los sei, und alles in meiner Stube zerschlage. Ich musste daher das Gebet unterbrechen, und eilig nach Hause gehen, wo iclt ihm auf dem Boden zappelnd und um sich schlagend fand. Seit dieser Zeit halte ich ihn unter Schlos und Riegel. Dass dieser Umstand vielfach bekannt und besprochen wurde, wusste ich wohl, dass er aber dazu beitragen werde, die Aufmerksamkeit unsers gnädigen Kaisers auf meine unbedeutende Person zu lenken, hätte ich nicht erwartet.“ ״Ihr könnt’ vcersichert sein, Meister, dass diese Geschichte dem gnädigen Herrn viel Vergnügen machen wird; er hat selbst ein paar tanzende Zigeuner und einen Löwen nach dem Muster der Beiden, welche im Thronsaalc der byzantinischen Kaiser standen; gegen dieses Kunstwerk aber halten sie keinen Vergleich aus!“ Die beiden Gelehrten sprachen noch eine lange Weile, und machten sich über die Unwissenheit und den Aberglauben ihrer Zeitgenossen, besonders aber einzelner Stände derselben, lustig, wobei der Rabbi so vid heissenden Spott und gute Laune zeigte, das der Astro- 110m von ihm mit der Versicherung sclüed, dieser Abend sei einer der frohesten gewasen, welche er in Prag verlebt habe. II. •ÜBT " Der Rabbi hatte seinen Gast gebührend begleitet, und war zu seinem Studium zurückgekehrt, als sein Diener neuerdings mit verdricssEchem Gesicht herein kam, umi dem hohen Meister anzeigte, dass ihn ein