Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 33 (14.8.1908)
- Date
- 1908-08-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wie daher die Charaktere in ihren grossen Grund- J ziigen konstant sind, so werden sich auch die verschiedenen Völker in den verschiedenen Perioden ihrer Gq- , sch’chte ihres eigenen Wertes andern gegenüber nur j modifiziert bewusst. Es gibt Völker, die in allen Zeiten . ihres historischen Lebens dem Raube huldigen, deren; Ursprung der Raub und die Jagd sind, durch d:e sie 1 überhaupt in die Kulturentwicklung eintraten, und bei j denen Machtgelüste auch für die Zeiten ihres höchsten | Kulturstand cs bezeichnend bleiben. Dann gibt es wieder; Nationen, die niemals auf Eroberungen ausgingen, die zwar in der Verteidigung der eigenen Güter unsterbliehe Heldentaten vollbracht haben, niemals aber daran dachten, andere unterwerfen oder beherrschen zu wollen. Das Selbstbewusstsein und der Selbsterhaltungstrieb dieser Stämme braucht deshalb nicht geringer zu sein als das der andern, aber es äussert sich anders. Die jüdische Nation, die niemals emen Eroberungskrieg geführt hat. hat darum nicht geringeres Stammesbewiisstsein. als sogar die Völker, die sich in allen Zeiten auf das Schwert stützten und in der Unter- , jocluing anderer und in der eigenen Macht cntfaltung! die Verkörperung des eigenen Wesens erblickten. ן Grade in der Vergeistigung sucht der Jude das Wesen der Kultur und die Berechtigung der Existenz der Naj tionen. In geistigen Grössen wie Darwin erblickt er die Ehre der Engländer, in einem Zeppelin sieht er mehr Ehre und Grösse der Deutschen als in allem äusseren Glanz und In noch so mächtiger Kriegsbereitschaft. Will e:ne solche ״Nation, die andere Völker nur nach den geistigen Potenzen beurteilt, seines eigenen Ich sich bcwusst werden, so muss es auf dem Gebiete des Geisteslebens geschehen. Darum hat auch die Bewegung, in der sich das moderne Selbstbewusstsein des Jüdischen Volkes kristallisiert, trotzdem sic ehe durchaus politische Bewegung sein will, ihre Berechtigung stets nur daraus abgeleitet, dass sie dazu beitragen will, eine Erhöhung der menschlichen Gesittung herbeizuführen, und sie hat immer auf den s;ttlichcn und kulturellen Kräften der jiidisehen Nation aufgebant, was sie politisch-national auch zur Linderung der politisclwn und wirtschaftlichen Not des Jüdischen Volkes erstrebt. Daher sind auch politischer Zionismus und Kuittirzionismus keine Gegen- Sätze, vielmehr die notwendigen Ergänzungen von einander und in Wahrheit nur zwei Seiten derselben nationalen Bewegung der Volksseele, die auch noch viele andere nicht minder berechtigte Seiten hat, wenn auch der Zionismus heute die Bedeutung der nationalen Konzentration in de Mitte des Volksinteresses für so lange Zeit gestellt hat, bis seine Ziele verwirklicht sind. Es wäre aber grundfalsch, im Zionismus nur eine auf poetische Ziele gerichtete und mit politischen Mitteln arbeitende Bewegung zu erblicken. Denn da eben der Zionismus eine Bewegung und keinen Stillstand darstellen will, so kann er auch keinen Stillstand im Judentum wollen, am allerwenigsten einen kulturellen. Gewiss müssen wir auf dem alten und allerältesten Judentum aufbauen, dürfen wir, die wir die alte Geschichte im alten Lande w eiterführen wollen, nicht den historischen Zusammenhang zerreissen, aber wir werden ebensowenig reaktionär wie klerikal sein können, ohne die Grundlagen zu vernichten, auf denen wir das neue Gebäude des alten Judentums errichten wollen. Keine heuchlerische Hetze darf uns von dem einmal eingeschlagenen Wege abbringen, und wir würde.!! das Judentum schwer schädigen, wenn wir uns für kulturfeindliche Tendenzen einfangen liessen. Denn das Judentum, das wir in seiner Integrität vertreten wollen, ist niemals klerikal gewesen; und was cs heute in ihm an Klcrikalismus g:bt, ist fremdes Wesen und Assimilation nicht minder wie die sonntägliche Nachäfferei eines uns fremden Gottesdienstes. Das jüdische Geistesleben, das immer von einer und derselben Sonne strahlte, dicjrinst von Moses in seiner Mitte angeziinJet wurde, hat Strahlen nach allen Richtungen und in allen Earbcn, die sich gleichwohl zun! ׳leuchtenden Weiss Zusammensetzei!. Und alle Richtungen im Judentum, die nicht aus ihm hinausfiihrten, haben trotz aller Verschiedenlie ten stets dieser einen Sonne ihr Licht verdankt. Denn Mosat'simis und jüdischer Nationalismus sind identisch. Wenn daher der Zionismus dem Judeuuime eine neue Grundlage schaffen will, so darf er neben dem Lande und neben den tausenden wirtschaftlichen und politischen Mitteln des kulturellen Elementes nicht vergessen, darf er neben den Juden nicht des Judeutumes vergessen, das nicht etwa identisch ist mit einem Aufsielitsrecht. das s ch irgend eine Richtung über die zionistischc Bewegung vielleicht anmassen möchte. Aber