Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 32 Seite 314 ein grosses Volk der Ottomanen.“ — Etwas weiter seitwärts von mir spricht ein Jude in gleichem Sinne. Ich gehe weiter und sehe in einer Ecke des Oartcns. umlagert von einer grossen Schar von Türken. Armeniern und Juden, einen bekannten Zionisten sprechen, der unter dem Beifall seiner Zuhörer seiner Freude über das gute Verhältnis der Juden, und besonders der Zionisten, zu den Türken aller Richtungen, und ganz speziell auch zu den Jungtürken. Ausdruck verleiht. So hört man bald hier, bald dort v״n den verschiedenartigsten Rednern die Mahnung zur Einigkeit und die Freude über die ungestörte Liebe und Brüderlichkeit, die jetzt zwischen den einzelnen Völkern des ottomanischeu Reiches besteht. Türken und Juden. Armenier und Griechen — man umarmt sich und küsst sich und beglückwünscht sich gegenseitig in aufrichtiger Ficundschaft. Die Juden und die türkische Verfassung Weiter schreibt man der N.J.KK. über die Stellung der Juden zur Verfassung: ' Die jetzt wieder eingefiihrtc Verfassung vom Jahre 1870 gibt allen Angehörigen des ottomanisclien Reiches die volle Gleichberechtigung. Wenn auch die Juden schon bisher sich im türkischen Reiche einer ausserordentlich bevorz u g t c 11 Stellung erfreuten, so ist doch natürlich auch iiir sie die gesetzliche Gleichstellung sehr wesentlich. Vor allen Dingen sind es natürlich die A11 fl! c b u 11 g der Zensur, die Freiheit der Presse, sowie das Vorsammlungs- und Petitionsrecht, die hei den Juden lebhaft begrösst werden. Aber auch die verfassungsmässigen Garantien des Eigentums sowie die gleiclnnässige und gesetzliche Verteilung der Steuern sind gerade für die Juden und bcsonders iiir die jüdischen Ansicdlungen in der asiatischen Türkei, d. h. in Palästina und Syrien, von kaum zu überschützender Bedeutung. Die Zulassung zu allen öffentlichen Acmtern ohne Unterschied der Religion ist iiir die Juden weniger wichtig als iiir die Christen, da die Juden auch bisher schon in der Zulassung zu höchsten Staatsstellungen keinen Schwierigkeiten begegneten. Dagegen dürfte die neu gewahrte Unterrichtsfrei 11 cit für die Regeneration der türkischen Juden sehr wichtig sein. Schliesslich ist natürlich auch der Einfluss der offiziellen Teilnahme der Juden an beiden Parlamenten auf das Verhältnis von Juden und Türken zu einander nicht gering anzuschlagen. Die Bestimmungen über die Gemeinde- und B c z i r k s v c r w a 11 u n g sind derartig, dass es .den Juden nicht schwer werden wird, in denjenigen Gegenden, in denen sie über eine entsprechende Majorität verfügen, auch die Verwaltung in ihre Hände zu bckommen. Im allgemeinen darf man sagen, dass, wenn die gegenwfirtige Stimmung, bei aller zu erwartenden Abscltwüchung. nur in ihren Grundzügen in der Zukunft bestehen bleibt, die Juden des türkischen Reiches zweifellos in kurzer Zeit selbst ihre ״kultiviertesten“ westlichen Glaubens• und Stammesgenossen nicht werden zu beneiden brauchen. Massendiebstahl von Thorarollen Ein merkwürdiger Voiinll hält jetzt die jüdische Bevölkerung des russischen Städtchens Kamenobrod in Aufregung. Vorigen Samstag waren, wie gewöhnlich, zahlreiche Juden in der Synagoge zum Gottesdienste versammelt. Als man nach Beendigung des Seliachrith-Gebetes zur Verlesung des Wochcnabschi'ittcs aus der Thora schreiten wollte, bemerkte der mit dem ״Ausheben“ betraute Verstehe r zu seinem grossen Schrecken, dass die Btindesladc leer und dass aus ihr samtliebe sechs Siire Thora, die sich noch gestern in ihr befunden hatten, verschwunden waren. Der versammelten Gemeinde beluüclitigte sieh ein panikartiges Angstgefühl, einige ältere Männer fielen sogar in Ohnmacht. Da aber die Gemeinde doch die Verlesung der Thora hören wollte, begab man sich in die zweite Svnagoge des Städtchens. Gerade als sie die zweite kleinere Synagoge betraten, fanden sie die dort versammelten Betenden vor der gleichfalls leeren Btindesladc stehen, auch hier wurde die Bimdcslade aiisgcraubt. Man kann sich den Schrecken in der auch sonst geängstigteu Judeugasse ausmalen. Von den Tätern fehlt vorläufig־ jede Spur. Oesterreichisches Die tschechische Presse, an ihrer ,Spitze NARODNI POLITIKA führt seit einiger Zeit bittere Klage über Lueger Und seine Partei! Ganz unchristlich — so jammern sie — benehmen sich die Cliristliclisozialcii gegen die Tschechen in Wien, denen sie sogar die Schule vcrwcigerli. Und doch hätten die Wiener Tschechen den Cliristlichsozialeii im Kampf gegen Sozialdemokraten und Freisinnige geholten! Luegers Dank ist die Gcrmanisierung. Wie oft aber sind im neuen Parlament Christlichsoziale und Tschechen brüderlich geeint den Polen zu Hilfe gekommen, wenn Ruthenen, Juden und Sozialdemokraten die Schlachzizenwirtschaft bekämpften! Bei der Unter* driiekung anderer mithclfcii ist schmachvoll und rächt sich! * Dr. Steinwender ist der Ehrenpräsident des deutschen Schulvereins. Dr. Steinwender hat für die Resolution Schmidt gestimmt. Damit ist er aber seiner Vergangenheit treu geblieben. Dr. Steinwender ist nämlich der bekannte ״erste Antisemit“ des westösterrcichischcai Parlaments. Er blieb sogar Antismit als im Jahre 1897 der Abgeordnete von Graz, Dr. von Derschatta, der jetzige Eisenbafmminister. die ״Schonzeit für die Juden“ aus opportunistischen Gründen propagierte. Die Bedeutungslosigkeit Steinwenders ist ja allgemein bekannt und nach' Gebühr eingeschätzt. Doch bleibt der Antisemitismus nie unhclohnt, Dr. Steinwender soll jetzt Vizepräsident des Abgeordnetenhauses werden. ' * Aus Lemberg wird berichtet: Die jüdisch-sozialdemokrntischc Partei wird hier am 15. und II» August ihren III. Partei-Kongress abhaltcn. Die Juden in Bulgarien Bei den jüngst stattgclinbten Gemciiulcratswahleu wurden in mehrerm Städten aiicii jüdische Abgeordnete gewählt. Die gegenwärtige demokiatische Regierung macht kein Hehl daraus, dass sie ernstlich gesonnen ist. die Gleichberechtigung der Juden aufrecht zu erhalten. Als z. B. jüngst in Rustscliuk eine neue Zeitung erschien, die mehr aus Sensationsbedarfnis, denn einer politischen Tendenz zuliebe, von Anfang an sich in den wüstesten antisemitischen Anrempeleien erging. ׳»e Bevölkerung zum Boykott der Juden aufreizte etc., wurde sie von der Regierung ernstlich verwarnt und hat ihr Erscheinen eingestellt. Audi das Herrscherhaus stellt sich den Juden sehr ireundlieh gegenüber. Antisemitismus in Kanada In Montreal in Canada erscheint seit kurzer Zeit ein neues jüdisches Wochenblatt CANADIAN JEWISH TRIBÜNE. Der ersten Nummer dieses Blattes entnehmen wir die folgende Nachricht, welche unsere vor kurzer Zeit gebrachte Meldung ergänzt: ״Vor einigen Tagen sprach heim Bürger- »leister von Montreal eine aus jüdischen Bürgern bestehende Deputation vor. weiche über die Verfolgungen und Misshundlungen der Juden in dieser Stadt Klage führten und sich darüber beschwerten dass der Schutz der Juden seitens der städtische;! Polizei unzureichend sei. Es seien Fälle vorgekommen, dass Juden, welche von dem Pöbel auf offener Strasse attakiert wurden, vergeblich den Schutz der. Polizei anriefen. Der Redner der Deputation gab der Ansicht Ausdruck, dass dieses inhumane und gesetzwidrige Verhalten der Polizei zutn Teile ihrem Antisemitismus, zum Teile aber dem Umstande zuzuschreiben sei. dass die Polizisten sich besonders mit den neueingewanderten Juden nicht verständigen können. Die Juden verlangen aber, dass in denjenigen Stadtteilen, weiche hauptsächlich von Juden bewohnt sind, jüdische Wachleute angestellt werden. Der Bürgermeister gab die Richtigkeit der Beschwerde zu und teilte auch die Ansicht der Deputation, dass durch Anstellung jüdischer Wachleute dem Übel zimi Teile abgehoben werden könnte. Er versprach, sich dieserhalb mit dem Polizeidirektor ins Einvernehmen zu setzen.“ Hilfskomitee in Haskiöj Das grosse Hilfskomitee, das sieh auf Anregung des Hilfs- Vereins der Deutschen Juden anlässlich der Brandkafastruphe in Haskiöj (Konstantinopei) unter den» Eluenvor.sitz Sr. Eminenz des Chachan Baschi Moise llalcvy gebildet hatte und das aus den beisteuernden Organisationen und den angesehensten Glaubensgenossen in Konstantinopei besteht, nimmt jetzt, nachdem die Hüfsbediirftigkeit der Betroffenen und der Vcrteilungsplan im einzelnen genau festgestellt ist, die Schlussverteiluug der Gelder vor. Die Entschädigungssummen sind in rationeller Weise nach dem Grade der Bedürftigkeit abgestuft. Die Komiteemitgliedcr haben in aufopfernder Arbeit nunmehr den ersten Teil der Aufgabe gelöst. Ausser dem Chachum Baschi, der gleichzeitig der Ehrenpräsident des Lokalkomitees des Hiiisvcrcins der Deutschen Juden in Konstantinopei ist, gehören dem Komitee noch au: Rabbiner Dr. D. E. Markus. Direktor der Schulen des liilfsvercins in Konstantinopei. Sc. Excellenz Belior Eifendi, niemhre du eonseil d'etat: Se. Excellenz Jacques Bey de Leon, Präsident des Meglig Amumi, Kurator der Schulen des Hilfsvereins der Deutschen Juden zu Konstantinopei: Sc. Excellenz Dr. lsaae Pascha Molno, Divisionsgeneral; J. Eernandcz, Präsident der Alliance Israclitc