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Jüdische Rundschau · 1908-08-07 · Heft 32 (7.8.1908) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 32 (7.8.1908)
Date
1908-08-07
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 32 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 313 und lebhaftem Ausdruck. Wahrend bei den Türken alles verschlossen gehalten wird, stellen im Ghetto den Tag über die Hüuser weit offen; man blickt von der Strasse bis in das Innere. Wenn man sie so zu ihren Festlichkeiten versammelt .׳•der auch mit dem Wasserkrug am Brunnen stehen sicht, wird man unwillkürlich an die Esthers und Rebekkas der biblischen Erzählungen und Bilder erinnert. Eines Besuches wert ist der jüdische Friedhof, der, hoch und frei gelegen, ein wunderbares Panorama über Golf, Gebirge und Stadt entrollt, wogegen die türkischen in der Wildheit und Finsternis ihres Cypressenhains verborgen sind. Sein Alter soll bis zur babylonischen Gefaugenschaft reichen, wo eine Gemeinde hierher versprengt wurde. Verwittert genug sind viele Grabmale, die in vollkommener Unordnung und von rohstem Aussehen dicht nebeneinander liegen und stehen, von Unkraut und Dornciigestrüpp überwachsen. Da und dort erheben sich hohe Steinhaufen, aufgetürmt von frommen Hunden als Zeichen, dass darunter ein glaubensstarker, zum Märtyrer gewordener Rabbiner ruht. Alljährlich am 33. Tage des Omer feiern auch die Juden in Smyrna den Todestag des Rabbi Schim’on ben Jochai. Die Feier an sich hat nichts Eigentümliches, aber einige Einzelheiten sind sehr merkwürdig. Die Strassen, welche sonst zur Abendstunde ziemlich, ruhig sind, zeigen sielt an diesem Tage sehr belebt. Einige Hauser sind mit Fahnen und Lampions verziert. Gegen neun Uhr versammelt man sich in einem der zu dieser Festveranstaltung hergerichteten Häuser. Sobald die erste Tasse Kaffee aufgetragen ist. stellt der Synagogenditner auf. geht rund um den Saal und fragt sinnend: ״Wie viel wird geboten für den Trog von Rabbi Sehim’on?“ Sie werde» nicht wissen, was dies für ein ״Trog“ ist und warum er meistbietend versteigert wird? Mir ist folgendes darüber mitgetcilt worden:; :׳ ,-*!*• Zwischen dem Giabc des bekannten Rabbi Scliim’on und dem seines Sohnes Rabbi Ekazar befindet sich ein Trog, der eine ziemliche Quantität 01 aufzunehmen vermag, und der Meistbietende darf an jenem Abend im Scheinbild dieser Ricsenlampe die Flamme ansteckcn. Es scheint, dass nicht nur Dochte in diesem Trog gebrannt werden. Es besteht eine Tradition, wonach cs Unglück bringend wäre, die ersten Haare eines Kindes in den Wind zu streuen. Man lässt sic unberührt wachsen bis zum 3. oder 4. Jahre. Uni diese Zeit werden sie feierlich abgeschnitten und in irgend ein kostbares Stück Zeug gehüllt, nach dem gelobten Lande gesandt, damit sie in diesem Trog am Abend der ״Hochzeit von Rabbi Schim’on“ (so heisst das Fest) verbrannt werden. Fis heisst, dass auch Schleier von Neuvermählten darin verbrannt werden, und sogar Teile von lenen kostbaren Münncrgurten, die im Orient so geschätzt w׳erden. Natürlich sicht man in Smyrna nur ein Scheinbitd dieses Troges. Eine der Freitag-Abendlainpcn muss ihn ersetzen. Wenn also diese Lampe verkauft ist, kommt die Reihe an die Lichte, d. h. das Recht, sie anzuzünden. Wenn alles, bis auf den Schluss-Kaddisch verkauft ist, verteilt man das Lesen des So har, der zu einem Dutzend kleiner Broschüren zerteilt ist; mitunter lesen sie zu zwei in derselben Broschüre, der eine von oben, der andere von unten. Alsdann liest einer der Rabbinen die Stelle vor, die sich auf die letzten Augenblicke von Rabbi Scliim'on bezieht. Nach dem Kaddisch singen alle Anwesenden laut den ״Bar Yochai“, eine Art Loblied zu Ehien des berühmten Rabbi. Hernach gibt cs Konfitüren. Limonaden und allerhand Erfrischungen. Wenn die Leute bei Geld sind, lässt man Musikanten kommen und bleibt bei Gesang und Tanz sehr lange beisammen. Der Ertrag all dieser Versteigerungen wird zu allerhand Wuhltätigkeitszweckcn ver- •wendet: denn im Grunde ist jeder Smyrniotc von Herzen wohltätig und gutmütig, alle Vergnügungen bieten ihm eine Gekgenheit zum Wotütun. und vielleicht gelte ich nicht zu weit, wenn ich behaupte, dass das Vergnügen oft nur zum Vorwand dient, dass der wahre Zweck dieser Versammlung nur die Wohltätigkeit ist. Ich erwähne bei dieser Gelegenheit eines seltsamen Glaubens, der in Smyrna allgemein verbreitet ist und von dem ich andersw’0 niemals hörte: Wenn von zwfei Zwillingen der eine stirbt, neluncn die Eltern ein Schloss, das sie verschliesscn und von dem sie absichtlich den Schlüssel verlieren oder an einem geheimen Ort verwahren. Der Aberglaube behauptet, dass der Überlebende stirbt, sobald das Schloss geöffnet würde. — Anbei eine ziemlich lustige Geschichte: Ein junges Mädchen, das seinen Zwillingsbruder verloren hatte, verheiratete sich, und dem Gatten wurde das berühmte Schloss, übergeben. Eines Tages gerieten die Eheleute in Streit; im Arger drohte der Mann, da er seine Frau nicht zu Vernunft bringen konnte, derselben, dass er das Schloss öffnen und dadurch ihren Tod herbeiführen würde! Diese Drohung beunruhigte die Frau ganz plötzlich, und sie flehte ihren Mann an, das Schloss nicht zu berühren. Kundscnau Die Ereignisse in der Türkei Aus Konstantinopel erhält die N.J.K. von Ihrem dortigen Korrespondenten, der im Jüdischen Leben dieser Stadt eine hervorragende Stellung einnimmt, die folgenden Stirnmungsbilder. die erkennen lassen, mit welcher Begeisterung auch die Juden die neue Verfassung begriissten und welche Hoffnungen sie ihr entgegenbringen. Konstantinopel, den 31. Juli 1908. Es fehlen mir fast die Worte, die ungeteilte und selbstlose Freude zu schildern, die in unserer Stadt seit der Verkündigung der Verfassung herrscht. Ich gebe Ihnen also für heute nur einige kleine Bilder von der gegenw’ärtigen Stimmung in Konstantinopel. Vor dem Jlldls Eine fiinfundzwanzigköpfigc Menge von Türken. Armeniern. Juden und Grieche» versammelt sich vor dem Jildis. Alle tragen rote und grüne Fahnen in der Hand und um die Brust Bänder mit der Aufschrift ..Freiheit, Gleichheit. Brüderlichkeit.־* jeder in seiner Sprache. Es herrscht eine musterhafte Ordiiiing, aber die Massen sind nicht vom Fleck zu bewegen. Sie wollen den Sultan sehen, wollen ihm persönlich für das ״Geschenk der Freiheit“ danken. Ein Hodja wird vom Volke in die Höhe gehoben und schwört laut beim Koran, nicht eher wegzugdien, als bis er den Sultan gesehen habe. Mit der weit tönenden Stimme eines Imam, der vom Minaret herab die Gläubigen zum Gebete auffordert, ruft er dem versammelteil Volke zu: ״Als Gott dem jüdischen Volke das unschätzbare Geschenk der Thora gab. du offenbare er sich selbst. Wenn der Sultan nun seinem Volke die Freiheit gibt, so muss er sich zeigen.“ So spricht der Mann in icner seltsam klingenden ergreifenden Sprache der Hodja. — Ein Hofbeamter erscheint und dankt im Namen des Kaisers, der aber unmöglich erscheinen könne, da er krank sei. ״Krank,“ ruft der Hodja. ״auch wir sind krank! Wie könnte es auch anders sein! Ein Vater, der dreissig Jahre seine Kinder, Kinder, die dreissig Jahre ihren Vater nicht gesellen. Wir wollen ihn sehen, wir müssen i!1n sehen!“ — Atemlose Ruhe tritt ein. denn man stellt, wie der Sultan selbst langsam den Vorhang des Fensters aufzicht und hervortritt. ״Kinder, was wünscht Ihr?“ fragt der Sultan. Ein gewaltiger Ruf ״Padischahimiz fschok iascha!“ erdröhnt als Antwort. Aber im Augenblick ist wieder unendliche Stille, denn der Sultan beginnt zu sprechen. Er versichert, dass er immer das Wohl seines Volkes wie das seiner eigenen Kinder erstrebt habe und erstrebe. ״Gott ist dessen Zeuge!“ sagte er am Schluss und lässt dann den Vorhang wieder fallen. Die Menge aber zieht hochbefriedigt nacli Hause. — —- Auf einer Strasse In Stanibul Der Scheich ul Islam fährt in einem offenen Wagen mit *dem Grosswesier vom Minister rat nach Hause. Eine die ganze Strasse füllende Menge umgibt den Wagen, der nur Schritt für Schritt vorwiirtskommt. Einige Jnngtiirken spannen die Pferde aus und ziehen selbst den Wagen, während der Scheich ul Islam und der Grosswesier nochmals vor dem ganzen Volke beim Koran auf die Verfassung schwören. Auf dem Armenischen Friedhof Eine namenlos traurige Note brachte in die allgemeine Freudenstiniung ein langer Zug. der sich langsamen Schrittes nach dem Armenischen Friedhofe hin fortbew׳egt. Dort liegen die unglücklichen Opfer der armenischen Wirren. Eine andächtlgc Stille tritt ein — die Jungtiirken bitten die Toten um Verzeihung•; ihre Hände hätten das Blut nicht vergossen, aber sie alle wären Bürgen, dass nie wieder unschuldiges Blut fliessen w׳erde. Der armenische Priester spricht ein kurzes Gebet, und das Volk entfernt sich wieder, langsam und ruhig wie es gekommen. Aber kein Auge blieb tränenleer. Im Garten Rednertribünen sind aufgerichtet, und um eine iede lagert eine gespannt lauschende Menge von Zuhörern. Söhne verbannter Paschas halten herrliche Reden und mahnen zur Einigkeit und Brüderlichkeit. Einem höre ich eben zu. Er sagt: ״Wir haben in unserem Lande grosse Türken, aber noch grössere Griechen und sehr grosse Juden — nun sind wir alle Brüder, und kein Unterschied der Religion und der Rasse kann uns In Zukunft entzweien. Wir sind Jetzt ein Volk. י ■f י

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