Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 32 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 315 \ Universelle in Konstantinopcl; Dr. nieil S. Wellisch, MCdicin 1 sanitaire en chcf de l'instruction publique und Mitglied des I Schulkoniitces des Hilfsvereins der Deutschen Juden in I Koiistantinopel etc. etc. 1 Da die Nachwirkungen des gewaltigen Schadenfeuers, das I einen ganzen Stadtteil in Asche gelegt hat, noch lange fortj dauern werden, macht sich das Bedürfnis nach einer Hilfs- I leistung dauernder Natur stark fühlbar. Gemäss einem Vorj schlage des Hilfsvereins der Deutschen Juden wird daher jetzt I die Begründung einer Kreditkassc crw'ogen, die mit den noch I zur Verfügung stehenden Mitteln finanziert werden soll. Aus j den Beiträgen, die der Hilisverein der Deutschen Juden und I die Alliance Israelitc Universelle in Paris gewahrt haben, wird I voraussichtlich diese Kasse *gebildet werden. Da es sich I darum handelt, den Ärmsten der Bevölkerung aufzuhelfen, kann eine solche Kasse mit verhältnismässig kleinen Mitteln grossen I Segen stiften. I Jubiläum der Emanzipation in England Am Sonntag waren cs fünfzig Jahre, dass der Baron I Nathan Rothschild in das Haus der Gemeinen eintrat, nachdem die Emanzipation der Israeliten gesetzlich beendet worden war. Während dieses halben Jahrhunderts gab es 5 jüdische Peers und 40 Mitglieder des Unterhauses, darunter den gegenwärtigen I ord Rothschild. Diner Mer ersten israelitischen Parlamentarier, Sir George Jcsscl, steht in dem Rufe, einer der besten Richter des vergangenen Jahrhunderts gewesen zu sein. Drei Israeliten haben bis jetzt Regierungsstellen iune- | gehabt: Baron Henry de Worms als Parlamentssekretär der! Kolonien. Sir George Jessel als SoJicitor-General und der gegenwärtige Untcrstaatssckrcrär des Home Office Herbert Samuel. Im Verwaltungsdienst befindet sich der Gouverneur von Natal, Sir Matthew Nathan: Hermann Kisch war eine zcitlar.g Gencralpostmeister von Bengal. Die städtischen. Verwaltungsräte wurden häufig aus den Reihen der israelitischen Gemeinde erwähl», und die beiden leitenden Universitäten Oxford und Cambridge übergaben zahlreiche Lehrstühle an jüdische Kapazitäten. Durch alle diese Auszeichnungen entfernte sich das intellektuelle Judentum derart von seinem ursprünglichen Milieu, dass seine Vertreter sich heutzutage als ״Englishrncn israelitischer Vorfahren“ bezeichnen. England hat also sichtbar aus dieser liberalen Konkurrenz aller Konfessionen Vorteile gewonnen. Dabei sind noch nicht die zahlreichen Israeliten mitgerechnet, die als Konvertiten zu öfientliehen Stellungen in England gelangt sind, darunter der Bedeutendste Lord Beaconsfield. Ein Interview mit Roditschew Aus Petersbu rg wird uns von unserem dortigen Korrespondenten geschrieben: Der berühmte Kadettenführer Roditschew hat sich in einem Interview gegenüber den! hiesigen Korrespondenten der hebräischen Tageszeitung HED-HASMAN (Wilna) über den Stand der Judenfrage in folgender Weise geäussert: Ich halte die Aufrollung der Judenfrage in der Duma gegenwärtig nicht für ratsam. Denn, wenn es sich nur um eine Demonstration handeln soll, so steht dieser natürlich an sich nichts im Wege. Aber meiner Meinung nach darf man eine solche Demonstration nur dann unternehmen, w׳enn man nichts zu verlieren hat. Die Lage der Juden könnte sich aber durch eine, rein demonstrative Aufrollung der Judenfrage nur verschlechtern. Dass die Duma den Juden jetzt irgend welche Verbesserungen bewilligen wird, ist nach Lage der Sache ausgeschlossen. Durch die Ablehnung aller judenjudeufreundlichen Anträge würde aber gar mancher höhere und niedere Tschinownik. der bisher den Juden stillschweigend manches nachsah. erst zu strenger Anwendung aller gegen die Juden gerichteten Gesetze veranlasst werden, und manche halb vergessene Verfügung, die den Juden des Leben sauer machen soll, würde von neuem ausgegraben werden. Ich persünlich würde schon sehr zufrieden sein, wenn die dritte Duma mir keine neuen Beschränkungen der Juden erlassen würde. Auf eine Frage des Korrespondenten über die ÄusscrungStolypins. dass die Regierung bereit sei. die Judenfrage in humaner Weise zu behandeln, äusserte sich Roditschew dahin.•dass man die russische Regierung nur nach ihren Taten beurteilen dürfe und nicht nach den Versprechungen einzelner Minister, die nur mit Rücksicht auf die Meinung des Auslandes abgegeben würden. —- Herr Roditschew sieht also ziemlich pessimistisch in die Zukunft, was die Juden angeht, und man wird nun ah warten müssen, ob diese Zukunft ihm oder den hoffnungsvolleren Beurteilen! der Lage recht geben wird. Dass zurzeit die Situation wieder recht traurig Ist und pessimistische Äusserungen sehr erklärlich erscheinen lässt, muss allerdings zugegeben werden. (N.J.K.) Emigration aus dem Gouvernement Wilna Aus Wilna wird uns von unserem dortigen Korrespondeuten geschrieben: Das hiesige Informationsbureau für Ausw׳andercr hat in! Jahre 1907 seine Tätigkeit gegen früher bedeutend erweitert. Aus dem Jetzt vorliegenden Bericht ist folgendes zu entnehmen: An das Bureau haben sich im Bcrichtjahrc 1106 Auswanderer gewendet, von denen 195 durch Vermittelung des Bureaus Auslandspässe und 29 auch billigere Scliiffskarteu erhielten. Von der Gesamtzahl der Auswanderer sind 49 % Hankwerker, 5% Handelsgehilfcn. 5*/י Kleinhändler und 8״/״ ohne bestimmlen Beruf, der Rest sind Berufslose, d. h. Frauen und Kinder. Als Grund der Auswanderung wird angegeben von 48% der Emigranten die schlechte ökonomische Lage. Uber 77% l>cgaben sich nach Amerika. 52 % direkt nach New׳ York. Wohnrecht jüdischer Künstler in Russland Aus Peter sbu rg wird uns von unserem dortigen Korrespondenten geschrieben: Von einer neuen Verschlechterung der rechtlichen Lage der Juden in Russland zeugt eine eben erlassene Verfügung, die sieb auf die jüdischen Künstler (Schauspieler, Musiker etc.) bezieht. Diese Kategorie nahm bisher Insofern eine Sonder- Stellung ein, als sic zwar auch kein Wohnrecht ausserhalb des Ansiedlungsrayons bcsassen( insofern sie nicht zu den Kaufleuten I. Gilde oder zu den akademisch Diplomierten gehörten), aber de facto doch stets, in den grossen Städten wenigstens, ״geduldet“ wurden. Daraus hatte sich eine Art Gewohnheitsrecht entwickelt, wofür das ein Beweis ist, dass die Impresari! mit den jüdischen Künstlern feste Verträge absehlosscn, die denn auch tatsächlich _ immer innegehalten werden konnten. Das wird nun in Zukunft anders sein. Die genannte Verfügung bestimmt nämlich, dass vom nächsten Jahre ab die jüdischen Künstler die bisherige tatsächliche Ausnahmestellung nicht mehr gemessen sollen, so dass sie also nicht mehr in den Hauptstädten werden wohnen dürfen. Für die allermeisten von ihnen kommt dies dem völligen Ruin gleich, da diese Leute natürlich nur in den grossen Städten Gelegenheit haben, ihren Beruf auszuüben. (N.J.K.) Zionistische Jahreskonferenz Vom 10.—13. August finden in Köln a. Rh. die Zionistische Jahreskonferenz sowie die Qeneralversarnmhingen der ״Jüdischen Kolorralbank“ (The Jewish Co!onial Trust. Ltd., London) und der Genossenschaft ״Jiidischer Nationalfonds“ (Keren Kajetticth Lejisroel, Ltd.) statt. Die Jahreskonferenz, die in d'en Jahren ohne Kongress, also wie dieser alle zwei Jahre, abgchaltcn wird, hat dieselben Beftignsse wie der Kongress, ausser dem Recht der Abänderung des Organisationsstatuts und der Neuwahl des Aktionskomitees sowie der übrigen Körperschaften. — — In Anbetracht der Reise des Präsidenten Wolfis oh 11 nach Russland und der jüngsten Ereignisse in der Türkei darf man den Beratungen der Jahreskonferenz m't grossem Interesse cntgcgcnsclicii. Kleine Mitteilungen ta _________ Frankfurt a. M., 3. August. Aus dem Bureau der ״F r e i c n Vereinigung für die Interessen des o r 111«• d o x e n Judentums“ w ird uns geschrieben: Durch eine Mitteilung in der jüdischen Presse w ar die üeffentlichkeit Ende Mai davon unterrichtet worden, dass seitens des Proviantamtes zu Cohlcuz der Bezug des Fleisches geschachteter Tiere fortan ahgelelmt werde, weil das Schächten ״fesigestellter Massen eine unerwünschte Tierquälerei" bedinge und daher auf Anregung der Königlichen Regierung zu Coblenz für den Bereich der Militärverwaltung verboten worden sei. Im Hinblick auf die prinzipielle Bedeutung, welche dieser Ver-