Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2651552-2651584--05815-2662862- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 312 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 32 dass mein Trinkspruch In Erfüllung ginge. Heute früh erhielt ich durch Vermittlung der Gesandtschaft Schutzbriefc von Sr. Majestät dem Kaiser. Addis-Abeba. den 27. Mürz 1908. Ich überreiche Ihnen hierin Abschrift und Uebersetzung des kaiserlichen Geleitbriefes, dessen Text vom Kaiser selbst diktiert worden ist Diese Dokumente werden sonst nur den fremden Ministern und den offiziellen Gesandtschaften gegeben. Im anderen Palle stellt die Polizei eine Art Pass aus. auf dem Namen und Zahl der Reisenden verzeichnet sind, sowie', die Zahl der begleitenden Soldaten und Diener, auch die Zahl der Maulesel und das Reiseziel. Ein solches Dokument hatte man uns in Dirc-Daua für unsere Reise in die Hauptstadt gegeben. Diese kaiserlichen Briefe werden gewiss in einigen Jahren verschwinden; sic sind deshalb von den Sammlern sehr gesucht. Baron Kühner, ein österreichischer pensionierter Offizier, der sich auf der Durchreise inAddis-Äbcba aufhiclt und in unserem Hotel wohnt, bat mich, ihn eine Photographie von unserem Geleitbrjc! nehmen zu lassen.^ Ich habe nicht geglaubt, ihm die Ermäclitigung geben zu dürfen. Ich besorgte mir weitere vier Empfehlungsbricfc, einen an den Ras Mangascha. Gouverneur von Godscham, Agumeder und von Kuara. einen an den Neffen der Kaiserin, Ras Guxa. Gouverneur von Bcgcmcndcr. Simen und Gondar, einen an Ras Uolic. Bruder der Kaiserin. Gouverneur von Lasta, und endlich an Dcdscliasamtsch Gabru Scllassi. Gouverneur von Adua. Ich glaube, dass alle diese Briefe mir von grossem Nutzen sein werden. Gegen den 1. April werden wir uns auf den W'cg machen, um zu den Palaschas Beziehungen zu gewinnen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dass ich nichts vernachlässigen werde, um einen Erfolg unserer Mission zu sichern, und dass ich gleichzeitig jede Vorsicht anwenden werde. In den Provinzen, durch die wir kommen werden, gibt cs zwei ungesunde Bezirke: Die Westküste des Tanasees (Kuara) und Maröh an der italiciiisch-abessinisclien Grenze. Den erstgenannten Ort werde ich möglichst schnell durchschreiten, soweit das geschehen kann, ohne meiner Aufgabe zuwiderzuhandeln. An dem anderen Platz werde ich mich nicht aufhalten und zu dem Zweck einen löstündigen Gcwaltsmarsch machen. Ich glaube, dass unsere Ealascha-Reisc drei Monate dauern wird, während deren Sie keine Nachricht von uns haben werden. In ganz Amhara gibt cs weder Posten noch Telegraphen. Sollten wir aber unterwegs einen Reisenden kreuzen, so werden wir ihm Briefe mitgeben. Auf diese Weise können Sic vielleicht erfahren, wo wir sind und wie cs uns geht. Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass unsere nächsten Briefe mit uns zugleich in Europa ankommen werden. Uebersetzung des Oefeitbricfcs für die Alliance-Mission. (Siegel.) ..Der Löwe des Stammes Juda, der Sieger Menelik II.. von Gottes Gnaden. König der Könige von Acthiopien. Die Träger dieses Briefes, die Herren Nahuni und Eberlin, sind nach Acthiopien gekommen, um die Falaschas zu sehen. Sic mögen überall hingehen, in alle Lande — hindert sie nicht daran. Ihr. Oberhäupter der Provinzen, bringt ihnen alles, was sic zu kaufen nötig haben, geleitet sic in guter Sicherheit, damit sie das Land In ungestörter Gesundheit durchschreiten. Ich befehle, dass es also sei. Geschrieben und gegeben in der Stadt Addis-Abeba am 9. Maggabit im Jahr der Gnade 1908.'* Addis-Abeba. den 3. April 1908. Ich habe die Ehre, mein Telegramm von heute früh zu bestätigen, das folgenden Wortlaut hatte: ..Warme Abschiedsaudienz, wir brechen nach Godscham auf.“ Letzten Samstag, gegen 4 V« Uhr Nachmittag, als wir uns eben zum Ausgehen bereiteten, kam Ato Hailc Marian! eilends zu uns. uin uns zu sagen, dass der Kaiser die Gnade gehabt habe, uns eine Abschiedsaudienz um 5 Uhr zu• bewilligen. Wir begaben uns auf der Stelle nach dem i» dem vorigen Schreibei! geschildlcrten Saal, wo man uns zu bestimmter Stunde zu Seiner Majestät fühlte. Dieser Empfang war überaus herzlich. Zunächst Hess der Kaiser mich wissen, dass er mir Titel und Insignien eines Kommandeurs des Ordens vom Siegel Salomos verliehen habe. In einer kleinen Ansprache dankte ich dem Kaiser im Namen der Alliance für alle Ehrungen, die uns bereitet worden seien, und sprach Gebete aus für das Gedeihen seiner Regierung. Kaiser Mcnclik erwiderte: ״Bringen Sie meine Kaiserlichen Orüssc allen Mitgliedern der Alliance Israölite Universelle und sagen Sic ihnen, dass ich ihnen für die Gebete danke, die sie für mich sprechen. In der Tat. das Gebet ist die Kraft der Könige. Besuchen Sie die Falaschas und die archäologischen Denkmäler, und schicken Sie mir durch den französischen Herrn Minister ausführliche Berichte. Ich wünsche Ihnen gute Reise und bitte Sic. mir telegraphisch Morgen früh reisen wir ab. und vor unserer Heimkehr haben Sie keine Briefe mehr von uns. Der französische Minister der Auswärtigen Angelegenheiten, Herr Pichon, hat der Alliance in Paris verschiedene Depeschen mitgeteilt, die er über die Mission von dein Vcrtreter Frankreichs in Addis-Abeba erhalten hat. Folgendes ist der Bericht, den Herr Brice über den der Mission vom Ncgus bereiteten Empfang dem Ministerium erstattet hat: ״Addis-Abeba. den 10. März 1908. Ich habe die Ehre, zur Kenntnis Eurer Exzellenz zu bringen, dass auf mein Gesuch Seine Majestät Menelik am 6. d. Mts. die Herren Nahum und Eberlin empfangen hat. Nach der Verlesung und Ucbcrreichting der Adresse der Alliance Israelilc Universelle hat Herr Nahum sehr geschickt den Zweck der philologischen und ethnographischen Forschung auscinandergesetzt, die er in diesem 4.ande anstellen will. Indem er Acthiopien mit einer lange Zeit der Sonne beraubten Blume verglich, die zum Aufblühen nur einen Lichtstrahl erwartete — hat er Menelik zu diesem Lichtstrahl gemacht, dank dem die Blume sich geöffnet und das bis zu seiner Thronbesteigung in Finsternis getauchte Land ans der Isolierung Iicrvorgctret.'n ist. um mit der übrigen Weit in Beziehungen zu sein. . . . Sehr eingenommen durch diese blumenreiche Sprache, hat der Kaiser Herrn Nahum zugesagt, dass er ihm alle erforderliehen Ermächtigungen geben weide, in seinem Reich sich zu bewegen. Er bczcichnctc ihm selbst gewisse Inschriften in t!cr Umgegend von Addis-Abeba. deren Sinn er gern kennen lernen mochte. Anderen Tags Hess Kaiserin Taitu Herrn Nahmn sagen, dass sie seinen Arbeiten mit Aufmerksamkeit iülgen werde, und dass sic ihn wie seine Gefährtin im Thronsaal zum Frühstück citdadc. Gestern haben diese Herren hier im Namen der Alliance Brachte Universelle für den freundliehen Empfang gedankt, den ihnen auf Empfehlung der Ge- ‘־andtschat't der Republik Seine Majestät Menelik bereitet hat* Das Ghetto von Smyrna Von den steilen Höhen des Türkcnvicrtcls steigt man auf wahren Klcttcrpfadcn und auf einem aller Beschreibung spottenden Pflaster, wo Gcbirgsschuhc gute Dienste leisten würden, herab zum Ghetto von Smyrna, dessen Einwohnerzahl aut 20000 Seelen geschätzt wird. Die Juden sind zumeist spanischer Herkunft und sprechen die Sprache in einem mit Italienisch vermischten Patois. Ihre politische, noch )nely aber ihre materielle Lage hat sich in den letzten Jahrzehnten wesentlich gebessert. Früher nur Kleinhandel und das sögenannte ״Serafs“ (Geldwechsel) betreibend, haben sie sich jetzt auch dem Engros-Gcschäft zugewandt und arbeiten selbst in der Exportbranchc und wie allcrwärts mit Erfolg־. Den Bazar kennen sie wie ihre Tasche und wissen in seinen labyrinthischen Gängen und Winkeln jede Ware aufzutrcibcu und an den Mann zu bringen. Als Rajahs der Pforte untertänig, haben sie mit ihren christlichen Mitbürgern derselben Kategorie gleiche Rechte und Pflichten, und sic werden nicht mehr, wie es fiiiher allerdings geschah, als Parias behandelt. Die Mildtätigkeit der Wiener Rothschilds preist die am Eingang in das von ihnen begründete Spital auf einer Marmortafel angcbrachte Inschrift. Selbstverständlich sind cs bis jetzt nur wenige Auscrwahltc, denen cs gelungen, sich aus der Masse emporzuschwingcn. Von einer politischen Emanzipation, bürgcrlich-sozialcn Gleichstellung des Judentums kann keine Rede sein. Im Ghetto sieht cs noch recht mittelalterlich aus. Die Zwangspflicht. darin zu wohnen, ist zwar aufgehoben, aber die Gewohnheit bleibt fortbcstcbcn. So geht es auch mit der Kleidung. Die Männer, hager und von hoher Statur, tragen Fez. langen Kaftan, im Winter mit Pelz verbrämt, darunter un blusenartiges Gew and, umgürtet mit breiter Schärpe, weitfaltige Culottc. weisse Strümpfe, offene Schuhe und verwenden %icl Sorgfalt auf ihren Haar- und Bartwuchs. Die Frauen tragen kurze Röcke und seidene Pumphoscji, die über den Knöcheln geknüpft werden, die verheirateten als Kopischnmek eine mit Geschmeiden durchwirktc hohe Haube: bei den unverheirateten hängt das Haar in Zöpfen herab, alles in buntesten Farben. Von kleinem Format und plastischem Fbenmass sind die Fasse; sie stecken in goldgestickten Pantoffeln und diese wieder in Holzgaloschen zum Schutze gegen den Strassenschmutz. Sie verstehen damit ganz leicht und graziös über die Abgründe und Spitzen des horriblcn Pflasters zu balancieren. Beim Ausgehen verschleiern sic sich öfters, doch mehr aus Scheu vor Insulten: religiöse Vorschrift ist es nicht. Die Gesichtszüge sind scharf geschnitten, aber frisch von Farbe