Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 32 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 311 hoher Bedeutung, weil die Provinzen, die wir besuchen wollen, in'.,ihrem Lande" liegen (Schoa und Amhara sind hier, was Aragonicn und Castilicn für die katholischen Könige sind) und von ihrem Bruder und ihrem Neffen verwaltet werden. Qestern verlangte die Französische Gesandtschaft vom Palastsekretariat den Schutzbrief für unsere weitere Reise. Es wurde geantwortete. Majestät wünsche zunächst, dass Ich die Ruinen und Inschriften besichtige, die sich drei Tagereisen weit von der Hauptstadt befinden, auch die mit ln- Schriften versehenen antiken Gegenstände, die in dem Schatz von Gebbi verwahrt sind. Ich werde mich morgen in das Palais begeben, um die eben erwähnten Antiquitäten zu besiehtigen und um den genauen Platz der Ruinen zu erfragen. Bevor ich Ihnen den Weg angebe, den ich mir vorgezeichnet habe, gestatte ich mir. Ihnen die Plätze zu nennen, die nach Abba die und J. Halövy vermutlich von Falaschas bewohnt sind*. Abbadic nennt Darnot im Westen von Godscham, Kuara, Adschafar, Tagessa, westlich vom Tanasec. Erma tsclioko. Simen und U a 1 k a i t. Dcmbya im Norden von .Tana (REVUE DE L’ORIENT, 1S45, p. 223). Halßvy fügt noch hinzu: Schira (im Norden), Tamban. Endarta,^.asta und Bcgcmcndcr (siehe den Bericht Haldvys in der Sitzung: vom 30. Juli J86S, veröffentlicht im zweiten Halbjaliisbcricht I86S). Es ist sehr bedauerlich, dass Abbadic nicht aus eigener Anschauung die Anwesenheit von Falaschas in den von ihn» genannten, aber nicht von ihm besuchten Provinzen hat feststellen können. Er sagt selbst, dass er seine Angaben ..nach dem Diktat eines Priesters von Kayia-Meda bei Gondar" niedergeschrieben habe (REVUE DE L’ORIENT, p. 222). Halövy hat nur Ualkait. die Stadt Kabta. Dschanfeniara. Wobei und Tscholga (oberhalb Dcmbya) besucht. Das geht wenigstens aus dem Reiseweg hervor, dem er gefolgt ist: Massaua- Kcren-Kassala (auf ägyptischem Gebiet), Ualkait-Wohci- Tscholga und zurück (siche Seite 87/89 seines Berichts). Für meinen Weg werde ich die Angaben von Abbadic und Haies'v als Grundlagen nehmen. Ich will alle von diesen beiden Gelehrten genannten Provinzen durchreisen. Ich will den Blauen Nil überschreiten, um in Godscham cinzudringen. Damot und Agumedar durchqueren. Kuara. Adschafar und Tagessa, östlich vom Tana besuchet». Danach will ich hinauf nach Dcmbya und Gondar, nördlich vom Ta»»asec, wieder hinab nach Begcmendcr und endlich nach Balassa und Simen. Von Simen geht mein Weg nach Errnatschoko und Ualkait. Hierauf durchschneide ich Taca$6. gehe nach Schira. Tsembila und von dort durch Axum und Adua zurück über Erythrea. ר* Aödis-Abeba. 20. März 1908. Am Sonntag. 15. März, begaben wir uns auf die gnädige Einladung Sr. Majestät in das Palais, wo Ato Haile Marian» Pascha uns mit gewohnter' Liebenswürdigkeit in den» für Fremde von Auszeichnung' bestimmten Spezialpavillon empfing. Bevor ich Ihnen über die ganz ausnahmsweisen Ehrungen berichte, die uns zuteil wurden, muss ich Ihnen einige Einzelheiten über den Thronsaal geben. Dieser, vor 10 oder 12 Jahren erbaut, ist 80 Meter lang. 50 Meter breit. 25 Meter hoch. Trotz seiner harmonischen Architektur macht er durch die zahlreichen Balken, die seine Mauern durchschncidcn, und durch die Eisensäulen, die das dreieckige Dach tragen, den Eindruck einer .Maschinenhalle. Das aussen mit Eisenblech bekleidete Dach ist sehr geschickt, ich möchte sagen, sogar künstlerisch gearbeitet. Die Bambusstauden, aus denen es zusammengesetzt ist. sind symmetrisch geordnet und durch geibc, grüne und? rote — die äthiopischen Farben -- Bänder zusammengehaiten, was einen reizenden Eindruck macht. Wände und Front sind mit kleinen blauen und rote!» Blumen mosaikartig bemalt. Im Hintergründe des Saales, dem grosser» Portal gegenüber, erhebt sich eine Estrade von 24 Meter Breite und 12 Meter Tiefe auf 4 Stufen bis zu einer Höhe vou 70 Zentimeter. In der Mitte dieser Estrade steht der angeblieh von David herrührende Thron unter einem prächtigen, von einer Krone überragten, von 4 vergoldeter» Säulen ge• tragenen Thronhimmel. Estrade und Saal sind mit reichen orientalischen Teppichen bedeckt• Der Kaiser gibt in diesem Saal seine feierlichen Audienzen und an Sonntagen und hohen Feiertagen allen seinen Grosswfudcntrügcrn. Ministern, Heerführen» und den Soldaten der Hauptstadt, zusammen etwa 15—:1600*3 Mann, eine Mahlzeit, die Gebot ge»»annt wird. F»ir diese Mahlzeit weiden in der Regel etwa 100 Rinder geschlachtet. Die Mahlzeit bietet eines der interessantesten Schauspiele, denen man in Abessinien beiwohnen kann. Man sieht alle diese Soldaten mit einem Stück rohen Fleisches in der Hand, das mit Salz und Pfeifer bestreut Ist. und in das die Soldaten mit festen Zähnen hineinbeissen. Das ist das* vornehmstc Nationalgericht, der Dergo. Wir haben einer solchen merkwürdigen Szene nicht beiwohnen können, denn gegenwärtig Ist Fastenzeit, Aus dem Gemach, in den! wir uns anfänglich befunden hatten, führte man uns durch einen Gang auf die Estrade selbst. Nachdem wir uns die Hände nach ahcssinischcm Brauch »n einer Schüssel gewaschen hatten, die drei Oardesoldaten uns vor der Tür präsentierten, begiiisstcn wir den Kaiser und nahmen an dem Tisch!Matz, der uns zu seiner Linken reserviert worden war. Hinter Menelik standen 20 Militärführcr in zwei Rcilicn, mit Schilden, Krummsäbeln und Gewehren: ihnen gegenüber der Kriegsrninister mit gezogenem Säbel, zu seiner Rechten der Afa Nvgus (buchstäblich: Mund des Kaisers, dem durch ihn gibt er alle seine Befehle kund) und zu seiner Linken der Nagadi Ras (Handelsminister und Ministcr der Auswärtigen Angelegenheiten) — alle stehend. Auf dem Boden der Estrade sassen alle Grosswürdenträger, Provinzgouvcrncurc, die sich geiadc in Addis Abeba befinden, etwa hundert an der Zahl. Sic hatten vor sich auf sehr ni’cdrigen Tischen ihre Ration Brot, Sardinen und -Beissbcerensalat — das »st das Fastcn-Mcnu für den Kaiser und alle seine Untertanen. Wir. die israelitischen Delegierten der Alliance Israclite Universelle, sassen auf goldenen Stühlen vor einem königlich geschmückten Tisch. Tischtuch und Servietten waren mit dct»t kaiserlichen Wappen, die silbernen Gefassc mit verschiedenfarbigen Nelken geschmückt. Mächtige san»- nicteuc Vorhänge mit grossen Schnüren trennten die Estrade von dem übrigen Saal während des Frühstücks. Die Ahessinier glauben, dass während der niedrigen physischen Bctiitigung das ..böse Auge" zu fürchten sei. Darum bedecken auch die Pagen, die den Kaiser umgeben, diesen mit ihre?» Schammas. wenn er sici! schneuzt, hustet, gähnt oder niest. Während der Mahlzeit ist er nur von der Menge, nicht von der» Grossen des Hofes gesondert. Grosse sicbenarmige Leuchter auf vergoldeten Sockeln erhellten die Estrade, während die Vorhänge herabgeiassen waren. Nach beendetem Frühstück öffnete man die Vorhänge und die Tiiren des Saales. Die Tausende Soldaten, die im Hofe gestanden hatten, traten, ihre Führer an der Spitze, unter dem Geschmetter der Trompeten, die an die von Jericho erinnen», ein. und nahmen Ihrer» Platz auf der Erde ein, \ zur Seite Ihrer von den Schangallasklavcn bedienten Tische. Beim Nachtisch liess mich der Kaiser durch Ato Haile Marian», der 7.\vi$cl»en ihm und uns auirccht stand, fragen, ob ich einen Trinkspruch ausbringen wollte. Ich bceifertc mich, zu beiahen. Man brachte Champagner, und wie ״uf ein zaubcrischcs Zeichen standen plötzlich die 5000 Kiefernpaare still. Ich erhob »m'd». das Glas in der Hand, und hielt unter tiefer Stille eine kleine Ansprache im Namen meiner Vorgesetzten. Ich liess die weitherzige Duldsamkeit Ihrer Majestäten, ihre Liebe zum Fortschritt hell erglänzen und schloss mit dem Wunsche für das Gedeihen der Herrschaft Ihrer Majestäten und für die Verlängerung ihrer Tage. — Die kleine Ansprache wurde durch den ersten Dolmetsch Ato Haile Marian» Wort fiir Wort übersetzt, und Sc. Majestät erwiderte, dass er von meinen Worten sehr bewegt sei und lebhaft dafür danke. Einige Minuten später setzte sich ein kleiner kraushaariger Mann, mit einem bis zu den Knien reichenden Hemde bekleidet, an der Taille von einem grünen Gürtel eingeschruirt, dem Kaiser gegenüber auf die Estrade. Er hielt ein kleines, dreiseitiges Instrument in der Hand. Es war das einer der Astnaris oder Troubadoure. Er improvisierte eine Hymne zu Ehret» des Königs der Könige von Acthiopicn und zu Ehren seiner Gäste. Ich fiabe sehr bedauert, dass־ ich wegen der Entfernung und wegen des Geräusches, das die 5000 wieder- Kauenden Soldaten machten, nichts von dieser hellhäutigen Rhapsodie habe erlauschen können. Wir nahmen nun Abschied vom Kaiser, der uns wirklich mit Liebenswürdigkeiten überhäufte. Er schüttelte mir mintitenlang die Hand und dankte mir mit huldreichem Läclichi fiir meine kleine Ansprache. Er fragte mich — Immer durch Vermittlung von Ato Haile Mariatn. der uns als Dolmetsch diente — oh wir nicht noch 20 Tage bleiben könnten, um dem Fest der grosse!» Bundcsatchc bciznwohnen. Ich erwiderte ihm. dass die Zeit dränge, und dass wir vor Beginn der Regenperiode unsere Mission beenden müssten. Er bat mich nochmals, mich nach Saddo. südlich drei Tagereisen von der Hauptstadt entiernt. zu begehen, dort die Ruinen zu bosichtigen und ihn» ausführlichen Bericht zu erstatten. Ich versprach das. Ato Haile Maria»»» führt uns bis zur Piortc des zweite!: Ringes. Nachdem ich in das Hotel zurückgekehrt war. hielt ich cs für mcitie Pr'licht, dem französischen Bevollmächtigten. Herrn Bricc. ein Schreiben zu fibersenden, in dem Ich ihm fiir alles, was er für uns getan. Dank sagte, namentlich für den Eifer, den er von unserer Ankunft an entwickelt hatte, um uns eine Audienz zu verschaffen, zu der uns der französische Konsul begleitete. I ׳*— Am anderen Morgen besuchte uns Ato Haile Marlam und teilte uns mit. dass Sc. Majestät noch vor» meiner Ansprache bewegt sei und der Kaiserin gesagt habe, sie möchte beten,