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Jüdische Rundschau · 1908-08-07 · Heft 32 (7.8.1908) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 32 (7.8.1908)
Date
1908-08-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 306 No. 32 JÜDISCHE RUNDSCHAU hat tiefgehende Reformen in der Armee, Justiz, Schule, Handel und schliesslich sogar Ehe und Religion notwendig zur Folge. Mit dem Staatsgrundgesetz werden auch alle Staatsgrundlagen einer Veränderung im modern fre:- heitlichen Sinne unterzogen werden müssen. So entsteht ein ganz neuer und lebenskräftiger Staat, dessen oberstes Gesetz, die Unteilbarkeit des Reiches, vom türkischen Volke jubelnd begriisst worden ist. Solange die a3te Türkei bald mit Hilfe dieser, bald mit Hilfe jener Macht fortwurstelte, galt es für jede Macht, die einflussreichste im Lande zu sein. In dem Augenblick, wo die türkische Regierung sich rrclit mehr auf das Ausland, sondern auf das Volk stützt, dieses auf die Geschicke des Landes weitgehenden Einfluss hat, •״st eine Vormachtstellung irgend einer Macht unmöglich und damit das Interesse aller Mächte stark vermindert. Die Revolution hat auch keinen Zweifel darüber gelassen, wie die Türkei sich in Zukunft zum Auslande verhalten wird. Der leitende Staatsgedanke des neuen Reiches lautet: Die Türkei den Ostnancn! Bewunderuswert ist, wie das türkische Volk diesen Gedanken auffasst. Frei von Rassenhass, mit der kühlen Ruhe eines philosophischen Kopfes erfasst cs ihn rein im S i n n e des S t a a t s b ii r g e r t u m s. Kein materieller Chauvinismus mischt sich verwirrend in diesen klaren Rechtsbegriff. Ob das wohl eine der alten Kulturnationen je so einmütig vermocht hat? Alle die verschiedenen Völker und Religionen des Reiches sollen gleichberechtigt sein und als gleichwertig gelten. Der Scheich UI Islam, der höchste kirchliche Beamte des Mohamedanismus. erklärt sich mit Begeisterung für die völlige Gleichberechtigung aller Konfessionen und Nationen. Wo findet diese Toleranz in der Gesinnung des Oberhauptes einer christlichen Kirche ein Analogon? Und es sind nicht nur die geistigen Führer des Volkes, die so denken und empfinden. D'v allgemeine Freude über die Verfassungsgewährung hat eine allgemeine Verbrüderung herbeigeführt, die aber nur möglich war, weil das türkische Volk tolerant und frei von Selbstiiberhebung ist. Ein milder abgeklärter, aber tiefer Patriotisf mus erfüllt dieses Volk u.nd wird ihm die Kraft zu einem ganz neuen, höheren Dasein geben. Abgesehen von einigen freiheitlichen Gruppen, begrüssen Europas Völker diesen Umschwung mit etwas säuerlicher Miene. Das einzige Volk, das wirklich uneingeschränkt die Freude des befreiten türkischen Volkes teilt, sind wir Juden, den politischen Begriff dafür eingesetzt, wir Zionisten. Nicht nur. weil wir allen Grund haben, diesem Volke, das allein sich vom Judenhass rcingehalten hat, ene glückliche Zukunft zu wünschen. Auch für unsere Zukunft wird dieser Wendepunkt in der Geschichte von grössten Bedeutung sein. Die Gegensätze Z:one־Zionismus und ״politischer“ Zionismus sind noch nicht ganz ausgeglichen, da wirbelt die politische Umwälzung in der Türkei die Grundlagen beider Methoden durcheinander. Die Basis unserer politischen Unternehmungen hat sich so gründlich geändert, dass auch unsere Methoden einer gründlichen Umwandlung bedürfen. Seit dem ersten Kongress ist wohl kein Ereignis so bedeutungsvoll für das Schicksal des Zionismus gewesen wie die türkische Umwälzung. Auf dem 6. Kongress hicss cs: wir stehen vor einer Wand. Wir hatten keine Aussicht, in absehbarer Zeit in dem Masse politische Kotizess'onen zu erlange״, wie si־e der grosse Schöpfer unserer Bewegung erstrebt hatte. Der Widerstand, den unsere daliinzielende Arbeit in den türkischen Regierungskreisen fand, stützte sich hauptsächlich auf Erwägungen politischer Natur. Das freiheitliche, mit allem geistigen Riehtzeug europäischer Kultur versehene jüdische Volk, erschien den Machthabenden wohl eine Gefahr für den Bestand des autokratischen Regimes. — Wir wandten uns der praktischen Palästinarbcit zu. Aber man versagte uns die notwendigen materiellen Mittel, weil wirtschaftliche Unternehmungen ohne pol־׳ tische Garantien in einem Lande absoluter Pascliawirt- Schaft nicht die nötige Sicherheit boten. Und schliesslich drohte uns die grosse Gefahr, dass die Mächte schrittweise Fuss fassen würden in Palästina und mit ihren grossen Mitteln und durch die Abhängig- Der Rabbi von Prag Erzählung von Therese v. M. I. In der jetzt sogenannten breiten Gasse der Prager Judenstadt steht ein Haus, durch nichts als eine kleine turmartige Erhöhung auf dem Dache vor den andern ausgezeichnet. Ueber der Haustüre zeigte im secli,- Zehnten Jahrhunderte bereits der in Stein gehauene Löwe, der uns noch heute dies merkwürdige Asyl jiidischer Gelehrsamkeit kenntlich macht, den Namen seines Besitzers an. Dieser war kein geringerer, als Rabbi Low, gemeinhin der.holte Rabbi Löw genannt, weichet Beinamen ihm auch seine nichtjüdisehen Genossen gaben, und unter dem er noch heute im Munde seines Volkes lebt. Es war Abend, der Rabbi war aus der Schule zurückgekehrt, die Studicrlampe vor ihm angezündet. Er schickte sich eben dazu an, in dem vor ihm aufgeschlagenen Folianten *eine Stelle aufzusuchen, über die er heute mit einem seiner gelehrten Atntsgcnossen in Streit geraten war. Die Stube des Rabbi, selbst für seine Hausbewohner ein Heiligtum, in das, mit Ausnähme seines alten Aaron, niemand Zutritt erhielt, war mit jenen geheimnisvollen Apparaten ungefüllt, deren sich in jenem Zeitalter der Charlatanerie selbst die hellsten und gelehrtesten Köpfe bedienten. Der Rabbi war Astrolog, Chemiker, Philologe und Arzt, und trieb, wie es im Munde des Volkes lautete, noch allerlei geheimnisvolle Künste. Sein Ansehen war jedoch e!:t1 so bedeutendes, dass selbst die Orthodoxesten seiner Glaubensgenossen nichts gegen dieses Trciben cinzuwenden wagten; und da sich der Rabbi von allen unmittelbaren Beziehungen mit den Christen ferne hielt, so war ihm auch von dieser Seite nie etwas in den Weg gelegt worden. S;11 bst die gelehrte Welt, welche sich damals am kunstliebenden Hofe Rudolph'sII. in Prag versammelt hatte, kannte ilm nur seinem Rufe nach, und die Neugierde, ihn einmal persönlich zu sehen, wurde, trotz matuilchfacher Bedenklichkeiten bei dem Kaiser selbst, und seinem Hofastronomen, dem Ritter Tycho de Brahc so mächtig, dass sie beschlossen, ilm einmal heimlich zu besuchen. . _ Kaum hatte der Rabbi au diesem Abende seine Studien begonnen, als Aaron, ein kleines, graubärtiges Jiidchcn mit klugen Augen und einem grinsenden Lächeln durch die Seitentüre hcrcinscltliclt, und wartete, bis der Rabbi das Auge vom Buche erhob. ״Was willst du, Aaron?“ }

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