Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein solches historisches Ereignis vollzieht stell in diesen Tagen, da Sultan Abdul Hamid seinen Völkern die Freiheit und damit die Möglichkeit einer machtvollen Knlturcntwicklung gibt. Zwar lässt sich noch ke;!1 abschliessendes Urteil über die Tragweite der Geschehnisse fällen, aber selbst 'wenn die gewährten Zugeständnisse noch nicht die Erfülhing aller Wünsche der bisherigen Opposition einschliesscn, jedenfalls sind die jüngsten Ereignisse der Begann einer völligen Umgestaltung der Türkei. ״ Noch stehen viele dem Verfassungsschwur des Sultans skeptisch gegenüber, und wirklich wäre das Versprechen eines Herrschers allein keine Gewähr und böte keine Basis für Betrachtungen über die künftige Gestaltung der Dinge. Aber möge selbst äm Herzen des Sultans ein Rest von Hoffnung leben, die absolute Macht , vergangener Zeit wiederzugewinnen — ich glaube es nicht — den türkischen Völkern kann ihre Freiheit nie mehr genommen werden, weil sie zur historischen Not- Wendigkeit geworden ist. Und vielleicht war die Gewährung der Verfassung in der Türkei freiwilliger als in anderen Kulturstaateri. Die Militärrevolte in Makedonien hat dem Sultan die gewährten Freiheiten nicht abgerungen, er hat ja kaum einen Versuch gemacht, gegen die Empörer vorzugehen, er hat nicht nur überraschend schnell ihre Forderungen erfüllt, er ist noch weiter gegangen und hat vor versämtlichem Volk ein pater peccavi gesagt, freilich alb Schuld auf die bisherigen Ratgeber, die tum in die Verbannuug gejagt sind, geschoben und sielt selbst einen aus 32 Jähriger Kerkerhaft Bef reiten genannt. Ich glaube fast, er hat d;ese Revolution gewünscht, gab sie allein ihm doch die Möglichkeit das einzige Mittel anzuwendeu, das seinen Staat vor dein drohenden Schicksal bewahrt, das die Diplomatie schonend mit dem vielsagenden Wort ״Lösung der orientalischen Frage“ umschrieb. Die europäische Diplomatie macht ein recht bestürztes Gesicht zu dem dicken Strich, den Sultan Abdul Hamid mit der Unterschrift der Verfassungsurkunde durch ihre Rechnung gezogen hat. Seit dem Berliner Kongress bis zu den Mürzsteger und den nun nicht mehr zur Veröffentlichung gelangenden Beschlüssen von Reval war es ein Dogma der europäischen Politik, dass die Verhältnisse in der Türkei durch die Grossmächte geordnet und in Ordnung gehalten wurden. Während sonst das Prinzip der Fernhaltung von allen Einmischungen in die innern Angelegenheiten eines Staates galt (siehe die russischen Pogroms!), war die Orientpoktik der Mächte eine planvolle Politik der Einmischungen. Offiziell sollten die Segnungen der europäischen Kultur unter den schützenden Fittlgen der Mächte in das Barbarenreich cingctiihrt werden, in Wirklichkeit war das nur der Vorwand zur Verfolgung einer egoistischen Interessenpolitik. Es galt für jede Macht, ihre wirtschaftliche und politische Stellung im türkischen Reiche zu stärken und zwar im Hinblick auf die grosse Perspektive, später — bei der unabwendbaren Zerstückelung der Türkei Rechtstitel aut bestimmte Gebiete zu besitzen, die realisiert oder gegen wertvolle Kompensationen eingetauscht werden können. Diese Perspektiven waren das Leitmotiv im europäischen Konzert, und waren für ein leidlich politisch-musikalisches Ohr selbst aus den immer beliebten Friedensmelodien stets hcrauszuhören. Dass es in all den Jahren des Niederganges des Osmanenreichs nicht zur beabsichtigten Aktion kam, e'st aut die Rivalität der Mächte zuriiekzuführen, es war die politische Kunst derjenigen Mächte, die jeweils in der ungünstigsten Lage waren, den Status quo aufrecht zu erhalten. Jedoch in jüngster Zeit sind die politischen Konstellationen derartig geworden, dass die Lage der Türkei immer gefahrdrohender wurde. Die bulgarische Insurrektion, das Übergewicht, das Österreich durch die Mürzsteger Abmachungen über seinen albanischcn Rivalen und sonst:gen Allierten Italien gewann, die politische Isolierung Deutschland, des einzigen Staates der wemgstens nicht direkt Aspirationen geltend machte und dadurch der natürliche Beschützer der türkischen Integrität war, und schliesslich die Entente der beiden erbittertsten Rivalen England und Russland, das sali geiährlich der gefürchteten Emigkeit der Mächte ähnlich. Die aufgezwungenen Reformen waren die Vorboten künftiger Unfreiheit. Und gegen diese Gefahr erschien dem Grossherrn die Emanzipation seiner Völker als das kleinere Übel. Mit diesem Schachzug dürfte der Sultan das drohende Matt abgewendet haben. Eine aus eigener Krait reformierte Türkei ist nicht mehr der verfallene Orientalen- Staat, sondern eine europäische Macht Denn mit dem Sturz des alten Regimes, stürzt der ganze Wust überlebter Unkultur. Die Verfassungsreform