Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1908)
- Date
- 1908-08-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 32 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 307 keit der türkischen Regierung alles das erwerben, wonach wir streben. Aus diesen Quadern war die Wand gebaut, vor der wir standen. Und in diese Wand hat die grosse Umwälzung eine breite Bresche gelegt. Vor allem haben wir Zeit gewonnen. Die Eroberungspläne der. Mächte in Palästina werden ein kaum übersteigbares Hindernis finden in der türkischen Monroedoktrin. Aber auch d:e Eroberungslust der Mächte wird geschwächt, wenn durch den Satz von der Unteilbarkeit des türkischen Reiches die ״grossen Perspektiven“ der Eroberungspolitik verschwinden. Die türkische Monroe, doktrin wird den Mächten Palästina verschliessen. Nicht aber uns Juden. Denn cs handelt sich nicht um ein nationales, sondern um ein rein staatsrechtliches Prinzip. Die Schützlinge d'er fremden Konsulate sollen nicht mehr die wirtschaftliche und politische Macht an sich bringen. Das Land gehöre den türkischen Staatsbürgern! Die jüdischen Einwanderer kommen aber nicht als Russen. Österreicher und Rumänen, als vorgeschobene Posten der Eroberuugsarmeen.sondern wollen als jüdischnationale loyale türkische Staatsbürger in ihrer alten Heimat leben. Die Einwanderungsbestimmungen, die uns bisher ungünstig waren, weil sie dein reaktionären Eernhalten aller Kultur dienten, werden uns günstiger werden, denn mm werden dem türkischen Staat Kultur- Pioniere willkommen sein, aber nur solche wie wir es sind, dib nicht den Interessen fremder Mächte d:enen. Das tolerante türkische Volk gönnt uns alle nationalen und wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten, sofern wir uns der politischen Emheit des Reiches einfügen. Das hätten wir unter dem alten Regime wohl auch vermocht, aber zweifellos durfte es uns unter der neuen Ordnung leichter fallen. In der alten Türket wäre es ein Wagnis gewesen, ohne die schwer erlangbaren Garanten der Mächte zu kolonisieren. Der neue Staat bietet uns soviel Rechtsgarantiert, wie jeder europäische Kulturstaat. Unter den alten Gesetzen war es sehr schwierig, eine rationelle Volkswirtschaft zu inaugurieren. Die Reform schafft moderne Gesetze, die den Erfolg unserer Arbeit begiinstigen. Mit der Modernisierung der Gesetze wächst die Sicherheit der wirtschaftlichen Unternehmungen, damit ihre Kreditfähigkeit und wachsen uns*ve materiellen Mittel. In unserer politischen Arbeit wird wohl die Umgestaltung des türkischen Staates eine weitgehende Änderung der Methode nach sich ziehen. Nicht mehr bei den europäischen Regierungen, die uns so gleichgiltig oder gar feindselig gegenüberstclien, ist der Angriffspunkt nnserer Aktionen. Uns gilt es nicht mehr, die Willkür einer bestechlichen Beamtenschaft uns geneigt zu machen. Wir müssen uns an das türkische Volk wenden, in ihm das Verständnis für unser Streben wecken. Eine starke ph<i 1 ozi0n istischc Bewegung in de r Tii rke i zu schaffen ist unsere nächste pol i tische Aufgabe. Das Schicksal des jüdischen Volkes ist schon heute mit dem Schicksal des türkischen Staates verknüpft. Wäre an Stelle der jetzigen Neuordnung das ״Reformwerk der Mächte“, d. h. schliessliche Aufteilung der Türkei gekommen, so hätte uns das Streben nach dem Endziel unserer Bewegung vor eine unendlich schwierige polit:sche Aufgabe gestellt. — Es ist anders gekommen. Der kranke Mann am Bosporus hat seine Krücke von sich geworfen und marschiert rüstigen Schrittes einer glücklichen Zukunft entgegen, an der auch wir Juden unser Teil haben werden. III ־־-11-- ■ / * » Eine Pseudo-Vereinigung jüdischer Organisationen Das Projekt einer Vereinigung der jüdischen Organisationen grossen Stils war in der letzten Zeit mehrfach Gegen* stand verschiedener, offizieller und nicht offizieller Beratungen und Beschlüsse, welche die massgebenden Kreise direkt oder indirekt veranlassten, dem wiederholt angeregten Gedanken der Zentralisation ernste Auinierksamkcit zu schenken. Es durfte konstatiert werden, dass dieser Gedanke in den meisten jüdischen Organisationen grosse Sympathien besitzt und bereits von einer als vorurteilslos bekannten jüdischen Körperschaft in mehreren vorbereitenden Aktionen bedeutend gefördert wurde. Leider begegnete er dem hartnäckigen Widerstande ge* ״Hoher Herr,“ anwortete der Diener nicht ohne omige Verlegenheit, ״ein Ungläubiger ist draussen, ein Nazaräer!“ ״Was will er?“ ״Mit Euch sprechen. Er sieht wie einer von jenen Priestern aus. die dem neuen Dagon Feuer und Wein opfern, und besteht darauf, mit Euch selbst zu sprechen.“ Der Rabbi lächelte, und erhob sich, um in das austossende Gemach zu geben ,wo Aaron kopfschüttelnd die Kerzen auf einem silbernen Armleuchter anziindete, und die Decke von zwei mit Sarnmt überzogenen Leim- Stühlen riss. Einen Augenblick später trat der Fremde herein. Er schien ein Mann in den besten Jahren zu sein, ern langer spitzer Bart hing von seinem Kinn herab, und das scharfe durchdringende Auge, wfe die hohe imponierende Stirn, gaben ihm das Ansehen eines Denkers und selbstbewussten Mannes. Als er auf die Eüiladung des Rabbi, sich niederzusetzen, mit einem lateinischen Verse dankte, und zugk'ch e’ne blitzende Ordenskette auf dem seidenen Wams sichtbar wurde, zweifelte der Rabbi nicht, dass er einen der Bedcutendsten aus des Kaisers gelehrter Umgebung vor sielt habe. Der Fremde schlug den Mantel vollends zurück, und der Rabbi erkannte die Insignien des dänischen Elephantcnordens, welche, w.?e er wohl wusste, niemand anderes am kaiserlichen Hofe trug, als Tyeho de Brahe, der weltberühmte Astronom. Der Rabbi fragte daher freundlich nach dem Begehren des fremden Herrn, und ob er nicht die Ehre habe. Seiner Majestät Kämmerer und Hofastrologen vor sich zu sehen? Der Fremde gab sich mit verbindlichem Lächeln als diesen zu erkennen, imd ersuchte den ״Gelehrten und berühmten Rabbi,“ wie er sich ausdrückte, alle Umschweife und Ehrenbezeigungen bei Seite zu setzen, indem er dabei den Horazischen Vers zitierte, dass die Gelehrtenwelt eine Republik sei. ״Ich komme“, fuhr er fort, ״im Auftrage imsers allergnädgsten Herrn, des Kaisers, der Euch, weil die Sterne diesem Vorhaben günstig sind, heute Abend in Eurem Hause besuchen, und von Angesicht kennen lernen will.“ Der Rabbi war erstaunt von seinem Sessel aufge- Ständen, und cntbUSsste mit tiefer, ehrfürchtiger Verbeugung das Haupt: ״!st cs möglich? der gnad'ge Kaiser entschliesst sieh, iu die dunkle Hütte des Geringsten seiner Knechte herabzusteigen? Wahrlich, ich kann mich kaum des Staunens bemoistern, mit dem diese grosse Kunde m;cI1 erfüllt.“ ״Wir kommen, wie cs dunkel wird, um neun Uhr ••ין»*וויי 1fk * *•יימיי