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Jüdische Rundschau · 1908-07-31 · Heft 31 (31.7.1908) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 31 (31.7.1908)
Date
1908-07-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 296 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 3! Wer hat dich bevollmächtigt? Wer hat mich bevollmächtigt« mit der Regierung im Namen der russischer? Juden zu sprechen? Ein solcher Vorxvuri hätte vielleicht einen Ürund. wenn hier eine andere Organisation von Juden bestände, die der zionistisehen glcicbkäme. was ihre Anhänger und Freunde in allen Schichten und allen Ländern betriht. Aber die zionistische Organisation ist die einzig wahre jüdische Organisation, die Juden der ganzen Welt umfasst, die den Anspruch erheben kann, im Namen des jüdischen Volkes zu sprechen. Und darum glaube ich wohl, dass ich berechtigt tttowesc!! wäre, im Namen eines grossen Teiles des jüdischen Volkes auizutreten. Aber das habe ich nicht einmal getan. Selbstverständlich, so oit wir in die Lago kommen, über die zionistische Bewegung zu berichten, können wir nicht um* hin. auch d>e Judenfrage im allgemeinen zu berühre!!, denn Judentum und Zionismus gehören zusammen und sind unzertremilich. Aber ich bin nur in zionistischer Angelegenheit gekommen und habe nur für den Zionismus gesprochen und kann mit Zuversicht sagen, dass meiner Bitte stattgegeben werden wird. Von nun ab können wir für unser zionistisches Prograrnn! hier arbeiten. Jetzt hängt es nur von Ihnen ab. bcsonders von den zionistischen Führern. Sic müssen von den!, was ich erreicht hal>c, ausgiebigen Gebrauch machen, um die zionistische Arbeit zu erweitern und anszugestaltcn. denn noch stellt uns eine grosse und schwere Arbeit bevor. Meine Damen und Herren! Wir müssen an den Zionismus glauben, denn er ist das einzige Mittel, um die ewige Juden* frage zu lösen. Es gibt viele Palliativ mittel, aber eine radikalc Lösung der Jucienirage hat uns noch niemand gezeigt und ist uns Zionisten Vorbehalten, wenn nur jeder von uns auf seinem Posten seinen Mann stellt. Ls ist nicht meine Absicht. Ihnen Schmeichclw־orte zu sagen, aber ich habe» cs immer ge* sagt und oft wiederholt, dass die russischen Zionisten die besten Zionisten sind. Das habe ich auch unseren üesir.nungsgenossen in England. Deutschland und Oesterreich zu sagen Gelegenheit gehabt. Allerdings auch dann waren viele Zu* körer —-ebenfalls russische Juden (Heiterkeit). 1dl wende mich an Sie mit der Bitte: Tretet von neuern a!1 die Arbeit heran, seid eingedenk, dass wir dem zionistischen Prograrnni weder etwas hinzulügen noch wegneluncn dürfen. Ich hoffe, dass die kleinen Resultate, die wir unterwegs erreichen, uns dazu führen werden, dass w ir selbst noch die Gewinnung Palästinas für unser Volk erleben werden. (Stürmische Ovationcu.) 1Rede des Herrn Gemeinderabbiners (ך.1לי Dr. Kantor *j J L *j ’ # :Meine Damen und Herren! Es iällt mir wahrlich nicht leicht, nach der Ansprache des begeisterten Juden, des Präsidenten der Zionisten, das Wort zu ergreifen. Der verehrte Gast.ist den nationalen Juden wohl vertraut und auch den Niciitzionisten bekannt. Er sagte, wir sollen den Zionismus weder übernoch unterschätzen. Meines Erachtens hat er Ihn unterschätzt. Was ist denn der Zionismus für uns. die wir keine Parteizionisten sind? Der Zionismus ist uns ein Stück Geschichte^ Ausserhalb unserer Geschichte haben wir keine Existenzberechtigung. Wenn wir unsere Geschichte vergessen, wird unser ganzes nationales Gepräge verstümmelt. Palästina ist die .Heimat des jüdischen Volkes, das jüdische Volk hängt mit Liebe an diesem Land. Chibath Zion, die sich in dem licrrliehcn. Worte des Jchudu Halevv ausdrückt: *.Ich im Westeu. mein Herz im Osten**. — es ist der Uebergang von der Vergangenheit zur Zukunft. .. .Sobald die Liebe zu Zion erwacht ist. ist auch die Vergangenheit erwacht. Der Zionismus ist für mich diejenige Kraft, die das nationale Bewusstsein erweckt und uns daran erinnert:• Im Osten, der Wiege des jüdischen Volkes, lebt noch unser Laad, unsere Geschichte und unsere Zukunft. ln dieser Hinsicht hat der Herr Präsident die zionistische Arbeit allzusehr unterschätzt. Wenn auch die zionistischen Bestrebungen siph nicht verwirklichen oder erst in später ZukunILihr Zielcrrcichen sollten, so hat die grosse Bewegung immer ’ eine Existenzl>ered1tig11ng. Ich möchte de!! Führern des Zkxiishfus raten: Geben Sie uns keine Versprechungen für die־ nächste..Zukunft, wir haben Geduld zu warten. Wir haben gewartet lind köimctt noch weiter warten. Und wenn cs auch Jahrhunderte dauert, es tut nichts, denn in der Arbeit Selbst liegt UiC . Lösung der Frage. ‘.' Met!r׳ David Wolffsohti ist uns das Svmbol für den Zusammennang׳(n1it, unserer Geschichte und Herr Sokolow. der seinesgleichen jrl der hebräischen Literatur nur wenige hat, eüi'Cr'der 'J'r.'igcr, der hebräischen Sprache. — er ist uns auch ein Symbol für 'den Zusammenhang mit der jüdischen Vergangen beit.:! Ich begrüsse diese zwei würdigen Gäste von tiefstcti ,HprZic iyfm.,Namen aller nationalen Juden. (Beifall.) Rede des Herrn Sokolow: Ich!!!ächte den allgemeinen Eiiulurck wiedergeben, de! auf mich die Namen der Städte gemacht haben, die uns hier ihre Wünsche übermittelten: Smargo:!. Lida. Minsk u.a. Diese Namen habe» in mir viele Gedanken über die Vergangenheit und Zukunft dieser Städte borvorgerufen. Die Geographie hat unse!e Geschichte ganz verw irrt. Wir sind durch viele Städte und Länder gezogen, in vielen von ihnen haben wir manche Andenken liintcrlasscn, in vielen von ihnen haben w ir gearbeitet und gewirkt, und was l aben wir dort erreicht? lelt habe viele Länder bereist, ich war z. B. in Trove. Was ist von diesem alten Zentrum der jüdischen Kultur in jenem Lande ziirüchgeblieben. Als ich in Cordova spazierte, diesem Zentrum der jüdisch-spanischen Kultur, konnte ich mich nicht der betrübenden Frage erwehren: Was war doch diese Stadt iiir uns einst, tmd was ist sic fiir uns jetzt? Und Sic müssen sich mm. meine Herren, ebenfalls tragen, vielleicht werden all diese Städte, ciic Sic hier erwähnt habe!!, nur als SJiatteu in der jüdischen Geschichte Zurückbleiben. Wir .befinden uns jetzt i:t einem jüdischen Zentrum, im ״littam'sckc!: Jerusalem“, und ich erlaube mir mm zu fragen, ist diese Stadt noch dieses Namens w ürdig? ln der Geschichte hat sie eine grosse Bedeutung. In vielen Ländern ist sic als die Residenz Littuuens bekannt. Littaueii schuf etwas Neues in der jüdischen Psyche. Ls scluif die jinliscli-littnnisclie Legende. die Legende des Verstandes.!1 r Intelligenz. Littaueu gab uns den Ga׳•!■, den Heiligen, den grossen Asketen. Der Scharfsinn der stauen Logik. ־ das ist der Gnmdziig der iittauischen Juden. Diesen Zug finden wir in vielen geistigen Schöpfungen, in der Gestalt unserer grossen Talmudistcii. i:1 literarisch-nationalen Werken. Nun sind wir gekommen, um die Juden von dieser Starrheit aufzuriitteln. und begegne!! Hindernissen gerade in einem stächen jüdischen Zentrum wie Wiliu. wo mau uns doch mit besonderer Freude entgegenkommen sollte. Aber das Golus hat eine Tradition, die oit der nationalen Renaissance im Weg steht. Daher ist es leichter, in Afrika und in den neueiitstaudenen Gemeinden P:opaganda für den Zionismus zu machen als in den alten jüdischen Zentren und Gemeinden. Diese sagen sich: Wir brauchen ja nicht den jüdischen Geist Cu erfrischen und stärken, denn er ist von uns geschahen und lebt noch in unserer Mitte. Dies ist aber ein Irrtum. Wie viele jüdische Zentren hatten wir bereits imd sic sind nicht mehr da. Wo sind heute diese Zentren? Es ist mir sehr peinlich, dieser Stadt, die uns so gastfreundlich empfangen hat. solche unschmcicliclhaitcn Worte sagen zu müssen, indessen darf mir diese Kritik nicht verargt werden. Wir müssen?!!geben, dass nicht altes so schön und gut ist wie wir uns denken. Dasselbe muss ja betreffs Russlands überhaupt gesagt werden. Wir pilegen uns gewöhnlich der russischen Juden zu rühmen•• Russland heisst es. sei die Duelle des Judentum, doch dem ist nicht mehr so. Selbst in Russland beginnt der Boden unter unseren Füssen zu wanken. Je mehr Städte und Länder man bereist, lind ehemalige jiidische Zentren kennen lernt, desto stärker reift in uns die Fr- Kenntnis, das nicht das littauischc. .sondern das palästinische Jerusalem unser Verlangen ausfiillcit muss. Wollen wir uns doch nicht täuschen. Man klagte über die äussern Hindernisse, die unserer Arbeit eutgegcngestellt werden: wir haben jetzt diese Hindernisse aus dem Wege geläumt. haben wir aber damit schon das Notwendige erledigt? Nein, jetzt müssen w ir aber auch die 11111 e r e u Hindernisse, die in uns selbst liegen, aiifhcbeu. (Stürmischer Applaus.) Im Namen der hebräischen Schriftsteller in Wilna spricht Herr C z e r n o w i 1z und begrüsst Herrn Sokolow als den grössten hebräischen Schriftsteller, der sein ganzes Leben der hebräischen Literatur widmete. Unsere Sprache und unser Land, führte Redner aus, sind sehr verwandte Gebiete und bilden die historische Grundlage fiir unsere zukünftige Entwieklung. Es ist daher nicht von ungefähr, wenn an der Spitze des Zionistischen Zentralluireaus unser bedeutendster Schriftsteller steht. Es sprachen dam; noch Herr Berlin und Herr Kleinstein, der in begeisterten Worten die Bedeutung des Präsidenten Wolffsohn für die zionistische Bewegung schilderte. Ferner übermittelten Üriisse und Wünsche Herr Springzag und Herr Kal! n. Eine sehr gelungene, von jüdischem Humor und Witz strotzende Ansprache des bekannten Schriftstellers Sch olciti- AI eichen! wirkte sehr erheiternd aui alle Anwesenden. Er hegriisste Herrn Woltisohn als den Präsidenten der ״Unvereinigten-Vcrcinigten Staaten** und Herrn Sokolow als einen Repräsentanten der hebräischen Literatur.

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