Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XIII (1908)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1908)
- Date
- 1908-07-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 294 JÜDISCHE RUNDSCHAU No. 31 diesem Augenblick, wo sich das Türkische Volk in bewund^rnswerter Ruhe daran gemacht hat, seine inneren Verhältnisse umzugestalten, zeigt sich auch wieder der grosse Unterschied zwischen den ״wilden Türken“ und zivilisierten Europa“. Während hier jede Staatsuniwälzung sich erst einmal in blutigen Striemen auf demRücken der Juden bemerkbar macht, können sich dort Juden kti der Neugestaltung der Verhältnisse beteiligen, Kötlne!i־‘slc in uralter Treue an dem alleinherrschenden Sultan '׳!tätigen, man wird sie in ihrer Eigenschaft als JUd'en iveder zurücksetzen noch verfolgen. So wie nach ahfcnf'türkischen Staatsrecht bisher der Chacham-Baschi äU.,,,Üe^:]L^ndesvertretung hervorragenden Anteil ge- HOninien hat, so wird er auch nach der neuen Verfassung, wenn sie •sich durchzusazen vermag, ein dauerndes Mitglied des Türkischen Herrenhauses kraft seines jüdischen ״Amtes bleiben. rJöabdh' keine Veranlassung, in den Kampf hineinzureden, der sich mit türkischer Gelassenheit am üoldcifeii Hörne ‘abwickelt. Wir haben das volle Vertrauen zur türkischen Nation, dass es seine und der von ihm beherrschten Völker Geschick entschieden und ruhig so in die Hand nehmen wird, dass es der europäischen Hilfe zür Herstellung der Ruhe bald wird entraten könneu, inid dass, wenn die Europäer nicht helfen Ruhe und Ordnung zu halten, sehr bald Ruhe und Ordnung im llaiide herrschen werden. Dass das Land dann in fried- Ifcher Entwicklung aller Nationen auiblühen wird, daran ־zweifelt Kein Kenner der vorderasiatischen und türkischen Verhältnisse. Denn das emzige grosse Mindernls■ des Fortschrittes und der Ruhe sind die vielen euro- Maischen/Helfer, die ungebeten dabei zur Seite stehen. "׳ ו!׳Wir ׳Juden haben allen Grund, Freunde des türkfschen Reiches und Volkes zu sein, haben alle Voran,- Jassung:,' dein Hause' Osnian ewigen Dank zu wissen. Bei1 der heutigem Entwicklung der Dinge lässt sich nicht Voraussagen, wie siö sich gestalten werden, und wir Würden 1’dufch," ein solches Tun nur den tahnudischen Sa’tz huf uns־in Anwendung bringen, dass nach der Zerstdrüiig de$! Tempels die Profetengabe erloschen ist, und dass seitdem nur noch Kinder und Narren weissagen. Aber wie sidi: auch׳ die Dinge gestalten werden, so ist eines sicher,’dass Jede Stärkung der Türkei zugleich eine Besserung der Lage1 der Juden bedeutet und dass ihre Schwächung zugleich d'e Juden schwächt. Das gilt in erhöhtem Masse vorn Zionismusj der sein Ziel Hand in Hand niit der( türkischen Staatsverwaltung und dem türkischen'1 Volke : erreichen; wird; die wohl verstehen, Welche Stärkung das Reich durch die Einwanderung gew^rbstüclitigcr und kultureller Juden erfahren wird, dio’dlj der ganzen V^elt Vertrieben und nirgends eine Heimat gefunden haben ünd nun im heimischen Boden Würzein'dürfen dank der Duldung, die'ihnen'von. dem Türkentum zuteil w.lrd, das auch in ,kultureller und feli^iöser®^Hinsicht ihnen 'so' nahe, ' steht und, sich* durch die 'intensive ' Vermischung mit den Semiten 'auch fässetihaft ihnen so genähert'Hat,' dass sich beide durchaus ÜU Brudervölker ansehen müssen. Und Weiuj diese Völker nichts anderes vereinigen würde, allein! d/!e grimmige TotfeindscUaU, die ihnen beiden von derselben Seite zuteil wird, müsste sie zu Brüdern vereinigfcn. •׳ •d ,Wir haben dem Monat Abh, der uns die schreckliebsten Erinnerungen immer wieder iiis Gedächtnis ruft; ddn Namert'Menachem-Abli, den; Abli der Tröstung׳ be'1gblegt Er bedarf des Trostes ’und wir bedürfen des Trostesiiirthni.' Aber־ wenn׳ grade die neue'Entwichlüng der ׳Türkei jetzt In den drei Woclieh imd im Monat Abh!fcirtSet7.t,! So Soll öS uns 2um' Trost 'gereichen,-dass diise Stärkung des:einzigen RdChes/ilas ,niemalsJudenj blut vergossen hat und das zu allen Zeiten ein sicherer und nie versagender Schutz für unser verfolgtes Stammwesen war, zum Wohle beider Völker, des türkischen und des ihm verbrüderten jüdischen vor sich geht. Wir haben den Untergang Jerusalems nicht vergessen, schon deshalb nicht vergessen, weil uns die Faustschläge immerfort trafen, die allein ihre Berechtigung aus unserer Schwäche ableiten, die sieh aus dein Verlust des Vaterlandes ergibt. Denn alles Leid, das uns betroffen, ist ausschliesslich eine Folge der Zerstörung unseres Staates, des Unterganges Jerusalems. Der neunte Abh ist der Geburtstag der Judenfrage. Wir begehen diesen Geburtstag trauernd und still. Es ist der Geburtstag unseres Unglücks. Aber wenn wir die Malimmgen der Trauerzeit, des neunten Abh richtig verstehen, wenn wir anfangen den Grund unseres Unglücks, der im Tiscliah b'Abh verständlich wird, einzusehen, so wird nach unserer alten Ueber’ieferung der Retter geboren am 1 ischali b’Abh. Eljfiqim. Präsident Wolffsohn in Russland Präsident Woliiscli» in der ״Zcdokoh Gedauloh“!11 Wilna. Mittwoch, den 15. d. Mts., in der Mittagszeit versammelten sich Zionisten und Nicht/ionisten im Hanse der Zedokolt Ciedatilo!: in Wilna, um Herrn Wolffsohn offiziell zu empfangen. Dieser Empfang wurde, wie seiner Zeit iiir Dr. Herzl von der Gemeinde veranstaltet. Her! üemeinderabbiner Dr. Kantor begrüsste Herrn Wolnsohn im Namen der jüdischen Gemeinde und deren nationalen Mitglieder insbesondere. Als wii. sagte Herr Dr. Kantor u. a.. unseren grossen l'iihrer Herzl verloren, bemächtigte sieh aller Gemüter eine Verzweiflung. Wir befürchteten die Erschütterung der ziouistischen Bewegung, da ihr Schöpfer plötzlich genommen war. Es gereicht uns daher zur besonderen Freude, konstatieren zu dürfen, dass der zionistische Cie danke immer tiefer in die Volksschicliten eindringt, und sich den ihm gebührenden Platz im Volke allmählich erobert. Herr Woliisoshn erwiderte auf die Begrüssung wie folgt: Die Begrüssung der jüdischen Gemeinde im Namen der Nationaljuden freut mich noch mehr als der Empfang, der mir seitens der Zionisten bereitet wurde. Auch unser verewigter Führer, unser lieber Dr. Herzl. dessen Andenken uns allen heilig ist. erzfthlte mir von allen Eindrücken mit einer besontkren Genugtuung, von den angenehmen Erinnerungen, die er aus diesen! Hause mitgenommen hat. Der Empfang in diesem echtjtidisclitn Hause hat auf ihn einen, überwältigenden Eindruck gemacht. Wir müssen hoiien. — und ich glaube fest daran. — dass die Zeit nicht fern ist. wo es nicht mehr heissen wird: ״JuJen und zionistische Juden“. - wo jeder Jude Zio-!•ist sein, wo jeder Jude an seine Zionsdmsucht glauben wird. - Ich werde treu auf meinem Posten stehen und mir meiner Pflichten dem Volke gegenüber stets bewusst sein. Gott möge uns helfen, unser Ziel zu erreichen. Nach der Ansprache wurden viele der Anwesenden Herrn Wolfisolm vorgestellt, der daraufhin die!:rosse Synagoge und Strasclmn'sche Bibliothek von Jubel und Hedadrufen begriisst, besuchte. Bankett zu Ehren des Herrn Wolffsohn und d״s Herrn Sokolow in Wilna Am Mittwoch, dem 15. d. Mts., uni!0 Uhr abends, voranstaltetC'ii die hiesigen Zionisten ein glanzendes Bankett zu I hren der auswärtigen Gäste: des Präsidenten der zionistischen Organisation. Herrn David W ״!ff so 1111 und des General- Sekretärs der Organisation. Herr״ Nah um Sokolow Das Bankett fand im grossen Saale des ..Grand Hotel* statt, der mit zionistischen Bildern tmd Emblemen in bunten Farben geschmückt war. Das Bild Her/ls war mit lebenden Blumen umkränzt. Der Saal war von Festteilnclimern überfüllt, Warschau. Minsk. Kowno. Orodno. Lida, Smargon und noch viele andere Städte waren durch Deputationen vertreten. Es lipl eine grosse Anzahl von Begriissungstelegrammen seitens Vieler'zionistischer Vereine ein. ,י• .,Herr B. Goldberg eröffnet«; das Meeting im Namen des ,Zentralkomitees der russischen Zionisten. Er teilte mit, dass die, Reise des Präsidenten nach Petersburg befriedigende Ivvsnftäte erzielt hat und von nachhaltiger Wirkung sein wird, ln Russland, führte Redner aus, sei es nicht erst notw endig.