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Jüdische Rundschau · 1908-07-24 · Heft 30 (24.7.1908) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XIII (1908)
Issue
Heft 30 (24.7.1908)
Date
1908-07-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 30 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 289 .7 sollt«* nun glauben, dass wenigstens die Loge auch dem Zionismus gegenüber sich unparteiisch verhält. Wie cs mit dieser Unparteilichkeit aussieht, ist ia zum Teil bereits gezeigt worden. Auch mir sind einige Fülle bekannt, die hiervon Zeugnis geben. So wurac von einer obcrschlesischen Loge Herrn Dr. C a s s i e r e r, der einen Vortrag über ״J ii d i sc h e Kunst“ halten sollte, bedeutet, dass er in seinen Ausfiihrungen das Wort (wohlgemerkt das Wort) ״Zionismus** nicht erwähnen dürfe. Pie Chemnitzer Loge lehnte cs ab, einen von ihr bestellten Vortrag über Palästina mit Lichtbildern abhalten zu lassen, als sic criahren hatte, dass der Referent als Zionist seine Ausführungen auf Orund der tatsächlichen Zustände in Palästina wiedergeben wolle. Das Schönste ist aber, der offizielle Tätigkeitsbericht der Loge, in dem Herr Sanitätsrat M a r e t z k i auch des Zionismus gedenkt, für den natürlich in der Loge nicht eingetreten werden darf, gegen die Bestrebungen spricht sich die Loge jedoch offiziell und inoffiziell aus. Kin Anhänger der Logen verherrlicht in der letzten Ausgäbe der RUNDSCHAU die ״soziale“ Tätigkeit der Loge, Toynbeehalle, Arbeitsnachweis, Jugenderziehung. Die T o y n b e e h a 11 c n , deren Kinführung sich die Loge fälschlich zusclireibt, wurden bekanntlich von unserem Ciesinnungsgenossen Pr. Leon Keller auf dem Kontinent zuerst in Wien (1900) eingeführt und waren auch anfangs in gut jüdischem Sinne geleitet. Bei der.Berliner ״Jüdischen Toynbeehalle*•, die von den Logen erhalten w ird, lassen sich verschiedene Mängel feststellen. Pa die Logen nicht demokratisch sind, wird cs wohl nicht weiter wundernchmen, wenn die Berliner Toynbeehalle (die ohnehin nicht besonders gross ist) etwa 30—10 ״reservierte Plätze" enthält für die Logenmitglicüer. Oft habe ich mir auch darüber den Kopf zerbrochen, warum das Institut sicii als ״jüdisch“ bezeichnet. Wohl sind die Mitwirkenden und Besucher zum grossen Teil Juden (beileibe nicht alle); sonst aber merkt man an den gebotenen Vorträgen oder Gesängen herzlich wenig vom Judentum. Gelegentlich eines Vortrags des Herrn Dr. Plante r über ״Selbstbewusstsein“ erlaubte ich mir an den Vortragen־ den die Frage zu stellen, ob cs sich mit den! jüdischen Selbstbewusstsein vereinbaren lasse, dass die ״jüdische" Toynbeehalle, die im Winter allabendlich geöiinet ist, am 21־. Dezember (heiligen Abend) und am 31. Dezember (Sylvester) streng geschlossen hält, warte aber bis heute auf eine Antwort. Soll ich über den ״A r b e i t s n a c h w e i s" noch ein Wort verlieren. Bis jetzt ist es mir noch nicht gelungen, einen Handlungsgehilfen zu finden, der eine ihm zusagende Stellung von dieser Vermittlung erhalten hätte, wohl aber viele, die gar keine Arbeit bekamen, und zwar nachdem sie monatelang beim ״Arbeitsnachweis“ fast täglich vorgesprochen hatten und sich die mehr oder weniger liebenswürdige Behändlung des Stcllcnvermittlungsbeamten geiallen lassen mussten. Ob es in der Abteilung für gewerbliches Personal besser ist, weiss ich nicht, will cs aber gern glauben, solange ich nicht vom Gegenteil überzeugt bin. Über die ,. Jugenderziehung" kann ich mich wohl kurz üussern. Pie Orossloge gibt ein Blatt heraus, dass für geeignete jüdische Jugendschriiten Stimmung machen soll. (Herausgeber Herr Dr. S p a n i c r - Magdeburg). In dem Blatte werden fast alle jüdisch-nationalen Jugendschriiten einer abfälligen Kritik unterzogen. Wenn der Kritiker nichts anderes zu sagen weiss, dann ist es angeblich ein schlechtes Deutsch, in dem das Buch oder die Zeitschrift geschrieben ist. Diesen Vorwurf macht er u. a. der in Österreich sehr beliebten Zeitschrift JUNO-JUDA in Prag. Empfohlen wurde dagegen von der Jugendkommission Jus Buch über ״Major Burg" von Oberlehrer Wölbe, ein Werk, das jedoch von mehreren jüdischen Zeitschriften als für die Jugend nicht geeignet bezeichnet wird. ,t » Es scheint mir übrigens richtiger, wenn die Zionisten sich mehr der Jugend zuwenden würden und sie nicht vot! der Loge erziehen lassco. Denn, wer die Jugend hat, hat die Zukunft Was sollen nun die zionistischen Logen- und Zentralvereinsbrüder tun? Sie sollten sich wehren gegen die sonderbare Handlungsweise ihrer Organisationsleitung und ihr weiteres Verbleiben, in den betreffenden Gruppen davon abhängig machen, dass offiziell nichts unternommen werde, was irgendeine Richtung im Judentum verletzen könnte. Wenn hierfür Garantien gegeben w׳crden, aber erst dann, kann von einer Mitarbeit der Zionisten im Zentralverein oder den Logen m. E. die Rede sein. B. G r,׳ _ % s ׳־ * Die russische Regierung und die Zionisten Aus Petersburg wird uns von unserem dortigen Korrespoudenten geschrieben: Uber den bereits gemeldeten Empfang des Präsidenten der Zionistischen Organisation. D. Wollt so 11 n. durch den russiscl.cn Ministerpräsidenten S t 0 I y ס i 11 und den Minister des Auswärtigen Iswolsky kann ich Ihnen ans zuverlässiger Öuelle noch folgendes niitteiien: Die allgemeine Lage der Juden. Herr Wohfsohn hat in seiner Unterredung mit dem Ministerpräsidenten Stolypin auch die allgemeine Lage der Juden in Russland berührt und dabei feststellen können, dass die Regierung selbst sehr wohl weiss. dass die Juden heute in Russland schlechter daran sind als je zuvor, namentlich auch als vor dem Ausbruch der revolutionären Bewegnng. Und zwar aus zwei Gründen: einmal, weil die Juden von dieser revolutionären Bew egung keinerlei Vorteile, sondern nur den Schaden gehabt haben, dass ihre Lage in einen immer schärferen Gegensatz zu derjenigen der übrigen Bevölkerung kam. der mancherlei Zugeständnisse gemacht wurden, während die Juden sogar viele Erleichterungen, die sie bis dahin genossen. verloren haben: sodann aber sind jetzt nach Ansicht der Regierung auch die Aussichten auf Besserung für die Juden geringer als zuvor. Denn während sie früher von dem Willen eines Einzelnen abhängig waren, so dass immerhin ohne Schwierigkeiten die Möglichkeit bestand, ihnen Erleichterungen zu gewähren, so ist heute die Zusammensetzung der Parteien eine derartige, dass selbst die Regierung nicht in der Lage ist, gegen diese durchaus judenicindiiche Majorität etwas für die Juden durchzusetzen. Trotz alledem aber wolle die Regierung, wenn erst die Ruhe im Lande wiederhcrgestellt sei, auch an die Lösung der Judenfrage herantreten, und die gegenwärtige Regierung sei jedenfalls von dem Bestreben erfüllt, diese fiir Russland wie für die Juden gleich bedeutungsvolle Angelegenheit in humaner Weise zu regeln. Eine neue Nationalitätenfrage? Der hauptsächliche Zweck des Aufenthaltes des Herrn Wolffsohn in Petersburg war es natürlich, die russische Regierung filwr den Zionismus und seine Bestrebungen, von denen vielfach falsche Ansichten an die Regierung herangebracht wurden, in authentischer Weise aufzuklärcn. Dies war auch der Grund der Einladung S 10 1 v p i n s au Wolffsohn. Bekanntlich waren in der letzten Zeit mehrfach Verbote der Regierung ergangen, die die zionistische Arbeit in Russland last völlig labmlegten. Diese wie auch einige Sonatsvertiigungcn gingen von der bei der Regierung bestehenden Ansicht aus, dass unter dem Deckmantel des Zionismus innerpolitische Bestrebungen sich verbergen, und dass die Zionisten eine neue Nationalitätenfrage in Russland aufrollen wollten. Beide Befürchtungen konnte Herr Präsident Wolffsohn völlig zerstreuen, indem er üarkgte, dass der Zionismus einzig und allein die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina erstrebe, und dass seine Tätigkeit wie diejenige aller zionistischen Organisationen innerhalb und ausserhalb Russlands allein der Realisierung dieses Zieles gewidmet sei. Nur diesem Zwecke dienen auch sämtliche zionistische Fonds. Stolypin und der Zionismus. Es gelang־ Herrn Wolffsohn, den Ministerpräsidenten Stolypin, der diesem Ziele des Zionismus seine, vollste

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